Tour im Oderbruch · Alle Touren und Wege
Felder bis zum Horizont, Gräben, Kolonistendörfer und darüber sehr viel Himmel: Das Oderbruch ist flach, aber alles andere als eintönig. Diese Tour führt vom Haltepunkt Altranft quer durch die Ebene an den Oderdeich und am Fuß der Neuenhagener Insel zurück nach Bad Freienwalde. 26 Kilometer von Bahn zu Bahn, lang, aber fast ohne Steigung.
Ich bin die Strecke am 20. Juli 2025 gegangen, an einem Sommersonntag mit viel Sonne und Schönwetterwolken. Das Getreide stand reif oder war schon abgeerntet, die Sonnenblumen blühten, und in Neuküstrinchen stand ein Storch im Nest.
Inhalt dieser Tour
- Steckbrief
- Darum lohnt sich die Tour
- Anreise
- Die Route
- Altranft: Ein Fischerhaus mitten im Ackerland
- An der Bahn entlang nach Rathsdorf
- Über Neugaul zur Wriezener Alten Oder
- Durch die Felder nach Königlich Reetz
- Neuküstrinchen und Paulshof
- Hinaus zum Oderdeich
- Drei Kilometer auf dem Deich
- Einkehr in Neuglietzen
- Altglietzen und die Gabower Hangkante
- Gabow: Ein Schatz unter dem Acker
- Neutornow und Schiffmühle: Bei Fontanes Vater
- Über die Alte Oder nach Bad Freienwalde
- Am Wegesrand
- Gut zu wissen
- Fazit
Steckbrief
Strecke
26,1 km
Gehzeit
5:45 h
Schwierigkeit
mittel
Art
Streckentour, einfach
Start
Haltepunkt Altranft
Ziel
Bahnhof Bad Freienwalde (Oder)
ÖPNV
RB 60 zum Start und ab dem Ziel
Einkehr
Gaststätte Fuchsbau in Neuglietzen
Darum lohnt sich die Tour
- Du läufst mitten durch das Oderbruch, die erste Kulturlandschaft mit Europäischem Kulturerbe-Siegel: weite Felder, Gräben und Dörfer, die im 18. Jahrhundert am Reißbrett entstanden sind.
- Gut drei Kilometer geht es auf dem Oderdeich entlang, mit Blick auf den Fluss und hinüber nach Polen.
- Hinter Altglietzen wechselt das Bild: Der Weg läuft am Fuß der Neuenhagener Insel entlang, links die Ebene, rechts ein steiler Hang mit Trockenrasen.
- Am Weg liegen Geschichten, die man dem flachen Land nicht ansieht: ein Münzschatz aus dem 12. Jahrhundert, ein berühmter Mathematiker als Gutachter und das Grab von Fontanes Vater.
- Start und Ziel sind Halte der RB 60. Du brauchst kein Auto und musst nicht zum Ausgangspunkt zurück.
Anreise
Start und Ziel liegen an der RB 60, die zwischen Eberswalde und Frankfurt (Oder) fährt, laut VBB täglich im Stundentakt. Aus Berlin nimmst du einen Regionalzug bis Eberswalde Hbf und steigst dort um. Altranft ist der nächste Halt hinter Bad Freienwalde, ein kleiner Haltepunkt am Ortsrand. Das Deutschlandticket gilt auf der ganzen Strecke. Verbindungen suchst du am besten in der Fahrinfo des VBB oder über die Reiseauskunft der Deutschen Bahn.
Zurück geht es vom Bahnhof Bad Freienwalde mit derselben Linie nach Eberswalde. Weil du beide Male an der RB 60 bist, lässt sich die Tour gut als Tagesausflug aus Berlin gehen.
Die Route
Die Tour hat zwei Hälften. Die erste führt von Altranft nach Osten und Norden quer durch das Bruch bis an die Oder, immer flach und meistens schnurgerade. Die zweite beginnt in Neuglietzen: Dort erreichst du die Neuenhagener Insel und läufst an ihrem Südrand entlang über Altglietzen, Gabow und Schiffmühle zurück nach Bad Freienwalde.
Altranft: Ein Fischerhaus mitten im Ackerland
Ich starte am Haltepunkt Altranft. Das Dorf liegt am Westrand des Oderbruchs, dort, wo die Höhen des Barnims in die Ebene abfallen, und gehört heute zu Bad Freienwalde. Laut Ortsartikel liegt es nur sieben Meter über dem Meeresspiegel, obwohl es bis zur Ostsee mehr als hundert Kilometer sind.
Vom Bahnsteig gehe ich erst ein Stück in den Ort hinein und über den Anger. Hier stehen zwei der ältesten Häuser der Gegend: das Kossätenhaus von 1698, laut Deutscher Stiftung Denkmalschutz das älteste erhaltene Haus im Landkreis Märkisch-Oderland, und das reetgedeckte Fischerhaus, das vermutlich 1720 gebaut wurde.
Ein Fischerhaus zwischen lauter Feldern klingt erst einmal seltsam. Es ist aber der Schlüssel zu allem, was auf dieser Tour noch kommt. Altranft war jahrhundertelang ein Fischerdorf an einem Seitenarm der Oder, 1451 sind hier 23 Fischer verzeichnet. Erst als das Bruch im 18. Jahrhundert trockengelegt wurde, verschwand das Wasser und mit ihm die Fischerei. Beide Häuser gehören heute zum Oderbruch Museum Altranft, das im Schloss des Dorfes sitzt. Wenn du die Tour mit einem Besuch verbinden willst, plane dafür eigene Zeit ein. Danach liegen noch 26 Kilometer vor dir.
An der Bahn entlang nach Rathsdorf
Am Ortsrand biege ich nach Süden ab und laufe parallel zur Bahnstrecke. Rechts, hinter den Gleisen, steigen die bewaldeten Hänge an, links liegt schon die Ebene. Nach gut zwei Kilometern bin ich in Rathsdorf, einem Ortsteil von Wriezen mit nicht einmal 300 Einwohner*innen.
1822 brannte das Dorf vollständig ab und wurde danach neu aufgebaut. Heute steht die ganze Dorfanlage unter Denkmalschutz. Mir fällt ein niedriges Fachwerkhaus auf: die Gefache weiß, die Fensterläden grün und gelb, auf der Treppe rote Blumen. Bekannt ist Rathsdorf außerdem für seine Störche. Dazu mehr unten bei Am Wegesrand.

Über Neugaul zur Wriezener Alten Oder
Hinter Rathsdorf quere ich die Bundesstraße 167, und dann bin ich im Bruch. Ab hier ist alles flach. Am Wegrand blüht es zartviolett, dahinter steht das Getreide reif auf dem Halm.

Eine schmale Straße führt nach Neugaul, gesäumt von jungen Bäumen. Links und rechts liegen Wiesen, und der Himmel nimmt hier deutlich mehr Platz ein als das Land.


Hinter den letzten Häusern von Neugaul stehe ich auf einer Brücke über die Wriezener Alte Oder. Das Wasser steht fast still, die Ufer sind grün zugewachsen. Kaum zu glauben, dass das einmal der Hauptstrom war. Bis 1753 floss die Oder von Güstebiese über Wriezen und Freienwalde in einem großen Bogen nach Norden. Erst der neue Kanal am Ostrand des Bruchs hat sie von hier weggeholt. Seitdem sammelt sich in der Alten Oder nur noch das Wasser aus den Gräben.

Durch die Felder nach Königlich Reetz
Hinter der Brücke geht es gut zwei Kilometer schnurgerade nach Nordosten, mitten durch die Felder. Eines ist schon abgeerntet, auf dem nächsten steht das Grün noch hoch. Die Flurnamen auf der Karte erzählen, was hier passiert ist: „Das neue Land“ heißt ein Stück, „Das Erbpachtland“ ein anderes.


Nach gut sieben Kilometern erreiche ich die Landstraße bei Königlich Reetz. Der Name ist kein Scherz. Nach der Trockenlegung entstanden hier zwei Kolonistendörfer nebeneinander: Adlig Reetz, angelegt von einem adligen Grundherrn, und Königlich Reetz auf königlichem Land. Erst 1952 wurden beide zu Neureetz vereint. Laut einem Steckbrief des Oderbruch Museums bekamen in Adlig Reetz 19 Familien je 45 Morgen Land und 38 Familien nur je 10. An der Größe der Häuser könne man das bis heute ablesen. Am Ortsrand mache ich die erste Pause.
Neuküstrinchen und Paulshof
Hinter der Landstraße geht es weiter nach Norden, und bald laufe ich die Dorfstraße von Neuküstrinchen entlang. Das Dorf ist ein Kind der Trockenlegung, zwischen 1755 und 1758 wurde es planmäßig angelegt. Ein altes Fachwerkhaus an der Straße und ein besetztes Storchennest zeige ich unten bei Am Wegesrand.
Auffällig ist der Name. Ein Altküstrinchen gibt es nämlich auch, es liegt aber auf der anderen Seite der Oder und heißt heute Stary Kostrzynek. Neuküstrinchen gehörte bis 1945 zum Kreis Königsberg in der Neumark, dessen Kreisstadt heute Chojna heißt und in Polen liegt. Die Oder ist hier erst seit 1945 eine Staatsgrenze. Am nördlichen Ortsende schließt sich die Häusergruppe Paulshof an.
Hinaus zum Oderdeich
Hinter Paulshof wird es noch einmal richtig weit. Eine schmale Straße läuft zwischen Getreide und Wiesen nach Norden, daneben eine Reihe hölzerner Strommasten. Gut zwei Kilometer geht das so.

Unterwegs quere ich mehrere Gräben und einen gewundenen alten Wasserlauf. An einem der Gräben ragt ein hellblauer Stahlsteg ins Wasser, dahinter blüht ein Sonnenblumenfeld. Was es mit den vielen Gräben auf sich hat, steht unten bei Am Wegesrand. Dann liegt vor mir ein grüner Wall quer in der Landschaft: der Oderdeich.
Drei Kilometer auf dem Deich
Oben auf der Deichkrone ist plötzlich Wasser da. Unter mir liegt das grüne Vorland, dahinter zieht die Oder breit nach Nordwesten, und am anderen Ufer beginnt Polen. Das Dorf dort drüben ist Stary Kostrzynek, das frühere Altcüstrinchen. Laut Wikipedia liegt dort der westlichste Punkt des Landes.

Gut drei Kilometer bleibe ich auf dem Deich. Er ist asphaltiert, und ich teile ihn mir mit Radfahrer*innen, denn hier verläuft der Oder-Neiße-Radweg. Schatten gibt es keinen, dafür nach all den Feldern endlich einen weiten Blick aufs Wasser.
Dass der Fluss überhaupt hier fließt, ist das Ergebnis des größten Bauprojekts, das diese Gegend je gesehen hat. Zwischen 1747 und 1753 wurde der Oder ein neues, rund 20 Kilometer langes Bett gegraben. Der Deich an ihrem linken Ufer wurde laut Oderbruch Museum aus dem Aushub des Kanals aufgeschüttet. Die ganze Geschichte steht unten bei Am Wegesrand.
Wie verletzlich das alles ist, hat das Hochwasser im Sommer 1997 gezeigt. Ein Stück flussabwärts bei Hohenwutzen gaben Fachleute dem aufgeweichten Deich damals nur noch eine Chance von zehn Prozent, so erzählt es Planet Wissen. Hubschrauber brachten Sandsäcke, Taucher dichteten mit Folien ab, und der Deich hielt. Im Bruch heißt das bis heute das Wunder von Hohenwutzen.
Einkehr in Neuglietzen
In Neuglietzen verlasse ich den Deich. Das Dorf wurde 1758 gegründet und ist längst mit Hohenwutzen zusammengewachsen, wo eine Brücke über die Oder nach Polen führt. Direkt am Oderdamm liegt die Gaststätte „Fuchsbau“, eine Dorfkneipe mit großem Biergarten. Nach gut 16 Kilometern kommt sie genau richtig, und ich bleibe fast eine Stunde sitzen.
Gekocht wird gutbürgerlich, Brandenburger Hausmannskost eben. Im Sommer sitzt du draußen im Biergarten. Prüf die Öffnungszeiten, bevor du losgehst. Die nächste Gelegenheit kommt erst wieder kurz vor dem Ziel.
Altglietzen und die Gabower Hangkante
Hinter Neuglietzen ändert sich die Tour. Ich bin jetzt auf der Neuenhagener Insel, einem Höhenrücken, der bis zu 90 Meter aufragt. Eine Insel ist er erst seit dem Kanalbau: Vorher hing der Sporn am westlichen Höhenland. Dann wurde er bei Hohenwutzen durchstochen, und seitdem liegt er zwischen der Alten Oder im Westen und der neuen Oder im Osten.
Über den Mittelweg komme ich nach Altglietzen, einem Straßendorf, das 1337 zum ersten Mal erwähnt wird. Die Kirche von 1855 steht etwas erhöht in der Ortsmitte. Zum Dorf gehört auch ein Hoffmannscher Ringofen von 1878, in dem bis in die 1980er Jahre Ziegel gebrannt wurden. Er liegt nicht an meinem Weg.
Am Ortsausgang wechselt das Bild noch einmal. Ein gepflasterter Weg läuft am Fuß des Hangs nach Südwesten. Links liegt das Bruch, flach bis zum Horizont, rechts steigt die Böschung steil an, stellenweise mit offenem Sand.


Der Hang gehört zur Gabower Hangkante, einem 77 Hektar großen Schutzgebiet am Ostabfall der Insel. Geschützt sind Trockenrasen, wie man sie sonst eher aus Steppenlandschaften kennt. Das Überraschende daran: Auch sie sind keine unberührte Natur. Sie sind durch Nutzung entstanden und wachsen zu, wenn niemand sie offen hält. Deshalb zieht hier eine Schafherde über die Hänge, in der Ziegen mitlaufen.
Links also eine Ebene, die Menschen dem Wasser abgerungen haben, rechts ein Hang, den Schafe und Ziegen offen halten. Natürlich ist hier fast nichts so eindeutig, wie es auf den ersten Blick aussieht.
Gabow: Ein Schatz unter dem Acker
Nach knapp 21 Kilometern bin ich in Gabow. Das Dorf liegt am Südosthang der Insel und war ursprünglich ein slawischer Rundling. Am Dorfanger ist die alte Form noch zu erahnen, obwohl ein Brand 1810 mehr als die Hälfte der Höfe zerstört hat. Auch Gabow lebte vom Wasser, 1718 wohnten hier 22 Fischerfamilien.
Berühmt ist das Dorf bei Leuten, die sich mit alten Münzen beschäftigen. 1841 und 1863 kamen hier Silbermünzen aus dem 12. Jahrhundert ans Licht, darunter Brakteaten des slawischen Fürsten Jacza von Köpenick. Laut einem Aufsatz der Numismatischen Gesellschaft zu Berlin stammen 80 bis 90 Prozent aller bekannten Jacza-Münzen aus diesem Fund. Vergraben wurde der Schatz wohl um 1165.
Dazu gehört eine Geschichte, die nach Kriminalroman klingt. Der Münzforscher Hermann Dannenberg berichtete, um 1855 habe ihm ein ärmlich gekleideter Architekt gut zwanzig Jacza-Münzen angeboten. Sie seien bei Freienwalde ausgegraben worden, und er könne noch mehr besorgen. Danach hat Dannenberg nie wieder von ihm gehört.
Neutornow und Schiffmühle: Bei Fontanes Vater
Von Gabow an laufe ich auf der Dorfstraße am Fuß der Insel entlang, links liegt immer wieder die Alte Oder. Gabow, Neutornow und Schiffmühle gehen fast ineinander über, zusammen ziehen sie sich über rund vier Kilometer.
Neutornow ist wieder ein Kolonistendorf, gegründet zwischen 1755 und 1760. Am Wasser steht das Schöpfwerk Neutornow, ein roter Backsteinbau von 1895. Es gehört zu den Anlagen, die das tief liegende Bruch bis heute trocken halten.
Ein Abstecher lohnt sich zur Dorfkirche von 1770. Neben ihr liegt Louis Henri Fontane begraben, der Vater von Theodor Fontane, mit Blick über das Bruch. Auf dem Grabstein ist sein Vorname falsch geschrieben, und an der Orgel der Kirche wurde Stoff aus leeren Sandsäcken der Oderflut von 1997 verbaut. Beides erzählt das Seenland Oder-Spree in seiner Reihe über die Kulturerbe-Orte.
Der alte Fontane wohnte seine letzten Jahre einen Ort weiter. 1855 kaufte er in Schiffmühle ein kleines Fachwerkhaus und lebte dort bis zu seinem Tod im Oktober 1867. Sein Sohn besuchte ihn einmal im Jahr und hat davon später in „Meine Kinderjahre“ erzählt. Das Fontanehaus in Schiffmühle ist heute ein kleines Museum mit Café. Die aktuellen Öffnungszeiten nennt die Stadt Bad Freienwalde.
Der Ortsname erinnert an eine Schiffmühle, die bis 1770 am Ufer der Oder arbeitete. Dass die Gemeinde so heißt, ist allerdings ein Zufall der Nachkriegszeit. Als Gabow, Neutornow und Schiffmühle 1945 zusammengelegt wurden, sollte der neue Ort eigentlich Gabow heißen. Der sowjetische Kommandant entschied sich aber für Schiffmühle, weil dort ein KPD-Mitglied als Bürgermeister bereitstand. So steht es jedenfalls im Ortsartikel.
Über die Alte Oder nach Bad Freienwalde
In Schiffmühle quere ich auf der Straßenbrücke die Alte Oder und verlasse die Insel. Die letzten zweieinhalb Kilometer führen über Neukietz und an der Straße entlang nach Süden, quer durch das Bruch auf die Stadt zu.
Bad Freienwalde nennt sich die älteste Kurstadt der Mark. 1683 wurde hier eine Heilquelle entdeckt, und wenig später suchte schon der Große Kurfürst Linderung für seine Leiden. Und noch etwas würde man am Rand des Oderbruchs nicht erwarten: vier Skisprungschanzen. Die Stadt gilt als nördlichstes Wintersportzentrum Deutschlands.
Kurviertel und Schanzen liegen auf der anderen Seite der Stadt in den Hügeln. Ich hebe sie mir für ein anderes Mal auf. Nach 26,1 Kilometern steige ich am Bahnhof Bad Freienwalde wieder in die RB 60.
Am Wegesrand
Vier Dinge am Weg, zu denen es mehr zu erzählen gibt.
Neuküstrinchen: Ein Dorf vom Reißbrett
Das Fachwerkhaus an der Dorfstraße hat seine besten Jahre hinter sich: Backstein in den Gefachen, ein Sockel aus Feldsteinen, die Fensterläden verwittert. Wie alt es ist, weiß ich nicht. In dieses Dorf passt es aber gut, denn Neuküstrinchen ist selbst ein Stück gebaute Geschichte. Es entstand zwischen 1755 und 1758 als Kolonistendorf. 36 Grundstücke wurden vergeben, die Siedler*innen kamen vor allem aus Oberösterreich, der Pfalz und Polen. 1766 bekam das Dorf eine Fachwerkkirche.

Die Kolonistendörfer erkennst du fast immer an zwei Dingen: am „Neu“ im Namen und an der Form. Die alten Fischerdörfer im Bruch waren Rundlinge, die neuen sind an einer geraden Linie aufgereiht. Nach 1753 holte Preußen Siedler*innen aus halb Europa hierher, laut Wikipedia unter anderem aus Hessen-Darmstadt, Mecklenburg, Sachsen, Württemberg und aus Neuenburg in der Schweiz, das damals zu Preußen gehörte. An die französischsprachigen Kolonist*innen erinnern bis heute Ortsnamen wie Beauregard und Vevais.
Die schönste Namensgeschichte liegt gleich nebenan. Das Vorwerk Croustillier bei Neureetz wurde 1768 von der Gutsfamilie aus Altranft angelegt. Der Name kommt von „la croustille“, dem Krüstchen. Und Ranft ist ein altes Wort für Kruste.
Störche über dem Bruch
Auf einem Mast in Neuküstrinchen steht ein Storch in seinem Nest und schaut über die Dächer. Wer mehr über die Vögel wissen will, ist in Rathsdorf richtig, durch das ich am Anfang der Tour gekommen bin. Etwas abseits meiner Route, im Ortsteil Altgaul, steht der Storchenturm: ein rund 150 Jahre alter Ziegelbrennofen, laut Reiseland Brandenburg der letzte seiner Art in der Mark.

Der NABU hat den Turm Anfang der 1990er Jahre saniert und darin ein kleines Museum über den Weißstorch eingerichtet. Auf der Spitze brütet seit Menschengedenken ein Storchenpaar. Geöffnet ist in der Saison von April bis Oktober.
Gräben, Stege, Schöpfwerke: Die Landschaftsmaschine
Der hellblaue Steg am Graben ist kein Hingucker. Er erinnert aber daran, was diese Landschaft am Laufen hält. Das Oderbruch wurde nicht einmal trockengelegt und war dann fertig. Es muss bis heute jeden Tag entwässert werden. Das Oderbruch Museum nennt es den größten besiedelten Flusspolder Europas und spricht von einer Landschaftsmaschine: einem Wassersystem, das sich über fast 1.000 Quadratkilometer erstreckt und an dem seit mehr als 250 Jahren gebaut wird.

Das Bruch liegt im Westen drei bis vier Meter tiefer als im Osten, wo heute die Oder fließt. Das Wasser sammelt sich also am tiefen Rand und muss dort herausgepumpt werden. Dafür entstanden um 1895 die Schöpfwerke bei Neutornow und Liepe. In den 1970er Jahren kam laut Museumsarchiv noch einmal ein großes Grabennetz mit vielen weiteren Schöpfwerken dazu. Für dieses Zusammenspiel hat das Oderbruch 2022 als erste Kulturlandschaft das Europäische Kulturerbe-Siegel bekommen. Das Motto dazu lautet „Menschen machen Landschaft“.
Leonhard Euler und der neue Oderlauf
Die Oder, auf die ich vom Deich schaue, fließt in einem gebauten Bett. Die Idee dazu hatte der Wasserbauer Simon Leonhard von Haerlem. Statt den Fluss in seinem großen Bogen über Wriezen und Freienwalde zu lassen, wollte er ihm am Ostrand des Bruchs einen kurzen, geraden Weg graben und dafür bei Hohenwutzen den Höhenrücken durchstechen. Kürzerer Weg, mehr Gefälle, schnellerer Abfluss.

Geprüft hat diesen Plan kein Geringerer als Leonhard Euler, damals Mathematiker an der Berliner Akademie. Er bereiste den Strom und bestätigte im Juli 1747 laut Oderbruch Museum, dass die Oder im neuen Bett deutlich schneller fließen werde. Trockengelegt hat Euler das Bruch also nicht, aber er hat nachgerechnet.
Gebaut wurde von 1747 bis 1753, ständig waren mehr als tausend Arbeitskräfte beschäftigt. Der Kanal ist rund 20 Kilometer lang und verkürzte den Flusslauf um etwa 26 Kilometer. Am 2. Juli 1753 wurde bei Güstebiese der letzte Damm durchstochen. Friedrich II. soll danach gesagt haben, er habe eine Provinz gewonnen.
Gut zu wissen
- Die Strecke ist eine eigene Komoot-Route und nicht als Wanderweg markiert. Geh am besten mit dem Track.
- 26 Kilometer sind lang, aber fast durchgehend flach. Nur in Neuglietzen und zwischen Altglietzen und Gabow geht es kurz hinauf und hinunter.
- Untergrund: Dorfstraßen, schmale Asphaltstraßen, Wege durch die Felder und der asphaltierte Deich, hinter Altglietzen ein gepflasterter Weg. Auf einigen Abschnitten läufst du auf schmalen Straßen ohne Gehweg.
- Schatten gibt es kaum. Im Sommer brauchst du Sonnenschutz und reichlich Wasser.
- Einkehr: Die Gaststätte Fuchsbau in Neuglietzen liegt nach gut 16 Kilometern am Weg, das Café im Fontanehaus Schiffmühle kurz vor dem Ziel. Prüf bei beiden vorher die Öffnungszeiten und nimm Proviant mit, dazwischen und davor gibt es nichts.
- Abkürzen ist schwierig. Zwischen Altranft und Bad Freienwalde liegt kein weiterer Bahnhof an der Strecke, und auf Busse in den Dörfern würde ich mich nicht verlassen. Such dir mögliche Verbindungen vorher in der VBB-Fahrinfo heraus.
- Auf dem Deich verläuft der Oder-Neiße-Radweg. An schönen Tagen sind dort viele Räder unterwegs.
- Die Gabower Hangkante ist Schutzgebiet. Bleib auf dem Weg und nimm Hunde an die Leine.
- Abstecher: das Oderbruch Museum Altranft am Start, die Dorfkirche Neutornow mit dem Fontane-Grab und das Fontanehaus in Schiffmühle. Mehr Ausflugsziele in der Gegend findest du beim Seenland Oder-Spree und bei Kulturerbe Oderbruch.
Fazit
Das Oderbruch macht es einem mit den Höhepunkten nicht leicht. Es gibt keinen Gipfel und keinen Aussichtsturm, dafür Weite, Himmel und lange Geraden. Was diese Tour trägt, sind die Geschichten dahinter: dass der Fluss in einem gegrabenen Bett fließt, dass ein Fischerhaus zwischen Feldern steht und dass unter einem Acker ein Schatz lag. Der Deich und der Weg am Hang hinter Altglietzen sind die beiden Abschnitte, für die sich die Länge lohnt. Kürzer geht es allerdings kaum, wer hier losläuft, sollte die 26 Kilometer auch gehen wollen.
