Tour auf Usedom · Alle Touren und Wege
Usedom kennen die meisten vom Strand. Diese Tour kehrt der Ostsee den Rücken: Vom Bahnhof Bansin geht es um den Schmollensee, an der Bockwindmühle von Pudagla vorbei und über den Deich am Achterwasser nach Ückeritz. Gut 17 Kilometer von Bahnhof zu Bahnhof, mit Buchenwald, Rohrdächern und sehr viel Himmel.
Ich bin die Strecke am 24. Februar 2025 gegangen. Die Sonne schien, auf den Gräben lag dünnes Eis, und die Häfen in Stagnieß und Ückeritz waren zugefroren. Der Bericht beschreibt also einen Wintertag außerhalb der Saison. Im Sommer haben Mühle und Hafenimbiss geöffnet, dafür teilst du dir die Insel dann mit deutlich mehr Menschen.
Inhalt dieser Tour
Steckbrief
Strecke
17,2 km
Gehzeit
3:42 h
Schwierigkeit
leicht
Art
Streckentour, einfach
Start
Bahnhof Seebad Bansin
Ziel
Bahnhof Ückeritz
ÖPNV
RB 23 (Usedomer Bäderbahn) zum Start und ab dem Ziel
Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), vereinfacht dargestellt.
Darum lohnt sich die Tour
- Du siehst die andere Seite der Insel: Seen, Wiesen und das Achterwasser statt Strand und Seebrücke.
- Die Landschaft wechselt alle paar Kilometer: Buchenhang am Krebssee, Kopfsteinpflaster in Sellin, Weiden am Schmollensee und zum Schluss drei Kilometer Deich mit Schilf und Wasser.
- Am Weg steht die Bockwindmühle von Pudagla, laut Mühlenverein die einzige ihrer Art in Mecklenburg-Vorpommern, die noch an ihrem historischen Standort steht.
- Start und Ziel sind Bahnhöfe der Usedomer Bäderbahn. Du brauchst kein Auto und musst nicht zum Ausgangspunkt zurück.
Anreise
Start und Ziel sind Bahnhöfe der Usedomer Bäderbahn (UBB). Die Linie RB 23 fährt von Züssow über Wolgast, Zinnowitz und Ückeritz nach Seebad Bansin und weiter über Heringsdorf und Ahlbeck bis Świnoujście. Aus Berlin nimmst du den RE 3 Richtung Stralsund bis Züssow und steigst dort um. Bis Bansin bist du rund vier Stunden unterwegs. Das Deutschlandticket gilt im RE 3 und in den Zügen der UBB. Verbindungen suchst du am besten über die Reiseauskunft der Deutschen Bahn.
Vom Ziel fährst du mit derselben Linie zurück: ab Ückeritz Richtung Züssow oder in gut zehn Minuten nach Bansin, wenn du auf der Insel übernachtest. Als Tagesausflug aus Berlin lohnt sich die Tour kaum, hin und zurück säßest du rund acht Stunden im Zug. Sie passt besser in ein paar Tage auf Usedom.
Die Route
Die Tour hat zwei Hälften. Die erste führt durch Wald und über Weiden um den Schmollensee bis zur Mühle von Pudagla. Die zweite ist flach und offen: durch die Wiesen ans Achterwasser und auf dem Deich nach Norden bis Ückeritz.
Vom Bahnhof Bansin an den Großen Krebssee
Ich starte am Bahnhof Seebad Bansin. Der liegt nicht an der Promenade, sondern gut einen Kilometer landeinwärts am Ortsrand, und das ist hier ein Vorteil: Nach wenigen Minuten durch ein Wohngebiet stehe ich zwischen Feldern. Am Hundesportplatz vorbei geht es in den Wald.
Bansin ist das jüngste der drei Kaiserbäder. Als Seebad wurde es 1897 gegründet, der Bahnanschluss kam 1911. Viel älter ist das Dorf dahinter, und aus dieser Ecke stammt auch der Schriftsteller Hans Werner Richter: Er wurde 1908 in Neu Sallenthin geboren, einem Weiler knapp einen Kilometer südlich meines Weges, wuchs in Bansin auf und brachte später die Gruppe 47 zusammen. In seinen Geschichten aus Bansin erzählt er vom Leben seines Vaters, der nacheinander Fischer, Bademeister und Tankwart war. An ihn erinnert das Hans-Werner-Richter-Haus im Seebad.
Nach anderthalb Kilometern liegt links unter mir der Große Krebssee. Der Weg läuft oben am Hang durch Buchen, das alte Laub liegt rotbraun auf dem Boden, und zwischen den Stämmen schimmert das Wasser. Der See ist rund 40 Hektar groß. Seinen Namen hat er von den Flusskrebsen, die hier früher in großer Zahl lebten, bis amerikanische Arten sie verdrängten. So erklären es jedenfalls die Kaiserbäder.

Durch den Buchenwald zum Schmollensee
Hinter dem Krebssee bleibe ich im Wald. Dass es hier für Inselverhältnisse ordentlich auf und ab geht, liegt an der letzten Eiszeit: Die Gletscher haben eine Endmoräne aufgeschoben, und die Hügel zwischen Bansin und Benz heißen deshalb Usedomer Schweiz.
Nach gut zwei Kilometern stehe ich zum ersten Mal am Schmollensee. Am Ufer ducken sich ein paar alte Holzschuppen ins Schilf, grün bemoost und etwas schief.
Der Schmollensee ist nach dem Gothensee der zweitgrößte See der Insel: rund fünf Quadratkilometer groß und im Mittel keine drei Meter tief. Lange war er eine brackige Lagune, erst seit etwa tausend Jahren ist er ein Süßwassersee. Im Winter gehört er den Vögeln. Bei der Mittwinterzählung im Januar 2025 hat der NABU Usedom hier einen Schlafplatz von rund 6.000 Kormoranen und 242 Haubentaucher notiert, so viele wie zu dieser Zeit noch nie.


Sellin: Kopfsteinpflaster und Rohrdächer
Dann komme ich nach Sellin. Gemeint ist nicht das Seebad auf Rügen, sondern ein kleines Dorf am Ostufer des Schmollensees, das zu Heringsdorf gehört. 1267 taucht es als „Zelenin“ zum ersten Mal in einer Urkunde auf: Herzog Barnim I. schenkte es damals dem Kloster Grobe, samt der Fischerei. Die Dorfstraße ist bis heute mit Feldsteinen gepflastert, an ihr stehen rohrgedeckte Häuser, und die Form des alten Straßendorfs hat sich kaum verändert.
Sellin liegt am Ende einer Sackgasse, entsprechend ruhig ist es. Am See gibt es einen Naturcampingplatz mit Bistro, auf den du dich außerhalb der Saison aber nicht verlassen solltest.
Über die Weiden am Ostufer
Hinter Sellin steigt der Weg auf einen Hügel, und oben öffnet sich der Blick: Weiden, ein Schilfgürtel, Kieferngruppen und dazwischen ein Streifen See.

Danach laufe ich auf einem Graspfad am Weidezaun entlang nach Süden. Das Ostufer ist der hügeligste Teil der Tour, stellenweise ist der Boden sandig. Am Südende des Sees liegt ein Badesteg mit Rastplatz direkt am Weg, und ein paar Gräben ziehen durch die Wiesen auf das Wasser zu.
Hier wäre der Abstecher nach Benz möglich. Die Kirche steht gut 300 Meter südlich des Weges, die Holländermühle noch etwas weiter auf einem Hügel über dem Dorf. Lyonel Feininger hat beide immer wieder gezeichnet, nachdem er 1908 zum ersten Mal einen Sommer auf Usedom verbracht hatte. Ich bin diesmal am See geblieben.


Stoben und die Mühle von Pudagla
Am Westufer geht es durch Stoben, ein langgestrecktes Straßendorf mit etwa 60 Einwohner*innen, das zu Benz gehört. 1254 heißt es in einer Urkunde „Stobeno“, der slawische Name wird als „Dorf auf Pfählen“ gedeutet. Hier steht eines der schönsten Häuser der Tour: Fachwerk, blaue Fensterläden und ein Rohrdach, auf dem das Moos wächst. Ein Foto und mehr zum Rohrdach findest du unten bei Am Wegesrand.
Hinter Stoben sehe ich sie schon von weitem auf ihrem Hügel: die Bockwindmühle von Pudagla, schwarz vor blauem Himmel. Im Februar ist sie geschlossen, eine Viertelstunde Pause mache ich hier trotzdem. Ihre Geschichte steht ebenfalls weiter unten.
Pudagla selbst liegt etwas nördlich. Dorthin wurde Anfang des 14. Jahrhunderts das Kloster Grobe verlegt, und aus dessen Abtei ließ Herzog Ernst Ludwig von Pommern 1574 einen Witwensitz für seine Mutter Maria von Sachsen bauen. Das Schloss Pudagla steht knapp einen Kilometer abseits meiner Strecke, ich habe es ausgelassen.
Durch die Wiesen ans Achterwasser
Hinter der Mühle quere ich die Bundesstraße 111 und bin in einer anderen Landschaft: flache Wiesen, Erlen und Entwässerungsgräben, auf denen an diesem Tag eine dünne Eisschicht liegt.


An einem Waldstück steht ein überdachter Rastplatz direkt am Graben. Danach führt ein Feldweg schnurgerade über freies Feld, und auf einer kleinen Kuppe, an einer Reihe gestutzter Kopfbäume, sehe ich das Achterwasser zum ersten Mal: ein blauer Streifen hinter den Feldern. Das ist das Titelbild dieses Berichts.


Das Achterwasser ist kein See, sondern eine Lagune des Peenestroms. „Achter“ ist Plattdeutsch für „hinten“: das Wasser hinter der Insel. Unten in den Wiesen führt ein rötlicher Fahrweg in weitem Bogen ans Ufer.

Links läge jetzt der Konker Berg, mit 17 Metern hier schon eine Steilküste. Davor liegt der Teufelsstein im Wasser, ein Findling aus schwedischem Granit. Der Sage nach wollte der Teufel damit den Klosterbau in Pudagla treffen, aber der Stein glitt ihm aus der Hand. Den Abstecher habe ich nicht gemacht.
Drei Kilometer Deich
Am Achterwasser biege ich nach Norden und bleibe knapp drei Kilometer oben auf dem Deich. Links der Schilfgürtel und das offene Wasser, rechts tiefe, flache Wiesen mit ihren Gräben. Der Weg ist eine Fahrspur aus Schotter und Gras, fast schnurgerade.


An der Steinschüttung am Ufer hält sich an diesem Tag noch ein Rand aus Eis. Im Winter ist das Achterwasser ein großer Rastplatz: Laut Naturpark Insel Usedom bevölkern dann Tausende Reiherenten, Schell- und Bergenten, Gänsesäger und Zwergsäger wochenlang die Buchten, und im Naturpark brüten rund 30 Seeadlerpaare. Ein Fernglas lohnt sich hier.
Schutz vor dem Wind gibt es auf dem Deich kaum. An einem klaren Tag ist das der schönste Abschnitt der Tour, bei kräftigem Westwind dürfte er ungemütlich werden.


Hafen Stagnieß
Kurz vor dem Hafen wird das Schilf zur Fläche, hellbraun bis an den Waldrand.

Der Hafen Stagnieß liegt am Ende eines Stichkanals und gehört schon zu Ückeritz. Im Februar ist das Becken zugefroren, und um die Holzpfähle stehen schmale Ringe aus offenem Wasser. Der Hafenimbiss hat nur von April bis Oktober geöffnet. Eine längere Pause mache ich trotzdem. Was es mit dem Hafen auf sich hat, steht unten bei Am Wegesrand.
Ückeritz: Am Achterwasserhafen
Von Stagnieß sind es noch knapp zwei Kilometer bis zum Achterwasserhafen von Ückeritz. Auch hier liegt Eis im Becken, die Schwimmstege stecken fest, und über dem Wasser steht die Wintersonne.


Ückeritz wird 1270 zum ersten Mal erwähnt, der Name bedeutet „Grenzdorf“. Lange war es ein Fischer- und Bauerndorf am Achterwasser, 1892 wurde es Seebad. Anfang der 1930er Jahre ließen sich die Maler*innen Otto Manigk, Herbert Wegehaupt und Karen Schacht hier nieder. Die Kurverwaltung zeigt Arbeiten der Usedomer Künstler*innen jedes Jahr im Frühherbst im Haus des Gastes.
Vom Hafen gehe ich durch den alten Ortskern mit seinen Fischerkaten zum Bahnhof. Nach 17,2 Kilometern steige ich in Ückeritz wieder in die Bäderbahn.
Am Wegesrand
Drei Dinge am Weg, zu denen es mehr zu erzählen gibt.
Die Bockwindmühle von Pudagla
Bei einer Bockwindmühle dreht sich nicht nur die Haube, sondern das ganze Mühlenhaus: Es sitzt auf einem hölzernen Bock und wird von Hand in den Wind gestellt. Wie alt die Mühle auf dem Mühlenberg von Pudagla ist, weiß niemand genau. Der Mühlenverein Mecklenburg-Vorpommern nennt 1673 als erste Erwähnung in der Ortschronik. Sicher ist: Am 30. Oktober 1779 kaufte der Müllermeister Jacob Schmidt sie mit allen Gerätschaften und Ländereien für 1.000 Taler von seinem Stiefvater.
Bis 1810 herrschte Mahlzwang, die Höfe der Umgebung mussten ihr Korn also hier mahlen lassen. 1937 wurde der Betrieb eingestellt, später diente die Mühle jahrzehntelang als Feriendomizil. 1996 kaufte die Gemeinde Pudagla sie für eine Mark, 1997 wurde sie zerlegt, restauriert und im Oktober wieder eingeweiht. Seit 2001 kümmert sich der Verein Freunde der Bockwindmühle Pudagla um sie. Laut Mühlenverein ist sie die einzige Mühle ihrer Art in Mecklenburg-Vorpommern, die noch an ihrem historischen Standort steht.

Besichtigen kannst du die Mühle auf Anfrage und bei Veranstaltungen, in der Saison ist sie regelmäßig geöffnet. Aktuelle Zeiten stehen bei Usedom Tourismus.
Rohrdächer und Rohrwerbung
Das Haus in Stoben trägt ein Rohrdach, so heißt das Reetdach hier an der Küste. Das Material wächst vor der Tür: Schilf von den Ufern der Bodden, auch vom Achterwasser. Geerntet wird im Winter, zwischen Anfang November und Ende Februar, und das heißt Rohrwerbung. Viel ist davon nicht geblieben. In Vorpommern arbeiten laut einem Faktenpapier des Greifswald Moor Centrums von 2019 noch etwa zehn gewerbliche Betriebe, sie ernten rund 200.000 Bunde im Jahr. 1989 waren es 1,2 Millionen. Rund 85 Prozent des Reets auf deutschen Dächern werden inzwischen importiert. Das Reetdachdecker-Handwerk selbst steht seit 2014 im bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes.

Hafen Stagnieß: Holz, Kähne und Sportboote
Stagnieß wird schon 1187 als „Stagnitza“ erwähnt. Um 1880 entstand hier ein Holzstapelplatz, von dem das Holz über das Achterwasser abtransportiert wurde. In der DDR wurde der Hafen ausgebaut. Die alte Mole bestand zum Teil aus versenkten Lastkähnen, erst 2009 wurden zwei davon entfernt und durch eine Spundwand ersetzt. Seit 2013 ist Stagnieß ein Wasserwanderrastplatz mit Gastliegeplätzen, so steht es auf der Seite des Hafens. In der Saison starten hier laut Kurverwaltung Ückeritz auch Ausflugsfahrten über das Achterwasser.

Gut zu wissen
- Die Strecke ist eine eigene Komoot-Route und nicht durchgehend markiert. Geh am besten mit dem Track. Um den Schmollensee gibt es außerdem einen ausgeschilderten Rundweg von etwa 18 Kilometern.
- Untergrund: Waldwege, Wiesenpfade und Feldwege, in Sellin Kopfsteinpflaster, zwischendurch kurze Stücke Asphalt, am Ende der Deich. Am Ostufer des Schmollensees geht es ein paar Mal sandig auf und ab, der Rest ist flach.
- Einkehr: Außerhalb der Saison gibt es unterwegs praktisch nichts. Das Bistro am Campingplatz in Sellin und der Hafenimbiss in Stagnieß sind Saisonbetriebe. Nimm Essen und etwas Warmes zu trinken mit. In Ückeritz gibt es Supermärkte an der Bäderstraße und ein Restaurant direkt am Achterwasserhafen, dessen Öffnungszeiten du vorher prüfen solltest.
- Toiletten: Am Hafen Stagnieß gibt es laut Kurverwaltung ein WC, aber nur in der Saison.
- Abkürzen: Die Bäderbahn hält auch in Schmollensee bei Pudagla und in Neu Pudagla östlich vom Hafen Stagnieß. Die Wege dorthin bin ich nicht gegangen. Busse der VVG halten in Stoben und an der Bockwindmühle Pudagla, fahren aber nur montags bis freitags und selten.
- Der Deich ist offen und windig. Im Winter gehören Mütze und Handschuhe in den Rucksack, im Sommer Sonnenschutz.
- Die ganze Strecke liegt im Naturpark Insel Usedom. Hunde bitte anleinen und in den Schutzgebieten auf den Wegen bleiben.
- Die Bockwindmühle ist im Winter geschlossen. Wenn du sie von innen sehen willst, plane die Tour zwischen Mai und September.
Fazit
Die Tour zeigt Usedom von hinten: erst Buchenwald und Seen, dann Sellin und Stoben mit ihren Rohrdächern, zum Schluss der lange Deich am Achterwasser. Mir hat gerade der Wechsel gefallen, und dass man von Bahnhof zu Bahnhof läuft, ohne ein Stück doppelt zu gehen. Im Februar ist vieles geschlossen. Dafür bekommst du klares Licht, Eis in den Häfen und sehr viel Platz.
