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Haselhorst
Ortsteil im Bezirk Spandau · Ortsteil 56 von 97
Haselhorst gehört zum Bezirk Spandau. Auch die Zitadelle liegt hier, obwohl Spandau in ihrem Namen steckt. Ich bin den Ortsteil am 17. Juli 2022 gelaufen, 11,7 Kilometer von der Zitadelle über die Gräben der alten Pulverfabrik an den Spandauer See, durch die Reichsforschungssiedlung zum U-Bahnhof und zurück zur Zitadelle.

Kurz gesagt
- Die Zitadelle Spandau liegt in Haselhorst und nicht in der Spandauer Altstadt.
- Das preußische Militär prägte den Ortsteil mit Pulverfabrik, Gewehrfabrik und Arbeitersiedlung.
- Die Reichsforschungssiedlung entstand ab 1930, an der Paulsternstraße erinnert eine Tafel an das Wohnlager Haselhorst.
- Am Spandauer See wächst die Wasserstadt, drei Bahnhöfe der U7 liegen an der Tour.
Was Haselhorst ausmacht
Haselhorst liegt zwischen Siemensstadt und dem Ortsteil Spandau. Er ist einerseits Industriestandort, wird wegen der Wasserlage aber zunehmend zum Wohnort. Viele der denkmalgeschützten Bauten ließ der preußische Militärfiskus errichten, darunter die Gräben der Pulverfabrik und eine Arbeitersiedlung. Das prägt den Ortsteil bis heute.
Wasser gibt es reichlich. Spree, Havel und der Spandauer Schifffahrtskanal umgeben den Ortsteil, im Norden um Gartenfelder Straße und Daumstraße liegen ruhige Wohnlagen mit viergeschossigen Zeilenbauten und Reihenhäusern. An der Tour liegen Festung, Fabrikgelände, Siedlungen und neue Uferquartiere.
Geschichte
Haselhorst war über Jahrhunderte Festungsland. Mit dem Bau der Zitadelle im 16. Jahrhundert wurde Spandau zunächst Festungs- und später Garnisonsstadt. Ab 1722 entwickelte sich der Standort zu einem Zentrum der Rüstungsindustrie. Das Militär baute ihn später mit Fabriken, Gräben und Wohnhäusern aus.
Nach dem Ersten Weltkrieg verlor die Rüstung an Gewicht, weil der Versailler Vertrag die Demilitarisierung vorsah. Energieunternehmen sowie Film- und Medienfirmen nutzten die frei gewordenen Flächen. Gleichzeitig wurde Wohnraum gebaut: Ab 1930 entstand die Reichsforschungssiedlung, in der verschiedene Materialien und Bauweisen erprobt werden sollten.
Im Zweiten Weltkrieg erlebte die Rüstungsindustrie in Spandau einen erneuten Aufschwung. Siemens betrieb in Haselhorst ein Wohnlager, in dem Zwangsarbeiter*innen untergebracht waren. Nach 1945 wurden viele Rüstungsbauten abgerissen, an ihre Stelle traten mittelständische Betriebe und Lager für die Versorgung West-Berlins. Die militärische Nutzung der Zitadelle endete 1945.
Heute wird das Ufer zum Wohngebiet. Die Wasserstadt Berlin-Oberhavel ist ein ehemaliges Entwicklungsgebiet und umfasst rund 206 Hektar in Haselhorst und Hakenfelde.
Orte, die sich lohnen
Zitadelle Spandau
Die Tour beginnt an der Juliusturmbrücke und führt über die Zitadellenbrücke auf das Gelände der Zitadelle. Die Festung entstand ab 1559 nach Plänen von Francesco Chiaramella de Gandino und Rochus Graf zu Lynar, bis 1594 wurde an ihr gebaut. Ein Wassergraben umgibt sie, an den Ecken liegen die vier Bastionen König, Königin, Kronprinz und Brandenburg.

Älter als die Festung ist der Juliusturm. Der Bergfried stammt aus dem 13. Jahrhundert, Karl Friedrich Schinkel gab ihm 1838 den Zinnenkranz. Nach 1871 lagerte im Turm der Reichskriegsschatz, ein Teil der französischen Kriegsentschädigung.
Auf dem Gelände stehen Bauten aus mehreren Jahrhunderten. Der Palas stammt aus dem 14. Jahrhundert, im ehemaligen Zeughaus sitzt das Stadtgeschichtliche Museum Spandau, im Proviantmagazin die Ausstellung „Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler“. Zwischen den Gebäuden führen gewölbte Backsteingänge entlang. Danach geht es zum U-Bahnhof Zitadelle, hinter dem am Zitadellenweg das Werksgelände beginnt.

Gewehrfabrik und BMW-Werk
Am Zitadellenweg und an der Straße Am Juliusturm erstreckt sich die ehemalige Gewehrfabrik, heute ein BMW-Werk. Das Produktionsgebäude mit Pförtnerhaus am Zitadellenweg 20 E entstand 1914 bis 1915 nach Plänen von Emil Fangmeyer. Zur Anlage gehören Teile aus den Jahren 1914 bis 1918 und zwei Bauten von 1937, die Hans Hertlein für die Brandenburgischen Motoren-Werke entwarf. Motorräder baut BMW hier seit 1969.
Ich bin am Anfang und am Ende der Tour an der Anlage vorbeigelaufen.
Pulverfabrik und Krienickepark
Hinter dem Werk führt die Tour durch den Grützmacherpark und den Krienickepark. Beide liegen im Quartier Pulvermühle, dessen Name auf eine alte Pulvermühle zurückgeht. Sie stellte Schießpulver für preußische Kanonen her.
Auf der Insel Eiswerder siedelten sich ab 1722 eine Pulvermühle und ein Feuerwerkslaboratorium an. Die Insel liegt ein Stück abseits der Tour. Der Wasserturm dort gehörte zur Erweiterung der Königlichen Pulverfabrik um 1890 und um 1910, in den Gebäuden saßen später die CCC-Filmstudios. Vom Krienickepark aus geht es am Ufer des Spandauer Sees weiter.
Spandauer See und Spandauer-See-Brücke
Die Tour folgt dem Wasser nach Norden. Auf der anderen Seite beginnt Hakenfelde, die Havel trennt es von Haselhorst.

Am Ufer liegt die Fabrikhalle der Königlichen Pulverfabrik in der Daumstraße 99, gebaut 1914 bis 1918. Gleich danach folgt die Spandauer-See-Brücke. Ich bin an der Brücke vorbeigelaufen, ohne sie zu überqueren.

Wasserstadt
Hinter der Brücke beginnt die Wasserstadt. Sie hat 6,5 Kilometer Uferweg, sieben Fußgängerbrücken und acht Straßenbrücken. Im Quartier Pulvermühle wich eine Kleinraumsiedlung mit zweistöckigen Häusern Wohnblöcken mit fünf bis sieben Geschossen. Nach der Tour kam im Teilbereich Pulvermühle ein weiteres Quartier dazu: 110 Wohnungen, Bauzeit 2023 bis 2024.

Danach geht es durch Kleingartenkolonien und am Schifffahrtskanal entlang bis zur Weihnachtskirche am Haselhorster Damm.
Weihnachtskirche
Die evangelische Weihnachtskirche am Haselhorster Damm 54 bis 58 hat zwei Bauphasen, 1934 bis 1935 und 1960 bis 1964. Zu den Architekten gehören Erich Bohne und Georg Lichtfuß. Bohne war auch an der Reichsforschungssiedlung beteiligt, die gleich nebenan beginnt. Im äußeren Atriumhof steht die Bronzegruppe „Flucht nach Ägypten“ von Waldemar Otto, entstanden 1966 bis 1968.

Reichsforschungssiedlung
Die Reichsforschungssiedlung ist als Gesamtanlage denkmalgeschützt und wurde 1930 bis 1935 gebaut, einzelne Teile folgten 1938. Den Wettbewerb gewannen Walter Gropius und Stephan Fischer. Ausgeführt haben die Siedlung mehrere Büros: Fred Forbát baute den ersten Bauteil, Mebes und Emmerich die Blöcke IV und V, Otto Bartning und andere die Blöcke II, III und VI.
Am Haselhorster Damm steht ein Gedenkstein aus Muschelkalk. Seine Inschrift nennt die Wohnstadt 1930 bis 1934 „auf historischem Fortifikationsboden Spandaus“ erbaut, sie ist verwittert und nur schwer lesbar. Die Sanierung durch die Gewobag begann 2003. Im Burscheider Weg 21 gibt es seit 2014 eine Museumswohnung mit Mobiliar aus der Entstehungszeit.
Arbeitersiedlung und St. Stephanus
Ein Stück weiter liegt die Arbeiter-Kolonie des Militärfiskus, gebaut ab 1895/96 an Feldzeugmeisterstraße, Gorgasring und Riensbergstraße. Sie steht unter Denkmalschutz.
Am Gorgasring steht die katholische Kirche St. Stephanus. Die Gemeinde richtete 1951 in einem Siemens-Gebäude eine Notkirche ein. Der Neubau von 1981 bis 1982 nach Plänen von Günther Maiwald ist ein Zentralbau mit annähernd achteckigem Grundriss, verblendet mit braunroten Ziegeln. Daneben steht ein halbkreisförmiger Glockenturm aus Sichtbeton. Geweiht wurde die Kirche am 11. September 1982.

Wohnlager Haselhorst
An der Paulsternstraße 4 erinnert eine Gedenktafel an die Lager der Firma Siemens, die in Haselhorst zunächst als Wohnlager bezeichnet wurden. Das nördliche Lager an der Paulsternstraße wurde 1940 für 2.000 Männer gebaut, das südliche folgte 1942 an der Nonnendammallee 128 für 900 Frauen. Nach Luftangriffen im Februar 1944 wurde das nördliche Lager im Sommer 1944 als KZ-Außenlager neu aufgebaut. Im Januar 1945 waren dort mehr als 2.400 Menschen untergebracht. Am 28. März 1945 wurde die Anlage bei Bombenangriffen vollständig zerstört.
Auf der Tafel steht ein Satz des Überlebenden Leon Schwarzbaum: „Hier lebten und starben unsere Kameraden“. Der U-Bahnhof Paulsternstraße liegt in der Nähe.
U-Bahnhöfe der U7
Alle drei Bahnhöfe der Tour liegen an der U7-Strecke nach Spandau, an allen war Rainer Rümmler als Architekt beteiligt. Sie gehören zu einer denkmalgeschützten Gesamtanlage. Der Bahnhof Haselhorst entstand 1981 bis 1984, Paulsternstraße 1975 bis 1984 und Zitadelle 1978 bis 1984.

Meine Tour
Ich bin am 17. Juli 2022 insgesamt 11,7 Kilometer gelaufen, die reine Gehzeit lag bei rund zweieinhalb Stunden. Die Tour beginnt an der Juliusturmbrücke und führt über die Zitadelle am BMW-Werk vorbei. Weiter geht es durch Grützmacherpark und Krienickepark an den Spandauer See, an der Wasserstadt entlang und über Kleingärten und den Schifffahrtskanal zur Weihnachtskirche. Danach folgen die Reichsforschungssiedlung, der Gorgasring und die Paulsternstraße. Am U-Bahnhof Haselhorst vorbei und noch einmal an den Gräben und am Werk entlang endet die Tour am U-Bahnhof Zitadelle.
Am Wegesrand
Albrecht der Bär. Auf dem Gelände der Zitadelle steht ein Denkmal für Albrecht den Bären. Walter Schott entwarf es, Bauherr war Kaiser Wilhelm II. Fertig wurde es 1898, 1979 wurde es umgebaut.
Fledermäuse in den Gewölben. In den Gewölben der Zitadelle überwintern jedes Jahr rund 10.000 Fledermäuse.
Gräben der Pulverfabrik. Der Grützmachergraben und der östliche Abzugsgraben wurden 1832 bis 1837 angelegt, Bauherr war der preußische Militärfiskus. Beide stehen unter Denkmalschutz, der Grützmachergraben gehört zur Befestigung der Pulverfabrik. Die Tour läuft mehrfach an ihnen entlang.
Umspannwerk Uklei. Am Juliusturm 2 bis 8 liegt ein Stück abseits der Strecke das Umspannwerk „Uklei“. Die Berliner Städtischen Elektrizitätswerke ließen es 1928 bis 1929 nach einem Entwurf von Hans Heinrich Müller bauen.
Gut zu wissen
Mit der Bahn: Die U7 verbindet die drei Bahnhöfe der Tour.
Passt dazu: Der Havelseenweg führt von Wannsee durch die Spandauer Altstadt nach Hakenfelde, die Zitadelle liegt dort etwas abseits der Route.
Von Haselhorst aus weiter
4 Ortsteile grenzen an, mit Richtung und Entfernung von Mitte zu Mitte.