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Siemensstadt
Ortsteil im Bezirk Spandau · Ortsteil 43 von 97
Siemensstadt im Osten von Spandau ist ein Ortsteil, den ein einzelner Konzern geprägt hat: Werkshallen, Backsteinhochhäuser, Wohnsiedlungen, zwei Kirchen und eine eigene Bahnlinie. Ich bin die Tour am 9. Januar 2022 gelaufen, sie ist 11,4 Kilometer lang. Sie führt an der stillgelegten Siemensbahn entlang, durch die Siedlungen und quer über das Werksgelände.

Kurz gesagt
- Siemens kaufte 1897 unbebautes Gelände zwischen Charlottenburg und Spandau und baute dort Werke, Wohnungen und eine Bahn. Daraus wurde Siemensstadt.
- Viele Bauten an der Tour entwarf Hans Hertlein, der Leiter der Siemens-Bauabteilung: Fabrikhochhäuser, zwei Kirchen, die Siemensbahn.
- Zu sehen sind rote Backsteinfassaden, Uhrtürme, und ein Märchenbrunnen im Siedlungshof.
- Die Tour ist eine Schleife von 11,4 Kilometern, die U7 hält mehrmals an der Strecke.
Was Siemensstadt ausmacht
Siemensstadt liegt zwischen Charlottenburg und Spandau. Im Zentrum stehen nicht Kirche und Rathaus, sondern die Hauptverwaltung eines Konzerns, die größer ist als jedes Berliner Rathaus. Drum herum liegen die Werke und die Wohnviertel. Die einheitliche Gestaltung stammt im Wesentlichen von Hans Hertlein, der von 1915 bis 1951 die Bauabteilung von Siemens leitete.
Gewohnt wurde in mehreren Schüben. Die Siedlung Nonnendamm von 1904 bis 1914 hat viergeschossige Häuser mit Mietergärten. Die Siedlung Siemensstadt folgte von 1922 bis 1932 nach dem Vorbild der Gartenstadtbewegung und war bis in die 1980er Jahre nur für Beschäftigte des Konzerns vorgesehen. Dazu kommt die Siedlung Heimat, die von 1930 bis 1933 nach Entwurf von Hertlein gebaut wurde.
Geschichte
Am 7. Mai 1897 unterschrieb Siemens den Kaufvertrag für ein Grundstück in Spandau. Ab 1899 wurde im Kabelwerk Westend produziert, 1903 fiel die Entscheidung, die gesamte Berliner Fertigung auf die Nonnenwiesen zu verlegen. 1908 kam das Gebiet zu Spandau, obwohl sich auch Charlottenburg um die Kontrolle bemüht hatte. Die Spandauer Stadtverordneten beschlossen 1913 den Namen Siemensstadt, offiziell gilt er seit Anfang 1914. 1920 wurde der Ort mit Spandau nach Groß-Berlin eingemeindet.
Die frühen Werksbauten hatte Karl Janisch entworfen. Sein Nachfolger Hertlein prägte die Firmenarchitektur rund vierzig Jahre. Seine frühen Hochbauten sind Stahlskelette mit roten Klinkerfassaden und vorspringenden Treppentürmen, ab den 1930er Jahren wurden die Baukörper glatter und kubischer.
Den Namen Siemensstadt trägt auch die Großsiedlung, die seit 2008 zum Welterbe zählt. Mit dem Konzern als Bauherrn hatte sie nichts zu tun: Siemens war weder an Planung noch Finanzierung beteiligt, es war kein Werkswohnungsbau. Die Gesamtplanung lag bei Hans Scharoun und Martin Wagner, an den Zeilenbauten arbeiteten ab 1929 außerdem unter anderem Walter Gropius und Hugo Häring. Die Siedlung liegt zum Teil in Charlottenburg-Nord, Teile westlich des Jungfernheideweges und der S-Bahn gehören zu Spandau. Die Tour führt auf dem ersten Kilometer an ihr vorbei.
Bis 1949 war die Hauptverwaltung in Siemensstadt der Sitz des Konzerns, danach gingen die Zentralen nach München und Erlangen. Heute plant Siemens auf dem Gelände mit Siemensstadt Square ein Stadtquartier auf 76 Hektar mit rund 3.750 Wohnungen.
Orte, die sich lohnen
Siemensbahn
Auf dem ersten Kilometer läuft die Tour neben dem Viadukt der Siemensbahn. Die Strecke zweigte in Jungfernheide ab und wurde am 18. Dezember 1929 eingeweiht. Siemens und die Reichsbahn bauten sie gemeinsam, Hertlein entwarf die Anlagen. Neue Haltepunkte waren Wernerwerk, Siemensstadt und Gartenfeld, die Tour kommt an allen dreien vorbei, am Endbahnhof Gartenfeld mit etwas Abstand. Im September 1980 stellte die Reichsbahn den Betrieb ein. Als ich im Januar 2022 unterwegs war, lag die Strecke seit mehr als vierzig Jahren still. Die Deutsche Bahn will sie wieder in Betrieb nehmen.
Von der Trasse geht es durch die Siedlung Heimat zur ersten von Hertleins beiden Kirchen.
St. Joseph
Die katholische Kirche St. Joseph entstand 1934 und 1935 nach Plänen von Hans Hertlein. Den Bauplatz schenkten die Siemenswerke. Wegen der Wirtschaftskrise 1932 und 1933 begann der Bau erst 1934, die Weihe war am 17. November 1935.
Der Turm ist ein Kubus mit einem flachen, kaum sichtbaren Pyramidendach und zitiert zeitgenössische Industriebauten. An der Südseite trägt er ein Zifferblatt über einer kugelförmigen Monduhr.

Etwas weiter, am Schuckertdamm, steht die zweite Kirche.
Christophoruskirche
Die evangelische Christophoruskirche am Schuckertdamm 336 bis 340 wurde von 1929 bis 1931 gebaut. Auch sie entwarf Hertlein, als Bildhauer ist Joseph Wackerle genannt. Sie heißt auch Siemensstadtkirche. Wackerle ist an der Tour noch am Ehrenmal der Siemenswerke und am Wernerwerk-Hochhaus genannt.

Danach führt die Tour in die Siedlung Siemensstadt.
Genoveva-Brunnen
In einem U-förmigen Hof der Siedlung an der Harriesstraße 8 bis 10 steht der Genoveva-Brunnen von Hermann Hosaeus aus dem Jahr 1928, auch Märchenbrunnen genannt. Im Becken aus Muschelkalk steht ein runder Brunnenstock, auf ihm sitzt eine Frau auf einem Felsen und tränkt aus einer Schale ein Reh, einen Vogel und ein Eichhörnchen. Sie steht für Genoveva, die legendäre Herzogin von Brabant. Die Fassaden um den Hof tragen ländlichen Bauschmuck, darunter Reliefs der vier Jahreszeiten.

Von hier führt die Tour nach Westen, an Gartenfeld und am Kanal vorbei, und dann auf der Nonnendammallee durch die Werke.
OSRAM-Glaswerk
An der Nonnendammallee 44 liegt das Glaswerk von OSRAM. OSRAM entstand 1919, als AEG, Siemens & Halske und die Auer-Gesellschaft ihr Glühlampengeschäft zusammenlegten. Seit 1927 entstehen hier Glasrohre für Leuchten, in der Maschinenglasfabrik arbeiteten 1928 rund 130 Beschäftigte. Die Gebäude von 1927 bis 1928 entwarf Waldemar Pattri, sie stehen unter Denkmalschutz.

Dynamowerk
Das Dynamowerk an der Nonnendammallee 72 entstand ab 1906 nach Plänen von Karl Janisch und Carl Dihlmann und wurde bis 1912 erweitert. Janisch stellte es dem Verwaltungsbau gegenüber, es gilt als Kathedrale der Technik. Bis 1957 wurde es mehrfach umgebaut.

Hauptverwaltung
Die Siemens-Hauptverwaltung an der Nonnendammallee 101 wurde 1910 bis 1913 nach Entwurf von Janisch und Friedrich Blume gebaut und 1922 sowie 1929 und 1930 umgebaut.

Schaltwerk-Hochhaus
Ein Stück abseits des Weges steht an der Nonnendammallee 104 das Schaltwerk-Hochhaus, 1926 bis 1928 nach Entwurf von Hertlein gebaut. Es ist zehn Geschosse hoch, 175 Meter lang, 16 Meter breit und 45 Meter hoch, ein Stahlskelett mit Klinkerverkleidung. Die Treppenhäuser liegen außerhalb des Kernbaus, die Fassade ist schmucklos.

Wernerwerk-Turm
Zum Schluss führt die Tour zum Wernerwerk. Der Turm dort ist 70 Meter hoch, trägt eine große Uhr und verbirgt Schornstein und Wasserbehälter des Heizkraftwerks. Der Turmbau des Wernerwerks II steht unter Denkmalschutz, Janisch entwarf ihn, Hertlein führte ihn aus, die Bauzeit reicht von 1914 bis 1929.
Wernerwerk-Hochhaus
Das Wernerwerk-Hochhaus am Siemensdamm 50 entwarf Hertlein, gebaut wurde es von 1929 bis 1930. Als Bildhauer sind Joseph Wackerle, Douglas Hill und Max Esser genannt. Zum Denkmal gehören auch eine Brunnenanlage und eine Pergola.

Ein Stück weiter liegt der ehemalige Bahnhof Wernerwerk der Siemensbahn, von dort geht es zurück zum Start.
Meine Tour
Die Schleife ist 11,4 Kilometer lang, die Gehzeit betrug gut zwei Stunden. Sie beginnt in Charlottenburg-Nord und folgt zuerst dem Viadukt der Siemensbahn nach Siemensstadt. Es geht durch die Siedlung Heimat und die Siedlung Siemensstadt, dann über Gartenfeld und den Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal bis zur Paulsternstraße. Von dort läuft die Tour auf der Nonnendammallee durch das Werksgelände nach Osten, am Wernerwerk vorbei und zurück zum Start. An der Strecke liegen die U-Bahnhöfe Siemensdamm, Paulsternstraße und Rohrdamm.
Am Wegesrand
Ein Brunnen am Jugendplatz. In der Mitte des dreieckigen Jugendplatzes liegt ein Rondell mit Brunnen. Der Künstler Kai-Uwe Dräger schuf 1995 zwei Sandsteinfiguren für den Platz, „Großvater mit Kind“ und „Lesendes Mädchen“.
Ein Klubhaus für Arbeiterinnen. An der Goebelstraße 143 steht das Siemens-Klubhaus, ursprünglich ein Tages-Erholungsheim für Siemens-Arbeiterinnen. Hertlein entwarf es, gebaut wurde 1927 bis 1928, umgebaut 1933 und 1953.
Das Ehrenmal der Siemenswerke. An der Nonnendammallee am Rohrdamm liegt das Gefallenenehrenmal der Siemenswerke von 1934. Hertlein entwarf es, Joseph Wackerle schuf die Bildhauerarbeit, 1970 wurde es umgebaut.
Eine ältere Wohnanlage. Die Wohnanlage Nonnendamm I (Süd) an Nonnendammallee, Rohrdamm, Wattstraße und Wernerwerkdamm entstand 1910 bis 1911 für die Charlottenburger Baugenossenschaft. Der Architekt hieß Johnson. Sie gehört zu den älteren Wohnbauten des Ortsteils und steht unter Denkmalschutz.
Gut zu wissen
Mit der Bahn: Die U7 hält an der Tour an den Bahnhöfen Siemensdamm, Paulsternstraße und Rohrdamm. Nach gut einem Kilometer ist die Tour am U-Bahnhof Siemensdamm. Passt dazu: Der Nachbarortsteil Haselhorst liegt nördlich, dort steht die Zitadelle Spandau. Die Siemensbahn zweigte am Bahnhof Jungfernheide ab, den der Berliner S-Bahn-Ring, Teil 3 beschreibt.
Von Siemensstadt aus weiter
5 Ortsteile grenzen an, mit Richtung und Entfernung von Mitte zu Mitte.