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Charlottenburg-Nord
Ortsteil im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf · Ortsteil 41 von 97
Charlottenburg-Nord besteht aus drei Siedlungen aus verschiedenen Jahrzehnten, dem Volkspark Jungfernheide und im Osten der Gedenkstätte Plötzensee. Ich bin den Ortsteil am 7. Januar 2022 gelaufen, 12,3 Kilometer in rund zweieinhalb Stunden, ab und bis S+U Jungfernheide.

Kurz gesagt
- Drei Siedlungen aus drei Bauphasen prägen den Ortsteil, dazu kommt viel Grün.
- Die Ringsiedlung Siemensstadt liegt zum Teil im Ortsteil und gehört zum UNESCO-Welterbe.
- Der Volkspark Jungfernheide hat einen Teich mit Strandbad und einen Wasserturm.
- Am Heckerdamm liegen zwei Gedenkkirchen, im Osten die Gedenkstätte Plötzensee.
Was Charlottenburg-Nord ausmacht
Charlottenburg-Nord ist ein Ortsteil des 20. Jahrhunderts. Das Gebiet um die Großsiedlung gilt als Musterbeispiel der „aufgelockerten Stadt“: Die Häuser stehen frei zueinander und nicht dicht an der Straße.
Zwischen den Wohnhäusern liegt viel Grün, und das ist gewollt. Die Siedlung Charlottenburg-Nord setzt auf geringe Wohndichte und Durchgrünung und ist in Nachbarschaftseinheiten gegliedert. Dazu kommt der Volkspark Jungfernheide, den Erwin Barth angelegt hat.
Neben dem Wohnen steht die Erinnerung. Die Gedenkstätte liegt an einem früheren Hinrichtungsort der NS-Justiz, und im Viertel ist fast jede Straße nach Widerstandskämpfer*innen gegen die NS-Herrschaft benannt.
Geschichte
Der Name Jungfernheide geht auf die Benediktinerinnen des Klosters in Spandau zurück, denen das Waldgebiet im Mittelalter gehörte. Später war die Heide bis etwa 1800 kurfürstliches und königliches Jagdrevier.
1904 kaufte die Stadt Charlottenburg Teile der Jungfernheide, um einen großen Park anzulegen. Gartenbaudirektor Erwin Barth bekam den Auftrag. Der Erste Weltkrieg verhinderte zunächst den Bau, nach dem Krieg stoppte eine Haushaltssperre die überarbeiteten Pläne. Im Herbst 1920 begannen die Arbeiten, ausgeführt von rund 100 Erwerbslosen im Rahmen einer Notstandsmaßnahme. Am 27. Mai 1923 wurde der Volkspark eröffnet, ganz fertig war er 1927.
Ab 1929 entstand im Westen des Ortsteils die Ringsiedlung Siemensstadt. Hans Scharoun entwarf den Städtebau, Martin Wagner leitete das Gesamtprojekt. Seit 2008 gehört die Siedlung als eine von sechs Siedlungen der Berliner Moderne zum UNESCO-Welterbe.
Das Strafgefängnis Plötzensee wurde 1879 eröffnet und bot Platz für 1.200 Gefangene, die vor allem kürzere Strafen verbüßten. Von 1933 bis 1945 war es die zentrale Hinrichtungsstätte für Menschen, die der Volksgerichtshof und das Kammergericht zum Tode verurteilt hatten. Dort wurden mehr als 2.800 Menschen hingerichtet, unter ihnen Widerstandskämpfer*innen, aber auch Menschen, die wegen geringer Vergehen verurteilt worden waren. Hingerichtet wurde durch Fallbeil oder Strang, in einem Backsteinschuppen am Rand des Gefängnisgeländes. Fast ein Viertel aller Todesurteile der NS-Justiz wurde in Plötzensee vollstreckt. Seit 1952 gibt es am früheren Hinrichtungsort eine Gedenkstätte.
Nach dem Krieg kamen die großen Siedlungen. Von Mitte der 1950er-Jahre an entstand die Großsiedlung Charlottenburg-Nord nach Plänen von Scharoun, Anfang der 1960er-Jahre folgte die Paul-Hertz-Siedlung. Die Straßen der neuen Siedlungen bekamen die Namen von Widerstandskämpfer*innen, Halemweg und Heilmannring schon 1957. Die Nähe zur Gedenkstätte Plötzensee spielte dabei eine wichtige Rolle. Als eigener Ortsteil besteht Charlottenburg-Nord erst seit 2004, so hat es die Bezirksverordnetenversammlung beschlossen.
Orte, die sich lohnen
Wandbild Worth
Vom Bahnhof Jungfernheide bin ich zuerst nach Westen und dann nach Norden gelaufen, am U-Bahnhof Jakob-Kaiser-Platz vorbei in die Delpzeile. An der Delpzeile 14 deckt ein Wandbild die Fassade eines Wohnhauses.

„Worth“ stammt von dem Künstler Stohead und entstand im Juli 2020 für das Projekt ONE WALL des Museums Urban Nation. Stohead zerlegt Buchstaben in runde Elemente, legt sie übereinander, spiegelt und dreht sie. Thema ist das Wertekonzept der Gesellschaft. Von hier geht es nach Osten zum Heckerdamm.
Maria Regina Martyrum
Am Heckerdamm liegt die katholische Gedenkkirche Maria Regina Martyrum. Sie ist den Opfern des Nationalsozialismus gewidmet, die für Glaubens- und Gewissensfreiheit eingetreten sind, und wurde bis 1963 nach einem Entwurf von Hans Schädel und Friedrich Ebert gebaut. Vorausgegangen war ein Architekturwettbewerb im Jahr 1957. Eine hohe Betonmauer umschließt das Gelände, der Eingang führt durch den Glockenturm in einen großen gepflasterten Vorhof. Über dem Eingang der Kirche sitzt eine vergoldete Plastik von Fritz Koenig, „Das Apokalyptische Weib und die sieben Schlangen“.

An der Mauer des Vorhofs steht ein bronzener Kreuzweg von Otto Herbert Hajek. Der Innenraum der Kirche hat keine Fenster, das Licht kommt indirekt aus Lichtbändern. Die Altarwand hat Georg Meistermann mit einem Wandbild zur Offenbarung des Johannes gestaltet, es ist auf die Gedenkstätte Plötzensee im Osten ausgerichtet. Gleich nebenan liegt die zweite Gedenkkirche am Heckerdamm.
Evangelische Gedenkkirche Plötzensee
Die evangelische Gedenkkirche Plötzensee gehört zu einem Gemeindezentrum, das 1970 eingeweiht wurde. Die Gemeinde baute es, damit die neuen Bewohner*innen der Paul-Hertz-Siedlung ein Zentrum direkt neben Maria Regina Martyrum bekamen. Die Anlage ist eine Vierflügelanlage um einen Binnenhof mit farbigen Putzfassaden. Nur die Kirche hat von außen eine große, fensterlose Wand aus Sichtbeton.
Zum Kirchenraum gehört der „Plötzenseer Totentanz“ des Wiener Künstlers Alfred Hrdlicka, an dem er bis 1972 arbeitete. Er besteht aus 16 großen Tafeln. Auf ihnen kehren Rundbogenfenster und eiserne Haken wieder, die auf den Hinrichtungsschuppen im nahen Gefängnis verweisen. Seit 2009 hat hier das Ökumenische Gedenkzentrum Plötzensee seinen Sitz.
Paul-Hertz-Siedlung
Rund um die beiden Kirchen liegt die Paul-Hertz-Siedlung. Sie entstand zwischen 1960 und 1965 für die GEWOBAG auf ehemaligem Kleingartenland am Heckerdamm. Geplant waren in vier- und achtgeschossigen Häusern über 2.600 Wohnungen, entworfen haben die Siedlung Wils Ebert, Werner Weber und Fritz Gaulke. Benannt ist sie nach dem SPD-Politiker Paul Hertz, der nach dem Zweiten Weltkrieg den Wiederaufbau in West-Berlin unterstützte. Die Grundschule der Siedlung trägt den Namen von Helmuth James von Moltke, einem Mitglied des Kreisauer Kreises. Von hier bin ich nach Westen weitergelaufen, in die Großsiedlung Charlottenburg-Nord.
Großsiedlung Charlottenburg-Nord
Der Weg führt über den Heilmannring und am Halemweg vorbei. Die Siedlung geht auf einen Plan von Hans Scharoun zurück, der wegen behördlicher Widerstände nur teilweise umgesetzt wurde. Es entstanden mehr als 3.700 Wohnungen, für rund 12.000 Menschen, die Wohnzeilen stehen aufgelockert zwischen Grünflächen. Scharoun nannte seine Bauten hier „Wohngehöfte“: abgewinkelte Zeilen, die mit Grünanlagen für die Nachbarschaft Höfe bilden.
In der Siedlung stehen fünf Bronzeplastiken von Joachim Dunkel aus dem Jahr 1963, stilisierte Gestirne auf Betonstelen. Auch die Straßennamen erinnern an den Widerstand. Der Heilmannring heißt nach Ernst Heilmann, einem SPD-Politiker, der im KZ Buchenwald inhaftiert war, der Halemweg nach dem Juristen Nikolaus Christoph von Halem.
Sühne-Christi-Kirche
An der Ecke Halemweg und Toeplerstraße steht die evangelische Sühne-Christi-Kirche. Hans-Rudolf Plarre hat sie 1962 bis 1964 gebaut, einen sechseckigen Saalbau mit einem Zeltdach aus Stahlgitter. Der dreieckige Glockenturm steht frei daneben.

Der Bezirk führt die Kirche als Station im Pfad der Erinnerung. Von hier geht es weiter nach Westen, zur Ringsiedlung.
Ringsiedlung Siemensstadt
Die Ringsiedlung Siemensstadt liegt in Charlottenburg-Nord und Spandau. Die Häuser planten Mitglieder der Architektenvereinigung Der Ring, darunter Walter Gropius, Otto Bartning, Fred Forbat, Hugo Häring und Paul Rudolf Henning. Die Zeilen stehen streng in Nord-Süd-Richtung, so haben die Wohnungen Fenster zu zwei Seiten. Mietergärten gab es nicht, dafür gemeinsame Grünflächen, die der Landschaftsarchitekt Leberecht Migge gestaltet hat. Insgesamt entstanden rund 1.370 Wohnungen mit anderthalb bis dreieinhalb Zimmern.

Bartnings Randzeile an der Goebelstraße ist 338 Meter lang und heißt Langer Jammer. Sie schirmt die Siedlung gegen die S-Bahn ab. Zur Siedlung gehört auch Scharouns Kopfbau am Jungfernheideweg, den der Volksmund Panzerkreuzer nennt. Von der Siedlung bin ich nach Norden in den Volkspark Jungfernheide gelaufen.
Volkspark Jungfernheide
Im Park führt der Weg zuerst an den Jungfernheideteich, wo ein Strandbereich liegt.

Erwin Barth hat den Park auf 112 Hektar als axial ausgerichteten Landschaftspark angelegt und den vorhandenen Baumbestand weitgehend stehen lassen. Beim Ausbau des Kurt-Schumacher-Damms ging der Ehrenhain verloren, den Barth 1925 angelegt hatte. Die Anlage steht als Gartendenkmal unter Denkmalschutz.

Vom Teich geht es durch den Park weiter nach Osten. Nach gut einem Kilometer erreicht der Weg den Wasserturm.
Wasserturm
Der Wasserturm ist ein Klinkerbau im Stil des Backstein-Expressionismus mit Kupferdach. Erwin Barth hatte ihn zusammen mit einem Aussichtsturm und einer Gaststätte geplant, der „Kaffeewirtschaft“. Walter Helmcke überarbeitete die Pläne 1925 grundlegend, kürzte den Turm und machte ihn gedrungener. 1927 war er fertig und versorgte die Gartenanlage mit Wasser.

Von hier bin ich weiter nach Osten gelaufen. Bis zur Gedenkstätte Plötzensee sind es noch rund drei Kilometer.
Gedenkstätte Plötzensee
Die Gedenkstätte liegt am Hüttigpfad 16. Am Eingang steht eine Mauer mit der Inschrift „Den Opfern der Hitlerdiktatur der Jahre 1933-1945“.

Hinter der Mauer liegt der frühere Hinrichtungsschuppen. Der Raum, in dem die Hinrichtungen stattfanden, ist heute ein Gedenkraum, im Nebenraum informiert eine Ausstellung über die NS-Justiz und ihre Opfer. Das Gefängnis daneben ist ein aktives Gefängnis und nicht öffentlich zugänglich. Die Gedenkstätte gehört zur Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand.
Meine Tour
Ich bin 12,3 Kilometer gelaufen und war rund zweieinhalb Stunden unterwegs. Die Tour beginnt und endet am S+U Jungfernheide. Vom Bahnhof ging es über die Delpzeile zum Heckerdamm mit den beiden Gedenkkirchen, dann an der Paul-Hertz-Siedlung vorbei durch die Großsiedlung Charlottenburg-Nord und weiter nach Westen zur Ringsiedlung. Durch den Volkspark Jungfernheide bin ich nach Osten bis zur Gedenkstätte Plötzensee gelaufen und von dort zurück zum Bahnhof.
Am Wegesrand
Ein Park ohne Haupteingang. Der ursprüngliche Haupteingang des Volksparks lag am östlichen Ende der Anlage. Er wurde zerstört. Mitte der 1980er-Jahre entstanden neue Eingänge am Heckerdamm und im Westen, nach historischem Vorbild.
Siemensstadt ohne Siemens. Der Elektrokonzern war am Bau der Ringsiedlung nicht beteiligt. Gebaut haben sie die Wohnungsgesellschaften Primus und Heerstraße, die Wohnungen waren vor allem für Beschäftigte von Siemens gedacht.
Waschen im Heizwerk. Das Fernheizwerk der Ringsiedlung an der Goebelstraße versorgte die Wohnungen mit Wärme und warmem Wasser. Es enthielt auch eine zentrale Wäscherei mit Räumen für die Kinderbetreuung. Als die Siedlung Mitte der 1960er-Jahre ans Fernwärmenetz angeschlossen wurde, wurde das Werk zu Werkstätten und Garagen umgebaut. Der Schornstein wurde abgerissen.
Zwei Wohnungen für einen Architekten. Hans Scharoun zog 1930 in den Jungfernheideweg 4, in die Siedlung, die er mitgeplant hatte. Ab 1960 wohnte er in einer Atelierwohnung am Heilmannring 66a, bis zu seinem Tod 1972.
Eine Schule, zwei Bezirke. Ein Stück abseits der Tour liegt im Jungfernheideweg die frühere Hermann-Löns-Schule, 1930 bis 1931 von Walter Helmcke im Auftrag des Hochbauamts Charlottenburg gebaut. Sie liegt auf dem Gebiet von Charlottenburg-Wilmersdorf, doch 2006 übergab der Bezirk sie an Spandau, weil die meisten Kinder von dort kamen.
Acht Geschosse, nicht mehr. Die Häuser der Paul-Hertz-Siedlung durften wegen des nahen Flughafens Tegel höchstens acht Geschosse haben. Die alliierte Flugsicherheitsbehörde ließ nicht mehr zu, geplant waren zunächst höhere Häuser. Nach dem Abzug der Alliierten wurden von 1993 bis 1996 einige Gebäude aufgestockt.
Gut zu wissen
Mit der Bahn: Die Tour beginnt und endet am S+U Jungfernheide (S41, S42, U7). Unterwegs liegen die U-Bahnhöfe Jakob-Kaiser-Platz und Halemweg an der U7. Zur Gedenkstätte Plötzensee fährt der Bus 123.
Gedenkorte: Der Bezirk hat einen Pfad der Erinnerung eingerichtet, der die Gedenkstätte mit den Kirchen im Viertel verbindet. Zehn Informationsstelen mit QR-Codes markieren die Stationen. Die evangelische Gedenkkirche ist nur zu festen Zeiten oder nach Absprache geöffnet, die Gemeinde nennt die Besuchszeiten auf ihrer Seite.
Mehr auf dieser Seite: Der Bahnhof Jungfernheide ist eine Station des Berliner S-Bahn-Rings zu Fuß, Teil 3 führt von Westkreuz bis Gesundbrunnen.
Von Charlottenburg-Nord aus weiter
6 Ortsteile grenzen an, mit Richtung und Entfernung von Mitte zu Mitte.