Berliner S-Bahn-Ring, Teil 3 von 4 · Zum Gesamtbericht
Die dritte Tour um den Berliner S-Bahn-Ring führt vom Bahnhof Westkreuz zum Bahnhof Gesundbrunnen, durch Charlottenburg, Moabit und den Wedding. Start und Ziel liegen an der Ringbahn (S41, S42). Mit 20 Kilometern und einer Gehzeit von 3:46 Stunden ist es die längste der vier Touren, mit sieben Ringbahnhöfen, dem Schloss Charlottenburg, dem Westhafen und einer ganzen Reihe großer Wandbilder.
Ich bin am Freitag, dem 30. April 2021, am Westkreuz losgegangen. Die Idee der Serie: alle Bahnhöfe der Ringbahn zu Fuß verbinden, meist auf dem kürzesten Weg von Bahnhof zu Bahnhof. Wo links oder rechts etwas Interessantes lag, bin ich abgebogen, auf dieser Tour gleich dreimal und jedes Mal ziemlich weit. Einen ausgeschilderten Weg gibt es nicht, die Route habe ich selbst gelegt. Den Überblick über alle vier Teile findest du im Gesamtbericht.
Inhalt dieser Tour
- Steckbrief
- Darum lohnt sich die Tour
- Anreise
- Die Route
- Vom Westkreuz am ICC vorbei nach Witzleben
- Über den Luisenfriedhof II nach Westend
- Abstecher zum Schloss Charlottenburg
- Über die Spree nach Jungfernheide und Moabit
- Beusselbrücke: Gleise, Container, Westhafen
- Schleife durch Moabit
- Am Kanal entlang in den Sprengelkiez
- Die große Schleife durch den Wedding
- Am Humboldthain zum Gesundbrunnen
- Am Wegesrand
- Gut zu wissen
- Fazit
Steckbrief
Strecke
20,1 km
Gehzeit
3:46 h
Start
S-Bahnhof Westkreuz
Ziel
Bahnhof Gesundbrunnen
Gelaufen am
30. April 2021
Untergrund
Gehwege und Asphalt, dazu Parkwege im Schlossgarten Charlottenburg und auf den Friedhöfen
Einkehr
Imbisse und Bäcker an fast jedem Bahnhof
- Mit der Bahn erreichbar
- Abkürzbar
Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), vereinfacht dargestellt.
Darum lohnt sich die Tour
- Sieben Ringbahnhöfe vom Westkreuz bis Wedding, vom Empfangsgebäude der Kaiserzeit bis zum Glasbau von 1999
- Schloss und Schlossgarten Charlottenburg als großer Abstecher
- Blick von der Beusselbrücke über das Gleisfeld zum Westhafen
- Wandbilder in Moabit und im Wedding, einige davon gibt es so nicht mehr
Anreise
Hin
S Westkreuz: S41, S42 und S46 auf dem Ring, S3, S5, S7 und S9 auf der Stadtbahn
Zurück
S+U Gesundbrunnen: S41 und S42, dazu S1, S2, S25, S26, S15, die U8 sowie Regional- und Fernzüge
Takt
Die Ringbahn fährt tagsüber alle fünf Minuten je Richtung, abends alle zehn
Abkürzen
An jedem Ringbahnhof unterwegs (S41, S42): Messe Nord/ZOB (km 1,2), Westend (km 2,8), Jungfernheide (km 5,9), Beusselstraße (km 8,5), Westhafen (km 11,8), Wedding (km 17,7)
Am Westkreuz gibt es vom Ringbahnsteig nur einen Weg nach draußen, er führt nach Nordwesten zur Halenseestraße. Dort beginnt die Tour.
Die Route
Vom Westkreuz am ICC vorbei nach Witzleben
Das Westkreuz ist ein Bahnhof zum Umsteigen, nicht zum Ankommen: Draußen warten Gleise, die Stadtautobahn und das Messegelände. Der sandige Boden hat ihm zugesetzt: Empfangshalle und Stellwerksturm sackten ab, der Turm soll sich am Ende so weit geneigt haben, dass nur der Abriss blieb. Ich bin nach Norden losgegangen, immer dicht an Ringbahn und Autobahn.
Nach gut einem halben Kilometer steht das ICC am Weg, das Internationale Congress Centrum: 320 Meter lang, 80 Meter breit, bis zu 40 Meter hoch, gebaut von 1973 bis 1979 nach Plänen von Ursulina Schüler-Witte und Ralf Schüler. Seit 2014 ist es als Kongresshaus geschlossen, seit 2019 steht es unter Denkmalschutz. Als ich vorbeikam, war es Corona-Impfzentrum, das blieb es bis 2023. Im Juni 2026 fiel die Empfehlung, das Haus an die „Projektpartnerschaft Quartier ICC“ zu vergeben, die daraus einen Ort für Kunst, Kultur und Innovation machen will. Gebaut wird frühestens ab 2029, bis dahin bleibt es zu.
Ein Stück weiter reihen sich vor einem grauen Hallenbau die Fahnenmasten, dahinter steht der Funkturm, seit 1926 in Betrieb.

An der Neuen Kantstraße folgt das Empfangsgebäude des nächsten Bahnhofs. Daran steht ein Name, der in keinem Fahrplan mehr vorkommt: Witzleben.
Am 30. April 2021 hieß der Bahnhof noch „Messe Nord/ICC (Witzleben)“, so stand es auf dem blauen Schild am Gebäude. Früher gab es hier zwei Bahnsteige. Vom östlichen fuhren Züge über eine Verbindungskurve zur Stadtbahn. Diese Verbindung wurde 1944 eingestellt und nach dem Krieg nicht wieder aufgenommen.
Über den Luisenfriedhof II nach Westend
Hinter dem Bahnhof habe ich den Kaiserdamm überquert und bin weiter nach Norden gelaufen. Rund 250 Meter westlich hängt am Kaiserdamm 28 die Gedenktafel für Alfred Döblin, der dort bis 1933 als Arzt praktizierte. Sie gehört zu den ersten Stationen meiner sechsten Tour durch das jüdische Berlin, die wie diese hier am Westkreuz beginnt. An der Königin-Elisabeth-Straße liegt der Luisenfriedhof II. Hier bin ich zum ersten Mal an diesem Tag abgebogen, wenn auch nur für ein paar hundert Meter.
Der Friedhof wurde im Mai 1867 auf einem früheren Sandgrubengelände angelegt, auf dem 1831 schon ein Cholerafriedhof bestanden hatte. In den 1960er Jahren hat er Fläche verloren, als die Königin-Elisabeth-Straße und die Stadtautobahn ausgebaut wurden. Viele Erbbegräbnisse und Mausoleen gingen dabei verloren. Geblieben ist genug. Mir sind vor allem die Figuren aufgefallen: ein betendes Mädchen aus grün angelaufener Bronze, eine weiße Trauernde vor einem schwarzen Wandgrab, eine zweite Frauenfigur, halb verschwunden unter Ranken, mit einem Grablicht davor. Die Kapelle des Friedhofs stelle ich unten unter „Am Wegesrand“ vor.



Vom Friedhof ist es nicht weit bis zum Spandauer Damm. Dort steht der rote Backsteingiebel mit dem Schriftzug „WESTEND“ über den gläsernen Bahnsteigbauten.
Durch das alte Empfangsgebäude geht niemand mehr zum Zug. Nach seinem Architekten Heinrich Kayser hieß es im Volksmund „Kayser-Bahnhof“, woraus der „Kaiser-Bahnhof“ wurde, das Schloss liegt ja nicht weit. Kronprinz Friedrich, der spätere Kaiser Friedrich III., soll hier sogar ein Kopfgleis für seinen Hofzug genutzt haben. Von Ende der 1980er Jahre bis 2001 hatte die Karl-Hofer-Gesellschaft darin Ateliers und Ausstellungsräume, das war dann der „Künstlerbahnhof“. Heute sitzt dort die Verwaltung einer Kette für Tiernahrung.
Abstecher zum Schloss Charlottenburg
Zum nächsten Ringbahnhof wäre es von hier nach Norden gegangen. Ich bin nach Osten gelaufen, den Spandauer Damm entlang, knapp einen Kilometer bis zum Schloss Charlottenburg. Zuerst zieht sich ein langer Flügel mit roten Dächern am Rasen entlang, dann öffnet sich der Ehrenhof mit Mittelbau und Kuppel.
Angefangen hat das Schloss klein: 1695 bis 1699 entstand nach Entwürfen von Johann Arnold Nering ein Lustschloss für Sophie Charlotte. Nach 1701 baute Eosander von Göthe es aus, Seitenflügel, Ehrenhof und die Kuppel kamen dazu. Nach Sophie Charlottes Tod 1705 bekamen Schloss und Ort ihren Namen. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Schloss schwer beschädigt, der Wiederaufbau dauerte mehr als zwei Jahrzehnte.


Im Ehrenhof reitet der Große Kurfürst. Das Standbild von Andreas Schlüter stammt aus den Jahren 1696 und 1697 und stand ursprünglich auf der Langen Brücke vor dem Berliner Schloss. Hier steht es seit Anfang der 1950er Jahre, auf einer Kopie des Sockels. Der echte Sockel ist im Bode-Museum und trägt dort eine Kopie des Reiters. Original und Kopie haben also die Plätze über Kreuz getauscht.
Hinter dem Schloss beginnt der Schlossgarten, Ende des 17. Jahrhunderts von Siméon Godeau angelegt, einem Schüler Le Nôtres. Von der Gartenseite aus steht die goldene Fortuna auf der Kuppel genau über dir. Das barocke Parterre davor ist jünger, als es aussieht: Es wurde von 1952 bis 1967 „barockisierend, aber nicht originalgetreu“ neu angelegt und 2001 erneuert. Weiter hinten wird der Garten zum Landschaftspark. Am Karpfenteich, der zur Umgestaltung von 1802 gehört, habe ich mich umgedreht: Von dort spiegelt sich das Schloss im Wasser.
Ein Stück weiter lagen Schafe unter zwei Fichten auf der Wiese. Sie sind im Schlossgarten als Landschaftspfleger im Einsatz und halten im landschaftlichen Teil die Wiesen kurz, bis heute.



Über die Spree nach Jungfernheide und Moabit
Am nördlichen Ende des Parks bin ich über die Spree gegangen und war wenig später am Bahnhof Jungfernheide. Bis hierher waren es knapp sechs Kilometer.
Jungfernheide war einmal Abzweigbahnhof: Ab 1929 fuhr von hier die Siemensbahn nach Gartenfeld. Ihr Bahnsteig wurde 1975 geschlossen und danach abgerissen, weil die heutige U7 gebaut wurde.
Hinter dem Bahnhof wird es nüchtern. Der Weg bleibt auf der Mierendorff-Insel erst dicht an den Gleisen und führt dann über den Charlottenburger Verbindungskanal nach Moabit. Die Sickingenstraße läuft gerade auf die Beusselstraße zu. Das sind gut zweieinhalb Kilometer reine Verbindung.
Kurz vor der Ecke hat mich eine rote Brandwand aufgehalten: Eine Frau im roten Gewand umarmt ein blondes Kind, dazu kommt ein handgeschriebener englischer Text. Das Bild stammt vom Duo Herakut und heißt „This game called life“.

Beusselbrücke: Gleise, Container, Westhafen
Vom Bahnhof Beusselstraße siehst du von der Straße aus nur einen Glasbau mit Schild. Die Bahnsteige liegen unter der Brücke.
Die Brücke lohnt den Halt mehr als der Bahnhof. Von oben geht der Blick über das Gleisfeld: Containerstapel, an diesem Tag ein ICE dazwischen, am Horizont die Türme und Speicher des Westhafens. Der Hafen wurde 1923 eröffnet, zehn Jahre nach dem Osthafen, und als geschlossene Hafenstadt angelegt: Verwaltungsgebäude, Lagerhäuser, Getreidespeicher, Kräne, ein Kasino, sogar eine Schifferkirche. Der Turm des Verwaltungsgebäudes ist das Wahrzeichen und war für ankommende Schiffe eine Art Leuchtturm. 1926 mietete Ford ein Lagerhaus, in dem bis zu 300 Arbeiter das Modell T montierten. In den 2000er Jahren wurde eines der drei Hafenbecken zugeschüttet, dafür kam ein Containerterminal. Zwischen Hafen, Gleisen und Autobahn liegt außerdem seit 1965 der Berliner Großmarkt.
Schleife durch Moabit
Östlich der Beusselstraße bin ich auf der Südseite der Gleise weitergegangen, am früheren Güterbahnhof Moabit vorbei. Dessen Backsteingebäude ist heute das Zentrum für Kunst und Urbanistik, kurz ZK/U. An einer Mauer kurz dahinter hielt ein Affe mit blonder Mähne und gefletschten Zähnen einen grauen, gefesselten Mann im Arm, alles vor orangefarbenem Grund.
Dann bin ich nach Südosten abgebogen, weg von der Bahn. Am Unionplatz, Ecke Bremer Straße und Birkenstraße, saß damals die Friedensstatue, ein Mädchen im Hanbok mit einem Vogel auf der Schulter. Dort sitzt sie nicht mehr. Ihre Geschichte steht unten unter „Am Wegesrand“.
Die Birkenstraße führt weiter zur Stromstraße. An der Ecke füllt ein Junge im Ringelshirt, der einen kleinen Elefanten im Arm hält, die ganze Stirnwand eines Hochhauses. Auch dazu unten mehr. Ein paar Straßen weiter, am südlichsten Punkt der Schleife, sitzt an einer weißen Brandwand eine Frau, in ein Tuch gehüllt, vor Blättern und Blüten in Violett und Grün. Das ist „Mother Earth“ von Wandal an der Lübecker Straße.


Von dort bin ich in einem Bogen nach Norden zurück zur Bahn gelaufen und über die Putlitzbrücke zum Bahnhof Westhafen. Auf der Brücke steht seit 1987 ein Mahnmal. Es erinnert an die Zehntausenden Berliner Jüdinnen und Juden, die vom Güterbahnhof Moabit in die Vernichtungslager deportiert wurden. Die Gleise dafür lagen östlich der Brücke. Um den Gedenkort dort geht es unten unter „Am Wegesrand“. Das Mahnmal selbst beschreibe ich in meiner ersten Tour durch das jüdische Berlin, die ebenfalls über die Putlitzbrücke führt.
Hinter dem Bahnsteigdach ragt der Turm des Westhafen-Verwaltungsgebäudes auf, jetzt ganz nah. Im U-Bahnhof nebenan stehen seit 2000 Auszüge aus den Menschenrechten auf den weißen Wandkacheln, ein Kunstprojekt von Françoise Schein und Barbara Reiter. An der Putlitzbrücke steht außerdem ein Gleichrichterwerk von 1927/28. Entworfen hat es Richard Brademann, der Architekt des Bahnhofs Westkreuz. Nach knapp zwölf Kilometern bin ich also wieder bei ihm angekommen.
Am Kanal entlang in den Sprengelkiez
Nördlich des Bahnhofs geht es über den Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal. Beim Blick den Kanal entlang liegt rechts ein Backsteinbau mit Türmchen am Wasser, ein Fußgängersteg führt hinüber, dahinter stehen Schornsteine und Kräne. Am Friedrich-Krause-Ufer arbeitet das Kraftwerk Moabit, 1900 als zweites Drehstromkraftwerk Berlins gebaut, mit einer Neorenaissance-Fassade von Franz Schwechten.
Ich bin am Nordufer nach Osten gegangen. Am Rand des Sprengelkiezes steht ein Eckhaus, dessen Giebelwand komplett bemalt ist: Felder in Orange, Rosa und Schwarz, darin Hände, ein Auge, eine Leiter, eine Fabrik, ein Pfeil.


Im Kiez steht an der Samoastraße die Osterkirche: ein wuchtiger Backsteinturm mit goldener Uhr, an dem der Efeu hochklettert.
Die große Schleife durch den Wedding
An der Osterkirche war der Ring nicht weit. Ich bin trotzdem nach Norden weitergegangen, und zwar gründlich: Die Schleife durch den Wedding ist der weiteste Abstecher der Tour, am entferntesten Punkt liegen die Gleise gut einen Kilometer hinter dir.
Erste Station ist die Kapernaumkirche an der Seestraße. Ende April hingen davor blühende Kirschzweige, rosa vor rotem Backstein und grauem Himmel.


Hinter der Seestraße bin ich bis zur Müllerstraße gelaufen, ein Stück auf ihr zurück und dann in einen der Friedhöfe abgebogen, die hier als lange, schmale Streifen von der Straße wegführen. Am anderen Ende bin ich wieder herausgekommen und nach Süden gelaufen.
An der Turiner Straße liegen zwei Wandbilder nah beieinander. Das große Frauengesicht hinter den Bäumen stelle ich unten vor. Das andere sieht aus wie ein Plakat aus der Zeit des Jugendstils: eine Frau, eine schwarze Katze, verschlungene Bänder auf rotem Grund. Gemalt haben es DrNice und Mario Kwast.
Am Leopoldplatz steht die Neue Nazarethkirche mit ihrem grünen Spitzhelm. Max Spitta hat sie entworfen, gebaut wurde von 1891 bis 1893, weil die alte Nazarethkirche am selben Platz, ein Bau von Schinkel, für die schnell wachsende Gemeinde zu klein geworden war. Der Turm ist 78 Meter hoch. 1989 gab die Gemeinde die Kirche auf, 1992 verkaufte das Land Berlin sie an eine evangelische Freikirche.


Vom Leopoldplatz sind es noch 800 Meter bis zum Bahnhof Wedding. Kurz davor sitzen an der Lynarstraße drei Kinder in einem kahlen schwarzen Baum, das zweite Wandbild, um das es unten geht. Dann kommt die Bahnbrücke mit dem bunten Schriftzug „WEDDING“. Seit dem Bahnhof Westhafen war ich knapp sechs Kilometer unterwegs. Die Ringbahn braucht dafür eine Station.
Zur Wiedereröffnung 2002 wurde der Bahnsteig versetzt, damit der Weg zur U-Bahn kürzer wird. Im April 2021 hielten an der S-Bahn nur die Ringzüge.
Am Humboldthain zum Gesundbrunnen
Die letzten gut zwei Kilometer sind wieder direkter Weg. Über den Nettelbeckplatz bin ich nach Osten gelaufen, dann am Südrand des Volksparks Humboldthain entlang. Gegenüber liegt das frühere AEG-Gelände: Ab 1894 wuchs hier Stück für Stück eine Fabrikstadt, in der bis in die 1980er Jahre Motoren, Maschinen und Bahnmaterial gebaut wurden. 1984 war Schluss, vieles wurde abgerissen. Geblieben sind denkmalgeschützte Hallen, einige von Peter Behrens, und das „Beamtentor“ von Franz Schwechten an der Brunnenstraße.
Über die Brunnenstraße bin ich zum Bahnhof Gesundbrunnen gekommen. Von oben geht der Blick auf Bahnsteig und Gleise, die hier im Einschnitt liegen. Den ganzen Tag bin ich um die Bahn herumgelaufen, am Ende stand ich über ihr.

Mehr zum Bahnhof Gesundbrunnen steht am Anfang von Teil 4. Er beginnt hier und schließt am Ostkreuz den Ring.
Am Wegesrand
Die Friedensstatue vom Unionplatz
Im April 2021 saß an der Ecke Bremer Straße und Birkenstraße ein bronzefarbenes Mädchen im Hanbok, das Haar kurz, ein Vogel auf der Schulter, daneben ein leerer Stuhl. Die Friedensstatue ist eine Replik der Figur, die das Künstlerpaar Kim Seo-Kyung und Kim Eun-Sung für Seoul geschaffen hat. Sie erinnert an die sogenannten „Trostfrauen“, Mädchen und Frauen, die das japanische Militär im Asien-Pazifik-Krieg verschleppte und sexuell versklavte, und an sexualisierte Gewalt in Kriegen überhaupt. Enthüllt wurde sie am 28. September 2020 auf Initiative des Korea Verbands, genehmigt für ein Jahr. Zehn Tage später widerrief das Bezirksamt Mitte die Genehmigung: Der Bezirk dürfe in einem historischen Konflikt zwischen zwei Staaten nicht Partei ergreifen. Nach einem Eilantrag blieb die Statue stehen. Als ich vorbeikam, war sie also sieben Monate alt und schon umstritten.

Es folgten Verlängerungen, 2024 ein Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung für den Verbleib und mehrere Gerichtsverfahren. Im Oktober 2025 entschied das Verwaltungsgericht, dass die Statue weichen muss, das Oberverwaltungsgericht bestätigte das. Am 17. Oktober 2025 ließ der Bezirk sie abbauen. Einen Ersatzstandort auf einem privaten Grundstück in der Nähe hatte der Korea Verband abgelehnt, weil die Statue in den öffentlichen Straßenraum gehöre. Seit dem 22. Januar 2026 steht „Ari“, wie die Figur in Berlin heißt, als Leihgabe im ZK/U an der Siemensstraße 27, zunächst für ein Jahr. Das ist ein paar hundert Meter vom alten Platz entfernt und liegt fast an der Strecke dieser Tour.
Gedenkort Güterbahnhof Moabit
Das Mahnmal auf der Putlitzbrücke ist nicht der einzige Ort, der in Moabit an die Deportationen erinnert. Rund 650 Meter östlich der Brücke, zwischen Quitzowstraße und Ellen-Epstein-Straße, liegt der Gedenkort Güterbahnhof Moabit, eröffnet im Juni 2017. Von den Gleisen 69, 81 und 82 dieses Güterbahnhofs, nicht von einem der S-Bahnhöfe, wurden von 1942 bis 1944 mehr als 32.000 Jüdinnen und Juden in Ghettos und Vernichtungslager gebracht. Die Tafeln am Ort nennen etwa 30.000. Bei dieser Zahl bleibt auch die erste Tour der Serie Jüdisches Berlin, auf der ich gut fünf Wochen später an den Stelen und am Kiefernhain war. Es war der größte Deportationsbahnhof Berlins. Die Menschen kamen aus Sammellagern wie der Synagoge in der Levetzowstraße und wurden vor aller Augen durch die Straßen Moabits getrieben. Das Mahnmal an der Levetzowstraße gehört zur sechsten Tour der Serie. Erhalten sind der gepflasterte Weg von der Quitzowstraße, ein kurzes Gleisstück und ein Rest der Rampe, heute zwischen einem Baumarkt und dem Parkplatz eines Discounters. Das Kollektiv Raumlabor hat dort einen Hain aus Kiefern gepflanzt. Von der Strecke dieser Tour sind es keine 300 Meter bis dorthin.
Die Kapelle auf dem Luisenfriedhof II
Die Kapelle des Luisenfriedhofs II wurde 1868 fertig, ein Jahr nach dem Friedhof. Entworfen und gebaut hat sie der Maurermeister Rudolph Zeitler für die Luisen-Kirchengemeinde: ein neugotischer Rechteckbau aus gelben Ziegeln mit Schieferdach. Über dem spitzbogigen Portal stehen in Gold die Jahreszahl und der Schriftzug „Luisen-Friedhofs-Kapelle“. Unter dem Feierraum liegt zu ebener Erde eine Leichenhalle. Sie ist die früheste Friedhofskapelle Charlottenburgs und eine der ältesten erhaltenen in Berlin, von 1993 bis 1995 wurde sie restauriert. Auf dem Friedhof liegen unter anderem der Bildhauer Albert Wolff, ein Schüler von Rauch, und die Philosophin Liselotte Richter. Mehr zur Kapelle steht in einem eigenen Beitrag.

Junge mit Elefant an der Stromstraße
Das Wandbild an der Stromstraße 36, Ecke Birkenstraße, ist eine Gemeinschaftsarbeit von Herakut, Wes21 und Onur. Es entstand 2018 beim ersten Berlin Mural Fest. Ein übergroßer Junge im Ringelshirt hält schützend einen kleinen, sichtlich misshandelten Elefanten im Arm. Dazu gehört der Satz „As long as you are standing, give a hand to those who have fallen“. 2021 war die Stirnwand frei zu sehen. Im Herbst 2025 wuchs auf dem Nachbargrundstück ein Neubau heran, der das Bild nach und nach verdeckt. Gut möglich, dass es inzwischen ganz verschwunden ist. Mehr zum Bild steht in einem eigenen Beitrag.

Wedding Walls: zwei Wandbilder von 2011
Zwei der Wandbilder im Wedding gehören zum selben Projekt, „Wedding Walls“ von 2011. An der Lynarstraße, gleich am Bahnhof Wedding, malte Victor Ash „Tree Children“: ein kahler Baum in Schwarz und Grau, in dem drei Kinder sitzen und mit Ferngläsern in die Ferne schauen. An der Turiner Straße 19 stammt das große Frauengesicht vom Duo JBAK, das sind James Bullough und Karl Addison. Es blickt über einen kleinen Park, der ein Friedhof ist: Der Friedhof Turiner Straße wurde 1866 angelegt, gut ein Drittel der Fläche sind Kriegsgräber. Wegen der Bäume siehst du das Gesicht am besten von der Straße aus. Beide Bilder haben einen eigenen Beitrag: „Tree Children“ und das Frauengesicht.


Gut zu wissen
- Die Route ist selbst gelegt, eine Markierung gibt es nicht. Wenn du nur die Bahnhöfe verbinden willst, lass die drei Schleifen (Schloss Charlottenburg, Moabit, Wedding) weg und spar dir mehrere Kilometer.
- Am 30. April 2021 galt in Berlin der Corona-Lockdown, Gaststätten durften nur außer Haus verkaufen. Deshalb kommt in diesem Bericht keine Einkehr vor. Heute gibt es an fast jedem Bahnhof Imbisse und Bäcker.
- Der Schlossgarten Charlottenburg kostet keinen Eintritt und ist täglich bis zur Dämmerung geöffnet.
- Der Bahnhof, der am Wandertag Messe Nord/ICC hieß, heißt seit dem 15. Dezember 2024 Messe Nord/ZOB.
- Seit Juni 2026 fährt die S15 von Gesundbrunnen über Wedding zum Hauptbahnhof. Am Westhafen hält sie nicht.
- Wandbilder halten nicht ewig. Die Fotos zeigen den Stand vom April 2021: Das Bild an der Stromstraße wird zugebaut, die Wand mit dem Affen dürfte längst neu bemalt sein.
- Fast die ganze Strecke läuft auf Gehwegen. Rund ums Westkreuz und zwischen Jungfernheide und Beusselstraße bist du lange nah an Autobahn oder Gleisen.
Fazit
Die dritte Tour ist die längste und die mit dem meisten Stoff. Das Schloss, der Blick von der Beusselbrücke und die Wandbilder in Moabit und im Wedding hätten jeweils für einen eigenen Spaziergang gereicht. Der Haken: Mit dem Ring hat das über weite Strecken wenig zu tun. Zwischen Westhafen und Wedding liegt eine einzige Station, ich war dazwischen fast sechs Kilometer unterwegs. Und das Stück von Jungfernheide zur Beusselstraße zieht sich.
Wenn dir 20 Kilometer Asphalt zu viel sind, teil die Tour am Bahnhof Westhafen. Sie passt für alle, die eine Stadt lieber zu Fuß durchqueren als durchfahren, gerade weil sie sich so oft vom Ring entfernt.
