Unterwegs zu Fuß

Jüdisches Berlin zu Fuß: Sieben Stadtwanderungen und eine Zeitleiste

Bodenfeld aus Eisenplatten, jede mit dem Relief einer Berliner Synagoge und einer Textzeile zu Adresse, Sitzplätzen, Baujahr und Schicksal, dazwischen Laub

Thema in Berlin · Jüdisches Berlin · Alle Touren und Wege

Im Juni 2021 bin ich an sieben Tagen durch Berlin gegangen: vom Gesundbrunnen nach Hohenschönhausen, von Charlottenburg nach Neukölln, von Köpenick nach Fennpfuhl, von Lichterfelde nach Friedenau und auf drei weiteren Wegen. Unterwegs ging es um jüdisches Leben in der Stadt und um die Orte, an denen an Verfolgung und Ermordung erinnert wird: Friedhöfe, Synagogen, Gedenktafeln, Mahnmale, Stolpersteine. Zusammen sind das 163,6 Kilometer. Diese Seite ordnet die sieben Touren und erzählt die Geschichte dahinter, mit einer Zeitleiste von 1244 bis heute.

Touren

7

Strecke

163,6 km

Gelaufen

Juni 2021

Gemeinde seit

1671

Inhalt dieser Seite

Die sieben Touren

Die Berichte sind nach dem Datum nummeriert. Jeder hat eine Karte, Fotos und die Orte in der Reihenfolge, in der ich an ihnen vorbeigekommen bin. Beschrieben ist, was von außen zu sehen war, und zwar so, wie die Orte im Juni 2021 aussahen. Spätere Änderungen stehen jeweils dabei.

Zusammen sind es 163,6 Kilometer. Die Karte zeigt, wo die Routen liegen: Mitte ist dicht belegt, im Westen, Süden und Südosten führen die Touren weit hinaus.

Karte: Die sieben Touren durch das jüdische BerlinDie sieben Routen liegen über dem Berliner Stadtgebiet. Jede Linie führt zum zugehörigen Tourbericht.Tour 1: Von Gesundbrunnen nach Hohenschönhausen, 24,1 kmTour 2: Von Charlottenburg nach Neukölln, 23,5 kmTour 3: Von Pankow nach Mitte, 31,6 kmTour 4: Mitte, 9,7 kmTour 5: Von Köpenick nach Fennpfuhl, 28,3 kmTour 6: Von Charlottenburg nach Mitte, 21,2 kmTour 7: Von Lichterfelde nach Friedenau, 25,2 km
  1. 1Von Gesundbrunnen nach Hohenschönhausen24,1 km
  2. 2Von Charlottenburg nach Neukölln23,5 km
  3. 3Von Pankow nach Mitte31,6 km
  4. 4Mitte9,7 km
  5. 5Von Köpenick nach Fennpfuhl28,3 km
  6. 6Von Charlottenburg nach Mitte21,2 km
  7. 7Von Lichterfelde nach Friedenau25,2 km

Ein Klick auf eine Linie oder auf einen Eintrag öffnet den Tourbericht. Die gefüllten Kreise zeigen den Start, die hellen Ringe das Ziel. Kartengrundlage: OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL).

Vorderhaus der Synagoge Rykestraße 53 aus rotem Backstein mit Doppelbogen-Durchfahrt und Davidsternen in den TorgitternTour 1 · 7. Juni 2021 · 24,1 kmVom Gesundbrunnen nach Alt-HohenschönhausenJüdisches Krankenhaus, Putlitzbrücke, Gedenkort Moabit, Schönhauser Allee, Synagoge Rykestraße, Friedhof Weißensee und Hohenschönhausen.Barocker Altbau des Jüdischen Museums Berlin mit Giebel, Portal und zwei pinken BannernTour 2 · 9. Juni 2021 · 23,5 kmVon Charlottenburg nach NeuköllnGemeindehaus Fasanenstraße, Bayerisches Viertel, Jüdisches Museum, Synagoge Fraenkelufer, Columbia-Haus und Neukölln.Straßenfront des früheren II. Waisenhauses der Jüdischen Gemeinde in Pankow mit Rundgiebel und InschriftTour 3 · 10. Juni 2021 · 31,6 kmVon Pankow nach MitteWaisenhaus, Friedhöfe, Synagoge Rykestraße, Große Hamburger Straße und Neue Synagoge.Skulpturengruppe „Block der Frauen“ von Ingeborg Hunzinger aus rotem Sandstein in der RosenstraßeTour 4 · 11. Juni 2021 · 9,7 kmDurch Mitte, vom Bahnhof Friedrichstraße zum AlexanderplatzPariser Platz, Stelenfeld, Hausvogteiplatz, Neue Synagoge, Rosenthaler Straße 39, Rosenstraße und Nikolaiviertel.Ummauerte Grabanlage aus grauem Muschelkalk im Waldfriedhof Oberschöneweide mit Portal und schmiedeeisernem GittertorTour 5 · 23. Juni 2021 · 28,3 kmVon Köpenick nach FennpfuhlFlatow-Stele, Synagogentafel, Rathenau-Grab, Gedenkort Rummelsburg und die Tafel für Hans Rosenthal.Mahnmal Levetzowstraße: stählerner Waggonrahmen mit Marmorfiguren und eine Rampe mit zusammengeschnürter FigurengruppeTour 6 · 25. Juni 2021 · 21,2 kmVon Charlottenburg nach MitteGedenktafeln, Adass Jisroel am Siegmunds Hof, Mahnmal Levetzowstraße und Stelenfeld.Reihe von 15 Stolpersteinen im Mosaikpflaster vor einer dunkelroten Ziegelmauer mit zwei weißen GrablichternTour 7 · 26. Juni 2021 · 25,2 kmVon Lichterfelde nach FriedenauSäule der Gefangenen, Spiegelwand, Synagoge Grunewald, RIAS-Funkhaus und Stolpersteine.Gedenkstein der Jüdischen Gemeinde im Rondell am Eingang des Jüdischen Friedhofs Weißensee, dahinter der ArkadengangOrtsporträt · Besondere OrteJüdischer Friedhof WeißenseeAlleen, Mausoleen und mehr als 115.000 Gräber: ein Rundgang über den Friedhof, eingeweiht 1880 und bis heute belegt.Überwachsenes Grabfeld mit alten, teils schiefen Grabsteinen unter hohen Laubbäumen auf dem Jüdischen Friedhof Schönhauser AlleeOrtsporträt · Besondere OrteJüdischer Friedhof Schönhauser AlleeMeyerbeer, Liebermann und der Judengang: ein Friedhof von 1827, mitten im Prenzlauer Berg zwischen Häusern und Mauern.

Die Friedhöfe Weißensee und Schönhauser Allee haben eigene Beiträge bekommen, weil sie sich nicht in einen Tourbericht pressen lassen: das Ortsporträt Friedhof Weißensee und das Ortsporträt Friedhof Schönhauser Allee, beide in der Rubrik Besondere Orte.

Orte nach Bezirk

Wenn du zuerst nach dem Ort suchst: Hier stehen die Orte der Touren nach Bezirken, mit Link zur Stelle im jeweiligen Bericht. Unter dem Bezirk stehen die Ortsteile, die eine Tour berührt.

Mitte

Mitte, Moabit, Tiergarten, Gesundbrunnen, Hansaviertel

Pankow

Prenzlauer Berg, Weißensee, Pankow

Charlottenburg-Wilmersdorf

Charlottenburg, Westend, Wilmersdorf, Halensee, Grunewald, Schmargendorf

Friedrichshain-Kreuzberg

Kreuzberg

Tempelhof-Schöneberg

Schöneberg, Tempelhof, Friedenau

Neukölln

Neukölln

Steglitz-Zehlendorf

Lichterfelde, Steglitz

Treptow-Köpenick

Köpenick, Baumschulenweg, Oberschöneweide, Niederschöneweide

Lichtenberg

Alt-Hohenschönhausen, Rummelsburg, Fennpfuhl

Marzahn-Hellersdorf

Kaulsdorf

Zeitleiste: Jüdisches Berlin seit 1244

Die Zeitleiste führt die Quellen jeweils dabei. Bei Zahlen und Tagesdaten, in denen sich die Quellen unterscheiden, steht das im Eintrag. Einige Ereignisse spielten an Orten, an denen keine meiner Touren vorbeiführt, etwa am Bahnhof Grunewald.

Thema

Mittelalter und frühe Neuzeit

1244

Ein Grabstein aus Spandau von 1244 ist der älteste Beleg jüdischen Lebens im Gebiet des heutigen Berlin. Quellen: Jüdische Gemeinde zu Berlin, Tagesspiegel

1295

Juden werden in Berlin zum ersten Mal urkundlich erwähnt, in einem Privileg der Tuchmacherzunft. Quellen: Jüdische Gemeinde zu Berlin, Encyclopaedia Judaica

1349/50

Während der Pest werden die Berliner Juden verfolgt, getötet oder vertrieben. Quellen: Jüdische Gemeinde zu Berlin, Encyclopaedia Judaica

1446

Die Juden werden aus Brandenburg vertrieben. Quellen: Jüdische Gemeinde zu Berlin, Encyclopaedia Judaica

1510

Nach einem Schauprozess wegen angeblicher Hostienschändung werden 38 Juden aus Berlin und der Mark Brandenburg auf dem Scheiterhaufen verbrannt, alle anderen müssen die Mark verlassen. Der Tag wird in den Quellen unterschiedlich angegeben: Die Infotafel an der Karl-Liebknecht-Straße 8 nennt den 19. Juli, die Encyclopaedia Judaica den 10. Juli. Quellen: Gedenktafeln in Berlin, Tafel zum Prozess von 1510, Tagesspiegel, Encyclopaedia Judaica

1573

Der Münzmeister Lippold wird am 28. Januar in Berlin hingerichtet. Danach werden die Juden erneut aus der Mark ausgewiesen. Quellen: Neue Deutsche Biographie, Lippold, Jüdische Gemeinde zu Berlin

Neubeginn und Aufklärung

21. Mai 1671

Kurfürst Friedrich Wilhelm nimmt mit einem Edikt 50 jüdische Familien für 20 Jahre in der Mark Brandenburg auf. Eine Synagoge dürfen sie nicht halten, beten dürfen sie in ihren Häusern. Aufgenommen werden Familien, die 1670 aus Wien vertrieben worden waren. Quellen: Edikt von 1671 im Wortlaut, Encyclopaedia Judaica, Jüdische Gemeinde zu Berlin

10. September 1671

Die ersten beiden Familien erhalten einen Schutzbrief für Berlin. Das Datum gilt als Gründungstag der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Quellen: Jüdische Allgemeine, Encyclopaedia Judaica

1672

Model Riess erwirbt das Grundstück an der Großen Hamburger Straße als Begräbnisplatz. Es ist der älteste jüdische Friedhof Berlins. Quellen: Gedenktafeln in Berlin, Model Riess, Jüdische Gemeinde, Friedhöfe

7. September 1714

In der Heidereutergasse wird die erste Gemeindesynagoge eingeweiht. Das Edikt von 1671 hatte nur das Gebet in Privathäusern erlaubt. Quellen: Centrum Judaicum, Zeittafel, Encyclopaedia Judaica, Edikt von 1671 im Wortlaut

1743

Der junge Moses Mendelssohn kommt aus Dessau nach Berlin. Er wird später zu einem der bekanntesten Denker der Aufklärung. Quellen: Neue Deutsche Biographie, Moses Mendelssohn, Jüdisches Museum Berlin

1778

In Berlin wird die Jüdische Freischule gegründet. Neben jüdischen Fächern werden dort auch Deutsch, Französisch, Mathematik und Geografie unterrichtet. Quellen: bpb, Jüdische Emanzipation, Encyclopaedia Judaica

11. März 1812

Ein preußisches Edikt erklärt die Juden zu preußischen Staatsbürgern. Die Zulassung zu Staatsämtern behält sich der König vor. Quellen: Edikt von 1812 im Wortlaut, bpb, 19. Jahrhundert

1827

Der Friedhof an der Schönhauser Allee wird angelegt. Er löst den an der Großen Hamburger Straße ab. Quellen: Jüdische Gemeinde, Friedhöfe, Gedenktafeln in Berlin, Model Riess

5. September 1866

Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße wird eingeweiht. Mit 3.200 Sitzplätzen ist sie damals die größte Synagoge Deutschlands. Quellen: Centrum Judaicum, Zeittafel, Centrum Judaicum, Neue Synagoge

1871

Mit der Reichsgründung gilt die rechtliche Gleichstellung der Konfessionen im ganzen Deutschen Reich. Quellen: bpb, Jüdische Emanzipation, LeMO, Antisemitismus im Kaiserreich

Kaiserreich und Weimarer Republik

Um 1880

In Berlin entbrennt der „Antisemitismusstreit“. Der Hofprediger Adolf Stoecker trägt den Antisemitismus in die Parteipolitik, mehr als 250.000 Menschen unterschreiben 1880/81 die „Antisemiten-Petition“. Quellen: LeMO, Antisemitismus im Kaiserreich, Encyclopaedia Judaica

9. September 1880

Der Friedhof in Weißensee wird eingeweiht. Quellen: Landesdenkmalamt Berlin, Jüdische Gemeinde, Friedhöfe

24. Juni 1922

Außenminister Walther Rathenau wird von Rechtsextremen ermordet. Quellen: Encyclopaedia Judaica, LeMO, Antisemitismus in der Weimarer Republik

5. November 1923

Im Scheunenviertel kommt es zu einem Pogrom gegen jüdische Bewohner*innen. Quellen: Encyclopaedia Judaica, Tagesspiegel

1925

Nach der Encyclopaedia Judaica leben in Berlin rund 172.700 Jüdinnen und Juden, der höchste Wert in ihrer Tabelle. Etwa ein Drittel aller Jüdinnen und Juden in Deutschland lebt in der Stadt. Quellen: Encyclopaedia Judaica, LeMO, Antisemitismus in der Weimarer Republik

Verfolgung und Ermordung

1. April 1933

Die Nationalsozialisten organisieren einen reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte. Quellen: LeMO, Boykott 1933, USHMM

15. September 1935

Die Nürnberger Gesetze nehmen Jüdinnen und Juden die staatsbürgerliche Gleichstellung. Quellen: LeMO, Nürnberger Gesetze, Jüdische Gemeinde zu Berlin

9./10. November 1938

Beim Novemberpogrom werden auch in Berlin Synagogen angezündet und Geschäfte zerstört. Die Neue Synagoge bleibt, weil Polizisten unter Wilhelm Krützfeld eingreifen, vor größerem Schaden bewahrt. Quellen: USHMM, Centrum Judaicum, Zeittafel

19. September 1941

Alle Jüdinnen und Juden ab sechs Jahren müssen den gelben Stern tragen. Quellen: LeMO, Gelber Stern, Encyclopaedia Judaica

18. Oktober 1941

Vom Bahnhof Grunewald fährt der erste Deportationszug aus Berlin, mit rund 1.000 Menschen nach Litzmannstadt (Łódź). Quellen: bpb, Gleis 17, Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf, Bahnhof Grunewald

23. Oktober 1941

Juden im Deutschen Reich wird die Auswanderung verboten. Quellen: LeMO, Jahreschronik 1941, Encyclopaedia Judaica

Juni 1942

Vom Anhalter Bahnhof beginnen die Transporte überwiegend alter Menschen nach Theresienstadt. Quellen: Gedenktafeln in Berlin, Stele Askanischer Platz, Gedenktafeln in Berlin, Anhalter Bahnhof

27. Februar 1943

Mit einer reichsweiten Großrazzia auf jüdische Zwangsarbeiter*innen und ihre Angehörigen beginnt die „Fabrik-Aktion“. In der Rosenstraße protestieren Angehörige etwa eine Woche lang für die Freilassung der Gefangenen. Einige hundert werden freigelassen, die meisten Verhafteten werden trotzdem deportiert. Quellen: bpb, Stille Helden, bpb, Rosenstraße

1941 bis 1945

Mehr als 50.000 Jüdinnen und Juden werden aus Berlin deportiert. Das Gedenkbuch nennt die Namen von 55.696 ermordeten Berliner Jüdinnen und Juden. Die Zahlen unterscheiden sich je nach Quelle und Zählweise. Quellen: Gedenktafeln in Berlin, Stele Askanischer Platz, Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf, Bahnhof Grunewald, Jüdische Allgemeine

1945

Von bis zu 7.000 Untergetauchten in Berlin überleben nach der Gedenkstätte Deutscher Widerstand über 1.700, nach der bpb rund 1.500. Quellen: Gedenkstätte Deutscher Widerstand, bpb, Stille Helden

Nach 1945

1945

Die Gemeinde konstituiert sich neu, mit Sitz im sowjetischen Sektor in der Oranienburger Straße. Quellen: Jüdisches Museum Berlin, Juden in der DDR, Encyclopaedia Judaica

1952/53

Die Gemeinde zerfällt in einen Ost- und einen West-Berliner Teil. Quellen: Encyclopaedia Judaica, Jüdisches Museum Berlin, Juden in der DDR

1955

Die West-Berliner Gemeinde legt den Friedhof an der Heerstraße an, bestattet wird dort seit 1956. Quellen: bpb, Friedhof Weißensee, Jüdische Gemeinde, Friedhöfe

10. November 1988

In Ost-Berlin wird symbolisch der Grundstein für den Wiederaufbau der Neuen Synagoge gelegt. Quellen: Centrum Judaicum, Zeittafel, Jüdisches Museum Berlin, Juden in der DDR

1990/91

Die beiden Berliner Gemeinden vereinigen sich wieder (die Quellen nennen 1990 oder Januar 1991). Durch Zuwanderung aus der früheren Sowjetunion wächst die Gemeinde auf über 10.000 Mitglieder. Quellen: Encyclopaedia Judaica, bpb, Friedhof Weißensee, Jüdische Gemeinde zu Berlin

1995

Das Centrum Judaicum wird in der wiederaufgebauten Neuen Synagoge eingeweiht. Quellen: Centrum Judaicum, Zeittafel, Encyclopaedia Judaica

1996

In der Kreuzberger Oranienstraße werden die ersten Berliner Stolpersteine verlegt. Quellen: Koordinierungsstelle Stolpersteine, Tagesspiegel

2001 und 2005

Das Jüdische Museum Berlin wird am 9. September 2001 eröffnet, das Denkmal für die ermordeten Juden Europas am 10. Mai 2005. Quellen: Jüdisches Museum Berlin, Geschichte des Museums, bpb, Jüdisches Museum, Stiftung Denkmal

2021

Die Gründung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin jährt sich zum 350. Mal. Quellen: Jüdische Allgemeine

Juni 2023

In Wilmersdorf eröffnet der Pears Jüdische Campus. Im Juni 2021, als ich dort vorbeikam, war er noch im Bau. Quellen: Jüdische Allgemeine

Ende 2025

Die Jüdische Gemeinde zu Berlin hat 7.992 Mitglieder. Quellen: ZWST, Mitgliederstatistik 2025

Friedhöfe

Die Friedhöfe zeigen am deutlichsten, wie die Gemeinde gewachsen ist. Der älteste jüdische Friedhof Berlins liegt an der Großen Hamburger Straße und wurde 1672 angelegt (Jüdische Gemeinde). 1827 löste ihn der Friedhof an der Schönhauser Allee ab. Nach der Reichsgründung 1871 wuchs die jüdische Bevölkerung Berlins stark, vor allem durch Zuzug aus Posen und Osteuropa. 1880 wurde der Friedhof in Weißensee eingeweiht. Er hat mehr als 115.000 Gräber, gilt als einer der größten jüdischen Friedhöfe Europas und wird bis heute belegt.

Die Große Hamburger Straße kommt auf Tour 3 vor. Auf dieser Tour bin ich auch über den Friedhof an der Schönhauser Allee und den Friedhof Weißensee gegangen. Zu Weißensee gibt es das Ortsporträt Friedhof Weißensee, zur Schönhauser Allee das Ortsporträt Friedhof Schönhauser Allee.

Einen weiteren Friedhof erwarb die West-Berliner Gemeinde 1955: ein Waldstück am Scholzplatz an der Heerstraße. Seit 1956 wird dort bestattet. Heute bestattet die Gemeinde in Weißensee und an der Heerstraße. Der Friedhof Heerstraße liegt an keiner meiner sieben Touren. Hier steht er, weil er zur Geschichte der geteilten Stadt gehört.

Synagogen

Die eine Berliner Synagoge gibt es nicht. Die erste Gemeindesynagoge wurde 1714 in der Heidereutergasse eingeweiht. Die Neue Synagoge an der Oranienburger Straße, 1866 eingeweiht, folgte dem liberalen Ritus: Deutsch in der Liturgie, Orgel, gemischter Chor, Frauen weiter getrennt auf den Emporen. Daneben gab es den Tempel der Reformgemeinde in der Johannisstraße (1854 eingeweiht) und die orthodoxe Gemeinde Adass Jisroel, die sich 1869 von der Hauptgemeinde trennte. Tour 6 führt zum Siegmunds Hof, einem Ort der Adass Jisroel.

In der Pogromnacht 1938 wurde auch in der Neuen Synagoge ein Feuer gelegt; Polizisten unter Wilhelm Krützfeld bewahrten sie vor größerem Schaden. Der Hauptraum wurde 1958 gesprengt, 1988 begann der Wiederaufbau des erhaltenen Vorderhauses, 1995 wurde das Centrum Judaicum eingeweiht. Viele andere Synagogen sind verschwunden oder nur in Resten erhalten. An ihrer Stelle erinnern Tafeln und Stelen, etwa an der Levetzowstraße und in Halensee (Tour 6). Am Fraenkelufer ist der Seitenflügel erhalten (Tour 2).

Deportation: Drei Bahnhöfe, viele Zahlen

Ab Oktober 1941 wurden Jüdinnen und Juden aus Berlin deportiert. Drei Bahnhöfe dienten dafür: der Bahnhof Grunewald, der Güterbahnhof Moabit und der Anhalter Bahnhof. Vom Bahnhof Grunewald fuhr am 18. Oktober 1941 der erste Zug nach Litzmannstadt. Am Bahnhof Grunewald erinnern seit 1991 das Mahnmal von Karol Broniatowski und seit 1998 das Mahnmal Gleis 17 an die Transporte. Gleis 17 ist keine Station meiner Touren, Tour 7 führt etwa einen Kilometer entfernt vorbei. Der Güterbahnhof Moabit wurde ab 1942 genutzt; an seinem Gedenkort an der Quitzowstraße bin ich auf Tour 1 vorbeigekommen.

Als Sammellager diente 1941 die Synagoge in der Levetzowstraße in Moabit (Tour 6), später kam das Altersheim der Gemeinde in der Großen Hamburger Straße dazu (Tour 3). In der Rosenstraße hielt die Gestapo 1943 verhaftete Jüdinnen und Juden fest, die bis dahin als Zwangsarbeiter*innen oder wegen nichtjüdischer Ehepartner*innen verschont geblieben waren (Tour 4).

Wer die Gedenkzeichen liest, findet verschiedene Zahlen. Das liegt oft daran, dass sie Unterschiedliches zählen. „Mehr als 50.000“ sind die aus Berlin Deportierten, 55.696 die Namen der ermordeten Berliner Jüdinnen und Juden im Gedenkbuch. Für Transporte über den Anhalter Bahnhof nach Theresienstadt nennt die Beschreibung des Mahnmals Levetzowstraße 14.797 Menschen. Die Stele am Askanischen Platz von 2008 stellt es genauer dar: Über 15.000 Menschen wurden insgesamt von Berliner Bahnhöfen nach Theresienstadt deportiert, über 9.600 davon vom Anhalter Bahnhof.

Auch die Frage, welcher Bahnhof der wichtigste war, lässt sich nicht an allen Zeichen zugleich ablesen. Die Stele in Grunewald spricht von Deportationen „vorwiegend“ von dort, die Stelen am Güterbahnhof Moabit nennen etwa 30.000 Deportierte, bei insgesamt mehr als 50.000 (Tour 1). Beides lässt sich schwer vereinbaren. Nach den Moabiter Zahlen ging die Mehrheit über Moabit.

Gedenken

Die kleinsten Gedenkzeichen sind die Stolpersteine. In Berlin liegen sie seit 1996; die ersten verlegte Gunter Demnig in der Kreuzberger Oranienstraße. Die Datenbank der Koordinierungsstelle Stolpersteine führt im Oktober 2026 mehr als 11.000 Einträge. Vor dem früheren Jüdischen Blindenheim in der Wrangelstraße sind 28 Menschen verzeichnet (Tour 7).

Die Gedenktafeln gehen auf das Programm „Berliner Gedenktafel“ zurück: einheitlich gestaltete Porzellantafeln, 1984 beschlossen und mit Blick auf die 750-Jahr-Feier Berlins 1987 aufgelegt, so beschreibt es die Historische Kommission zu Berlin. Zum Nachlesen eignet sich die Datenbank Gedenktafeln in Berlin, in der viele der Tafeln an den Touren dokumentiert sind.

Die großen Mahnmale entstanden spät: 1988 in der Levetzowstraße, am 18. Oktober 1995 der „Block der Frauen“ in der Rosenstraße, am 27. Januar 1998 Gleis 17 und am 10. Mai 2005 das Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Jüdisches Leben heute

Die Jüdische Gemeinde zu Berlin hatte Ende 2025 7.992 Mitglieder. Die Zahl zählt nur die Mitglieder der Gemeinde, nicht alle Jüdinnen und Juden in der Stadt. Nach der Wiedervereinigung wuchsen die jüdischen Gemeinden in Deutschland durch Zuwanderung aus der früheren Sowjetunion. Am 9. Januar 1991 beschloss die Ministerpräsidentenkonferenz, die Aufnahme in Anwendung des Kontingentflüchtlingsgesetzes zu regeln. Bis 2004 kamen knapp 220.000 Menschen, von denen etwa 85.000 den Weg in jüdische Gemeinden fanden. In Berlin wuchs die Gemeinde auf über 10.000 Mitglieder.

Auf den Touren kommen auch Orte vor, die Gegenwart zeigen, etwa der Pears Jüdische Campus in Wilmersdorf, der im Juni 2023 eröffnete (erwähnt in Tour 6 und Tour 7). Mehrere Tourberichte haben einen Abschnitt „Jüdisches Leben heute“ mit Cafés, Läden und Einrichtungen. Seit dem Juni 2021 hat sich einiges verändert, die Berichte nennen es jeweils bei den Orten.

Wenn du selbst losgehst

  • Ein Tag, nur Mitte: Tour 4 ist mit 9,7 Kilometern die kürzeste und führt vom Bahnhof Friedrichstraße über Pariser Platz, Stelenfeld, Hausvogteiplatz und Auguststraße bis zum Nikolaiviertel.
  • Friedhöfe: Tour 3 führt an vier Friedhöfen vorbei, dem der Adass Jisroel in der Wittlicher Straße, Weißensee, Schönhauser Allee und der Großen Hamburger Straße. Zum Friedhof Weißensee gibt es ein eigenes Porträt.
  • Verfolgung und Deportation: Tour 6 (Levetzowstraße, Stelenfeld, Kindertransport-Denkmal) und Tour 1 (Putlitzbrücke, Güterbahnhof Moabit).
  • Synagogen und Gemeindeleben: Tour 2 (Lindenstraße, Fraenkelufer, Lützowstraße 16, Jüdisches Museum) und Tour 3 (Rykestraße, Neue Synagoge).
  • Zwangsarbeit und der Südosten: Tour 5 (Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, Lager Kaulsdorfer Straße, Rummelsburg).
  • Der Westen und Süden: Tour 7 (SS-Hauptamt, Blindenheim, Rathenau-Schule) und Tour 6.
  • Auf Friedhöfen bedecken Männer den Kopf. In Weißensee gibt es am Eingang Kippot zum Ausleihen.
  • Die Öffnungszeiten der Friedhöfe weichen an jüdischen Feiertagen ab. Prüf sie vorher bei der Jüdischen Gemeinde.
  • Die Berichte beschreiben die Orte, wie sie im Juni 2021 aussahen. Öffnungszeiten von Museen und Gedenkstätten solltest du vor dem Besuch auf deren Seiten nachsehen.

Fazit

Jüdisches Leben in Berlin steckt nicht nur in Synagogen und Friedhöfen. Auf den sieben Touren bin ich an Waisenhäusern, Krankenhäusern, Schulen, Fabriken, einem Blindenheim und vielen Wohnhäusern vorbeigekommen. Fast überall steht daneben, was zwischen 1933 und 1945 geschah. Die Zeitleiste oben soll helfen, die einzelnen Orte in diese Geschichte einzuordnen. Die Berichte zu den Touren zeigen, wie sie sich auf dem Weg darstellt.