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Der Paul-Gerhardt-Weg zu Fuß: 152 Kilometer in sieben Etappen

Paul-Gerhardt-Denkmal vor der Kirche in Lübben

Im März und April 2021 bin ich in sieben Etappen von Berlin-Mitte nach Lübben im Spreewald gelaufen, auf den Spuren des Liederdichters Paul Gerhardt. Der Weg verbindet drei Orte, an denen er gewirkt hat: Berlin, Mittenwalde und Lübben. Hier steht, wie ich ihn eingeteilt habe, was man über Gerhardt und den Weg wissen sollte und welche Etappen ich Eiligen empfehlen würde.

Strecke

152 km

Gehzeit

29 h

Etappen

7

Start und Ziel

Nikolaikirche Berlin bis Lübben

Schwierigkeit

leicht, aber lang

Gelaufen

22. März bis 3. April 2021

Karte: Der Paul-Gerhardt-Weg in sieben EtappenDer Paul-Gerhardt-Weg von der Nikolaikirche in Berlin bis nach Lübben im Spreewald, aufgeteilt in sieben Etappen. Jede Etappe führt zur eigenen Seite.Etappe 1: Nikolaikirche bis Wuhlheide, 14,0 kmEtappe 2: Wuhlheide bis Zeuthen, 27,4 kmEtappe 3: Zeuthen bis Mittenwalde, 28,5 kmEtappe 4: Mittenwalde bis Groß Köris, 20,0 kmEtappe 5: Groß Köris bis Märkisch Buchholz, 16,8 kmEtappe 6: Märkisch Buchholz bis Schlepzig, 26,7 kmEtappe 7: Schlepzig bis Lübben, 18,9 kmNikolaikircheWuhlheideZeuthenMittenwaldeGroß KörisMärkisch BuchholzSchlepzigLübben123456710 km
Der Paul-Gerhardt-Weg von Berlin nach Lübben, 152 km in sieben Etappen. Klick auf eine Etappe führt zu ihrer Seite.

Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), vereinfacht dargestellt.

Der Weg in Zahlen

Der Paul-Gerhardt-Weg verbindet die Berliner Nikolaikirche über Mittenwalde mit der Paul-Gerhardt-Kirche in Lübben: offiziell rund 140 Kilometer in neun Etappen. Man geht aus der Großstadt durch Vororte und Industriegeschichte, weiter durch Seen- und Waldlandschaften und schließlich in den Unterspreewald. Dazwischen liegen unter anderem Treptower Park, Köpenick, Königs Wusterhausen und Mittenwalde. Die drei Kirchen bilden den biografischen Kern, weitere Stationen erschließen die Region. Das Interessante ist dieser Wechsel: Der Weg kann als Kirchen- und Literaturweg gelesen werden, aber auch als Reise durch Wasserbau, Rundfunkgeschichte, Arbeitersiedlungen und brandenburgische Alltagskultur.

Warum tauchen unterschiedliche Kilometerzahlen auf? Die Gesamtzahl von rund 140 Kilometern ist gerundet. Addiert man die neun offiziellen Einzelangaben (16, 13, 12, 13, 16, 19, 15, 24 und 16 Kilometer), kommt man auf 144. Die vom Tourismusverband bei Komoot veröffentlichte Sammlung enthält wieder abweichende Längen, Etappe 8 ist dort mit rund 27 statt 24 Kilometern erfasst. Das belegt nicht automatisch eine größere Umleitung, die Unterschiede können aus Varianten, gezeichneten Tracks, Endpunkten und Rundung entstehen. Bei mir sind es 152 Kilometer geworden, gebraucht habe ich 29 Stunden reine Gehzeit an sieben Tagen. Vermutlich liegt das daran, dass meine Etappen teils an Bahnhöfen beginnen und enden und nicht genau am offiziellen Etappenpunkt. Für die Planung zählt der tatsächlich gewählte Track einschließlich Bahnhofszugängen, Unterkunft und Abstechern.

So ist der Weg entstanden

Ein Wanderführer von Manfred Reschke erschien bereits 2017. Die offizielle Eröffnung des ausgeschilderten Projekts fand am 22. Mai 2019 in Lübben statt, die Pressemitteilung des Bezirksamts Treptow-Köpenick wurde am Folgetag veröffentlicht. Buch, Routenkonzept und Eröffnung sind also unterschiedliche Daten. Beteiligt waren unter anderem der Landkreis Dahme-Spreewald, Tourismusakteure und Kommunen. Die Pressemitteilung nennt 83.000 Euro Projektkosten und 62.000 Euro EU-Förderung (LEADER), die Beschilderung in Berlin zahlten die Bezirksämter Treptow-Köpenick und Mitte. Markiert ist der Weg mit einem goldenen Wanderzeichen. 2024 erreichte er bei der Publikumswahl zu Deutschlands schönsten Wanderwegen den sechsten Platz in der Kategorie Mehrtagestouren, das ist eine Platzierung bei einer Abstimmung und keine Zertifizierung.

Ein wichtiger Vorbehalt zur historischen Vorstellung: Die heutige Wanderlinie ist keine nachgewiesene Rekonstruktion einer Reise, die Gerhardt persönlich zurückgelegt hat. Reschkes Wanderführer erschließt die Lebensstationen über erprobte Wanderrouten und zusätzliche Rundwanderungen. „Auf seinen Spuren“ bedeutet hier vor allem eine räumliche und thematische Verbindung. Auch nicht jeder Zwischenort ist eine Wirkungsstätte Gerhardts: Viele Stationen sind regionale Kultur- und Naturziele.

Meine sieben Etappen

Offiziell hat der Weg neun Etappen. Das ist die Einteilung von Reiseland Brandenburg und Dahme-Seenland und auch die des Wanderführers von Manfred Reschke. Ich bin nach der Aufteilung in meiner Komoot-Collection gegangen, die auf sieben Tage kommt, und habe offizielle Etappen zusammengelegt. Deshalb ist meine Etappe 7 die offizielle Etappe 9, und die Längen schwanken zwischen 14 und 28,5 Kilometern. Die Etappenberichte nennen jeweils die offizielle Zählung.

Wer war Paul Gerhardt?

Paul Gerhardt wurde am 12. März 1607 in Gräfenhainichen geboren, als Sohn eines Gastwirts. Er besuchte ab 1622 die Fürstenschule in Grimma (einzelne touristische Texte nennen fälschlich Grimmen) und schrieb sich 1628 in Wittenberg ein. Um 1642 oder 1643 kam er nach Berlin, wo er als Hauslehrer arbeitete und Kontakt zu Johann Crüger bekam, dem Kantor an der Nikolaikirche. Crüger nahm Gerhardts Lieder in seine „Praxis Pietatis Melica“ auf: 18 in der Ausgabe von 1647, 82 in der von 1653.

Im September 1651 wurde Gerhardt Propst in Mittenwalde. 1655 heiratete er Anna Maria Berthold. 1657 wurde er Diakon an der Berliner Nikolaikirche. Die heutige Wanderreihenfolge Berlin, Mittenwalde, Lübben entspricht damit nicht der Abfolge seiner Ämter: zuerst kam Mittenwalde, dann Berlin, zuletzt Lübben. Von fünf Kindern überlebte nur Paul Friedrich, seine Frau starb 1668. Diese Verluste gehören zum Hintergrund seiner Trosttexte.

Der Konflikt mit dem Kurfürsten ist komplizierter als eine einfache Heldengeschichte. Gerhardt war Lutheraner, Kurfürst Friedrich Wilhelm reformiert. Der Kurfürst wollte die konfessionellen Auseinandersetzungen begrenzen und verlangte nach dem Toleranzedikt vom 16. September 1664 von den Geistlichen eine Verpflichtung, die Gerhardt verweigerte, weil er sein lutherisches Bekenntnis gefährdet sah. Es ging auch um die Freiheit theologischer Kritik. Man sollte ihn daher weder ohne Weiteres als modernen Vorkämpfer religiöser Toleranz noch bloß als Opfer eines beliebigen Machtstreits darstellen. Am 13. Februar 1666 wurde er seines Amtes enthoben, am 12. Januar 1667 wurde ihm die Wiedereinsetzung angeboten, er lehnte ab.

1668 wurde er nach Lübben berufen, 1669 trat er sein Amt als Archidiakon an. Eine überraschende politische Landkarte: Lübben lag damals im sächsischen Herrschaftsbereich, die Schlussstation des heutigen brandenburgischen Wanderwegs führte ihn also aus Brandenburg heraus. Er starb am 27. Mai 1676 und wurde am 7. Juni in der Lübbener Kirche beigesetzt. Die genaue Grabstelle ist heute unbekannt. Eine Kurzbiografie gibt es bei der Deutschen Biographie.

Seine Lieder

Gerhardt war vor allem Lieddichter, und seine Texte und die Musik sind nicht dasselbe. Crüger veröffentlichte und vertonte Texte, sein Nachfolger Johann Georg Ebeling führte die Zusammenarbeit weiter. „Nun ruhen alle Wälder“ erschien 1647 in Crügers Sammlung, „Befiehl du deine Wege“, „Geh aus, mein Herz“ und „Wie soll ich dich empfangen“ 1653. „O Haupt voll Blut und Wunden“ stammt von 1656, es ist die Übersetzung eines lateinischen Textes. Das Evangelische Gesangbuch von 1993 enthält 26 Lieder von ihm, und Johann Sebastian Bach hat Strophen in seine Matthäus-Passion und das Weihnachtsoratorium übernommen.

Das Sommerlied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ umfasst 15 Strophen: Auf die Betrachtung irdischer Natur folgen der Blick auf den himmlischen Garten und die Hoffnung auf geistliche Erneuerung. Die EKD deutet die achte Strophe als Verbindung zwischen beiden Teilen. Für eine Wanderung ist das ein guter Gedanke, denn Naturbeobachtung und Fragen nach Verlust, Hoffnung und Vergänglichkeit stehen im selben Text. Die heute verbreitete Melodie von August Harder entstand wesentlich später. Bei „Befiehl du deine Wege“ bilden die Anfangswörter der zwölf Strophen ein Akrostichon, also zusammen einen Psalmvers. Das Lied wurde schon 1653 gedruckt, die verbreitete Erzählung, Gerhardt habe es erst nach seiner Berliner Entlassung in einer verzweifelten Fluchtsituation geschrieben, passt deshalb nicht zur Druckgeschichte.

Orte, die man nicht auslassen sollte

  • Etappe 1: die Nikolaikirche und das Nikolaiviertel als Auftakt, später der Treptower Park mit der Fähre nach Oberschöneweide.
  • Etappe 2: die Parabrahm-Orgel in Eichwalde und die Fähre in Wendenschloß.
  • Etappe 3: der Funkerberg in Königs Wusterhausen und Mittenwalde, wo Gerhardt Propst war.
  • Etappe 4: Motzen und die Zugbrücke in Groß Köris.
  • Etappe 5: das Kaskadenwehr in Märkisch Buchholz.
  • Etappe 7: die Paul-Gerhardt-Kirche in Lübben und die Schlossinsel.

Was den Weg ausmacht

Drei Arten, ihn zu lesen

Man kann den Weg als Gerhardt-Weg gehen: die Nikolaikirche als Auftakt, Mittenwalde mit St. Moritz, Gedächtnistafel und Museum, Lübben mit Kirche, Porträt, Denkmal und Stadtgeschichte. Man kann ihn als Technik- und Landschaftsweg lesen: Eichwaldes Orgel, Wildaus Fabrik- und Wohnensemble, Funkerberg, die Groß Köriser Zugbrücke, das Märkisch Buchholzer Kaskadenwehr. Das zeigt, wie stark die vermeintlich reine Naturlandschaft von Musiktechnik, Verkehr, Produktion und Wasserregulierung geprägt wurde. Und man kann ihn als Literaturweg gehen: Fontane an Hankels Ablage und in Groß Köris, Franz Fühmann in Märkisch Buchholz, Gerhardts Lieder und Lübbener Alltagskonflikte. Dazu gehört die örtliche Wussilo-Sage in Schlepzig, ausdrücklich als Überlieferung.

Kleine Geschichten am Rand

Zu den Geschichten am Rand, die ich besonders spannend finde, gehören der Weihnachtsfunk von 1920 am Funkerberg, die Parabrahm-Orgel in Eichwalde, von der es ursprünglich drei gab, der Soldatenkönig, der selbst malte, die Gedächtnistafel für Gerhardts Tochter in Mittenwalde und das Wehr in Märkisch Buchholz, das als höchster Wasserfall Brandenburgs gilt und doch ein Bauwerk ist. Auch das gehört dazu: Märkisch Buchholz hieß früher Wendisch Buchholz, die Umbenennung 1937 war kein belangloser Verwaltungsakt.

Praktisches

Richtung, Einteilung und Navigation

Ich bin von Berlin in Richtung Spreewald gelaufen. Mehrere Etappen beginnen oder enden an Bahnhöfen (Wuhlheide, Zeuthen, Groß Köris), die anderen an Kirchen, Wehren oder Dorfzentren, die per Bus erreichbar sind. Nach dem offiziellen Portal ist der Berliner Abschnitt nicht ausgeschildert, die Angaben zum Beginn der Markierung sind nicht ganz eindeutig (genannt wird Adlergestell/Vetschauer Allee). Ich empfehle deshalb einen Offline-Track. Besonders leicht zu verwechseln sind das Etappenende „Wuhlheide“, das offiziell an einer Tramhaltestelle liegt, mit dem gleichnamigen S-Bahnhof und das Fährende in Grünau mit dem S-Bahnhof.

Öffentlicher Verkehr

Die ersten Etappen lassen sich durch Berlin und die S-Bahn-Orte Eichwalde, Zeuthen und Königs Wusterhausen gut in Tageswanderungen zerlegen. Groß Köris hat einen Bahnanschluss, in Mittenwalde, Märkisch Buchholz und Schlepzig werden Busverbindungen wichtiger. In Lübben halten RE 2, RE 7 und RE 20. Für die späteren Etappen sollte man zuerst die Rückfahrt festlegen und dann die Wanderung planen, denn bei einer einzigen passenden Busverbindung kann ein langer Museums- oder Turmbesuch den ganzen Tag verändern. Aktuelle Verbindungen stehen in der VBB-Fahrplanauskunft.

Versorgung und Besuchszeiten

Die digitale Tourensammlung der Region weist auf Strecken ohne Einkehr hin, auf den Waldetappen sollte eine Gaststätte nicht die einzige Wasser- oder Essensquelle sein. Was ich zur Einkehr sagen kann, steht in den einzelnen Berichten. Kircheninnenräume, Orgelkonzerte, Museen, Aussichtsturm und Brückenöffnung sind unterschiedliche Angebote, ein Ort kann frei erreichbar sein, während das interessante Innere verschlossen ist. Für ein oder zwei besonders wichtige Innenbesuche würde ich Termine festlegen und die übrigen Stationen als flexible Ergänzung behandeln.

Untergrund, Jahreszeit und Wegesperrung

Natürliche Wege, Sand, Wurzeln, Pflaster und längere befestigte Passagen wechseln, aus „Brandenburg“ und geringen Höhenunterschieden folgt keine durchgehende Barrierefreiheit. Frühling und Sommer verändern Vegetation, Schatten und Beobachtungsmöglichkeiten, im Herbst verkürzen die Tage die Zeit für die langen Etappen. Zu beachten ist eine saisonale Einschränkung: Im Naturschutzgebiet „Innerer Unterspreewald“ sind bezeichnete Wege laut Allgemeinverfügung jährlich vom 1. Februar bis 30. Juni gesperrt. Das betrifft kartierte Wege und nicht pauschal den ganzen Paul-Gerhardt-Weg, bei eigenen Abstechern sollte man die Karte prüfen.

Der Reiseführer und weitere Angaben

Wer sich mehr als einen Etappenbericht wünscht, findet im Wanderführer von Manfred Reschke (Trescher Verlag, 2017, 168 Seiten) alle neun offiziellen Etappen und zehn Rundwege. Weitere Angaben zum Weg gibt es im Themenportal von Dahme-Seenland. Dazu gibt es ein Wandertagebuch mit Liedern, Etappenmarken und Platz für Notizen.

Das Buch zum Weg

Buchcover: Manfred Reschke, Paul-Gerhardt-Weg

Reiseführer Paul-Gerhardt-Weg

Manfred Reschke · Trescher Verlag, 2017 · 168 Seiten

Natur und Kultur zwischen Berlin und Spreewald: rund 140 Kilometer vom Alexanderplatz über Mittenwalde nach Lübben, im Buch aufgeteilt in neun Etappen plus zehn Rundwege. Ich bin den Weg in sieben Etappen gelaufen, das geht gut, weil Start und Ziel meiner Etappen am Nahverkehr liegen.

Für Eilige: drei Etappen zur Auswahl

  • Etappe 3, wenn Kultur und verlässliche Bahnzugänge wichtig sind: Wildau, Funkerberg, Königs Wusterhausen und Mittenwalde, wo Gerhardt Propst war.
  • Etappe 5, wenn Wald und Dahme im Vordergrund stehen.
  • Etappe 7, für Teiche, Schlossinsel und die Kirche, in der Gerhardt beigesetzt wurde. Die lange Etappe 6 würde ich nur als bewusst vollständig geplanten Wandertag gehen.

Übrigens

Lübben führt seit 2005 offiziell den Titel Paul-Gerhardt-Stadt, Mittenwalde darf sich ebenfalls so nennen.

Fazit

Der Paul-Gerhardt-Weg ist ein leichter, langer Weg mit vielen Gesichtern: Stadt, Fluss, Kiefernwald, Kanal, Teiche. Wer Paul Gerhardt vor allem aus dem Gesangbuch kennt, bekommt unterwegs ein Bild davon, in welcher Gegend er gearbeitet hat. Wer ihn nicht kennt, hat trotzdem eine gute Wanderung von Berlin in den Spreewald. Ich würde ihn wieder gehen, am liebsten im Frühjahr.