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Paul-Gerhardt-Weg, Etappe 3: Von Zeuthen nach Mittenwalde

Frontansicht eines weißen Schlosses mit Rundturm, zwei Giebeln und rosa Fenstereinfassungen

Paul-Gerhardt-Weg, Etappe 3 von 7 · Zum Gesamtbericht

Die dritte Etappe führt aus dem Berliner Umland hinaus ins Dahme-Seenland: durch Wildau, die Stadt der Lokomotiven, nach Königs Wusterhausen, wo 1920 ein Weihnachtskonzert den Rundfunk einläutete, und durch die Notte-Niederung nach Mittenwalde. Dort, wo Paul Gerhardt von 1651 bis 1657 Propst war, endet sie.

Ich bin am Sonntag, dem 28. März 2021, gegen halb zehn in Zeuthen gestartet. In der Nacht waren die Uhren auf Sommerzeit umgestellt worden, der Tag war also eine Stunde kürzer. Mit 28,5 Kilometern ist es die längste meiner sieben Etappen. Die offizielle Einteilung macht daraus zwei: Zeuthen bis Königs Wusterhausen und Königs Wusterhausen bis Mittenwalde.

Inhalt dieser Etappe

Strecke

28,5 km

Gehzeit

5:27 h

Schwierigkeit

leicht

Start

S-Bahnhof Zeuthen

Ziel

Mittenwalde, Salzmarkt

Gelaufen am

28. März 2021

Karte: Paul-Gerhardt-Weg, Etappe 3Etappe 3 von Zeuthen nach Mittenwalde, 28,5 km. Die übrigen Etappen sind blass dargestellt.Start: ZeuthenZiel: Mittenwalde5 km
Etappe 3 von Zeuthen nach Mittenwalde, 28,5 km. Die Pfeile zeigen die Gehrichtung, die übrigen Etappen des Paul-Gerhardt-Wegs sind blass dargestellt.

Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), vereinfacht dargestellt.

Darum lohnt sich die Tour

  • Vom Höllengrund in Miersdorf zu den Lokomotiven in Wildau
  • An der Dahme nach Königs Wusterhausen: Funkerberg, Schloss und Nottekanal
  • Weite Notte-Niederung statt Stadtrand
  • Ziel ist Mittenwalde, Gerhardts Pfarrort

Anreise

Zum S-Bahnhof Zeuthen fährt die S46 (Königs Wusterhausen bis Westend), im Berufsverkehr auch die S8. Die S3 fährt dort nicht. Mittenwalde hat keinen Bahnanschluss für Reisende mehr. Vom Ziel fahren Busse von der Haltestelle Yorckstraße, nahe der St.-Moritz-Kirche, zum Bahnhof Königs Wusterhausen. Fahrplanauskünfte nennen dafür unter anderem die Linien 728 und 730. Am Wochenende gilt ein eigener Fahrplan, den man vor dem Start prüfen sollte, bevor man sich auf den Rückweg verlässt. Für die späteren Etappen gilt allgemein: erst die Rückfahrt klären, dann die Wanderung planen.

Die Route

Miersdorf und der Höllengrund

Hinter dem Bahnhof Zeuthen liegt Miersdorf mit seiner Dorfkirche, einer spätgotischen Feldsteinkirche aus dem 14. oder 15. Jahrhundert und eine der ältesten dieser Art in der Teltow-Landschaft. Sie wurde 1710 renoviert, der Turm im 19. Jahrhundert erhöht. Am Rathaus erinnert ein sowjetisches Ehrenmal, 1947 angelegt und 1974 und 1975 umgestaltet, an 449 Rotarmisten, von denen 234 namentlich bekannt sind.

Wenig später führt der Weg am Naturschutzgebiet Höllengrund-Pulverberg entlang, das zu Wildau und Zeuthen gehört. Es ist rund 18 Hektar groß und seit dem 10. Juni 1995 geschützt. Eine Kette kleiner Gewässer, Erlenbrüche, Großseggenriede und Reste einer Weichholzaue sind der Grund, dazu der mäandrierende Ebbegraben im Tal des Höllengrunds.

Schmaler Bach im kahlen Auwald, in dem sich die Bäume spiegeln

Wildau und die Lokomotiven

Wildau ist ein lesbares Stück Industriegeschichte. Der Ort hieß bis 1922 Hoherlehme. Die Berliner Maschinenbau AG, vormals L. Schwartzkopff, kaufte 1897 Land, die Werkshallen entstanden ab 1897/98, und das Werk wurde eines der größten und modernsten Lokomotivwerke Europas. Für die Beschäftigten entstand die Schwartzkopffsiedlung aus rotem Klinker, überwiegend zwischen 1900 und 1925, jede Wohnung mit Innen-WC und Garten. Wohnhäuser, öffentliche Einrichtungen und Fabrik bilden ein Ensemble, dessen Zweck unterwegs noch verständlich wird. Das ehemalige Casino dient heute als Rathaus. Nach 1989 verfiel die Siedlung, ab 2003 wurde sie saniert und mit einem Preis der Deutschen Stiftung Denkmalschutz ausgezeichnet. Es lohnt sich, auf Ziegelgestaltung, Eingänge und die Beziehung von Wohn- und Arbeitsort zu achten.

Auch die dunkle Seite gehört dazu: Die Technische Hochschule Wildau dokumentiert auf dem Campus einen Erinnerungsort zur NS-Zwangsarbeit. Die restaurierte Industriearchitektur ist damit zugleich Anlass, nach den Arbeitsverhältnissen verschiedener Zeiten zu fragen.

Technische Ausbildung gibt es in Wildau seit 1949. Die Technische Fachhochschule Wildau wurde am 22. Oktober 1991 mit 17 Studierenden gegründet, seit 2009 heißt sie Technische Hochschule. Heute studieren dort rund 3600 Menschen, und die alten Lokomotivhallen sind Hochschulgebäude. Am Umspannwerk ist eine Dampflok der Baureihe 52 an die Wand gemalt, nach Angaben auf Komoot dieselbe Maschine, die als Denkmal an der Hochschule steht. Die Stadt Wildau hat seit dem 1. April 2013 Stadtrecht. Im Kurpark Wildau, dem Wildgarten, hatte die Baumschule Späth 1937 und 1938 im Kiefernwald einen Wald-, Heide- und Steppengarten angelegt, der nach 1993 saniert wurde.

Wandbild einer Dampflok mit Lokführer und Arbeiter in Blau an einer Backsteinmauer

An der Dahme nach Königs Wusterhausen

Dahme-Uferweg, Rastplatz mit Blick aufs Wasser, eine Villa am See: Der Weg folgt hier lange dem Fluss. Die Tonberge und der Tonteich bei Hoherlehme sind nach Angaben auf Komoot Reste des Tonabbaus, der im 19. Jahrhundert für die Ziegelindustrie betrieben wurde. Am Funkerberg in Königs Wusterhausen beginnt dann ein Stück Mediengeschichte.

Königs Wusterhausen: Funkerberg, Schloss und Nottekanal

Am Funkerberg begannen 1908 die Funkversuche auf dem Windmühlenberg, 1916 ging die Militärfunkstelle in Betrieb. Am 22. Dezember 1920 sendete die Reichspost von hier ein Weihnachtskonzert, bei dem Postangestellte musizierten und Gedichte vortrugen. Sender, Antenne und der improvisierte musikalische Ort lagen dicht beieinander, Reaktionen kamen aus mehreren europäischen Ländern. Das Museum bezeichnet diese Sendung als Startpunkt des neuen Medienzeitalters. Sie sollte nicht mit dem späteren Beginn eines regelmäßigen Rundfunkprogramms verwechselt werden. 2016 wurde das Konzert als IEEE Milestone ausgezeichnet. Ende 1925 ging von hier der erste bundesweite Sender mit fünf Kilowatt in Betrieb, gesendet wurde bis zum Sommer 1995. Heute steht auf dem Gelände das Museum für Funktechnik.

Der Wasserturm, den man hier „Der Turm“ nennt, wurde ab 1910 gebaut und 1965 stillgelegt. Heute enthält er ein Café mit Biergarten und Ausstellungsräume. Das Dahmelandmuseum zog 1996 in das frühere Königliche Forstamt, die Kreuzkirche wurde ab 1697 gebaut, 1757 und 1758 erweitert und 1821 renoviert.

Runder Backsteinturm mit hölzernem Umlaufgang und weißem Erkertürmchen vor bewölktem Himmel

Das Schloss geht auf eine Wasserburg des 14. Jahrhunderts zurück und wird 1320 zum ersten Mal erwähnt. 1682 erwarb es der Große Kurfürst für seinen Sohn Friedrich, der es später an Friedrich Wilhelm I. weitergab. Der „Soldatenkönig“ nutzte es als Jagd- und Sommersitz, es war eine bevorzugte Herbstresidenz, und hielt hier seine Tabakskollegien ab, abendliche Männerrunden mit Pfeife und Bier, in denen sich Geselligkeit und Politik verbanden. Besonders überraschend ist die Sammlung von etwa 40 Bildern, die der König selbst malte. 1717 bekam der Ort den Zusatz „Königs“. Der barocke Garten entstand von 1696 bis 1698. Die letzte große Jagd fand 1913 unter Wilhelm II. statt. Seit 2000 ist das Schloss ein Museum.

Weißes Schloss mit Rundturm und zwei Giebeln vor grauem Himmel

Am Schloss liegt der Nottekanal. Er ist rund 25 Kilometer lang und gilt nach Angaben der Stadt Zossen als älteste vom Menschen schiffbar gemachte Wasserstraße Brandenburgs. Kurz hinter der Zugbrücke und der hölzernen Fußgängerbrücke steht eine Informationstafel zum Paul-Gerhardt-Weg.

Vorgarten mit bunten Gartenfiguren, Osterbaum und orangefarbener Hauswand

Notte-Niederung, Diepensee und Ragow

Hinter Königs Wusterhausen wird es ländlich. Der Weg führt überwiegend durch das Landschaftsschutzgebiet Notte-Niederung, das mit rund 18.000 Hektar zu den großen der Region gehört. Es schützt Feuchtwiesen, Eichenwälder und eiszeitlich geformte Landschaft und gilt als Rückzugsraum für Wiesenvögel. Ein Autobahnabschnitt mindert allerdings die Ruhe, die touristische Beschreibung verschweigt das nicht. In dieser Gegend liegt Neu-Diepensee. Das alte Dorf Diepensee musste dem Ausbau des Flughafens Schönefeld weichen und wurde um 2004 und 2005 hierher umgesiedelt, das Gemeinschaftshaus ist mit Ziegeln der alten Friedhofsmauer gebaut.

In Ragow steht die Paul-Gerhardt-Kirche, ein Feldsteinbau mit einem Vorgänger aus dem 14. Jahrhundert, der nach dem Dreißigjährigen Krieg wieder aufgebaut wurde. Der Kanzelaltar stammt von 1702, die Sauer-Orgel von 1906. Die Stadt Mittenwalde schreibt, Gerhardt habe in Ragow „höchstwahrscheinlich“ gepredigt. Daraus sollte kein gesicherter Einzelauftritt werden. Der auffällige neugotische Turm von 1896 gehört außerdem nicht zu der Kirche, die er gesehen haben kann.

Mittenwalde: Gerhardts Pfarrort

Ortseingangsschild mit Wappen und Storch und der Aufschrift Willkommen in der Storchenstadt

Mittenwalde wird 1307 als „civitas“ erwähnt und ging aus einer askanischen Grenzburg gegen die Lausitz hervor. Die Mittenwalder Chronik nennt für 1618 noch 245 bewohnte Häuser und für 1645 nur noch 45. Als Gerhardt 1651 hier sein erstes festes Kirchenamt übernahm, war der Dreißigjährige Krieg erst drei Jahre vorbei. Seine Lieder entstanden vor dem Hintergrund von Zerstörung und Wiederaufbau. Eine EKD-Predigt von 2007 nennt leicht andere Haushaltszahlen, die Größenordnung des Zusammenbruchs ist in beiden Darstellungen eindeutig.

Vom Mauerring sind das Berliner Tor, das nach dem Foto-Archiv um 1486 bis 1500 entstand, und der 25 Meter hohe Pulverturm erhalten. Vor dem Köpenicker Tor liegt die Spitalkapelle St. Georg von 1394. Der jüdische Friedhof wurde nach Angaben der Jüdischen Allgemeinen um 1830 angelegt und 1938 von Nationalsozialisten zerstört. Seit September 2014 ist er ein Gedenkort mit zwölf Sandsteinstelen. Am Salzmarkt steht das Jahn-Denkmal von Oskar Krüger. Eine Anekdote gehört zur Stadt: Nach der lokalen Überlieferung lieh Mittenwalde Berlin 1562 insgesamt 400 Goldgulden, 2012 machte die Geschichte noch einmal Schlagzeilen. Ein Tagesspiegel-Bericht nennt zugleich Zweifel wegen des fehlenden Siegels und der Verjährung. Ein belastbarer heutiger Anspruch folgt daraus nicht.

Backsteintor mit Torbogen, Rundtürmchen und Staffelgiebel, daneben ein runder Wehrturm, durch den Bogen eine Gasse mit Radfahrer
Rote Backsteinwand mit schwarzen Namenstafeln und kyrillischer Inschrift, Stufen davor

Die St.-Moritz-Kirche ist eine dreischiffige gotische Hallenkirche, im 13. Jahrhundert aus Feldstein begonnen und im 14. aus Backstein weitergebaut. Sie besitzt mittelalterliche Bausubstanz, ein Sterngewölbe und einen Altar von 1514, einen Antwerpener Wandaltar. Solche älteren Ausstattungsstücke sind bessere Anknüpfungspunkte an Gerhardts Lebenszeit als spätere Denkmäler. Der 67 Meter hohe Turm wurde 1877 und 1878 nach Plänen von Johann Eduard Jacobsthal vollendet und gilt laut Tourismusseite als höchster begehbarer Kirchturm Brandenburgs.

Hier war Paul Gerhardt ab Ende 1651 Propst, bis ihn der Berliner Rat im Mai 1657 an die Nikolaikirche berief. Die Mittenwalder Jahre gelten als die fruchtbarsten seines Lebens als Dichter. 1655 heiratete er in Berlin Anna Maria Berthold, die Tochter von Andreas Berthold. Ihre Tochter Maria Elisabeth starb im ersten Lebensjahr. In der Kirche erinnert eine Gedächtnistafel an sie, nach der EKD im rechten Seitenschiff. Für einen Besuch ist dieses persönliche Zeugnis vielleicht eindringlicher als das große Denkmal vor der Kirche. Die Quellen weichen bei einzelnen Lebensdaten des Kindes voneinander ab, deshalb nenne ich keinen Todestag. Die Stadt darf sich „Paul-Gerhardt-Stadt“ nennen. Das Paul-Gerhardt-Haus stammt nach der städtischen Chronik von 1908 und diente früher als Kreiskrankenhaus, ein erhaltenes Wohnhaus des Dichters ist es nicht.

Gut zu wissen

  • Die offizielle Einteilung nennt die Strecke von Zeuthen nach Königs Wusterhausen Etappe 4 (13 Kilometer, rund drei Stunden) und die von Königs Wusterhausen nach Mittenwalde Etappe 5 (16 Kilometer, rund vier Stunden). Ich bin beides an einem Tag gegangen.
  • Hinter Königs Wusterhausen kommt lange kein größerer Ort mehr. Wasser und Proviant dort besorgen.
  • Der Turm der St.-Moritz-Kirche ist nach Angaben der Tourismusseite von Pfingsten bis zum Reformationstag an Wochenenden und Feiertagen zwischen 10 und 16 Uhr geöffnet, wegen Sanierung teils eingeschränkt. Etwa 200 Stufen führen auf die Plattform. Ob die Besteigung möglich ist, vorher klären.

Fazit

Eine lange Etappe mit drei Gesichtern: Industrie- und Technikgeschichte in Wildau und Königs Wusterhausen, ein ruhiger Abschnitt durch die Notte-Niederung und am Ende eine Kleinstadt, in der Paul Gerhardt tatsächlich greifbar wird. Ich würde sie wieder in Zeuthen beginnen und in Mittenwalde enden lassen, weil dort die Geschichte des Weges zusammenkommt.