Paul-Gerhardt-Weg, Etappe 2 von 7 · Zum Gesamtbericht
Die zweite Etappe ist die erste lange: 27 Kilometer vom S-Bahnhof Wuhlheide durch Köpenick, mit der Fähre über die Dahme, am Grünauer Regattaufer entlang und durch den Wald bis an den Zeuthener See. Auf dem Weg liegen ein Kinderpark der DDR, der Schauplatz des „Hauptmanns von Köpenick“, ein Schloss auf der Schlossinsel und eine Orgel, die es so nur einmal gibt.
Ich bin am Samstag, dem 27. März 2021, kurz nach neun Uhr morgens an der Wuhlheide losgegangen. Paul Gerhardt spielt auf dieser Etappe keine Rolle. Ich habe in den Quellen keinen belegten Bezug zu Köpenick, Grünau oder Zeuthen gefunden, der Weg führt hier schlicht von einem seiner Orte zum nächsten. Dafür gibt es viel Berliner und Brandenburger Geschichte am Rand.
Inhalt dieser Etappe
Steckbrief
Strecke
27,4 km
Gehzeit
5:08 h
Schwierigkeit
leicht
Start
S-Bahnhof Wuhlheide
Ziel
S-Bahnhof Zeuthen
Gelaufen am
27. März 2021
Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), vereinfacht dargestellt.
Darum lohnt sich die Tour
- Eine lange Etappe mit viel Abwechslung: Waldfriedhof, FEZ und Parkeisenbahn
- Köpenick mit Altstadt, Kietz, Rathaus und Schloss
- Mit der Fähre F12 nach Wendenschloß und weiter an der Regattastrecke in Grünau
- Zum Schluss Eichwalde und Zeuthen, wo Fontane Spuren hinterlassen hat
Anreise
Der S-Bahnhof Wuhlheide liegt an der S3, direkt daneben endet die Parkeisenbahn. Das Ziel, der S-Bahnhof Zeuthen, wird von der S46 bedient (Königs Wusterhausen bis Westend), nicht von der S3. Die S46 fährt im 20-Minuten-Takt, im Berufsverkehr hält auch die S8. Vor der Fahrt am besten kurz nach Bauarbeiten schauen, auf der Strecke wird immer wieder gebaut.
Die Route
Wuhlheide und Waldfriedhof
Die Wuhlheide wurde 1950 als Zeltstadt für die Weltfestspiele 1951 nach Plänen von Reinhold Lingner angelegt. Am 27. Juli 1951 eröffnete hier der Pionierpark „Ernst Thälmann“ mit einer hufeisenförmigen Freilichtbühne für 20.000 Zuschauer und einem künstlichen Badeteich. Das Areal ist etwa zwei Quadratkilometer groß.

Am Rand liegt der Waldfriedhof Oberschöneweide. Emil Rathenau, der Gründer der AEG, ließ ihn 1902 anlegen. Das Erbbegräbnis der Familie Rathenau entwarf Alfred Messel, die Skulpturen „Morgen“ und „Abend“ stammen von Hermann Hahn. Hinter hohen Muschelkalkwänden liegen Erich (1903), Emil (1915), Walther (1922) und Mathilde Rathenau (1926). Walther Rathenau war als Außenminister 1922 ermordet worden. Die Anlage steht seit 1977 unter Denkmalschutz.
FEZ und Parkeisenbahn
Aus dem Pionierpark wurde das heutige FEZ-Berlin. Den Pionierpalast „Ernst Thälmann“, 1979 eröffnet, plante Günter Stahn. Er steht seit 2025 unter Denkmalschutz. Zum FEZ gehört der Große Kugelbrunnen, eine Gemeinschaftsarbeit von Ortraud Lerch, Hans-Joachim Kunsch und Günter Stahn. Auf einem Originalstück der Berliner Mauer ist ein Porträt von Malala Yousafzai gemalt, das 2015 enthüllt wurde.
Die Parkeisenbahn Wuhlheide fährt seit dem 10. Juni 1956, damals als Pioniereisenbahn. Sie hat eine Spurweite von 600 Millimetern und eine Rundstrecke von 7,5 Kilometern. Betrieben wird sie überwiegend von Jugendlichen. Der Bahnhof Eichgestell entstand 1978 als Ersatz für den Bahnhof Badesee, der dem Pionierpalast weichen musste.

Spindlersfeld und Mentzelpark
Spindlersfeld entstand aus der Wäscherei und Färberei, die Wilhelm Spindler 1873 gründete. 1901 bekam sie einen Bahnanschluss. An der Spindlerbrücke erinnert ein Gedenkstein an ihn. Der Mentzelpark an der Oberspreestraße gehörte Albert Mentzel (1839 bis 1922), einem Schwager von Carl Spindler und Teilhaber der Firma. Die Stadt erwarb die Villa mit dem Park 1925. Er ist heute Teil des Grünen Hauptwegs 1 und des Radfernwegs R1.


Köpenick: Altstadt, Kietz, Rathaus und Schloss
Köpenick wird am 10. Februar 1209 erstmals urkundlich erwähnt. Auf der Schlossinsel stand schon im 8. Jahrhundert eine slawische Burg, der Name geht auf das slawische „kopa“ zurück, den Erdhügel. Wer Köpenick nur mit der bekannten Hauptmann-Geschichte verbindet, übersieht leicht den Kietz, die alte Fischersiedlung am anderen Ufer der Dahme, die 1898 eingemeindet wurde. Sein Ensemble aus Häusern des 18. und 19. Jahrhunderts steht unter Denkmalschutz. Dichter Altstadtkern, historische Fischersiedlung und die beiden großen Gewässer prägen sehr unterschiedliche Räume, die Etappe eignet sich zum langsamen Lesen der Stadtstruktur. Die Stadtkirche St. Laurentius wurde 1838 begonnen und am 31. Mai 1841 in Anwesenheit von Friedrich Wilhelm IV. geweiht, ein Backsteinbau im Rundbogenstil. Er ersetzte eine mittelalterliche Granitquaderkirche, die 1837 wegen Schäden am Fundament abgerissen wurde.


Das Rathaus, nach Entwürfen von Hugo Kinzer und Hans Schütte 1901 bis 1904 in Backsteingotik gebaut, ist der Schauplatz einer der berühmtesten Berliner Geschichten. Am 16. Oktober 1906 kaufte der vorbestrafte Friedrich Wilhelm Voigt, geboren 1849 in Tilsit, gebrauchte Teile einer Hauptmannsuniform, holte Soldaten ab, ließ den Bürgermeister und einen Beamten festnehmen und beschlagnahmte die Stadtkasse mit 3557 Mark und 45 Pfennig. Zehn Tage später wurde er gefasst, am 1. Dezember 1906 verurteilte ihn das Landgericht zu vier Jahren Gefängnis. 1908 kam er frei, trat später in Varietés auf, lebte seit 1910 in Luxemburg und starb dort am 3. Januar 1922. Im historischen Kassenraum des Rathauses zeigt eine Dauerausstellung seine Geschichte, vor dem Rathaus steht seit 1996 eine Bronzefigur von Spartak Babajan.


Das Schloss auf der Schlossinsel ließ der Kurprinz Friedrich, der spätere erste König in Preußen, ab 1677 nach Plänen von Rutger van Langervelt und Johann Arnold Nering bauen. Die Schlosskapelle von Nering aus den Jahren 1682 bis 1685 gilt als erster reformierter evangelischer Kirchenbau der Mark Brandenburg. Seit 1963 ist das Schloss ein Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen. Nach der Restaurierung wurde es 2004 wiedereröffnet. Im Keller liegen archäologische Funde zur Besiedlung der Insel.


Weiter am Wasser liegt das Flussbad Gartenstraße, das nach Berichten seit 1897 besteht und als ältestes noch betriebenes Flussbad der Stadt gilt. Der Straßenbahnbetriebshof in der Wendenschloßstraße 138 wurde am 11. August 1903 mit der Elektrifizierung übergeben und nach Plänen von Hugo Kinzer bis 1906 gebaut, mit Elementen des Jugendstils und Rundbogentoren. Er steht unter Denkmalschutz und beherbergt seit 2017 das Historische Archiv der BVG.
Wendenschloß und die Fähre F12
Am Müggelbergplatz steht ein Gedenkstein für Werner Sylten, eine rund zweieinhalb Meter hohe Stele mit Bronzemedaillon von Werner Rosenthal, enthüllt am 26. Juni 1985. Sylten wurde 1893 in Hergiswil in der Schweiz geboren, studierte Theologie und leitete ab 1925 ein Mädchenheim in Thüringen. Als „Mischling“ im Sinne der NS-Rassegesetze wurde er 1935 oder 1936 entlassen. Danach arbeitete er im Büro von Heinrich Grüber, das evangelischen Christen jüdischer Herkunft bei der Auswanderung half, nach Angaben der Stadt mehr als tausend Menschen. Am 27. Februar 1941 wurde er verhaftet und kam ins Konzentrationslager Dachau, wo er Mithäftlingen als Seelsorger beistand. Im August 1942 wurde er nach Schloss Hartheim bei Linz gebracht und dort am 26. August 1942 ermordet. Er liegt auf dem Friedhof der Laurentiuskirche in Köpenick begraben. In Yad Vashem erinnert eine Gedenktafel in der Allee der Gerechten an ihn.


In Wendenschloß wurde Weltgeschichte geschrieben: In der Niebergallstraße 20, einer früheren Gaststätte, unterzeichneten am 5. Juni 1945 Schukow, Eisenhower, Montgomery und de Lattre de Tassigny die Berliner Erklärung der Alliierten. Das Gebäude wurde nach der Wende abgerissen. Zwischen Wendenschloß und Grünau besteht seit 1890 eine Fährverbindung über den Langen See, heute die BVG-Linie F12 zwischen Müggelbergallee und Wassersportallee. Sie ist eine reguläre BVG-Fähre und fährt ganzjährig. Die Überfahrt dauert nur wenige Minuten und ist etwa 250 Meter lang. Neben dem Anleger steht das Historische Fährhaus.
Grünau und die Regattastrecke
Grünau entstand 1749 als „Grüne Aue“ mit zunächst drei Siedlerfamilien aus der Pfalz. 1866 bekam der Ort einen Bahnhof und eine Dampferanlegestelle und wurde damit zum Ausflugsziel. Ab 1868 fanden hier Ruderregatten statt. Die Friedenskirche wurde 1904 bis 1906 von Ludwig von Tiedemann und Richard Walther gebaut, mit deutlichen Anklängen an spätromanische Kirchen.


Für die Olympischen Spiele 1936 entstand die Regattastrecke, Herbert Ruhl entwarf die Bootshäuser und die große Tribüne, die bis heute im Originalzustand steht. Sie bietet Platz für etwa 20.000 Zuschauer*innen. Nach 1945 war die Strecke eine Wettkampfstätte der DDR, nach 1990 wurde sie für internationale Regatten zu klein. Die sanierte Tribüne wurde am 31. Mai 2024 wiedereröffnet, im September 2024 folgte im Haus die Dauerausstellung des Wassersportmuseums.
Hinter Grünau führt der Weg an der Krummen Lake vorbei, einem Naturschutzgebiet im Stadtforst Grünau. Sie ist ein ehemaliger Seitenarm der Dahme mit Erlenbrüchen, Seggenrieden und Röhricht. Sieben Amphibienarten leben hier, darunter der Kammmolch.


Eichwalde
Eichwalde wurde am 20. März 1893 als Landgemeinde gegründet. Mit 2,8 Quadratkilometern ist es nach Fläche die kleinste Gemeinde Brandenburgs. Die Bruno-Taut-Siedlung in der Waldstraße entstand in den 1920er Jahren im Auftrag der Verlagsanstalt „Courier“. Der Wasserturm von 1912 ist 44 Meter hoch, ein Backsteinbau, der bis zum Zweiten Weltkrieg das Wasser lieferte und heute Wohnungen enthält. Zwischen den Villen steht ein Haus, das auf Komoot „Schloss Heidelberg“ heißt. Es ist bewohnt und von der Straße nur schlecht einsehbar.
Die eigentliche Besonderheit steht in der evangelischen Kirche, die 1906 bis 1908 nach Plänen von Carl Zaar gebaut wurde: eine Parabrahm-Orgel von 1908. Sie verbindet eine Weigle-Orgel mit einem Schiedmayer-Harmonium. Von ursprünglich drei Instrumenten dieser Art ist dieses als einziges erhalten. Die scheinbar unscheinbare Vorortkirche enthält damit eine echte musiktechnische Rarität. Im Ersten Weltkrieg wurden Prospektpfeifen für die Metallgewinnung abgegeben, später konnten sie durch Spenden ersetzt werden. 2002 wurde die Orgel restauriert. Zum Hören ist ein Konzert wesentlich aussagekräftiger als ein kurzer Blick durch die Kirchentür.


Zeuthen und Fontane
Der Zeuthener See ist eigentlich eine Aufweitung der Dahme, knapp vier Kilometer lang und höchstens 4,4 Meter tief. Die Grenze zwischen Berlin und Brandenburg verläuft mitten durch ihn. Zeuthen wird 1375 im Landbuch erwähnt, 1860 lebten dort nur 122 Menschen. Mit dem Bahnhof am 1. November 1897 begann die Entwicklung zum Villenvorort. Seit 1992 ist das Deutsche Elektronen-Synchrotron DESY mit einem Standort hier, aus dem Institut für Hochenergiephysik der DDR hervorgegangen, das ab 1962 bestand. Im Umfeld dieses Forschungsstandorts richtete die Fontane-Sektion Zeuthen 1985 eine Ausstellung ein: Literatur und moderne Wissenschaft begegnen sich hier auf engem Raum. Ob und wie man das Areal besuchen kann, muss man gesondert klären.


Fontane ist in der Gegend präsent. Nach der offiziellen Beschreibung der Strecke gehört Hankels Ablage dazu, ein früherer Umschlagplatz an der Dahme („Ablage“ bezeichnet hier einen historischen Umschlagplatz). Fontane hielt sich dort auf, und die Gegend gehört zum Hintergrund seines Romans „Irrungen, Wirrungen“. Die Fontane-Gesellschaft stellt eine Broschüre über die Hankels zur Verfügung, eine überarbeitete und erweiterte Fassung erschien 2025 (188 Druckseiten). Ob mein Track dort entlangführte, kann ich nicht belegen.
Die Martin-Luther-Kirche in Zeuthen wurde 1913 und 1914 von Georg Büttner gebaut. Büttner entwarf auch die Christuskirche in Groß Köris, die auf der vierten Etappe liegt, dort war es sein letzter Entwurf. Der Name der Hertzog-Villa geht vermutlich auf Rudolph Hertzog zurück, von dem das Gemeindeblatt eine Anekdote aus dem Jahr 1908 überliefert: Sein Motorboot geriet bei einer Vergnügungsfahrt in Brand, alle sieben Mitfahrenden wurden gerettet.


Gut zu wissen
- Die offizielle Einteilung des Weges macht aus dieser Strecke zwei Etappen: Etappe 2, Wuhlheide bis Grünau (13 Kilometer, rund drei Stunden), und Etappe 3, Grünau bis Zeuthen (12 Kilometer, rund drei Stunden). Wer abkürzen möchte, kann in Grünau abbrechen, dort gibt es einen S-Bahnhof. Vom Fähranleger kommen laut Etappenbeschreibung etwa 700 Meter hinzu.
- Die Fähre F12 fährt nach Angaben der BVG ganzjährig, es reicht eine Kurzstrecke. Ihren Tagesfahrplan sollte man trotzdem vorher prüfen, bei dichtem Nebel oder starkem Eis kann sie ausfallen. Die offizielle Beschreibung nennt für die folgende Etappe außerdem eine Variante über die Fähre F21 zwischen Krampenburg und Schmöckwitz, die nur saisonal fährt und gesondert geplant werden muss.
- Das Rathaus mit der Hauptmann-Ausstellung, das Schloss und das Wassersportmuseum haben eigene Öffnungszeiten, die man vorab prüfen sollte.
- Zwischen Grünau und Eichwalde liegt ein langes Stück Wald, durchgehend am Seeufer läuft man nicht. Wasser mitnehmen.
Fazit
Mit 27 Kilometern ist das eine der langen Etappen, aber sie wechselt oft die Umgebung: erst Stadtgeschichte in Köpenick, dann Wasser und Wald bis Grünau, am Ende die Villen am Zeuthener See. Wer sie teilen will, kann das in Grünau tun. Den größten Zeitfresser stellt Köpenick dar, wo man ohne Mühe zwei Stunden mit Rathaus, Schloss und Altstadt verbringt.
Weitere Etappen
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Der Paul-Gerhardt-Weg zu Fuß: 152 Kilometer in sieben Etappen
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Paul-Gerhardt-Weg, Etappe 1: Von der Nikolaikirche zur Wuhlheide
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Paul-Gerhardt-Weg, Etappe 4: Von Mittenwalde nach Groß Köris
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Paul-Gerhardt-Weg, Etappe 5: Von Groß Köris nach Märkisch Buchholz
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Paul-Gerhardt-Weg, Etappe 6: Von Märkisch Buchholz nach Schlepzig
