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Paul-Gerhardt-Weg, Etappe 4: Von Mittenwalde nach Groß Köris

Schmaler Kanal mit Spiegelung zwischen kahlen Bäumen

Paul-Gerhardt-Weg, Etappe 4 von 7 · Zum Gesamtbericht

Die vierte Etappe ist die stillste bisher: 20 Kilometer von Mittenwalde durch Wald nach Motzen, an den Pätzer Seen vorbei und zum Bahnhof Groß Köris. Dazwischen liegen ein Dorf, das Berlin mit Ziegeln versorgte, eine Zugbrücke, die Theodor Fontane interessierte, ein Naturpark mit mehr als hundert Seen und die Ruinen eines DDR-Pionierlagers.

Ich bin am Montag, dem 29. März 2021, kurz vor ein Uhr mittags in Mittenwalde losgegangen, nur einen Tag nach der dritten Etappe. Der Weg beginnt am früheren Kaiserlichen Postamt in der Yorckstraße. Ein belegter Gerhardt-Bezug fehlt auf dieser Etappe: Sie ist ein Stück Landschaft und Alltagsgeschichte zwischen seinen Orten Mittenwalde und Lübben.

Inhalt dieser Etappe

Strecke

20,0 km

Gehzeit

3:50 h

Schwierigkeit

leicht

Start

Mittenwalde, Yorckstraße

Ziel

Bahnhof Groß Köris

Gelaufen am

29. März 2021

Karte: Paul-Gerhardt-Weg, Etappe 4Etappe 4 von Mittenwalde nach Groß Köris, 20,0 km. Die übrigen Etappen sind blass dargestellt.Start: MittenwaldeZiel: Groß Köris5 km
Etappe 4 von Mittenwalde nach Groß Köris, 20,0 km. Die Pfeile zeigen die Gehrichtung, die übrigen Etappen des Paul-Gerhardt-Wegs sind blass dargestellt.

Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), vereinfacht dargestellt.

Darum lohnt sich die Tour

  • Ein ruhiger Waldtag durch den Galluner Forst
  • Seen im Naturpark Dahme-Heideseen: Pätzer Seen und Karbuschsee
  • Das alte Pionierlager als Zeitzeugnis kurz vor Groß Köris

Anreise

Mittenwalde hat keinen Bahnanschluss mehr. Von der Haltestelle Yorckstraße, nahe der St.-Moritz-Kirche, fahren Busse zum Bahnhof Königs Wusterhausen, nach Fahrplanauskünften unter anderem die Linien 728 und 730. Am Wochenende gilt ein eigener Fahrplan, den man vorher prüfen sollte. Der Bahnhof Groß Köris hat einen Bahnanschluss an der Strecke zwischen Berlin und Lübben, hier halten Regionalzüge in beide Richtungen. Welche Linien und Takte aktuell gelten, steht in der VBB-Auskunft. Ab Groß Köris fahren außerdem die Busse 727 (Königs Wusterhausen, Pätz, Teupitz) und 726 (Bestensee, Motzen, Teupitz), laut VBB täglich.

Die Route

Postamt und Bahnen in Mittenwalde

Das frühere Kaiserliche Postamt an der Ecke Yorckstraße und Schützenstraße stammt nach den Angaben auf Komoot von 1907 und ist heute ein Wohnhaus. Mittenwalde war früher ein kleiner Bahnknoten: Ab 1894 fuhr die Kleinbahn von Königs Wusterhausen über Mittenwalde nach Töpchin, ab 1900 die Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn, später kam eine Verbindung nach Zossen dazu. Zwischen 1951 und 1974 wurden die Strecken nach und nach stillgelegt. Auf dem Gelände des Bahnhofs Mittenwalde Ost starten heute Draisinen. Der historische Bahnhof, den Komoot bei Kilometer 1,3 nennt, ist ein Museumsgelände mit alten Wagen und Dieselloks.

Backsteingebäude mit Turm und Schild „Mittenwalde Ost“
Backsteingebäude mit Turm und Schild „Mittenwalde Ost“
Alte Koffer auf einer Bahnsteigkante vor einer Backsteinwand

Galluner Forst und Motzen

Hinter der Stadt verläuft der Weg durch den Galluner Forst und über den Rauhen Berg nach Motzen. Der Ort wird 1346 erstmals als „Mossen“ erwähnt, der Name ist wohl slawisch und bedeutet vermutlich „Feuchtgebiet“. Seit 2003 gehört er zu Mittenwalde. Bekannt wurde Motzen durch Ziegel: 1840 entstand in Töpchin die erste Ziegelei der Gegend, in den folgenden Jahrzehnten kamen zahlreiche weitere dazu. 1894 bekam Motzen einen Bahnanschluss, über den man die Ziegel nach Berlin brachte. Um 1900 gingen täglich etwa 30 Waggons in die Stadt. Auf dem Rückweg lud man Berliner Müll ab, der in die Tongruben kam. 1895 lebten in Motzen 720 Menschen.

Eine offizielle Wanderbeschreibung der Gegend erschließt die alte Glockenulme und die Maulbeerbäume des Ortes. Die Ulme wird dort mit über 250 Jahren beschrieben, Internetangaben über deutlich höhere Alter sind nicht belegt. Maulbeerbäume sind ein Gesprächsanlass zur früheren Seidenraupenzucht, eine Geschichte jedes einzelnen Baumes ist damit nicht belegt.

Die St.-Martin-Kirche ist eine barocke Saalkirche aus den Jahren 1754 und 1755, unter Friedrich II. errichtet, mit Westturm und hufeisenförmiger Empore. Sie wurde von 1985 bis 1992 restauriert. Im Zweiten Weltkrieg abgegebene Glocken waren für die Metallgewinnung bestimmt, eine wurde auf einem „Glockenfriedhof“ wiedergefunden und zurückgebracht. Eine alte Bibel von 1483 wird im Zusammenhang mit dem Haus des Gastes erwähnt und nur zu besonderen Anlässen in die Kirche gebracht, sie liegt also nicht bei jedem Besuch aus.

Gelbe Dorfkirche mit Haubenturm

Im Haus des Gastes an der Karl-Marx-Straße 1 sitzt ein Heimatmuseum. Es zeigt Vor- und Frühgeschichte, Haushalt, Handwerk und die Ziegelindustrie. Von dort starten auch zwei Ziegelei-Lehrpfade mit insgesamt acht Tafeln. Das Museum ist nach Angaben der Tourismusseite nur nach Anmeldung geöffnet.

Der Motzener See liegt südwestlich des Ortes und bildet die Grenze zu Zossen. Die Tourismusseite des Weges nennt ihn „Wiege der Freikörperkultur in Deutschland“. Der Tagesspiegel erzählt von Berliner Naturisten, die hier in den 1920er Jahren die „Märchenwiese“ zum Ausflugsziel machten, mit Gruppen wie „Windsbräute“ und „Lichtkämpfer“ und einem improvisierten Haltewunsch an der Bahn. Das ist eine journalistische Rückschau, keine geprüfte Fahrplanquelle. Berlin.de ordnet FKK und die frühere Ziegelindustrie in die Geschichte des Sees ein. Nahe dem Strandbad steht nach Angaben auf Komoot die Skulptur „Findling unter dem Dach“, 2003 vom niederländischen Künstler Ton Kalle geschaffen.

Pätzer Seen, Karbuschsee und Naturpark Dahme-Heideseen

An den Pätzer Seen liegt ein Rastplatz mit Informationstafel zum Naturschutzgebiet. Der Pätzer Hintersee ist 216 Hektar groß, gut drei Kilometer lang und höchstens vier Meter tief, im Mittel nicht einmal anderthalb. Er liegt in der Gemeinde Bestensee und macht 47 Prozent des Naturschutzgebiets aus. Biber und Fischotter kommen hier vor, im Wasser leben Hecht, Karpfen und Barsch. Der Große Karbuschsee liegt im nördlichen Gemeindegebiet von Groß Köris. Eine vollständige Seeumrundung ist in dieser Etappe nicht enthalten.

Infotafel des Paul-Gerhardt-Wegs mit dem Titel „An den Pätzer Seen“
Infotafel des Paul-Gerhardt-Wegs mit dem Titel „An den Pätzer Seen“

Die Gegend gehört zum Naturpark Dahme-Heideseen, der 1998 gegründet wurde, 594 Quadratkilometer groß ist und mehr als hundert Seen über einem Hektar umfasst. Die Dahme, ein Nebenfluss der Spree, ist bei Paddler*innen beliebt. Kiefernwälder bestimmen das Bild, im Naturpark leben unter anderem Biber, Fischotter, Seeadler, Fischadler, Kranich und Eisvogel.

Schmaler Kanal mit Spiegelung zwischen kahlen Bäumen

Das Pionierlager und Groß Köris

Kurz vor dem Ziel liegen am Weg die Ruinen eines ehemaligen Pionierlagers, nach den Angaben auf Komoot das Zentrale Pionierlager „Heinrich Rau“, benannt nach dem VEB Schwermaschinenbau „Heinrich Rau“ in Wildau, der Stadt von Etappe 3. Das Gelände ist in Privatbesitz, die Gebäude sind zum Teil einsturzgefährdet. In Groß Köris gab es in der DDR-Zeit mehrere Pionierlager. Quellen zur Ortsgeschichte nennen neben dem Lager „Enver Hodscha“ am Hölzernen See eine Ferienanlage „Heinrich Rau“ nahe dem Großen Roßkardtsee. Welche Anlagen genau gemeint sind, kann ich nicht belegen.

Verfallenes Flachgebäude zwischen kahlen Bäumen

Groß Köris wird 1546 als „Grossen Kuriß“ erstmals erwähnt. Von 1330 bis 1717 gehörte der Ort den Schenken von Landsberg. Nach dem Dreißigjährigen Krieg lebten dort 1652 nur noch drei Bauern und vier Kossäten. Der Bahnhof wurde 1897 an der Strecke Berlin-Görlitz eröffnet und machte den Ort zum Ausflugsziel für Berliner*innen. Das Alte Spritzenhaus stammt vermutlich von 1858 und wurde 2003 restauriert.

Die Zugbrücke über den Groß Körischer Graben verbindet Literatur und Eigeninitiative. Laut Amt Schenkenländchen kam Theodor Fontane 1880 auf seinem Segelboot „Phönix“ und interessierte sich für die Brückentechnik. Die Brücke wurde 1945 zerstört, 1958 wiederhergestellt und lange per Hand geöffnet. 2002 beteiligten sich bis zu 15 Rentner an ihrer Instandsetzung. Aktuelle Brückenöffnungen veröffentlicht das Amt gesondert.

Die Christuskirche wurde am 14. Juni 1916 geweiht. Georg Büttner, ein preußischer Regierungsbaumeister, entwarf sie im Heimatstil, es war sein letzter Entwurf, er starb 1916. Die Ausführung übernahm Hans Palm. Innen fällt die Jugendstil-Ausmalung mit einem Sternenhimmel im Gewölbe auf, die Orgel baute die Firma Steinmeyer. Nach schweren Kriegsschäden wurde die Kirche bis 2012 vollständig restauriert. Sie ist als „Offene Kirche“ gedacht, der Schlüssel liegt bei Anwohner*innen. Dahinter liegen der Schulzensee und weitere Seen der Gemeinde, darunter der Zemminsee und der Große Moddersee.

Gut zu wissen

  • Die offizielle Einteilung nennt diese Strecke Etappe 6, mit 19 Kilometern (rund fünf Stunden) von der St.-Moritz-Kirche bis zum Bahnhof Groß Köris.
  • Die Ruinen des Pionierlagers sind einsturzgefährdet und liegen auf Privatgelände. Nicht betreten.
  • Das Heimatmuseum Motzen ist nur nach Anmeldung geöffnet. Wer die Ziegelei-Lehrpfade gehen möchte, startet am Haus des Gastes.
  • Die Christuskirche in Groß Köris ist eine „Offene Kirche“. Wo der Schlüssel zu holen ist, vorher erfragen.
  • Für die Waldetappen gilt: Die digitale Tourensammlung der Region weist auf Strecken ohne Einkehr hin, eine Gaststätte sollte nicht die einzige Wasser- oder Essensquelle sein.

Fazit

Eine ruhige Etappe, auf der es mehr zu sehen gibt, als man anfangs denkt: ein Ziegeldorf, das Berlin mit Baumaterial versorgte, ein Naturpark mit viel Wasser und eine Zugbrücke und Kirche in Groß Köris, die überraschen. Wer Zeit sparen will, lässt die Ziegeleipfade aus. Wer sie hat, plant für Motzen eine Stunde ein.