Unterwegs zu Fuß

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Jüdisches Berlin: Von Köpenick nach Fennpfuhl, 28,3 km

Ummauerte Grabanlage aus grauem Muschelkalk im Waldfriedhof Oberschöneweide mit Portal, schmiedeeisernem Gittertor und liegenden Steinfiguren auf dem Mauersims, umgeben von Kiefern und Birken

Tour in Berlin, von Köpenick nach Fennpfuhl · Jüdisches Berlin, Tour 5 von 7 · Alle Touren und Wege

Die fünfte Tour der Serie führt durch den Berliner Südosten: von Köpenick über Oberschöneweide, Niederschöneweide und Baumschulenweg nach Rummelsburg und Fennpfuhl, 28,3 Kilometer. Sie beginnt an einer Gedenkstele für zwei jüdische Olympiasieger, kommt an der Tafel für die zerstörte Synagoge Köpenick und am Grab der Familie Rathenau vorbei und endet an der Tafel für Hans Rosenthal, der sich in einer Laubenkolonie vor den Nationalsozialisten versteckte. Dazwischen liegen Orte der NS-Verfolgung insgesamt, die mit jüdischer Geschichte nur indirekt zu tun haben.

Meine Tour vom 23. Juni 2021 verbindet zwei Sorten von Orten, und das solltest du vorher wissen. Jüdische Geschichte im engeren Sinn sind die Flatow-Stele, die Tafel für die Synagoge Köpenick, der Gedenkort Rummelsburg mit dem Kapitel über die ermordeten jüdischen Insass*innen und die Tafel für Hans Rosenthal. Über die Familie Rathenau gehören das Grab und die AEG-Halle dazu. Die Gedenkstätte der Köpenicker Blutwoche, das Lager an der Kaulsdorfer Straße, das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, der Friedhof Baumschulenweg und das Museum Lichtenberg sind allgemeine NS- und Stadtgeschichte mit schwachem oder nur indirektem jüdischem Bezug. Bei jedem Ort steht, worin dieser Bezug besteht.

Beschrieben ist, was von außen zu sehen war; die Ausstellungen in den Häusern sind nicht Teil dieses Berichts. Die Orte sind so beschrieben, wie sie im Juni 2021 aussahen, spätere Änderungen stehen jeweils dabei.

Inhalt dieser Tour

Strecke

28,3 km

quer durch den Berliner Südosten

Art

Streckentour, Stadtwanderung

Start

Flatow-Oberschule, Köpenick

Ziel

Bernhard-Bästlein-Straße, Fennpfuhl

ÖPNV

Start und Ziel liegen im Berliner Stadtgebiet, Verbindungen beim VBB prüfen

Untergrund

Gehwege, Straßen, Parkwege und Wege auf Friedhöfen

Thema

Orte jüdischen Lebens und Gedenkens sowie NS-Verfolgung zwischen Köpenick und Fennpfuhl

Unterwegs am 23. Juni 2021

Karte: Stadtwanderung von Köpenick nach Fennpfuhl zu Orten jüdischen Lebens und Gedenkens im Berliner SüdostenStreckentour von Köpenick über Oberschöneweide, Niederschöneweide, Baumschulenweg und Rummelsburg nach Fennpfuhl, 28,3 km, mit 11 nummerierten Orten. Die Pfeile zeigen die Richtung der Tour.1234567891011Start: Flatow-Oberschule, KöpenickZiel: Fennpfuhl1 km
Von der Flatow-Oberschule in Köpenick zur Hans-Rosenthal-Tafel in Fennpfuhl, 28,3 km. Die Pfeile zeigen die Richtung der Tour, die Nummern stehen im Streckenband. Gestrichelt: Bahnstrecken.

Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), vereinfacht dargestellt.

Streckenband

  1. Kilometer 0Flatow-Oberschule, KöpenickStart · Birkenstraße 11
  2. Kilometer 01Flatow-SteleBirkenstraße 11, Gedenkort
  3. Kilometer 2,22Synagoge KöpenickFreiheit 8, Gedenktafel
  4. Kilometer 3,73Blutwoche KöpenickPuchanstraße 12, Gedenkstätte
  5. Kilometer 6,74Lager Kaulsdorfer StraßeWuhlewanderweg, Open-Air-Ausstellung
  6. Kilometer 10,25Rathenau-GrabWaldfriedhof Oberschöneweide
  7. Kilometer 12,96Zwangsarbeit NiederschöneweideBritzer Straße 5
  8. Kilometer 15,37Friedhof BaumschulenwegKiefholzstraße 221
  9. Kilometer 17,48AEG-HalleWilhelminenhofstraße, Edisonstraße
  10. Kilometer 23,19Gedenkort RummelsburgHauptstraße 8
  11. Kilometer 24,610Museum LichtenbergTürrschmidtstraße 24
  12. Kilometer 28,311Hans RosenthalBernhard-Bästlein-Straße 22
  13. Kilometer 28,3Bernhard-Bästlein-Straße, FennpfuhlZiel · Tafel für Hans Rosenthal
Kilometer gerundet.

Darum lohnt sich die Tour

  • Zwei verfolgte jüdische Olympiasieger, die zerstörte Synagoge Köpenick und die Tafel für Hans Rosenthal und die drei Frauen, die ihn bewahrten: die jüdischen Orte im Südosten, oft wenig bekannt.
  • Das Rathenau-Grab im Waldfriedhof Oberschöneweide und eine AEG-Halle zeigen, wie die Elektroindustrie und eine Familie jüdischer Herkunft den Ortsteil prägten.
  • Der Gedenkort Rummelsburg erzählt von einem Arbeitshaus, in dem Anfang 1941 alle 30 jüdischen Insass*innen abtransportiert wurden.
  • Die Tour trennt offen zwischen jüdischer Geschichte und allgemeiner NS-Geschichte: Blutwoche, Zwangsarbeit und Friedhof Baumschulenweg stehen mit ihrem jeweiligen Bezug.

Anreise

Hin

Start an der Flatow-Oberschule, Birkenstraße 11 in Köpenick; Verbindungen vorher beim VBB prüfen

Zurück

Ziel an der Bernhard-Bästlein-Straße 22 in Fennpfuhl; Verbindungen vorher beim VBB prüfen

Hinweis

Nach dem Museum Lichtenberg (km 24,6) liegt auf den letzten knapp vier Kilometern kein weiterer Ort am Weg

Die Tour beginnt an der Flatow-Oberschule an der Birkenstraße in Köpenick.

Die Route

Die Strecke hat drei Teile. Der erste liegt in Köpenick und reicht über die Bezirksgrenze nach Kaulsdorf: Flatow-Stele, Synagogentafel, Gedenkstätte der Blutwoche und das Lager an der Kaulsdorfer Straße. Der zweite führt durch Oberschöneweide, Niederschöneweide und Baumschulenweg zum Rathenau-Grab, zum früheren Zwangsarbeiterlager, zum Friedhof mit Krematorium und zu einer AEG-Halle. Der dritte geht über Rummelsburg nach Fennpfuhl, mit dem Gedenkort, dem Museum Lichtenberg und der Tafel für Hans Rosenthal am Ziel.

Köpenick: die Flatow-Stele an der Birkenstraße

Der erste Ort liegt gleich am Start: Links vor dem Eingang der Flatow-Oberschule, Birkenstraße 11, steht eine Gedenkstele für Gustav Felix und Alfred Flatow. Oben sitzt ein Bronzerelief, darunter eine kleine Texttafel, die den beiden als „Siegern der 1. Olympiade der Neuzeit 1896 in Athen“ gewidmet ist. Sie erinnert an zwei Pioniere der deutschen Sportbewegung, die wegen ihrer jüdischen Herkunft ausgegrenzt und verfolgt und später nach Theresienstadt deportiert wurden; beide starben dort an Hunger und Entkräftung.

Das Denkmal wurde am 14. Oktober 1995 enthüllt. Es ging aus einem Schulprojekt der Flatow-Oberschule hervor, der Bildhauer Bernd Finkenwirth entwarf es; zur Einweihung kam Stefan Flatow, der damals 70-jährige Sohn von Gustav Felix Flatow, aus Rotterdam (Museum Treptow-Köpenick, Bildhauerei in Berlin). Die Schule trägt den Namen seit 1992. Zum Zustand im Juni 2021: Der helle Stein ist verwittert und fleckig.

Das Relief zeigt die Porträts der beiden Cousins nebeneinander, Turnszenen und einen stilisierten Grundriss der Festung Theresienstadt, dessen Umriss an einen Davidstern erinnert; in den Bastionen drängen sich Figuren der Opfer.

Alfred Flatow wurde 1869 in Danzig geboren und gewann 1896 in Athen am Barren Gold und am Reck Silber, dazu mit der Mannschaft zweimal Gold, so Yad Vashem. Er wurde am 3. Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb dort am 28. Dezember 1942 (Stolpersteine Berlin). Gustav Felix Flatow, 1875 im westpreußischen Berent geboren, holte 1896 zweimal Gold mit der Turnmannschaft. Er emigrierte 1933 in die Niederlande, wurde an Silvester 1943 im Versteck verraten und im Februar 1944 von Westerbork nach Theresienstadt gebracht, wo er am 29. Januar 1945 starb (Stolpersteine Berlin).

Köpenick: die Gedenktafel für die Synagoge, Freiheit 8

Nach gut zwei Kilometern hängt in der Köpenicker Freiheit an einer ockergelben Putzwand eine Metalltafel. Oben zeigt sie das Relief einer Synagogenfassade mit zwei Türmen, darunter steht „Freiheit 8“, eine hebräische Zeile und der deutsche Satz „Und hier ist das Tor des Himmels“. Der Satz geht auf Genesis 28,17 zurück, Jakobs Wort nach seinem Traum von der Himmelsleiter; nach der Datenbank Gedenktafeln in Berlin stand er über dem Portal der Synagoge. Die Tafel erinnert an die Jüdische Gemeinde zu Köpenick und ihre am 9. November 1938 zerstörte Synagoge. Sie hängt an der Mauer zum Grundstück, auf dem die Synagoge stand; der Gestalter Achim Kühn hat sie am 9. November 1993 angebracht (Museum Treptow-Köpenick).

Die Gemeinde war 1889 als eigene „Coepenicker Synagogengemeinde“ gegründet worden, zu ihr gehörten auch Orte wie Adlershof, Grünau und Schöneiche. Zuerst fanden die Gottesdienste in Gaststätten statt, 1910 entstand an der Freiheit die Synagoge, entworfen vom Architekten Adolf Sommerfeld (Museum Treptow-Köpenick, Bezirksamt). Am 1. Juli 1930 schloss sich die Gemeinde der Berliner Jüdischen Gemeinde an (Museum Treptow-Köpenick). In der Pogromnacht am 9. November 1938 verwüstete und plünderte die SA die Synagoge und setzte sie in Brand, Kultgegenstände wurden im Frauentog versenkt. Im Krieg zerstörten Bomben das Gebäude weiter, 1945 wurde es vollständig abgetragen (Bezirksamt).

Der Ort ist ein Gedenkort des Bezirks: Am 27. Januar 2022 legte das Bezirksamt hier einen Kranz nieder (Pressemitteilung).

Köpenick: das Amtsgerichtsgefängnis und die Blutwoche 1933

Ein gutes Stück weiter, in der Puchanstraße 12, liegt die Gedenkstätte Köpenicker Blutwoche im Hof des früheren Amtsgerichtsgefängnisses. Das Zellengefängnis entstand 1899 bis 1901 nach Plänen von Paul Thoemer (Denkmalverzeichnis des Bezirks). Mein Foto zeigt den langen Bau aus gelbem Klinker mit den vielen kleinen vergitterten Rundbogenfenstern hinter dem Zaun, davor Hof, Wiese und zwei Bänke.

Vom 21. bis 26. Juni 1933 verschleppten und misshandelten SA- und SS-Einheiten in Köpenick mehrere hundert politisch Andersdenkende sowie Jüdinnen und Juden, mindestens 23 Menschen starben (Bezirksamt). Anlass waren die Verbote des Deutschnationalen Kampfrings und der SPD und der Fall Anton Schmaus, der in Notwehr auf drei SA-Männer schoss. Das Amtsgerichtsgefängnis war im Juni 1933 der Hauptsitz der Köpenicker SA, mindestens 200 Menschen wurden dort festgehalten (Broschüre der Gedenkstätte).

Das ist allgemeine NS-Geschichte, kein jüdischer Ort im engeren Sinn: Die Gewalt traf vor allem Funktionäre von SPD und KPD und Gewerkschafter. Der jüdische Bezug läuft über einzelne Opfer. Dr. Georg Eppenstein, 1867 geboren, Chemiker und Unternehmer aus einer jüdischen Familie, selbst konfessionslos, wurde am 21. Juni 1933 von der SA aus seiner Wohnung verschleppt, gefoltert und starb am 3. August 1933 an den Folgen. Nach Darstellung der Gedenkstätte war das eine der ersten antisemitisch motivierten Tötungen nach der Machtübernahme in Berlin. Ein Stolperstein für ihn liegt in der Salvador-Allende-Straße 43 bis 45 (Museum Treptow-Köpenick). Als jüdisch verfolgte Opfer nennt die Broschüre der Gedenkstätte außerdem Lothar Baer, Max Pincus und Meinhard Moses.

Die Gedenkstätte entstand in mehreren Schritten: 1980 ein Traditionskabinett im Keller, 1987 eine neue Ausstellung im früheren Betsaal und in fünf Zellen, die heutige Dauerausstellung wurde am 21. Juni 2013 eröffnet. Die DDR-Erinnerung betonte den kommunistischen Widerstand und vernachlässigte andere Opfergruppen (Gedenkstätte). Seit 2021 gibt es in der letzten Zelle im ersten Stock außerdem die Kunstinstallation „Es waren Nachbarn, es sind Menschen“ von Renate Herter (Gedenktafeln in Berlin). Die Öffnungszeiten stehen unter „Gut zu wissen“.

Kaulsdorf: das Lager Kaulsdorfer Straße 90

Auf dem Weg nach Nordosten überquert die Tour die Bezirksgrenze: Am Wuhlewanderweg in Kaulsdorf, Bezirk Marzahn-Hellersdorf, stehen in Höhe der Bismarcksfelder Straße die Tafeln der Open-Air-Ausstellung „Lager Kaulsdorfer Straße 90“, laut Berliner Zeitung acht an der Zahl, seit April 2013 (berlin.de). Auf meinem Foto stehen vier hohe Stelen nebeneinander vor einer Trauerweide, auf einer klebt rotes Graffiti. Zwei Überschriften sind lesbar: „Lager für Wolhyniendeutsche“ und „Zwangsarbeiterlager“.

Im heutigen Bezirk Marzahn-Hellersdorf gab es mindestens 30 Zwangsarbeitslager, dieses war das größte. Es wurde als Unterkunft für deutsche Arbeiter bei Bauvorhaben der Reichsbahn gebaut und diente danach zunächst als Durchgangslager für Wolhyniendeutsche. 1940 kam ein Kriegsgefangenenlager für französische Soldaten dazu, ab dem 30. April 1942 lebten hier „Ostarbeiter“, die für die Reichsbahn arbeiten mussten: bis zu 1.400 Menschen aus Russland und der Ukraine, darunter viele Frauen und Kinder (berlin.de).

Der jüdische Bezug ist schmal: Das Gelände war ursprünglich jüdischer Besitz und wurde zwangsenteignet. Jüdische Zwangsarbeiter*innen sind für diesen Ort nicht dokumentiert, das Lager gehört zur Geschichte der NS-Zwangsarbeit.

Oberschöneweide: das Erbbegräbnis der Familie Rathenau

Im Waldfriedhof Oberschöneweide liegt das Erbbegräbnis der Familie Rathenau. Es ist kein jüdischer Friedhof, sondern ein kommunaler, konfessionsloser; Emil Rathenau stiftete 1902 das Waldgelände dafür (Landesdenkmalamt). Die Anlage entstand 1903 und 1904 nach einem Entwurf von Alfred Messel, den Bauschmuck schuf Hermann Hahn. Hohe Mauern aus Muschelkalkquadern umschließen einen offenen Hof, über dem schmalen Portal mit Dreiecksgiebel liegen überlebensgroße Figuren, „Morgen“ und „Abend“.

Gegenüber dem Eingang steht eine Wand mit den Namen der Beigesetzten: Erich (1871 bis 1903), Emil (1838 bis 1915), Walther (1867 bis 1922) und Mathilde Rathenau (1845 bis 1926). Im Giebel stehen der Name Rathenau und der Satz „Hier ruhet in Gott“, darunter hängt eine Bronzetafel: „Dr. Walther Rathenau, geboren 29.9.1867, ermordet 24.6.1922, Reichsaußenminister 1922“. Die heutige Tafel stammt von 1992 und ersetzte eine DDR-Tafel von 1962, die den Mord „der Reaktion“ zuschrieb (Museum Treptow-Köpenick).

Emil Rathenau, Sohn eines jüdischen Kaufmanns, erwarb 1882 die Rechte an Edisons Patenten für Deutschland, 1883 entstand die Deutsche Edison-Gesellschaft, aus der 1887 die AEG wurde (Deutsches Historisches Museum). Sein Sohn Walther führte die AEG später als Aufsichtsratsvorsitzender, wurde Politiker und Anfang 1922 Reichsaußenminister. Nach der Deutschen Biographie war seine Konfession jüdisch; 1895 beantragte er den Austritt aus der Jüdischen Gemeinde, vollzog ihn aber nicht rechtsgültig. 1897 forderte er in der Schrift „Höre, Israel!“ die Juden zur Assimilation auf. Am 24. Juni 1922 wurde er auf dem Weg ins Auswärtige Amt in Berlin-Grunewald aus einem fahrenden Auto erschossen (Deutsche Biographie). Die Täter gehörten der rechtsradikalen Organisation Consul an, als Folge des Attentats entstand das Republikschutzgesetz (LeMO). Ich war einen Tag vor dem 99. Jahrestag der Ermordung hier.

Einordnung: Der Bezug zum Thema der Serie läuft über die jüdische Herkunft der Familie und über die AEG, nicht über die NS-Verfolgung; alle vier Beigesetzten starben vor 1933. Die Anlage ist seit 1977 Denkmal und ein Ehrengrab des Landes Berlin. 2012 wurde sie nach einer umfangreichen Sanierung wiedereingeweiht, das Gittertor am Portal ist eine Rekonstruktion (Landesdenkmalamt, Museum). Das Portal mit den liegenden Figuren zeigt das Titelbild dieses Beitrags.

Niederschöneweide: das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit

In Niederschöneweide liegt in der Britzer Straße 5 das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, an der Stelle eines fast vollständig erhaltenen Zwangsarbeiterlagers mitten im Wohngebiet. Mein Foto zeigt eine der eingeschossigen Baracken mit Sprossenfenstern hinter einem Kiesplatz; im Vordergrund hängt unscharf Stacheldraht eines Zauns.

Nach Angaben des Dokumentationszentrums errichtete der Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt unter Albert Speer das Lager ab Ende 1943: 13 Unterkunftsbaracken und eine Wirtschaftsbaracke, ausgelegt für 2.160 Menschen, nie voll belegt. Untergebracht waren über 400 italienische Militärinternierte sowie Zwangsarbeiter*innen aus Ost- und Westeuropa, in den letzten Kriegsmonaten 1945 lebten in zwei Baracken weibliche KZ-Häftlinge aus Polen, die bei der Batteriefabrik Pertrix arbeiten mussten. Nach 1945 zog ein Impfstoff-Institut der DDR ein, seit 1995 steht die Anlage unter Denkmalschutz, am 24. August 2006 eröffnete das Dokumentationszentrum, das zur Stiftung Topographie des Terrors gehört.

Auch hier gilt: allgemeine NS-Geschichte. Der Bezug zur Serie besteht nur darüber, dass das Zentrum jüdische Verfolgte unter den Gruppen nennt, die Zwangsarbeit leisten mussten. Die Öffnungszeiten stehen unter „Gut zu wissen“.

Baumschulenweg: Friedhof und Krematorium

In der Kiefholzstraße 221 liegt der Alte Städtische Friedhof Baumschulenweg, 1911 bis 1913 angelegt, mit einem Torhaus von Erich Bientz und Mathias Bardenheuer (Bildhauerei in Berlin). Vor dem hellen Torhaus mit dem roten Ziegeldach, dessen Mittelteil dicht bewachsen ist, steht die Steinfigur einer verhüllten Frau, die das Gesicht in den Händen birgt: „Die Trauernde“ von Fritz Cremer. Sie ist aus Granit und die Zweitfassung einer Figur von 1947/48 für das Denkmal der Opfer des Faschismus auf dem Wiener Zentralfriedhof, aufgestellt wurde sie 1950 (Museum Treptow-Köpenick).

Hinter dem Tor, links vom Haupteingang des Krematoriums, steht im Ehrenhain ein großer Gedenkstein aus rauem Stein mit Bronzebuchstaben: „Den 1195 ermordeten Antifaschisten, deren Asche hier bestattet ist“. Zwischen Juni 1940 und August 1941 wurden hier die Aschen von Häftlingen beigesetzt, die im KZ Sachsenhausen ermordet worden waren; die Datenbank Bildhauerei in Berlin spricht von fast 2.000, der Stein nennt 1195. Als ich dort war, lagen frische Blumen vor dem Stein. Die Erinnerungsstätte wurde nach dem Museum 1949 eingeweiht; die Datenbank Bildhauerei in Berlin nennt um 1956 einen von Fritz Cremer gestalteten Gedenkstein. Welcher Stein wann aufgestellt wurde, ist nicht eindeutig.

Auf der Rückseite steht ein Gedicht von Walter Dehmel in sechs Strophen. Es wendet sich an die Toten, beschreibt, wie sie gequält und ermordet wurden, und endet mit dem Versprechen der Lebenden, eine neue, bessere Zeit zu schaffen. Dahinter ragt die Sichtbetonwand des Krematoriums auf, das 1996 und 1997 nach Plänen von Axel Schultes neu gebaut wurde.

Auch das ist allgemeine NS-Geschichte. Ein jüdischer Bezug ist nicht überliefert, ob unter den Beigesetzten jüdische Häftlinge waren, ist offen. Der Friedhof ist deshalb kein jüdischer Gedenkort, sondern ein Ort der NS-Verfolgung insgesamt.

Oberschöneweide: eine Halle der AEG

Zurück in Oberschöneweide führt der Weg an der Ecke Wilhelminenhofstraße und Edisonstraße an einer Halle vorbei, deren gelber Klinkergiebel einen roten Schriftzug „AEG“ trägt. Sie gehört zum Denkmalensemble des früheren AEG-Transformatorenwerks (Denkmaldatenbank Berlin). Zu welcher Halle des Werks das Foto gehört, bleibt offen. Auf meinem Foto kreuzen Oberleitungen das Bild, unten links klebt blaues Graffiti.

Die AEG baute ab 1895 in Oberschöneweide ein langes Band von Werken, deren gelbe Ziegelfassaden den Ortsteil bis heute prägen (Landesdenkmalamt). 1897 wurde das damals 626 Einwohner zählende Dorf Hauptstandort der AEG, die Bevölkerung vervielfachte sich in wenigen Jahren (Bezirksamt). Das Transformatorenwerk entstand aus der Deutschen Niles-Werkzeugmaschinen-Fabrik, die AEG übernahm es 1920, nach 1945 war es der VEB Transformatorenwerk „Karl Liebknecht“, 1995 wurde es geschlossen; heute sitzt hier das Kultur- und Technologiezentrum Rathenau.

Der Bezug zur Serie läuft allein über die Gründerfamilie: Emil Rathenau, der Sohn eines jüdischen Kaufmanns, gründete die AEG.

Rummelsburg: der Gedenkort an der Hauptstraße

In der Hauptstraße 8 in Rummelsburg liegt der Informations- und Gedenkort Rummelsburg, eine Open-Air-Ausstellung zwischen den erhaltenen Anstaltsgebäuden, die heute Wohnungen sind. Am Anfang stehen drei hohe Vierkantstelen, auf meinem Foto links eine rostfarbene, daneben zwei graue, davor ein gepflasterter Platz und dahinter ein roter Backsteinbau. Sie stehen für drei Zeitabschnitte: Kaiserreich und Weimarer Republik, NS-Zeit, DDR. Zwei der Stelen sind mit schwarzem Graffiti beschmiert. Entlang der Friedrich-Jacobs-Promenade folgen sechs Dreiergruppen kleinerer Stelen mit Einzelschicksalen, die ich nicht fotografiert habe. Eingeweiht wurde der Gedenkort am 12. Januar 2015 (Gedenktafeln in Berlin).

Auf dem Areal lagen von 1879 bis 1990 nacheinander verschiedene Anstalten. 1879 eröffnete die Stadt Berlin das Arbeitshaus, das größte in Deutschland, in das vor allem Bettler, Obdachlose und Prostituierte eingewiesen wurden. In der NS-Zeit wurde es zur Sammelanstalt für als „asozial“ Verfolgte; Anfang 1942 wählten Gutachter der „Aktion T4“ von knapp 1.500 Insass*innen 314 zur Tötung aus, die Morde wurden dann nicht mehr umgesetzt. Ab 1951 war hier das zentrale Männergefängnis Ost-Berlins (GedenkstättenRundbrief, Bezirksamt Lichtenberg).

Der jüdische Bezug ist klar belegt: Am 13. Januar 1941 wurden alle 30 jüdischen Insass*innen des Arbeitshauses abtransportiert, 20 Männer und zehn Frauen zwischen 18 und 82 Jahren. Sie wurden in der Tötungsanstalt Bernburg mit Gas ermordet, nicht in Rummelsburg. Zu ihnen gehörte die 67-jährige Auguste Löwenthal aus Friedrichshain; eine der kleinen Stelen erzählt ihre Geschichte. Im Juni 1939 wurde sie nach einer Denunziation festgenommen, die Kriminalpolizei warf ihr als Jüdin „Rassenschande“ vor, unter der Drohung mit Vorbeugehaft unterschrieb sie die „freiwillige“ Einweisung ins Arbeitshaus (Gedenktafeln in Berlin). Ein Ort der NS-Verfolgung sozialer Randgruppen also, mit einem Kapitel jüdischer Verfolgungsgeschichte.

Rummelsburg: das Museum Lichtenberg

Das Museum Lichtenberg sitzt in der Türrschmidtstraße 24 im Stadthaus am Tuchollaplatz, dem früheren Rathaus von Boxhagen-Rummelsburg von 1901, seit 2006. Auf meinem Foto hängen zwei beige Fahnenbanner an der Ecke, an der hellen Giebelwand steht ein großer Schriftzug „Raum für Freiraum“, Kunst am Bau von Luc Wolff von 2005, die auf die Baulücke durch die Kriegszerstörung verweist (Museum Lichtenberg).

Das Museum ist kein Ort jüdischen Lebens, aber eine Einrichtung, die jüdische Lokalgeschichte dokumentiert: Das Museum veröffentlicht einen Auszug aus dem „Gedenkbuch für jüdische Bürger“ mit Kurzbiografien von Berliner*innen, die zwischen 1933 und 1945 im Gebiet des heutigen Bezirks Lichtenberg lebten und verfolgt und ermordet wurden (Museum Lichtenberg). 2021 hat das Museum seine Dauerausstellung umgestaltet und neu eröffnet. Öffnungszeiten stehen unter „Gut zu wissen“, das Haus selbst habe ich nur von außen fotografiert.

Fennpfuhl: Hans Rosenthal und die Kolonie Dreieinigkeit

Die Tour endet in Fennpfuhl in der Bernhard-Bästlein-Straße 22, auf der Rasenfläche vor der Grundschule am Roederplatz. Dort liegt auf einem niedrigen Betonsockel eine schräg gestellte Informationstafel. Links zeigt sie ein historisches Schwarzweißfoto vom verschneiten Zugang zur Kleingartenkolonie „Dreieinigkeit“, rechts zwei Textspalten, ein Porträt und zwei Kartenausschnitte. Der Text beginnt mit dem Satz, hier habe sich Hans Rosenthal bis zu seiner Befreiung durch die Rote Armee im April 1945 versteckt. Auf den Karten markiert ein roter Ring den ungefähren Standort der Lauben, ein roter Punkt den der Tafel: Sie steht in der Nähe, nicht auf dem Laubengrundstück (Gedenktafeln in Berlin). Am Sockel ist übermaltes Graffiti zu sehen.

Hans Rosenthal wurde am 2. April 1925 in Berlin geboren. Als Jude verfolgt, musste er Zwangsarbeit in Neuendorf bei Fürstenwalde leisten. Seine Mutter starb im November 1941, ein Jahr später wurde sein jüngerer Bruder Gert, der in einem jüdischen Waisenheim lebte, deportiert. Ende März 1943 tauchte Rosenthal unter: Seine nichtjüdische Großmutter Anna Rosenthal vermittelte ihn an ihre Bekannte Ida Jauch in der Laubenkolonie „Dreieinigkeit“. Sie versteckte ihn in einem winzigen Verschlag ihrer Laube, nur nachts bei Fliegeralarm konnte er das Versteck verlassen. Nach ihrem plötzlichen Tod im September 1944 nahm ihn die Nachbarin Maria Schönebeck auf (Gedenkstätte Stille Helden, Ida Jauch, Maria Schönebeck).

Die Tafel nennt drei Frauen, die ihn bewahrten: Ida Jauch (1886 bis 1944), Emma Harndt (1898 bis 1977) und Maria Schönebeck (1901 bis 1950). Zu Emma Harndt nennt die Tafel nur die Lebensdaten. Ida Jauch und Maria Schönebeck wurden von Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannt; die Urkunde für Ida Jauch wurde am 26. Oktober 2015 an ihren Großneffen übergeben (Jüdische Allgemeine). Nach dem Krieg wurde Rosenthal als Entertainer beim RIAS und im Fernsehen bekannt, mit der Quizshow „Dalli Dalli“, die von 1971 bis 1986 lief. Er starb am 10. Februar 1987 in Berlin. Die erste Tafel wurde am 8. September 2011 enthüllt; nach einer Beschädigung ersetzte sie am 7. Mai 2013 eine gleich gestaltete neue, und diese Ersatztafel war 2021 zu sehen. Sie wurde aus dem Lichtenberger Fonds für Erinnerungskultur finanziert und von kk-architekten (Karl Karau) gestaltet (Gedenktafeln in Berlin).

Am Wegesrand

Drei jüdische Orte liegen am Weg, die ich nicht fotografiert habe. Ich kann deshalb nicht beschreiben, wie sie im Juni 2021 aussahen.

Mahlsdorfer Straße 94: das frühere jüdische Altersheim

In der Mahlsdorfer Straße 94 stand das Altersheim der Jüdischen Gemeinde. Das Haus war 1915 als jüdische Erziehungsanstalt für Mädchen geplant worden, ab 1932 war es ein Altersheim, bei der Volkszählung 1939 lebten dort 82 Menschen. Am 26. Oktober 1942 wurde das Heim mit dem 22. Osttransport nach Riga geräumt, nach der Erinnerung von Charlotte von Mahlsdorf nutzte danach die Hitlerjugend das Haus. Heute ist es ein Seniorenheim; eine Gedenktafel aus schwarzem Granit hängt dort seit dem 27. Januar 2005 (Museum Treptow-Köpenick, Gedenktafeln in Berlin).

Gehsener Straße 78: der frühere jüdische Friedhof

Die Synagogengemeinde erwarb das Grundstück in der Gehsener Straße 78 im Jahr 1894, Beisetzungen sind bis mindestens 1937 belegt. 1938 wurde der Friedhof geschändet, Ende der 1950er Jahre zur Grünanlage umgeplant, die Grabsteine wurden zu einer Pyramide geschichtet. 33 Köpenicker Grabsteine stehen heute auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee (Museum Treptow-Köpenick), dem ein eigener Beitrag gewidmet ist. Seit November 2024 erinnern Informationstafeln der Museen Treptow-Köpenick und des Heimatvereins Köpenick an Friedhof und Altersheim, mit zwei Wegweisern; das Bezirksamt lud am 20. November 2024 zur Übergabe ein (Pressemitteilung). Die Gedenktafel von 2004, die bis dahin im Hof an der Gehsener Straße 78 hing, wurde an einen neuen Standort versetzt (Bezirksamt). Im Juni 2021 gab es diese Tafeln noch nicht.

Mandrellaplatz 1: die Stolpersteine für Friedrich und Berta Zernick

Beim Amtsgericht liegen am Mandrellaplatz 1 Stolpersteine für Friedrich Zernick (Jahrgang 1895) und Berta Zernick, geborene Rachmiel (Jahrgang 1892), die dort ein Lebensmittelgeschäft betrieben. Friedrich Zernick wurde am 1. März 1942 nach Auschwitz deportiert und dort am 8. April 1943 ermordet. Berta Zernick wurde am 26. Oktober 1942 deportiert; auf ihrem Stolperstein steht Auschwitz, nach dem Museum kam sie wahrscheinlich bei Riga ums Leben (Museum Treptow-Köpenick).

Gut zu wissen

  • Nimm dir Zeit: 28,3 Kilometer sind lang, die Orte liegen weit verteilt. Teilstrecken kannst du dir nach Karte und Streckenband zusammenstellen, Verbindungen findest du beim VBB.
  • Gedenkstätte Köpenicker Blutwoche, Puchanstraße 12: nach der Gedenkstätte dienstags und donnerstags 10 bis 18 Uhr, samstags und sonntags 14 bis 18 Uhr, Eintritt frei (Stand Oktober 2026).
  • Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, Britzer Straße 5: nach der Webseite dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr, Eintritt frei (Stand Oktober 2026).
  • Museum Lichtenberg, Türrschmidtstraße 24: nach dem Museum dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr, Eintritt frei, an Feiertagen geschlossen (Stand Oktober 2026).
  • Waldfriedhof Oberschöneweide: ein städtischer Friedhof, der Zugang liegt an der verlängerten Rathenaustraße. Nach dem Bezirksamt ist er von April bis September von 7.30 bis 20 Uhr und von Oktober bis März von 7.30 bis 18 Uhr geöffnet; schau vorher beim Bezirk nach.
  • Der Gedenkort Rummelsburg steht im Freien und ist nach dem Museumsportal Berlin durchgehend zugänglich. Die Tafeln am Wuhlewanderweg stehen ebenfalls im Freien.
  • Seit Juni 2021 neu oder verändert: Informationstafeln zu jüdischem Friedhof und Altersheim in Köpenick (ab November 2024), die Kunstinstallation von Renate Herter in der Gedenkstätte der Blutwoche (seit 2021) und die umgestaltete Dauerausstellung im Museum Lichtenberg (2021).
  • Die Tour ist Teil meiner Serie Jüdisches Berlin mit sieben Touren aus dem Juni 2021.

Fazit

Diese Tour ist die gemischteste der Serie. Neben den jüdischen Orten, der Flatow-Stele, der Synagogentafel, dem Gedenkort Rummelsburg und der Tafel für Hans Rosenthal, stehen Orte der Verfolgung, bei denen der jüdische Bezug klein ist oder fehlt. Die Rathenau-Familie und die AEG prägten Oberschöneweide, nur wenige Kilometer weiter erinnern Lager und Friedhof an Zwangsarbeit und Terror derselben Jahre. Wenn du nur die jüdischen Orte sehen willst, sind das die Flatow-Stele und die Synagogentafel in Köpenick, das Rathenau-Grab dazu, danach der Gedenkort Rummelsburg und die Rosenthal-Tafel. Mehr zu jüdischem Leben und Gedenken in der Innenstadt findest du in Tour 3 und Tour 4.

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