Tour in Berlin, von Charlottenburg über Kreuzberg nach Neukölln · Jüdisches Berlin, Tour 2 von 7 · Alle Touren und Wege
Die zweite Tour führt einmal quer durch die Innenstadt: vom Bahnhof Zoo, wo das jüdische Leben des alten Berliner Westens zu Hause war, über Schöneberg und Tiergarten nach Kreuzberg, kurz hinauf nach Mitte und wieder zurück nach Kreuzberg, dann am Columbiadamm entlang nach Neukölln. 23,5 Kilometer und mehr Orte, als in einen Tag passen: Synagogen, die es nicht mehr gibt, Denkmäler von 1963 bis 2019, ein Rathaus, ein Verlagshaus, ein Museum von Daniel Libeskind und ein Schild an einem Laternenmast, das 1933 beschreibt, was damals nach und nach verboten wurde.
Ich bin die Strecke am 9. Juni 2021 gegangen, in Komoot heißt sie bei mir „Jüdisches Berlin – Von Charlottenburg nach Neukölln“. Es ist eine lange Stadtwanderung auf Gehwegen, die reine Gehzeit lag bei rund viereinhalb Stunden, mit allen Pausen war ich deutlich länger unterwegs. Beschrieben ist, was von der Straße aus zu sehen ist; wo ich nur vorbeigekommen bin, steht das dabei. Wer kürzer gehen will, findet unterwegs mehrere U-Bahnhöfe am Weg.
Inhalt dieser Tour
- Steckbrief
- Darum lohnt sich die Tour
- Anreise
- Die Route
- Charlottenburg: Delphi und das Gemeindehaus in der Fasanenstraße
- Meinekestraße 10: Palästinaamt und Jüdische Rundschau
- KaDeWe
- Bayerisches Viertel: Orte des Erinnerns
- Münchener Straße 37: das Denkmal für die Synagoge
- Apostel-Paulus-Straße 26: Den 28 Nachbarn
- Bülowstraße: das Wandbild „Israel / Palestine“
- Lützowstraße 16: die Gemeindesynagoge
- Rathaus Kreuzberg: Carl Herz
- Jüdisches Museum und Blumenthal Akademie
- Mosse-Zentrum
- Synagoge Lindenstraße
- Kommandantenstraße: Fritz Flato und der Jüdische Kulturbund
- Dresdener Straße 127
- Synagoge Fraenkelufer
- Fontanepromenade 15: die „Schikanepromenade“
- Columbiadamm: das Mahnmal für das KZ Columbia-Haus
- Neukölln: Isarstraße 8 und das Ende der Tour
- Am Wegesrand
- Jüdisches Leben heute
- Gut zu wissen
- Fazit
Steckbrief
Strecke
23,5 km
abkürzbar an mehreren U-Bahnhöfen
Gehzeit
4:31 h
mit allen Pausen deutlich länger
Art
Streckentour, Stadtwanderung
Start
Bahnhof Zoologischer Garten
Ziel
Bahnhof Neukölln
ÖPNV
Hin mit S-Bahn, U2, U9 oder Regionalzug bis Zoologischer Garten, zurück ab Bahnhof Neukölln mit der S-Bahn
Untergrund
Gehwege, Asphalt und Platten
Thema
Orte jüdischen Lebens und Gedenkens zwischen Charlottenburg, Kreuzberg und Neukölln
- Mit der Bahn erreichbar
- Abkürzbar
Gelaufen am 9. Juni 2021
Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), vereinfacht dargestellt.
Streckenband
- Kilometer 0Bahnhof Zoologischer GartenStart · S-Bahn, U2, U9, Regionalzüge
- Kilometer 0,41Delphi FilmpalastKantstraße 12a
- Kilometer 0,52Jüdisches GemeindehausFasanenstraße 79/80
- Kilometer 1,43Meinekestraße 10Palästinaamt, Jüdische Rundschau
- Kilometer 2,74KaDeWeTauentzienstraße, Adolf Jandorf
- Kilometer 3,85Orte des ErinnernsDenkmal im Bayerischen Viertel
- Kilometer 4,26Münchener Straße 37Denkmal für die Synagoge
- Kilometer 4,77Apostel-Paulus-Straße 26Tafel „Den 28 Nachbarn“
- Kilometer 6,98Mural Israel/PalestineShepard Fairey, Bülowstraße
- Kilometer 8,29Lützowstraße 16ehemalige Gemeindesynagoge
- Kilometer 11,110Carl-Herz-SteleRathaus Kreuzberg
- Kilometer 12,811Jüdisches MuseumLindenstraße 9 bis 14
- Kilometer 13,912Mosse-ZentrumSchützenstraße 18 bis 25
- Kilometer 14,113Synagoge LindenstraßeAxel-Springer-Straße 48 bis 50
- Kilometer 14,614Fritz-Flato-SteleKommandantenstraße
- Kilometer 14,715Jüdischer KulturbundKommandantenstraße
- Kilometer 1616Synagoge Dresdener StraßeDresdener Straße 127
- Kilometer 16,817Synagoge FraenkeluferFraenkelufer 10 bis 16
- Kilometer 1818Fontanepromenade 15Zentrale Dienststelle für Juden
- Kilometer 19,319Mahnmal Columbia-HausColumbiadamm, 1994
- Kilometer 21,720Isarstraße 8Synagoge Rixdorf, Georg Kantorowsky
- Kilometer 23,5Bahnhof NeuköllnZiel · S-Bahn
Darum lohnt sich die Tour
- Das Bayerische Viertel an einem Tag: das Denkmal „Orte des Erinnerns“ mit seinen 80 Schildern, das Synagogendenkmal von 1963 und die Tafel „Den 28 Nachbarn“.
- Drei Orte rund um die Lindenstraße und die Kommandantenstraße, die alle zur Geschichte der jüdischen Kultur in Berlin gehören: das Jüdische Museum, der Platz der Synagoge Lindenstraße und das Theater des Jüdischen Kulturbundes.
- Die Synagoge am Fraenkelufer: der erhaltene Seitenflügel, der erste Gottesdienst nach dem Krieg 1945 und der geplante Neubau.
- Weniger bekannte Orte: das Haus der Zentralen Dienststelle für Juden an der Fontanepromenade, das KZ Columbia-Haus am Tempelhofer Feld und die Hinterhofsynagoge in Neukölln.
Anreise
Hin
S-Bahn, U2, U9 oder Regionalzug bis Zoologischer Garten
Zurück
S-Bahn ab Bahnhof Neukölln (Ringbahn und weitere Linien, Fahrplan laut VBB vorher prüfen)
Abkürzen
U Wittenbergplatz bei km 2,8, U Moritzplatz (U8) bei km 15, U Südstern (U7) bei km 18
Hinweis
Hinter dem Columbiadamm folgen noch rund 4 km bis Neukölln, mit nur einem Ort am Weg
Die Tour beginnt am Bahnhof Zoologischer Garten. Von dort ist es gleich um die Ecke zum ersten Halt in der Kantstraße.
Die Route
Die Strecke hat vier Teile. Der erste führt durch Charlottenburg und Schöneberg bis in das Bayerische Viertel. Der zweite geht über die Bülowstraße und die Lützowstraße nach Kreuzberg zum Rathaus und zum Jüdischen Museum. Der dritte verbindet Mitte und Kreuzberg: Mosse-Zentrum, Synagoge Lindenstraße, Kommandantenstraße. Der vierte ist der weiteste: vom Fraenkelufer über die Fontanepromenade und den Columbiadamm bis nach Neukölln, mit nur einem Ort auf den letzten vier Kilometern.
Charlottenburg: Delphi und das Gemeindehaus in der Fasanenstraße
Die Tour beginnt mit einem Ort, bei dem ich vorsichtig bin: dem Delphi Filmpalast am Zoo in der Kantstraße 12a. Bernhard Sehring baute das Haus 1927/28 als Tanzlokal, nach schwerer Kriegszerstörung entstand hier 1948/49 ein Kino, heute ist es wieder ein Kino. Einen jüdischen Bezug des Hauses selbst kann ich nicht belegen. Es steht hier für das Viertel: An Kantstraße und Kurfürstendamm war in den 1920er Jahren nach Angaben des Bezirksamts etwa ein Viertel der Einwohner*innen jüdisch. Das Foto zeigt den Giebel, mein Track hält hier knapp drei Minuten.

Wenige Schritte weiter, in der Fasanenstraße 79/80, steht das Jüdische Gemeindehaus. Hier stand die Synagoge der Gemeinde, ein Bau von Ehrenfried Hessel, 1910 bis 1912 gebaut und am 26. August 1912 eingeweiht. In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 wurde sie angezündet und brannte aus, die Ruine wurde 1957/58 abgerissen. Vom alten Bau blieben das Portal, das heute vor dem Eingang des Gemeindehauses steht, und Säulenreste, die zu einer Mahnsäule zusammengefügt wurden; beides führt die Denkmaldatenbank gemeinsam mit dem Gemeindehaus als Baudenkmal. Das Gemeindehaus entstand danach: Grundstein 1957, Eröffnung am 27. September 1959.


Angeschnitten auf dem zweiten Foto steht die Bronzeplastik „Thora-Rolle“ von Richard Heß, 1987 aufgestellt, mit der Inschrift „Ein Gesetz sei für den Bürger und den Fremden, der mit Euch ist“. Nach Angaben des Bezirksamts erinnert im Hof eine Gedenkwand an 22 Ghettos und Lager, davor brennt eine Ewige Flamme; Tafeln würdigen unter anderem Recha Freier, Walther Rathenau, Heinrich Stahl und Otto Hirsch. Bis 2006 war das Haus der Hauptsitz der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, heute ist es ein aktives Gemeindehaus mit Sicherheitskontrolle. Ich habe es von der Straße aus gesehen.
Meinekestraße 10: Palästinaamt und Jüdische Rundschau
Die Meinekestraße 10 ist ein Gründerzeithaus mit einer Weinbar im Erdgeschoss. Neben dem Tor hängt die Berliner Gedenktafel, die am 22. Oktober 1985 als erste Tafel des Berliner Gedenktafelprogramms enthüllt wurde. Sie erinnert an das Palästinaamt, die Zionistische Vereinigung für Deutschland und die Jüdische Rundschau. Die Jüdische Rundschau erwarb das Haus 1925, rund 30 zionistische Vereine hatten hier ihren Sitz, die letzte Ausgabe erschien am 8. November 1938. Das Palästinaamt verhalf nach der Gedenktafel-Datenbank bis zur Schließung 1941 etwa 50.000 Menschen zur Auswanderung; die Jüdische Allgemeine nennt für die Zertifikate bis 1941 dieselbe Größenordnung.


Seit dem 5. Juni 2019 steht vor dem Haus außerdem eine Stele für das Zionistische Zentralarchiv. Georg Herlitz gründete das Archiv am 1. Juni 1919, 1924 zog es in die Meinekestraße 10, Ende 1933 wurde es in 154 Kisten nach Palästina gebracht und 1934 in Jerusalem wiedereröffnet. Ab Ende 1941 nutzten Gestapo und SS-Standortkommandantur das Haus. Die Stele habe ich nicht fotografiert.
KaDeWe
Am Wittenbergplatz steht das KaDeWe, das Kaufhaus des Westens, 1906 bis 1907 von Johann Emil Schaudt für den jüdischen Kaufmann Adolf Jandorf gebaut und am 27. März 1907 eröffnet (Eröffnungsdatum laut Haus). Jandorf, 1870 in Hengstfeld geboren und 1932 in Charlottenburg gestorben, führte das KaDeWe und seine weiteren Häuser nach der Neuen Deutschen Biographie bis 1926; dann wurden sie in den Konzern Hermann Tietz eingegliedert. Dieser Konzern wurde im Sommer 1933 „arisiert“: Die Gläubigerbanken verweigerten die Kreditverlängerung, die Familie Tietz musste ihre Anteile im Wert von 24 Millionen Reichsmark für 8 Millionen an Georg Karg abgeben, so das Deutsche Historische Museum. Dass daraus Hertie wurde, nennt das KaDeWe auf seiner Geschichtsseite.
Bayerisches Viertel: Orte des Erinnerns
Ab hier laufe ich durch das Bayerische Viertel. Wer die Augen auf Höhe der Laternenmasten hält, sieht dort in etwa drei Metern Höhe Schilder: das Denkmal „Orte des Erinnerns im Bayerischen Viertel“ von Renata Stih und Frieder Schnock, nach dem Wettbewerb von 1992 realisiert. Es sind 80 doppelseitige Tafeln, auf der einen Seite ein Bild, auf der anderen ein verkürzter Text antijüdischer Gesetze und Verordnungen von 1933 bis 1945. Anfang der 1930er Jahre lebten laut Bezirksamt rund 16.000 Jüdinnen und Juden im Viertel.

Das Schild auf meinem Foto handelt vom Ausschluss jüdischer Menschen aus Sport- und Turnvereinen am 25. April 1933. Auf welchem Mast es hängt und welches Bild auf seiner Rückseite zu sehen ist, kann ich nicht sicher sagen; die vollständige Liste der Schilder steht in der Publikation der Künstler*innen zum Denkmal.
Münchener Straße 37: das Denkmal für die Synagoge
In der Münchener Straße 37 steht auf dem Gehweg ein Denkmal aus versetzt gestapelten Muschelkalkquadern, oben ein Relief mit siebenarmigem Leuchter. Es erinnert an die Synagoge, die der Synagogenverein Schöneberg 1909 in Auftrag gab und die 1910 eingeweiht wurde, nach Plänen von Max Fraenkel, mit 836 Plätzen. 1925 übernahm sie die Jüdische Gemeinde. Im November 1938 blieb sie wegen der Lage im Wohnhaus nach Angaben des Bezirksamts kaum beschädigt, im Krieg wurde sie durch Bomben getroffen, 1956 wurde sie abgerissen. Heute liegt hier der Schulhof der Löcknitz-Grundschule.

Das Denkmal stammt von Gerson Fehrenbach und wurde am 8. November 1963 eingeweiht, auf Initiative der Bezirksverordnetenversammlung Schöneberg. Bildhauerei in Berlin nennt es das früheste öffentliche Denkmal für das zerstörte jüdische Leben in der Stadt. Im Mai 2020, ein Jahr vor meiner Tour, wurde es mit nationalsozialistischen Symbolen beschmiert. Auf dem Schulhof wächst seit 1994 eine Mauer aus Denksteinen, die Schüler*innen der sechsten Klassen mit den Namen ermordeter jüdischer Schöneberger*innen beschriften; sie gehört zur Schule und liegt nicht am Gehweg.
Apostel-Paulus-Straße 26: Den 28 Nachbarn
Die Apostel-Paulus-Straße 26 hat eine Steintafel am Eingang, auf der Oberkante liegen Steine. Es ist die Tafel „Den 28 Nachbarn“, am 27. April 2012 enthüllt. Im Hausflur hängt eine zweite Tafel mit den Namen und Schicksalen der 28 jüdischen Hausbewohner*innen, einige wurden nach Theresienstadt, Auschwitz, Riga oder Kowno deportiert, andere konnten 1939/40 fliehen. Anstoß war die Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ im Rathaus Schöneberg, die Eigentümergemeinschaft finanzierte die Tafel; bei der Enthüllung war auch der frühere Bewohner Kurt Landsberger dabei, wie berlin.de berichtet.

Bülowstraße: das Wandbild „Israel / Palestine“
An der Bülowstraße steht ein Wohnhochhaus aus rotem Klinker, auf dessen Giebelwand zwei Gesichter zu sehen sind: links ein schreiender Mann mit Helm, rechts eine Frau in Rot. Es ist das Wandbild „Israel / Palestine“ von Shepard Fairey, das er 2015 in Berlin malte. Das Bild ist eine großformatige Version von Faireys Motiv „Israel / Palestine“, das Straßenkunst-Magazine als Kommentar zum andauernden Konflikt zwischen Israel und Palästina lesen. Mit jüdischer Stadtgeschichte hat es nichts zu tun, es ist zeitgenössische Kunst am Weg; mein Track hält hier gut sechs Minuten. Ob das Bild heute noch zu sehen ist, weiß ich nicht, mein Foto zeigt den Zustand vom Juni 2021.

Lützowstraße 16: die Gemeindesynagoge
Zwischen Bäumen hängt am Grundstück Lützowstraße 16 eine Berliner Gedenktafel. Hier stand die Gemeindesynagoge, die nach Plänen von Wilhelm Cremer und Richard Wolffenstein 1898 eingeweiht wurde und laut der Inschrift 1.876 Sitzplätze hatte. Im November 1938 wurde sie nicht angezündet, weil die dichte Bebauung ringsum gefährdet gewesen wäre, aber beschädigt; im Krieg trafen sie Bomben, die Ruine wurde 1954 abgerissen. Die Tafel wurde am 11. Dezember 1989 enthüllt. Heute steht hier ein Umspannwerk.

Rathaus Kreuzberg: Carl Herz
Auf dem Vorplatz des Rathauses Kreuzberg an der Yorckstraße steht eine Bronzestele mit der Büste von Carl Herz. Joachim Dunkel schuf sie 1985, sie wurde im Dezember 1985 enthüllt. Carl Herz, am 29. Juli 1877 in Köthen geboren, war Jurist und Sozialdemokrat und jüdisch, 1926 wurde er für eine Amtszeit bis 1938 zum Bürgermeister von Kreuzberg gewählt. Am 10. März 1933 überfiel die SA das Bezirksamt, trieb ihn auf die Straße und führte ihn mit einem antisemitischen Schild öffentlich vor; er wurde misshandelt und aus dem Amt entfernt, wie das Bezirksamt schreibt. 1939 emigrierte er nach London, 1946 weiter nach Haifa, wo er am 14. September 1951 starb. Der Bezirk gedenkt jedes Jahr am 10. März vor dem früheren Rathaus. Ich habe hier knapp sechs Minuten angehalten.

Jüdisches Museum und Blumenthal Akademie
In der Lindenstraße kommt das Jüdische Museum Berlin in den Blick, mit zwei sehr verschiedenen Gebäuden. Der Altbau ist das frühere Kollegienhaus, ein Barockbau. Im Juni 2021 hingen vor dem Portal zwei pinkfarbene Banner der Ausstellung „Yael Bartana: Redemption Now“, die am 4. Juni eröffnet worden war und bis zum 21. November 2021 lief. Daneben steht der Libeskind-Bau mit der Zinkfassade und den schräg eingeschnittenen Fensterbändern. Daniel Libeskind, 1946 in Łódź geboren, gewann 1989 den Wettbewerb für den „Erweiterungsbau des Berlin Museums mit Abteilung Jüdisches Museum“, eröffnet wurde das Museum im September 2001.


Zum Bau gehören fünf Leerräume, die ihn durchziehen, ein Holocaust-Turm und der Garten des Exils mit 49 Stelen, 48 davon gefüllt mit Berliner Erde, eine mit Erde aus Jerusalem, bepflanzt mit Ölweiden. Diese Angaben stammen vom Museum, ich habe die Gebäude von außen fotografiert. In der Nähe, am Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz, liegt in der früheren Blumengroßmarkthalle die W. Michael Blumenthal Akademie, ebenfalls nach einem Entwurf von Libeskind umgebaut, 2012 eröffnet und im Januar 2016 nach dem Gründungsdirektor des Museums benannt. Im Haus sind Bibliothek, Archiv und Auditorium, seit 2021 gehört die Kinderwelt ANOHA dazu.

Mosse-Zentrum
An der Schützenstraße, Ecke Jerusalemer Straße, steht das Mosse-Zentrum, in der Denkmaldatenbank als Mosse-Haus geführt. Der Verleger Rudolf Mosse ließ es 1901 bis 1903 von Cremer und Wolffenstein bauen, 1911/12 wurde es erweitert. Die runde Ecke mit dem Haupteingang wurde bei den Unruhen 1919 schwer beschädigt und Anfang der 1920er Jahre von Erich Mendelsohn neu gestaltet; sie und der Flügel an der Jerusalemer Straße wurden im Krieg zerstört, die heutige Ecke ist ein Nachbau von 1993 bis 1995. Auf dem Foto ist sie zu sehen.

Rudolf Mosse, 1843 in Grätz in der Provinz Posen geboren, eröffnete am 1. Januar 1867 seine Annoncen-Expedition und wurde mit dem liberalen „Berliner Tageblatt“ zum Verleger; er starb 1920, laut Neuer Deutscher Biographie auf Gut Schenkendorf bei Königs Wusterhausen. Sein Schwiegersohn Hans Lachmann-Mosse emigrierte 1933 in die Schweiz, das Haus kam unter Konkursverwaltung, die Kunstsammlung wurde 1934 versteigert. Das Berliner Tageblatt erschien noch bis zum 31. Januar 1939.
Synagoge Lindenstraße
Nur wenige Schritte weiter steht auf dem Gelände Axel-Springer-Straße 48 bis 50 nichts mehr von der Synagoge Lindenstraße. Sie wurde von Cremer und Wolffenstein für die liberale Gemeinde gebaut und am 27. September 1891 eingeweiht, mit etwa 1.800 Plätzen und einer Orgel, im Vorderhaus lagen die Rabbinerwohnung, die Religionsschule und Büros. 1933 kam ein Konzertsaal des Jüdischen Kulturbundes hinzu. In der Pogromnacht 1938 wurde der Innenraum in Brand gesetzt und verwüstet, das Gebäude blieb weitgehend stehen; Ende 1939 beschlagnahmt, diente es als Getreidespeicher, im Krieg wurde es stark beschädigt, 1956 wurde es abgerissen. Die Daten stehen bei der Gedenktafel-Datenbank.

Die Tafel auf meinem Foto gehört zu drei Metalltafeln an der Feuerwehrzufahrt, in die Vorderhaus, Innenraum und Grundriss der Synagoge eingeätzt sind. Im Hof dahinter liegt laut Datenbank das Denkmal „Blatt“ von Zvi Hecker, Micha Ullman und Eyal Weizman: Betonbänke an der Stelle der früheren Sitzreihen, im Grundriss der Synagoge, 1997 eingeweiht. Ob der Hof frei zugänglich ist, kann ich nicht sagen, prüf das vor Ort. Auf meinen Fotos ist das Denkmal nicht zu sehen.
Kommandantenstraße: Fritz Flato und der Jüdische Kulturbund
In der Kommandantenstraße stehen zwei Stelen. Die erste gehört zu Dr. Fritz Flato. Er wurde am 4. Januar 1895 in Berlin als Sohn einer jüdischen Unternehmerfamilie geboren und war ab 1925 Rechtsanwalt und Notar im Elternhaus Kommandantenstraße 63/64. Er engagierte sich im Wissenschaftlich-humanitären Komitee von Magnus Hirschfeld; 1935 wurde ihm die Zulassung wegen seiner jüdischen Herkunft entzogen, im Dezember 1935 emigrierte er nach New York, wo er im Mai 1949 starb. Die Stele, am 14. September 2011 enthüllt, entwarf Helga Lieser, den Text schrieb Dietlinde Peters. Das Haus selbst stand bis Februar 1945.
Die zweite Stele, aus Granit, in Form eines Hauses mit Giebel und mit einem Sockel aus weißem Kies, entwarf Susanne Ahner; sie wurde am 1. Juli 1990 enthüllt und erinnert nach der Gedenktafel-Datenbank an das Theater des Jüdischen Kulturbundes. Der Kulturbund war eine durch das Berufsverbot erzwungene Selbsthilfeorganisation jüdischer Künstler*innen, von den NS-Behörden zur Überwachung missbraucht und 1941 verboten; fast alle, die hier arbeiteten, wurden nach der Inschrift in Konzentrationslagern ermordet. Das Haus war zuvor die Herrnfeld-Bühne. Die eisernen Inschrifttafeln im Rasen vor der Stele habe ich nicht fotografiert.


Dresdener Straße 127
An einem Spielplatz in der Dresdener Straße 127 hängt am Zaun eine Infotafel zur Synagoge Dresdener Straße. Im Quergebäude lag hier die Synagoge des „Louisenstädtischen Brüdervereins Ahawas Reim“, 1910 eingeweiht, mit 525 Sitzplätzen; zur Einweihung kamen 1.500 Gäste. Sie war eine von etwa hundert privaten Synagogenvereinen, die es in Berlin vor 1938 gab. Die letzten Gottesdienste fanden 1929 statt, 1951 wurde das Gebäude abgerissen. Rabbiner der orthodoxen Gemeinde war Dr. Isaak Bleichrode (1867 bis 1954); Gershom Scholem nennt ihn einen „geradezu idealen Lehrer“.

Synagoge Fraenkelufer
Am Landwehrkanal liegt der Ort, an dem ich auf dieser Tour am längsten geblieben bin: die Synagoge Fraenkelufer, laut meinem Track gut eine Viertelstunde. Die Synagoge am Kottbusser Ufer wurde 1913 bis 1916 von Alexander Beer für die Jüdische Gemeinde zu Berlin gebaut, nach der Denkmaldatenbank ein neoklassizistischer Hauptbau in Basilikaform mit Säulenportikus, orthodox. Beer wurde 1944 in Theresienstadt ermordet. In der Pogromnacht 1938 wurde der Hauptbau schwer beschädigt. Die Tafel von 1988 spricht von „niedergebrannt“, die Gemeinde und die Denkmaldatenbank sprechen von schwerer Beschädigung, die Infostele von einem Feuer im Innenraum. Gottesdienste gab es danach noch in der Jugend- und Wochentagssynagoge im Seitenflügel, nach Angaben der Gemeinde bis 1942; laut Infostele beschlagnahmte die Gestapo das Gebäude im Januar 1942.


Erhalten ist nur der Seitenflügel, die frühere Jugendsynagoge, in dem eine Gemeinde heute wieder Gottesdienste feiert. Den ersten Gottesdienst nach dem Krieg gab es hier zu Rosch ha-Schana im September 1945; der US-Offizier Harry Nowalsky half bei der Wiedereröffnung, Robert Capa fotografierte den Gottesdienst, wie die Vereinsseite Aufbruch am Ufer schreibt. 1959 wurde der Seitenflügel offiziell neu eingeweiht. Die Ruine des Hauptbaus wurde Ende der 1950er Jahre abgerissen; wann genau, nennen die Quellen unterschiedlich.

Der Gedenkstein markiert die Stelle, an der die südwestliche Ecke des Hauptbaus an die Straße stieß, am 7. November 1988 wurde er enthüllt. Seit September 2018 gibt es den Verein „Jüdisches Zentrum Synagoge Fraenkelufer“, der ein jüdisches Gemeinde- und Kulturzentrum mit Kita an der Stelle des Hauptbaus plant. Im August 2024 startete ein Architekturwettbewerb, im Januar 2025 standen als Sieger Staab Architekten und Atelier Loidl fest; die Kosten werden auf rund 25 Millionen Euro geschätzt, die Grundsteinlegung wurde nach der Jüdischen Allgemeinen für den 9. November 2026 in Aussicht gestellt. Die Synagoge ist aktiv und wird gesichert, die Fotos zeigen Zaun und Kameras.
Fontanepromenade 15: die „Schikanepromenade“
Die Fontanepromenade 15 sieht aus wie ein gewöhnliches, gut erhaltenes Bürohaus. 1906 für die Fuhrwerks-Berufsgenossenschaft gebaut, saß hier von 1938 an die „Zentrale Dienststelle für Juden“ des Berliner Arbeitsamts. Nach dem Novemberpogrom durften Jüdinnen und Juden das allgemeine Arbeitsamt nicht mehr betreten; ihr Arbeitseinsatz wurde von hier verwaltet. Ab 1940 wurden Männer von 18 bis 55 und Frauen bis 50 erfasst und meist zu schwerer Arbeit in „Judenkolonnen“ eingeteilt. Die Betroffenen nannten die Straße „Schikanepromenade“. Das alles steht auf der Stele, die Helga Lieser im Auftrag des Bezirksamts gestaltet hat und die am 23. Mai 2013 enthüllt wurde, nach der Gedenktafel-Datenbank. Den Anstoß gab die Recherche der Anwohnerin Stella Flatten.
Zur Enthüllung 2013 wurde eine gelb gestrichene Parkbank aufgestellt, die an die „Judenbänke“ erinnern sollte, 1940 waren zwei Bänke der Promenade für Juden markiert und die übrigen mit „Nicht für Juden“ beschriftet. Laut Tagesspiegel sollte die Bank nur bis November 2013 stehen. Ein 2017 gegründeter Verein wollte im Haus einen aktiven Ort der Auseinandersetzung schaffen, das war nach Angaben des Netzwerks NS-Zwangsarbeit Stand Oktober 2021 nicht verwirklicht. Ein brauchbares Foto vom Haus habe ich nicht.
Columbiadamm: das Mahnmal für das KZ Columbia-Haus
Am Columbiadamm, Ecke Golßener Straße, steht ein Mahnmal aus Cortenstahl: eine stilisierte Hausform, die ein Zellengebäude andeutet, davor eine frei stehende Giebelwand mit Inschrift. Georg Seibert hat die Gedenkstätte KZ Columbiahaus nach einem Kunstwettbewerb gestaltet, eingeweiht wurde sie am 3. Dezember 1994. Die Inschrift beginnt mit „Erinnern, Gedenken, Mahnen“ und nennt das Columbia-Haus ab 1933 Gefängnis und vom 8. Januar 1935 bis zum 5. November 1936 ein Konzentrationslager. Mein Track hält hier gut zwei Minuten.


Das Columbia-Haus war 1896 als Militärarrestanstalt gebaut worden, seit 1933 ein SS-Gefängnis, seit Ende 1934 der Inspektion der Konzentrationslager unterstellt, als „KZ Columbia“ das einzige SS-Konzentrationslager in Berlin. Es war kein Lager nur für Jüdinnen und Juden: Inhaftiert waren Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, linke Intellektuelle, ab Mitte 1934 auch Homosexuelle; jüdische Häftlinge wurden nach Aussagen Überlebender von Beginn an besonders schlecht behandelt, so die Bundeszentrale für politische Bildung. Im November 1936 wurde das Lager geschlossen, die Häftlinge kamen nach Sachsenhausen, im Sommer 1938 wurde das Haus für den Flughafenneubau abgerissen. Das Mahnmal steht nicht am historischen Ort, das Gebäude lag etwa 150 Meter entfernt. Seit 2024 gibt es dort zusätzlich das Erinnerungszeichen „nicht mehr zu sehen“, einen 42 Meter langen Schriftzug aus Stahlblech auf der Böschung vor dem Flughafengebäude.
Neukölln: Isarstraße 8 und das Ende der Tour
Das letzte Stück führt am Columbiadamm entlang und durch Neukölln. In der Isarstraße 8 hängt eine Berliner Gedenktafel, die am 9. November 1988 enthüllt wurde. Im Hinterhof stand die 1907 erbaute Synagoge des 1896 gegründeten „Israelitischen Brüder-Vereins zu Rixdorf“; sie wurde beim Pogrom am 9. November 1938 zerstört. Die Tafel erinnert auch an Georg Kantorowsky, der von 1917 bis 1938 Rabbiner in Neukölln war. Er verließ Berlin am 22. Oktober 1940 mit seiner Frau und seiner Tochter mit der Bahn Richtung Shanghai und starb am 30. August 1972 in San Francisco. Sein Sohn Hans war zu diesem Zeitpunkt in Haft und konnte nicht mitreisen; nach der Datenbank wurde er am 19. April 1943 von Berlin nach Auschwitz deportiert und kam dort am 2. September 1943 ums Leben.


Am Bahnhof Neukölln endet die Tour nach gut 23 Kilometern.
Am Wegesrand
Drei Dinge am Rand der Route, die ich erst bei der Recherche gefunden habe.
Kempinski am Kurfürstendamm
Am Hotel Kempinski an der Ecke Kurfürstendamm und Fasanenstraße hängt links neben dem Hoteleingang an der Fasanenstraße eine Messingtafel für die Gründerfamilie Kempinski, am 30. Mai 1994 in Anwesenheit von Jerzy Kanal enthüllt. Seit 1928 gab es hier ein Kempinski-Restaurant, 1937 wurde es „arisiert“ und unter Zwang verkauft; Angehörige der Familie wurden ermordet, andere flohen. Das Hotel eröffnete 1952.
Passauer Straße: Synagoge des Religionsvereins Westen
Am Parkhaus des KaDeWe, Passauer Straße 1 bis 3, erinnerte eine Bronzetafel an die Synagoge des Religionsvereins Westen, 1905 in der Passauer Straße 2 gebaut und in der Pogromnacht 1938 geplündert und zerstört. Die Tafel wurde am 9. November 1992 enthüllt; sie ist wegen Bauarbeiten eingelagert (Stand Dezember 2025) und soll wieder angebracht werden.
Wittenbergplatz: die Mahntafel
Neben dem Westeingang des U-Bahnhofs Wittenbergplatz steht seit 1985 eine Mahntafel mit der Aufschrift „Orte des Schreckens, die wir niemals vergessen dürfen“ und den Namen von Konzentrations- und Vernichtungslagern; die Tafel selbst wurde 1967 aufgestellt.
Jüdisches Leben heute
Das Gemeindehaus in der Fasanenstraße ist aktiv; hier sind die Jüdische Volkshochschule und die Gemeindebibliothek untergebracht. Die Synagoge in der Joachimsthaler Straße 13, wenige Meter neben dem Weg, ist seit 1960 eine orthodoxe Synagoge; die Jüdische Gemeinde nennt tägliche Gottesdienste und eine Mikwe im Souterrain. Die Synagoge am Fraenkelufer ist ebenfalls aktiv. Zutritt gibt es nur nach den Regeln der jeweiligen Gemeinde.
In der Nürnberger Straße lag das koschere Café Bleibergs, Ende 2018 abgegeben und bis Januar 2024 geöffnet; die endgültige Schließung kündigte die Website 2024 an, der Inhaber nannte nach der Jüdischen Allgemeinen die Folgen des 7. Oktober 2023 als Grund. Als Einkehr taugt es nicht mehr. In der Fuggerstraße 35 liegt Feinberg’s, ein israelisches Restaurant mit sephardischer Küche. Das Lokal ist nach eigener Darstellung nicht koscher zertifiziert, serviert aber nach eigener Darstellung kein Fleisch unkoscherer Tiere; israelisch, jüdisch und koscher sind drei verschiedene Dinge. Die Öffnungszeiten widersprechen sich auf der Webseite, schau vorher nach.

Gut zu wissen
- Die ganze Strecke läuft auf Gehwegen und Straßen. 23,5 Kilometer sind trotzdem lang, nimm dir den ganzen Tag.
- Abkürzen: U Wittenbergplatz bei km 2,8, U Moritzplatz (U8) bei km 15, U Südstern (U7) bei km 18.
- Ob der Hof der Synagoge Lindenstraße mit dem Denkmal „Blatt“ frei zugänglich ist, weiß ich nicht, prüf das vor Ort.
- Die Synagogen in der Fasanenstraße, der Joachimsthaler Straße und am Fraenkelufer sind aktive Gemeinden mit Sicherheitskontrolle. Der Zutritt richtet sich nach den Regeln der Gemeinde.
- Die Denksteinmauer der Löcknitz-Grundschule liegt auf dem Schulhof, ob sie zugänglich ist, habe ich nicht geprüft.
- Seit 2021 neu oder verändert: Café Bleibergs ist geschlossen (2024), die Tafel in der Passauer Straße ist eingelagert, am Columbiadamm gibt es ein zweites Erinnerungszeichen (2024), am Fraenkelufer ist der Neubau beschlossen.
- Die Tour ist Teil meiner Serie Jüdisches Berlin mit sieben Touren aus dem Juni 2021.
Fazit
Auf dieser Tour liegen sehr verschiedene Orte hintereinander: ein Schild am Laternenmast, eine Tafel an einer Hauswand, ein Zaun um einen Spielplatz, unter dem einmal eine Synagoge stand, dazu ein Museum und ein Rathaus. Mich hat beschäftigt, wie unterschiedlich die Erinnerung an dieselbe Zeit aussieht: ein Denkmal von 1963, eine Tafel von 1985, eine Stele von 2019. Wenn du nicht den ganzen Tag hast, geh den Teil vom Jüdischen Museum bis zum Fraenkelufer, rund vier Kilometer mit Mosse-Haus, Synagoge Lindenstraße, Kommandantenstraße und Dresdener Straße.
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