Tour in Berlin-Mitte · Jüdisches Berlin, Tour 4 von 7 · Alle Touren und Wege
Auf keiner anderen meiner sieben Touren durch das jüdische Berlin liegen die Orte so dicht wie hier. Zwischen dem Bahnhof Friedrichstraße und dem Alexanderplatz sind es keine zehn Kilometer, und auf dem Weg liegen das Haus der Liebermanns am Pariser Platz, das Stelenfeld, der Hausvogteiplatz mit den Namen der Konfektionsfirmen in den Treppenstufen, die Kuppel der Neuen Synagoge, die Rosenthaler Straße 39 mit der Blindenwerkstatt Otto Weidt und die Rosenstraße, wo 1943 Frauen gegen die Deportation ihrer Männer protestierten. Dazu ein Salon von 1793, eine Bank von 1795 und ein Haus, in dem Moses Mendelssohn gelebt hat.
Ich bin die Strecke am 11. Juni 2021 gegangen, als vierte von sieben Touren, in Komoot heißt sie bei mir „Jüdisches Berlin – Mitte“. Es ist eine Stadtwanderung auf Gehwegen, ohne Steigung, mit vielen Stopps. Die reine Gehzeit liegt bei knapp zwei Stunden, ich war mit allen Pausen gut drei Stunden unterwegs. In Gebäude bin ich an diesem Tag nicht gegangen, einige standen offen, andere waren wegen Bauarbeiten geschlossen. Was es drinnen zu sehen gibt, steht deshalb mit Link zu den Häusern selbst im Text.
Inhalt dieser Tour
- Steckbrief
- Darum lohnt sich die Tour
- Anreise
- Die Route
- Bahnhof Friedrichstraße: Züge in das Leben, Züge in den Tod
- Pariser Platz: Max und Martha Liebermann
- Das Stelenfeld
- Jägerstraße: ein Salon und eine Bank
- Hausvogteiplatz: Spiegel und Namen in den Stufen
- Unter den Linden und Museumsinsel
- Tucholskystraße und Oranienburger Straße
- Adass Jisroel und die Auguststraße
- Kleine Auguststraße und Große Hamburger Straße
- Rosenthaler Straße 39: Blindenwerkstatt, Anne Frank Zentrum, vier Stolpersteine
- Burgstraße und Rosenstraße
- Spandauer Straße und Nikolaiviertel
- Am Wegesrand
- Jüdisches Leben heute
- Gut zu wissen
- Fazit
Steckbrief
Strecke
9,7 km
abkürzbar an mehreren Bahnhöfen
Gehzeit
1:55 h
mit Pausen gut 3 h
Art
Streckentour, Stadtwanderung
Start
Bahnhof Friedrichstraße
Ziel
Alexanderplatz
ÖPNV
S-Bahn, U6 und Regionalzüge bis Friedrichstraße, zurück ab Alexanderplatz mit S-Bahn, U2, U5 oder U8
Untergrund
Asphalt und Pflaster, Kopfsteinpflaster auf dem Hausvogteiplatz und im Nikolaiviertel
Thema
Orte jüdischen Lebens und Gedenkens zwischen Pariser Platz und Alexanderplatz
- Mit der Bahn erreichbar
- Abkürzbar
Gelaufen am 11. Juni 2021
Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), vereinfacht dargestellt.
Streckenband
- Kilometer 0Bahnhof FriedrichstraßeStart · S-Bahn, U6, Regionalzüge
- Kilometer 0,11Kindertransport-DenkmalZüge in das Leben, Züge in den Tod
- Kilometer 1,12Max Liebermann HausStolperstein Martha Liebermann
- Kilometer 1,63Denkmal für die ermordeten Juden EuropasStelenfeld
- Kilometer 3,14Jägerstraße 51 und 54Tafeln Varnhagen und Mendelssohn
- Kilometer 3,65HausvogteiplatzDenkzeichen Modezentrum
- Kilometer 4,26Neue WachePause Unter den Linden
- Kilometer 4,57James-Simon-GalerieMuseumsinsel
- Kilometer 5,28Tucholskystraße 9Leo-Baeck-Haus
- Kilometer 5,59Neue Synagoge (Blick)Kuppel von der Tucholskystraße
- Kilometer 5,810Adass JisroelTucholskystraße 40
- Kilometer 5,911Auguststraße 11 bis 16Mädchenschule, Krankenhaus, Ahawah
- Kilometer 6,312Kleine Auguststraße 10Gedenkort Synagoge
- Kilometer 6,813Große Hamburger StraßeThe Missing House
- Kilometer 7,214Rosenthaler Straße 39Blindenwerkstatt Otto Weidt
- Kilometer 7,815Burgstraße 28Tafel zum „Judenreferat“
- Kilometer 8,216RosenstraßeBlock der Frauen
- Kilometer 8,417Haus MendelssohnBodendenkmal Spandauer Straße
- Kilometer 918Ephraim-PalaisPoststraße 16
- Kilometer 9,7AlexanderplatzZiel · S-Bahn, U2, U5, U8
Darum lohnt sich die Tour
- Dichte: 18 Orte auf knapp zehn Kilometern, vom Salon der Rahel Varnhagen bis zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas.
- Vieles liegt unter deinen Füßen: Stolpersteine, die Bodenplatte für Moses Mendelssohn, die Namen in den Treppenstufen am Hausvogteiplatz.
- Die Tour zeigt beides, Zerstörung und Gegenwart: die gesprengte und zum Teil wiederaufgebaute Neue Synagoge, aber auch das Gemeindehaus der Adass Jisroel, das 2022 seine Fassade zurückbekam.
- Start, Ziel und drei Bahnhöfe am Weg: Du kannst jederzeit aussteigen.
Anreise
Hin
S-Bahn (S1, S2, S25, S26, S3, S5, S7, S9), U6 oder Regionalzug bis Bahnhof Friedrichstraße, Ausgang Georgenstraße
Zurück
ab Alexanderplatz mit S-Bahn, U2, U5, U8 oder Regionalzug
Abkürzen
U Hausvogteiplatz (U2) nach 3,5 km, S Oranienburger Straße nach 5,5 km, S Hackescher Markt nach 7,6 km
Hinweis
Linien laut VBB, vor der Tour die aktuellen Fahrpläne prüfen
Die Tour beginnt an der Südseite des Bahnhofs Friedrichstraße, in der Georgenstraße unter dem Viadukt. Das erste Denkmal steht nur ein paar Schritte vom Ausgang.
Die Route
Die Strecke hat drei Teile. Der erste führt vom Bahnhof Friedrichstraße über den Pariser Platz und das Stelenfeld in das alte Konfektionsviertel um den Hausvogteiplatz. Der zweite quert Unter den Linden und die Museumsinsel und erreicht die Spandauer Vorstadt mit der Oranienburger Straße, der Auguststraße und den Hackeschen Höfen. Der dritte geht über den Hackeschen Markt zur Rosenstraße, zur Spandauer Straße und ins Nikolaiviertel. Alles liegt im Ortsteil Mitte, viele Orte kennst du vermutlich aus einem anderen Zusammenhang.
Bahnhof Friedrichstraße: Züge in das Leben, Züge in den Tod
In der Georgenstraße, direkt am Zugang zum U-Bahnhof, stehen sieben Kinder aus Bronze. Es ist das Denkmal „Züge in das Leben – Züge in den Tod“ des Bildhauers Frank Meisler, eingeweiht am 30. November 2008, 70 Jahre nach dem ersten Kindertransport nach England. Fünf Kinder in dunkler Bronze stehen für die in den Lagern ermordeten Kinder, zwei in hellerer Bronze blicken in die andere Richtung und stehen für die, die gerettet wurden. Meisler hat das Denkmal der Stadt geschenkt.
Nach dem Novemberpogrom 1938 durften jüdische Kinder ohne ihre Eltern nach Großbritannien einreisen. Rund 10.000 Kinder verließen in den folgenden neun Monaten ihre Familien. Der erste Transport fuhr am 30. November 1938 vom Bahnhof Friedrichstraße ab, mit 190 Kindern laut der Tafel am Denkmal, berlin.de nennt 196. Meisler, 1925 in Danzig geboren, war selbst eines dieser Kinder: Er fuhr im August 1939 mit einem Kindertransport aus Berlin ab, seine Eltern wurden ermordet. Die Jüdische Allgemeine hat ihm 2018 einen Nachruf geschrieben. Drei Glastafeln im Mauerwerk des Bahnhofs erklären das Denkmal, ähnliche Figurengruppen von Meisler stehen an der Liverpool Street Station in London und am Hauptbahnhof Gdańsk.

Pariser Platz: Max und Martha Liebermann
Durch die Dorotheenstraße und die Wilhelmstraße gehe ich zum Pariser Platz. Rechts neben dem Brandenburger Tor steht das Max Liebermann Haus, Pariser Platz 7. Der Maler Max Liebermann wohnte hier bis zu seinem Tod 1935; die Tafel neben dem Eingang nennt als Einzugsjahr 1884, die Stiftung Brandenburger Tor schreibt 1892, in dem Jahr zog er mit Frau und Tochter in den zweiten Stock. Das Haus hatte sein Vater 1857 gekauft. 1933 trat Liebermann aus der Preußischen Akademie der Künste aus, deren Präsident er gewesen war. 1943 zerstörten Bomben das Haus. Der Bau, den du heute siehst, entstand 1995 bis 1999 nach Plänen von Josef Paul Kleihues, als Gegenstück zum Haus Sommer auf der anderen Seite des Tors. Seit 2000 sitzt hier die Stiftung Brandenburger Tor der Berliner Sparkasse. Im Juni 2021 hing ein Banner für Gerhard Richters „Atlas-Übersicht“ an der Fassade.


Vor dem Eingang liegt ein Stolperstein, stark abgetreten, du musst dich bücken, um ihn zu lesen: „Hier wohnte Martha Liebermann, geb. Marckwald, Jg. 1857, Selbstmord 10.3.1943 vor Deportation.“ Martha Liebermann hatte Max Liebermann 1884 geheiratet. Nach seinem Tod musste sie das Haus verlassen, wann genau, geben die Quellen unterschiedlich an, zwischen 1935 und 1938. Ihre Versuche, 1941 in die Schweiz oder nach Schweden auszureisen, scheiterten. Am 5. März 1943 bekam sie die Ankündigung ihrer Deportation nach Theresienstadt. Sie nahm eine Überdosis Schlafmittel und starb am 10. März 1943 im Jüdischen Krankenhaus. Das Gedenkbuch des Bundesarchivs führt sie unter dem Geburtsnamen Markwald, ohne c. Zuerst in Weißensee bestattet, wurde sie 1954 in das Familiengrab auf dem Jüdischen Friedhof Schönhauser Allee umgebettet. Der Stolperstein wurde am 21. Juni 2009 verlegt.
Am Pariser Platz 4 hängt hinter der Glasfront der Akademie der Künste eine Tafel mit 41 Namen von Mitgliedern, die zwischen 1933 und 1938 ausgeschlossen wurden oder austraten, darunter Liebermann. Ich bin daran vorbeigegangen, ohne sie zu bemerken.
Das Stelenfeld
Durch das Brandenburger Tor und über die Ebertstraße komme ich zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas. 2.711 Betonstelen stehen auf knapp 19.000 Quadratmetern, entworfen von Peter Eisenman, eröffnet am 10. Mai 2005. Der Bundestag hatte den Bau am 25. Juni 1999 beschlossen, gebaut wurde 2003 bis 2005, so die Bundeszentrale für politische Bildung. Ich gehe an der Cora-Berliner-Straße am Rand des Feldes entlang, die Stelen schwanken in der Höhe, dahinter stehen Hochhäuser.

Unter dem Feld liegt der Ort der Information mit einer Ausstellung zur Verfolgung und Ermordung der Juden Europas. Der Eintritt ist frei, der Zugang führt über eine Sicherheitsschleuse. Ich war an diesem Tag nicht drin; wenn du hinein willst, rechne eine gute Stunde dazu und prüf vorher die Öffnungszeiten, im Frühjahr 2026 war die Ausstellung mehrere Monate wegen Sanierung geschlossen.
Jägerstraße: ein Salon und eine Bank
Über die Gertrud-Kolmar-Straße, An der Kolonnade und die frühere Mohrenstraße (dazu unten mehr) erreiche ich die Jägerstraße und den Gendarmenmarkt. Zwei Bronzetafeln liegen hier wenige Häuser auseinander. In der Einfahrt der Nummer 54 erinnert eine Tafel mit Reliefporträt an Rahel Varnhagen von Ense, geborene Levin (1771 bis 1833), die „als junge jüdische Frau an diesem Ort ab 1793“ ihren ersten literarischen Salon versammelte, „Menschen verschiedener Stände und Konfessionen“. Die Tafel wurde 1997 enthüllt. Das Haus des Salons steht nicht mehr, der heutige Bau ist das Bankhaus Ebeling von 1914/15.


Jägerstraße 51 ist der Stammsitz des Bankhauses Mendelssohn. Die Tafel am Haus fasst es zusammen: Seit 1815 saß hier die Bank der Brüder Joseph und Abraham Mendelssohn, der Söhne des Philosophen Moses Mendelssohn, das 1795 gegründete Unternehmen wurde zur größten Berliner Privatbank, 1938 wurde Mendelssohn & Co. unter dem Druck der Nationalsozialisten liquidiert. Das Haus geht auf ein Wohnhaus von etwa 1770 zurück und war von 1839 bis 1938 im Besitz der Familie. Im Hof steht die Mendelssohn-Remise, einst Kassenhalle der Bank, heute mit einer Ausstellung der Mendelssohn-Gesellschaft über die Familie. Beim Gründungsjahr der Bank sind sich die Quellen nicht einig: Die Tafel sagt 1795, die Gedenktafel-Datenbank nennt den 1. Januar 1804 als Gründung des Bankhauses der Brüder.
Hausvogteiplatz: Spiegel und Namen in den Stufen
Der Hausvogteiplatz war das Zentrum der Berliner Konfektion, der Mode- und Bekleidungsbranche, in der jüdische Unternehmer seit den 1830er Jahren führend waren. Ab 1933 wurden die Firmen „arisiert“ oder stillgelegt, die Inhaber*innen und Angestellten vertrieben oder ermordet. Daran erinnert seit dem 10. Juli 2000 das Denkzeichen Modezentrum Hausvogteiplatz von Rainer Görß: drei 2,70 Meter hohe, verspiegelte Wände aus Edelstahl, die zueinander gestellt sind, mit Texttafeln im Pflaster davor. Die Initiative ging vom Verleger Gerhard Hentrich und dem Journalisten Uwe Westphal aus, bezahlt wurde das Denkzeichen aus dem Programm „Kunst im Stadtraum“, wie die taz zur Einweihung schrieb.


Der zweite Teil des Denkzeichens liegt in der Treppe zum U-Bahnhof. In den Setzstufen stecken Gussplatten mit den Namen jüdischer Konfektionsfirmen, ihrer Hausnummer am Platz und dem Jahr, bis zu dem sie hier waren: „Braun, Sigmund, Hausvogteiplatz Nr. 3-4, bis 1935“, „Briese & Loepert, Hausvogteiplatz Nr. 11, bis 1939“, „Lewinsky & Mayer, Hausvogteiplatz, bis 1939“. Die oberste Zeile lautet „Aus dem Adreßbuch der Berliner Konfektionsfirmen“, insgesamt sind es 19 Firmennamen. Die Bundeszentrale für politische Bildung zählt den Ort zu den Erinnerungsorten des Holocaust. Der U-Bahnhof selbst stammt von 1906 bis 1908, Entwurf Alfred Grenander.
Einige Konfektionshäuser stehen noch. Das Haus mit dem Giebel und der roten Uhr am Platz ist nach der Beschreibung in der Denkmaldatenbank das Haus zur Berolina, Hausvogteiplatz 12, 1895 für die Firma Alterthum & Zadek gebaut, mit der „weithin sichtbaren Uhr mit dem Strahlenkranz“. Erhalten sind auch die Häuser „Am Bullenwinkel“ (Nr. 3/4) und „Zum Hausvoigt“ (Nr. 8/9). Der Platz heißt nach der Hausvogtei, einem Gefängnis von 1750, abgerissen 1891.

Unter den Linden und Museumsinsel
Durch die Oberwallstraße komme ich Unter den Linden heraus, an der Neuen Wache. Hier habe ich eine Viertelstunde Pause gemacht. Die Neue Wache ist seit 1993 die zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, innen steht die vergrößerte Pietà von Käthe Kollwitz. Der Widmungstext nennt ausdrücklich: „Wir gedenken der Millionen ermordeter Juden.“ Im Kastanienwäldchen dahinter steht ein Denkmal für Heinrich Heine.
Über die Eiserne Brücke erreiche ich die Museumsinsel und stehe vor der James-Simon-Galerie, dem Eingangsgebäude der Museumsinsel von David Chipperfield, eröffnet im Juli 2019. Der Name ehrt James Simon (1851 bis 1932), Unternehmer und Mäzen, der ab 1911 die Grabungen in Tell el-Amarna finanzierte, bei denen die Büste der Nofretete gefunden wurde, und den Berliner Museen über 10.000 Objekte schenkte. Ab 1938 trugen die Schilder seiner Stiftungen nur noch den Vermerk „Geschenk“, 1939 wurden seine Werke aus ihrem Kabinett entfernt. Die Jüdische Allgemeine berichtete 2019 von der Eröffnung und von Zehntausenden Besucher*innen am ersten Wochenende. Simon liegt auf dem Jüdischen Friedhof Schönhauser Allee.

Tucholskystraße und Oranienburger Straße
Über die Monbijoubrücke gehe ich in die Tucholskystraße. Das Haus Nummer 9 wurde 1906/07 für die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums gebaut, die 1872 gegründet und am 19. Juli 1942 geschlossen wurde. Leo Baeck lehrte hier von 1912 bis zu seiner Deportation 1943. Seit 1999 ist es das Leo-Baeck-Haus, Sitz des Zentralrats der Juden in Deutschland. Die Gedenktafel hängt im Hausflur, von der Straße siehst du sie nicht. Ich bin kurz in die Johannisstraße abgebogen: An der Nummer 16 stand von 1854 bis zur Zerstörung im Krieg die Synagoge der Jüdischen Reformgemeinde, mit Orgel, deutscher Predigt und Gottesdienst am Sonntag. Von 1941 bis 1942 diente sie als Ersatz für die geschlossene Neue Synagoge. Heute steht dort das Quartier „Am Tacheles“ mit einer neuen Bronzetafel und dem Aaron-Bernstein-Platz, benannt nach einem Mitbegründer der Reformgemeinde.
Kurz vor der Oranienburger Straße sehe ich die Kuppel der Neuen Synagoge über den Dächern. Die Synagoge wurde 1859 bis 1866 nach Plänen von Eduard Knoblauch gebaut, nach seiner Erkrankung übernahm Friedrich August Stüler, und am 5. September 1866 eingeweiht. In der Pogromnacht 1938 wurde Feuer gelegt, Polizisten des Reviers am Hackeschen Markt unter Wilhelm Krützfeld verhinderten Schlimmeres. Bomben beschädigten den Bau im November 1943 schwer, der Hauptraum wurde am 6. August 1958 gesprengt. Wiederaufgebaut wurde nur der vordere Teil mit der Kuppel, die seit dem 5. Juni 1991 wieder den Davidstern trägt; die Zeittafel des Centrum Judaicum listet die Daten. Der Grundriss des gesprengten Hauptraums ist im Hof im Rasen nachgezeichnet. Die Vorderfront in der Oranienburger Straße habe ich auf dieser Tour nicht passiert.

Adass Jisroel und die Auguststraße
Weiter nördlich in der Tucholskystraße 40 steht das Gemeindehaus der Israelitischen Synagogen-Gemeinde Adass Jisroel, 1869 als orthodoxe Gemeinde gegründet. Das Haus wurde 1903/04 gebaut, im Vorderhaus saßen Gemeindeverwaltung, Rabbinerseminar und Talmud-Thora-Schule, die Synagoge im Hof wurde 1904 eingeweiht und nach Kriegsschäden 1967 abgebrochen. Im Juni 2021 stand das Haus im Gerüst, ein Plakat kündigte zum 150. Gründungsjahr die Wiederherstellung der Fassade an. Mein Foto zeigt diesen Zwischenstand. Inzwischen ist die Fassade fertig, mit einem in Handarbeit nachgebauten schmiedeeisernen Balkongitter, wie das Bezirksamt Mitte 2022 meldete.


Ein paar Schritte weiter in der Auguststraße liegen zwei Häuser der Jüdischen Gemeinde nebeneinander. Die Nummern 11 bis 13 sind die ehemalige Jüdische Mädchenschule, 1927/28 vom Gemeindebaumeister Alexander Beer gebaut, 1942 geschlossen, Beer selbst starb 1944 in Theresienstadt. 2012 wurde das Haus mit Galerien und Gastronomie wiedereröffnet. Die Nummern 14 bis 16 waren das Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde, gebaut 1858 bis 1861 nach Plänen von Eduard Knoblauch, ab 1922 das Kinderheim „Ahawah“, hebräisch für Liebe. 1934/35 emigrierte ein Teil der Kinder und Erzieherinnen nach Palästina. 1941 machte die Gestapo das Haus zum Sammellager für alte und kranke jüdische Menschen, die von hier deportiert wurden. Das Torhaus stand im Juni 2021 hinter einem Schutznetz, eine Tafel rechts neben dem Tor erzählt die Geschichte.
Kleine Auguststraße und Große Hamburger Straße
Ich mache einen kurzen Abstecher in die Kleine Auguststraße. An der Nummer 10 stand die 1906 eingeweihte Synagoge der Vereinigten Synagogenvereine Ahawas Scholaum und Mogen David, zerstört im Pogrom 1938. Seit 2006 erinnern eine Pulttafel mit historischem Foto, eine Bank und ein fünf Meter hohes Wandbild an der Brandmauer daran; das Bild zeigt den Bauentwurf der Synagoge als zerknülltes, angebranntes Papier, so beschrieb es der Tagesspiegel zur Einweihung. Ein Foto habe ich dort nicht gemacht.
Durch die Auguststraße komme ich zur Großen Hamburger Straße. Gegenüber der Sophienkirche steht „The Missing House“ von Christian Boltanski: An den Brandmauern der Nummern 15/16, wo am 3. Februar 1945 ein Haus zerstört wurde, hängen weiße Tafeln mit Namen, Berufen und Wohnzeiten der früheren Bewohner*innen. Die Installation war ursprünglich nur für einige Wochen gedacht und ist geblieben. Der Alte Jüdische Friedhof, das Mahnmal für das Sammellager und das Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn liegen rund 100 Meter weiter südlich in derselben Straße. Mein Weg biegt vorher über das Kirchengelände in die Sophienstraße ab; wer die Zeit hat, geht die paar Schritte hin.
Rosenthaler Straße 39: Blindenwerkstatt, Anne Frank Zentrum, vier Stolpersteine
Vor dem Haus Rosenthaler Straße 39 liegen vier Stolpersteine: Georg Salinger, Jahrgang 1892, Rosa Salinger, geborene Ginsberg, Jahrgang 1893, und ihre Kinder Ursula, Jahrgang 1919, und Gerd, Jahrgang 1922. Die Familie wohnte Mitte der 1930er Jahre hier. Ursula wurde am 15. August 1942 nach Riga deportiert, Georg, Rosa und Gerd im März 1943 nach Auschwitz, im Zuge der sogenannten Fabrik-Aktion. Alle vier wurden ermordet. Die Steine für die Eltern tragen die Jahreszahl 1943, bei Rosa Salinger nennen die Stolperstein-Seite den 1. März und das Gedenkbuch den 2. März.

Das Haus dahinter ist ein Ort der Rettung. Otto Weidt, geboren 1883 in Rostock, zog 1940 mit seiner Blindenwerkstatt in den Hof, hier wurden Besen und Bürsten hergestellt. Er beschäftigte vor allem blinde und gehörlose Jüdinnen und Juden, ließ sie als Lieferant der Wehrmacht für „kriegswichtig“ erklären, besorgte Ausweise und Lebensmittel, bestach Gestapo-Beamte und organisierte Verstecke. 1943 versteckte er die vierköpfige Familie Horn in einem fensterlosen Raum hinter einem Kleiderschrank; sie wurde verraten und deportiert. Inge Deutschkron und ihre Mutter überlebten mit seiner Hilfe. 1971 ehrte ihn Yad Vashem als „Gerechten unter den Völkern“. Das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt in den früheren Werkstatträumen entstand 1999 aus einer Studierendenausstellung und gehört seit 2005 zur Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Der Eintritt ist frei.


Im selben Haus sitzt seit 2002 das Anne Frank Zentrum mit der Ausstellung „Alles über Anne“. Neben dem Eingang im zweiten Hof hängt ein Porträt von Anne Frank aus tausenden Farbpunkten, gemalt 2012 vom australischen Künstler Jimmy C.. Ein zweites Wandbild im Hof zeigt Otto Weidt mit Anzug und Krawatte, um ein echtes Fenster herum gemalt. Die Hackeschen Höfe nebenan (Nummer 40/41) haben Tafeln für den Dichter Jakob van Hoddis und den Rabbiner Abraham Geiger.
Burgstraße und Rosenstraße
Am Hackeschen Markt unterquere ich die Stadtbahn und mache an der Burgstraße eine längere Pause. Direkt dort, an der Burgstraße 28, hängt eine Edelstahltafel am Haus des Bankenverbandes: Hier saß von 1941 bis 1943 das „Judenreferat“ der Gestapo, das die Deportation von über fünfzigtausend Berliner Juden organisierte, im Haus gab es ein „Schutzhaftgefängnis“. Die Jüdische Allgemeine spricht von etwa 55.000 Menschen. Um die Ecke, an der Burgstraße 25, erinnert eine Tafel an Israel Jacobson, einen Begründer des liberalen Judentums.
Die Rosenstraße ist nur ein paar Schritte weiter. An der Ecke zur Heidereutergasse stand bis 1945 das Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde, Rosenstraße 2 bis 4. Am 27. Februar 1943 verhaftete die Gestapo bei der „Fabrik-Aktion“ die noch in Berlin lebenden Jüdinnen und Juden an ihren Zwangsarbeitsplätzen, das Bezirksamt Mitte nennt 8.000 bis 11.000 Menschen. Wer in einer „Mischehe“ lebte oder als „Mischling“ galt, nach der Stele vor Ort 1.500 bis 2.500 Menschen, kam unter anderem in die Rosenstraße. Vor dem Haus protestierten tagelang Hunderte, überwiegend Frauen. Ab dem 6. März wurden die hier Festgehaltenen nach und nach entlassen, wie die Stele und die bpb schreiben. Die anderen Verhafteten der Fabrik-Aktion wurden nach Auschwitz deportiert. Ob der Protest die Freilassung bewirkt hat, ist in der Forschung umstritten, das sagt auch das Bezirksamt.


In der Grünanlage steht der „Block der Frauen“ von Ingeborg Hunzinger (1915 bis 2009), rote Sandsteinblöcke mit Reliefs, in den 1980er Jahren entworfen und am 18. Oktober 1995 eingeweiht. In den Stein sind Sätze gehauen wie „Gebt uns unsere Männer wieder“ und „Die Kraft des zivilen Ungehorsams, die Kraft der Liebe bezwingen die Gewalt der Diktatur“. Am Haus Rosenstraße 1 bis 2 hängt seit 1998 eine Glastafel mit einem Foto des zerstörten Gebäudes. Sie erwähnt auch, was hinter dem Haus lag: die Alte Synagoge in der Heidereutergasse, 1714 eingeweiht, die erste Gemeindesynagoge Berlins. 1942 fand dort der letzte Gottesdienst statt, 1945 wurde sie zerstört. Reste der Fundamente sind freigelegt und als Bodendenkmal eingetragen.

Spandauer Straße und Nikolaiviertel
An der Ecke Spandauer Straße und Karl-Liebknecht-Straße liegt eine helle Steinplatte bündig im Gehweg: „In diesem Hause lebte und wirkte Unsterbliches Moses Mendelssohn, geb. in Dessau 1729, gest. in Berlin 1786.“ Es ist die Nachbildung einer Marmortafel, die 1829 zum 100. Geburtstag am Haus Spandauer Straße 68 angebracht wurde. Das Haus steht längst nicht mehr. Der israelische Bildhauer Micha Ullman hat die Fassade stattdessen in den Boden „geklappt“: Zwölf dunkle Granitplatten stehen für die Fenster in drei Etagen, über der Tür liegt die Tafel. Das Denkmal „Haus Mendelssohn“ wurde am 14. Juni 2016 eingeweiht, auf Initiative der Mendelssohn-Gesellschaft. Mendelssohn konnte das Haus als Jude nicht kaufen, erst seine Witwe Fromet erwarb es im Jahr nach seinem Tod. Sein Sohn Joseph begründete hier das Bankhaus, dessen Stammsitz ich in der Jägerstraße gesehen habe.

Zum Schluss gehe ich durch die Rathausstraße und die Poststraße ins Nikolaiviertel. An der Ecke zum Mühlendamm steht das Ephraim-Palais, gebaut in den 1760er Jahren für Veitel Heine Ephraim (1703 bis 1775), Hofjuwelier und Münzpächter Friedrichs II., nach Plänen von Friedrich Wilhelm Diterichs. 1935 oder 1936, je nach Quelle, wurde das Palais für den Neubau der Mühlendammbrücke abgetragen, knapp 3.000 Fassadenteile wurden eingelagert. West-Berlin übergab sie Anfang der 1980er Jahre an Ost-Berlin, und 1985 bis 1987 wurde das Haus zur 750-Jahr-Feier rund zwölf Meter vom alten Standort entfernt wieder aufgebaut. Ephraim selbst wurde auf dem Jüdischen Friedhof in der Großen Hamburger Straße begraben. Die 1799 von seinem Sohn gegründete Ephraim Veitel Stiftung wurde 1934 „arisiert“ und sitzt seit 2018 wieder im Palais. Im Juni 2021 war das Museum wegen Sanierung geschlossen, seit Herbst 2022 ist es wieder offen. Von hier sind es über den Molkenmarkt und die Grunerstraße noch rund 700 Meter zum Alexanderplatz, wo ich die Aufzeichnung beende.

Am Wegesrand
Drei Dinge, die nicht in die Route gehören, aber am Weg liegen.
Der Prozess von 1510
An der Marienkirche, rund 100 Meter von der Route, steht eine Informationstafel zum Berliner Hostienschändungsprozess von 1510. Am 19. Juli 1510 wurden auf dem damaligen Neuen Markt 41 Juden aus Berlin und der Mark Brandenburg in einem Schauprozess zum Tode verurteilt, 38 von ihnen wurden nahe dem heutigen Strausberger Platz verbrannt. Alle anderen Jüdinnen und Juden mussten die Mark verlassen. Es ist der älteste Ort dieser Tour, und er zeigt, dass die Geschichte nicht 1933 beginnt.
Das Kaufhaus N. Israel
Zwischen Spandauer Straße und Rathausstraße stand das Kaufhaus N. Israel, 1815 von Nathan Israel gegründet, zuletzt mit rund 2.000 Beschäftigten eines der großen Warenhäuser Berlins. 1939 wurde es zwangsweise „arisiert“. Wilfried Israel kaufte nach dem Novemberpogrom verschleppte Angestellte aus dem KZ Sachsenhausen frei und kam 1943 ums Leben, als sein Flugzeug über der Biskaya abgeschossen wurde. Eine Tafel des Nikolaiviertel-Rundgangs am Nußbaum erzählt davon.
Mohrenstraße heißt jetzt Anton-Wilhelm-Amo-Straße
Zwischen Stelenfeld und Jägerstraße bin ich 2021 durch die Mohrenstraße gegangen. Die heißt seit August 2025 Anton-Wilhelm-Amo-Straße, nach dem Philosophen Anton Wilhelm Amo. Das Oberverwaltungsgericht hatte den Weg dafür am 22. August 2025 frei gemacht, der U-Bahnhof heißt inzwischen ebenfalls so. Wenn du mit einer älteren Karte unterwegs bist, nicht wundern.
Jüdisches Leben heute
Diese Tour zeigt nicht nur Gedenkorte. In der Tucholskystraße 9 arbeitet der Zentralrat der Juden in Deutschland, in der Tucholskystraße 40 hat die Gemeinde Adass Jisroel ihr Gemeindehaus mit Synagoge, und die Gemeinde nennt dort auch ein Beth Café; ob es geöffnet ist, prüf vorher auf der Gemeindeseite. In der Neuen Synagoge gibt es seit 1998 wieder einen Betraum, im Haus sitzt die Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum mit Dauerausstellung. In der ehemaligen Mädchenschule in der Auguststraße eröffnete 2012 ein Deli, dessen Betreiber inzwischen nach Neukölln umgezogen sind. Für Restaurants und Läden mit koscherem oder israelischem Angebot in der Gegend verlass dich lieber auf eine aktuelle Suche als auf meinen Stand von 2021.
Gut zu wissen
- Die ganze Strecke läuft auf Gehwegen, meist Asphalt oder Platten, auf dem Hausvogteiplatz und im Nikolaiviertel Kopfsteinpflaster. Keine Steigungen.
- Abkürzen kannst du am U-Bahnhof Hausvogteiplatz (U2, km 3,5), am S-Bahnhof Oranienburger Straße (km 5,5) und am S-Bahnhof Hackescher Markt (km 7,6).
- Einkehr gibt es überall, besonders rund um die Oranienburger Straße und den Hackeschen Markt. Ich habe an der Neuen Wache und an der Burgstraße Pause gemacht.
- Der Ort der Information unter dem Stelenfeld und das Anne Frank Zentrum sind montags geschlossen, das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt öffnet täglich. Die Öffnungszeiten stehen auf den verlinkten Seiten.
- Die Neue Synagoge und das Centrum Judaicum sind samstags geschlossen. Die Kuppel war beim Abruf im Oktober 2026 laut Besuchsseite geschlossen.
- Für das Ephraim-Palais, die Mendelssohn-Remise und das Max Liebermann Haus gelten eigene Öffnungszeiten, alle liegen direkt am Weg.
- Die Tour ist Teil meiner Serie Jüdisches Berlin mit sieben Touren aus dem Juni 2021. Die Orte, die ich dabei näher angesehen habe, bekommen eigene Beiträge.
Fazit
Keine andere Tour der Serie hat mich so oft stehen bleiben lassen. Vieles kannte ich, aber nicht in diesem Zusammenhang: dass die Bank in der Jägerstraße und die Bodenplatte an der Spandauer Straße zur selben Familie gehören, dass die Stufen am Hausvogteiplatz ein Adressbuch sind, dass hinter dem Haus Rosenstraße 1 bis 2 die erste Synagoge Berlins stand. Die Strecke ist kurz, aber plane einen halben Tag, und geh nicht an einem Montag oder Samstag, dann sind die meisten Häuser offen. Was ich beim nächsten Mal anders mache: in den Ort der Information und in die Blindenwerkstatt hineingehen, statt nur davor zu stehen.
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