Tour in Berlin, von Pankow nach Mitte · Jüdisches Berlin, Tour 3 von 7 · Alle Touren und Wege
Die dritte Tour ist die längste der Serie: 31,6 Kilometer vom S-Bahnhof Schönholz im Norden bis zum Bahnhof Friedrichstraße. Sie beginnt mit Orten der jüdischen Fürsorge in Pankow, einem Kinderheim, einem Waisenhaus und einem Lehrlingsheim, führt über Weißensee, wo gleich zwei Friedhöfe am Weg liegen, und durch den Prenzlauer Berg mit Synagoge Rykestraße, Judengang und Friedhof Schönhauser Allee. Sie endet in Mitte: am Koppenplatz, an der Großen Hamburger Straße, an der Neuen Synagoge und an einem Denkmal für die Kinder, die gerettet, und die, die deportiert wurden.
Ich bin die Strecke am 10. Juni 2021 gegangen, in Komoot heißt sie bei mir „Jüdisches Berlin – Von Pankow nach Mitte“. Es ist eine sehr lange Stadtwanderung auf Gehwegen, die reine Gehzeit lag bei gut fünfeinhalb Stunden, mit allen Pausen war ich fast acht Stunden unterwegs. Beschrieben ist, was von der Straße aus zu sehen ist; auf dem Gelände war ich nur auf den Friedhöfen in Weißensee und an der Schönhauser Allee. Die Orte sind so beschrieben, wie sie im Juni 2021 aussahen, spätere Änderungen stehen jeweils dabei. Wer kürzer gehen will, findet mehrere Bahnhöfe am Weg.
Inhalt dieser Tour
- Steckbrief
- Darum lohnt sich die Tour
- Anreise
- Die Route
- Niederschönhausen: das Kinderheim in der Wilhelm-Wolff-Straße
- Breite Straße 23: Benno und Dorothea Falk
- Berliner Straße: die Zigarettenfabrik Garbáty
- Berliner Straße 120/121: das II. Waisenhaus
- Garbátyplatz: das Denkzeichen
- Mühlenstraße: Gemeindehaus und Lehrlingsheim
- Weißensee: die Israelitische Taubstummen-Anstalt, Parkstraße 22
- Wittlicher Straße: der Friedhof der Adass Jisroel
- Bizetstraße 122 und der Jüdische Friedhof Weißensee
- Bötzowstraße 10: die Familie Jaskulski
- Winsstraße 63: Hans Rosenthal und die Zodykows
- Rykestraße 53: die Synagoge
- Der Judengang am Kollwitzplatz
- Der Jüdische Friedhof Schönhauser Allee
- Koppenplatz und Kleine Auguststraße
- Große Hamburger Straße: Sammellager, Friedhof und Schule
- Neue Synagoge und Tucholskystraße 9
- Das Kindertransport-Denkmal am Bahnhof Friedrichstraße
- Am Wegesrand
- Jüdisches Leben heute
- Gut zu wissen
- Fazit
Steckbrief
Strecke
31,6 km
abkürzbar an mehreren Bahnhöfen
Gehzeit
5:38 h
mit allen Pausen fast acht Stunden
Art
Streckentour, Stadtwanderung
Start
S-Bahnhof Schönholz
Ziel
Bahnhof Friedrichstraße
ÖPNV
Hin mit der S-Bahn bis Schönholz, zurück ab Bahnhof Friedrichstraße mit der S-Bahn und weiteren Linien
Untergrund
Gehwege, Straßen und Wege auf Friedhöfen
Thema
Orte jüdischen Lebens und Gedenkens zwischen Pankow, Weißensee, Prenzlauer Berg und Mitte
- Mit der Bahn erreichbar
- Abkürzbar
Gelaufen am 10. Juni 2021
Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), vereinfacht dargestellt.
Streckenband
- Kilometer 0S-Bahnhof SchönholzStart · S-Bahn
- Kilometer 21Kinderheim Wilhelm-Wolff-StraßeWilhelm-Wolff-Straße 30 bis 38
- Kilometer 3,72Breite Straße 23Benno und Dorothea Falk
- Kilometer 53Garbáty-FabrikBerliner Straße 123
- Kilometer 5,14Waisenhaus PankowBerliner Straße 120/121
- Kilometer 5,35Garbáty-DenkzeichenGarbátyplatz, 2002
- Kilometer 66Mühlenstraße 77Gemeindehaus und Synagoge
- Kilometer 6,27Mühlenstraße 24Lehrlingsheim
- Kilometer 12,18Parkstraße 22Israelitische Taubstummen-Anstalt
- Kilometer 14,29Adass-Jisroel-TorWittlicher Straße 14
- Kilometer 18,910Bizetstraße 122Stolpersteine, Friedhof Weißensee
- Kilometer 23,411Bötzowstraße 10Stolpersteine Jaskulski
- Kilometer 24,212Winsstraße 63Rosenthal und Zodykow
- Kilometer 24,713Synagoge RykestraßeRykestraße 53
- Kilometer 24,914Tor JudengangKnaackstraße 41
- Kilometer 25,415Friedhof Schönhauser AlleeSchönhauser Allee 23
- Kilometer 28,916KoppenplatzDer verlassene Raum
- Kilometer 29,217Kleine Auguststraße 10Gedenkort Synagoge
- Kilometer 29,918Große Hamburger StraßeAltenheim, Friedhof, Schule
- Kilometer 30,419Neue SynagogeOranienburger Straße 28 bis 30
- Kilometer 30,620Tucholskystraße 9Leo-Baeck-Haus
- Kilometer 31,521Kindertransport-DenkmalGeorgenstraße, 2008
- Kilometer 31,6Bahnhof FriedrichstraßeZiel · S-Bahn und weitere Linien
Darum lohnt sich die Tour
- Jüdische Fürsorge in Pankow: ein Kinderheim, das II. Waisenhaus und das Lehrlingsheim, dazu die Gedenkwand mit den Namen der Pankower Opfer.
- Zwei Friedhöfe in Weißensee, der Friedhof der Adass Jisroel am Tor und der Jüdische Friedhof Weißensee mit eigenem Beitrag, dazu der Friedhof Schönhauser Allee mit Judengang.
- Die Große Hamburger Straße: erstes Altenheim und Sammellager, ältester jüdischer Friedhof Berlins und eine Schule auf wenigen hundert Metern.
- Zwischen Rykestraße und Mitte ein dichter Abschnitt mit Synagoge, Koppenplatz, Neuer Synagoge und dem Denkmal für die Kindertransporte am Bahnhof Friedrichstraße.
Anreise
Hin
S-Bahn bis Schönholz (S1, S25 und S85 laut S-Bahn Berlin)
Zurück
ab Bahnhof Friedrichstraße, Verbindungen vorher beim VBB prüfen
Abkürzen
S+U Pankow bei km 5,3, U Senefelderplatz bei km 26,5, S Oranienburger Straße bei km 30,4
Hinweis
Zwischen Mühlenstraße (km 6) und Parkstraße (km 12) sowie zwischen dem Friedhof Weißensee und dem Prenzlauer Berg (km 19 bis 23) liegen lange Wege ohne Ort
Die Tour beginnt am S-Bahnhof Schönholz. Von dort geht es nach Norden zum ersten Halt in der Wilhelm-Wolff-Straße.
Die Route
Die Strecke hat vier Teile. Der erste führt durch Niederschönhausen und Pankow zu den Häusern der jüdischen Fürsorge: Kinderheim, Waisenhaus, Lehrlingsheim. Der zweite geht über Weißensee zum Friedhof der Adass Jisroel und zum Jüdischen Friedhof Weißensee. Der dritte führt durch den Prenzlauer Berg, mit Stolpersteinen, der Synagoge Rykestraße, dem Judengang und dem Friedhof Schönhauser Allee. Der vierte endet in Mitte, am Koppenplatz, an der Großen Hamburger Straße, an der Neuen Synagoge und am Bahnhof Friedrichstraße.
Länger als drei Minuten hält mein Track nur an fünf Stellen: am Kinderheim, nach gut sieben Kilometern an der Kissingenstraße (gut 20 Minuten, die längste Pause), am Weißen See (neun Minuten), am Friedhofstor in Weißensee und im Volkspark Friedrichshain (13 Minuten).
Niederschönhausen: das Kinderheim in der Wilhelm-Wolff-Straße
Der Weg führt vom S-Bahnhof Schönholz zuerst nach Norden, und der erste Ort der Tour ist zugleich der nördlichste. In der Wilhelm-Wolff-Straße 30 bis 38 hängt am rechten Flügel über dem Nebeneingang eine Bronzetafel: oben rechts ein Davidstern, in der Mitte zwei Hände, die ein Kindergesicht halten. Die Inschrift erinnert an über 150 jüdische Kinder, darunter etwa 70 Säuglinge, die hier betreut wurden, und an ihre Verschleppung und Ermordung durch die SS 1942. Darunter steht ein Mahnspruch an die Nachgeborenen. Mein Track hält hier gut drei Minuten.

Das Haus war das jüdische Säuglings- und Kinderheim. Nach der Gedenktafel-Datenbank richtete es 1915 der 1903 gegründete „Fürsorgeverein für hilflose jüdische Kinder“ ein, die Adresse war damals Moltkestraße 8 bis 11. Die Bronzetafel schuf Heinz Worner, sie stammt von 1968 und wurde 1988 erneuert, das untere Motiv folgt einer Vorlage von Käthe Kollwitz. Wohin die Kinder 1942 verschleppt wurden, sagt die Tafel nicht; die Senatskanzlei nennt Auschwitz, die Jüdische Allgemeine Theresienstadt und Auschwitz.
Nach dem Krieg ging das Haus an die Jüdische Gemeinde zurück, es war wieder Kinderheim, später das einzige jüdische Altenheim der DDR, bis es 1994 schloss (so die Senatskanzlei). Seit Dezember 2002 ist es das Kinderhospiz „Sonnenhof“ der Björn Schulz Stiftung. 2013 brachte die Stiftung außerdem eine Tafel mit den Namen von rund 100 Kindern des Heims an, auf meinem Foto ist sie nicht zu sehen.
Breite Straße 23: Benno und Dorothea Falk
In der Breiten Straße 23 hängt links neben der Haustür eine Bronzetafel für den jüdischen Kaufmann Benno Falk und seine Frau Dorothea. Sie verkauften hier Herrenbekleidung und Damenkonfektion, das Geschäft bestand nach der Gedenktafel-Datenbank seit 1919. Nach der Inschrift überfielen 1935 aufgehetzte Nationalsozialisten den Laden und plünderten ihn, Benno Falk wurde misshandelt und gedemütigt; Ähnliches wiederholte sich im Novemberpogrom 1938. Er starb im Februar 1940, seine Frau kam in Auschwitz ums Leben. Die Tafel wurde am 12. Juli 2002 enthüllt, die Cajewitz-Stiftung hat sie bezahlt.
Benno Falk, 1876 geboren, hieß eigentlich Benjamin. Er starb am 27. Februar 1940 und wurde auf dem Friedhof der Adass Jisroel in Weißensee beigesetzt, an dessen Tor diese Tour später steht. Dorothea Falk, 1886 geboren, wurde Ende Februar 1943 bei der „Fabrikaktion“ verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo sie im Winter oder Frühjahr 1943 starb. Ein genaues Datum nennt die Datenbank nicht.
Gleich dahinter macht der Track eine kleine Schleife um die Häuser Breite Straße 31 A bis J. Hier stand die Villa des Bankiers Max Oppenheimer, die er 1906 gekauft hatte und 1936 weit unter Wert an die Berliner Sparkasse verkaufen musste; sie wurde abgerissen. Vor der Breiten Straße 29 b liegen Stolpersteine für ihn und seine Frau Therese. Sie wurde im Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb dort 1944, er starb 1941 in Berlin und wurde auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee beigesetzt, wie die Biografie bei den Stolpersteinen schreibt. Daneben liegt der Bleichröderpark, in dem seit 2003 eine Edelstahltafel an die Familie Bleichröder erinnert.
Berliner Straße: die Zigarettenfabrik Garbáty
Zwischen der Breiten Straße und dem Bahnhof Pankow liegt die frühere Zigarettenfabrik Garbáty, Berliner Straße 123 und Hadlichstraße. Die Denkmaldatenbank führt die Gesamtanlage mit Fabrikgebäuden, Wohnhaus, Kontor und Speicher, datiert 1906 und 1913 und umgebaut 1930. Mein Track biegt hier kurz auf das Grundstück ein. Das erste Foto zeigt die Fassade aus weiß glasierten Ziegeln mit den Schriftfeldern „Cigaretten-Fabrik J. Garbáty“, das zweite einen Bau mit geschweifter Turmhaube, den ich auf dem Gelände fotografiert habe.


Josef Garbáty-Rosenthal wurde 1851 im weißrussischen Lida geboren und gründete 1881 eine Zigarettenfabrik, die ab 1906 in Pankow saß. Bis zu knapp 1.600 Menschen arbeiteten im Betrieb, es gab eine Kantine, eine Bibliothek und einen firmeneigenen Sportclub, so die Gedenktafel-Datenbank. 1938 wurde das Unternehmen „arisiert“, die beiden Söhne konnten in die USA emigrieren. Josef Garbáty starb am 29. Juni 1939 in Berlin.
Nebenan, in der Berliner Straße 126/127, wohnte er seit 1901 in einer Villa; nach Angaben des Bezirksamts sitzt dort heute die Libanesische Botschaft. Die Fabrik produzierte laut Bezirksamt nach 1945 bis zur Wiedervereinigung die Marken Club, Cabinet und Karo, heute sind in den Gebäuden Wohnungen.
Berliner Straße 120/121: das II. Waisenhaus
Wenige Schritte weiter steht das frühere II. Waisenhaus der Jüdischen Gemeinde, Berliner Straße 120/121. Im Giebel steht die Inschrift „II. Waisenhaus der Jüdischen Gemeinde in Berlin, erbaut im Jahre 1912-13“. Alexander Beer baute das neobarocke Haus, nachdem 1911 ein Brand den Vorgängerbau zerstört hatte; die Einrichtung gab es schon seit 1882, damals als Erziehungsanstalt für jüdische Waisenknaben, bis zu 100 Kinder lebten im Haus, so das Museum Pankow auf seiner Stele. Beer wurde 1944 in Theresienstadt ermordet.

Den Betsaal mit Kassettendecke stiftete Josef Garbáty. Im November 1938 wurden bei Überfällen mehrere Räume verwüstet, die Kinder blieben unverletzt. Nur wenige Kinder konnten ab Dezember 1938 durch Kindertransporte oder Auswanderung (auch nach Palästina) gerettet werden, die übrigen kamen in das Waisenhaus Schönhauser Allee 162 und wurden von dort deportiert, so die Bundeszentrale für politische Bildung. Die Museumsstele nennt 1940 als Jahr der Schließung; im Dezember 1942 beschlagnahmte das Reichssicherheitshauptamt das Haus, ab Ende 1943 saß dort dessen „Zentrale Sichtvermerkstelle“.
Nach 1945 saßen hier das Bezirksamt, ab 1952 die polnische Mission und später Botschaften, von 1971 bis 1991 die kubanische. 1999 kaufte die Dr. Walter und Margarete Cajewitz-Stiftung das Haus vom Staat Israel und ließ es restaurieren, im Mai 2001 wurde es mit rund dreißig ehemaligen Zöglingen und ihren Angehörigen wiedereröffnet. Heute ist es die Janusz-Korczak-Bibliothek der Stadtbibliothek Pankow, dazu kommt die Schule „SchuleEins“. Im ersten Obergeschoss zeigt eine Dauerausstellung die Geschichte des Hauses, die Cajewitz-Stiftung meldet eine neue Dauerausstellung seit dem 5. März 2025. Im Vorgarten steht die Granitskulptur „Der Steinhändler“ von Alexander Polzin, 2001 aufgestellt.
Am Zaun vor dem Haus hängen Tafeln mit Namen und Geburtsjahren. Sie tragen den Satz: „Zum Gedenken an die jüdischen Kinder, Frauen und Männer aus Pankow, deren Leben während der faschistischen Diktatur von 1933 bis 1945 ausgelöscht wurden.“ Sie wurden ab dem 9. November 2013 angebracht (Text Gerhard Hochhuth, Gestaltung Sophie Alex) und waren am 27. Januar 2014 vollständig; sie hängen jeweils vom 9. November bis zum 27. Januar. Namen von Menschen, die ihr 16. Lebensjahr nicht erreicht haben, stehen in grüner Schrift. Wie viele jüdische Opfer aus Pankow bekannt sind, wird unterschiedlich angegeben: die Senatskanzlei nannte 2009 579, das Bezirksamt nennt 589 als Zahl der Gedenkwand in der Bibliothek, das Museum Pankow spricht von „rund 600“, die Initiative inzwischen von rund 800.

Ich habe das Haus nur von außen fotografiert. Der S- und U-Bahnhof Pankow liegt rund 150 Meter südlich.
Garbátyplatz: das Denkzeichen
Auf dem Garbátyplatz vor dem S- und U-Bahnhof Pankow steht ein Stahltor aus vier Stützen und einem Querbalken mit dem Schriftzug GARBÁTY. Susanne Ahner schuf das Garbáty-Denkzeichen, 5,5 Meter hoch und 12 Meter breit, eingeweiht am 29. Juni 2002; der Schriftzug ist dem Schriftzug auf dem Dach des früheren Firmengebäudes an der Berliner Straße nachempfunden. Pankower Bürger*innen haben es gestiftet, bei der Einweihung war Garbátys Enkel Thomas J. Garbáty dabei. Der Platz wurde im September 2000 nach Josef Garbáty benannt (amtlich geführt seit Januar 2001).

Eine rostige Bodenplatte im Gehweg trägt seit 2003 die Daten „27.6.1851 bis 29.6.1939“ und den Satz „Eigentum verpflichtet“ war ihm nicht Wort sondern Tat (Gedenktafel-Datenbank). Als 2011 der Bahnhofsvorplatz neu bebaut wurde, beeinträchtigte das die Sichtbarkeit des Denkzeichens stark, 2020 waren die Stützen beklebt und beschmiert. Auf meinem Foto steht der Schriftzug vor dem Neubau. Garbáty liegt auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee, im Feld D 4; dorthin kommt die Tour in rund 14 Kilometern.
Mühlenstraße: Gemeindehaus und Lehrlingsheim
In der Mühlenstraße 77 hängt am Zaun eine dunkle Metalltafel mit der Überschrift „Aus der Geschichte des Hauses Mühlenstraße 77“. Sie nennt die Stationen: 1894 Ausbildungsheim für jüdische Mädchen, 1929 jüdisches Gemeindehaus in Pankow, 1935 Einrichtung der Synagoge des Pankower Religionsvereins „Agudath Achim“, 1940 Zwangseinweisung von 22 jüdischen Bürgern aus neun Familien, 1941 bis 1943 deren Deportation in Vernichtungslager. Das Heim war nach dem Förderverein des Waisenhauses am 1. Juni 1894 als Gegenstück zum Waisenhaus für Knaben eröffnet worden. Den Religionsverein hatte Moses Heimann 1895 gegründet, in der Mühlenstraße gab es bis 1940 die einzige Pankower Synagoge mit Gottesdiensten. Das Haus ist auf dem Foto nicht zu sehen, hinter dem Zaun wächst Gebüsch.
Gut 250 Meter weiter, in der Mühlenstraße 24, steht das frühere jüdische Lehrlingsheim, ein roter Backsteinbau. Die Metalltafel nennt: 1895/96 erbaut und am 17. Mai 1896 eingeweiht, erster Leiter bis 1906 Michael Max Wilinski, sein Nachfolger bis 1936 Oscar Israel. „Hier erhielten viele hundert Jugendliche eine handwerkliche Ausbildung“, Ende 1939 räumten die Nationalsozialisten das Haus und vertrieben Lehrlinge und Erzieher, von denen viele später in Vernichtungslagern ermordet wurden. Untergebracht waren nach der Jüdischen Allgemeinen angehende Tischler und Schuster, zu DDR-Zeiten war hier eine Bibliothek, 2013 eine Jugendeinrichtung. Bis 1909 hatte das Haus laut der Gedenktafel-Datenbank die Nummer 20.


Weißensee: die Israelitische Taubstummen-Anstalt, Parkstraße 22
Auf den nächsten sechs Kilometern bis Weißensee gibt es nur eine Tafel am Rand, sie steht unten bei „Am Wegesrand“. Die längste Pause macht mein Track nach gut sieben Kilometern an der Kissingenstraße, rund 20 Minuten. In Weißensee führt ein Abstecher in die Parkstraße: Der Track biegt ein, geht bis vor die Nummer 22 und kehrt dort um, rund 400 Meter hin und zurück.
Die Parkstraße 22 war die Israelitische Taubstummen-Anstalt, eine Internatsschule für taube Kinder und Jugendliche aus ganz Deutschland, wie die Berliner Landeszentrale für politische Bildung schreibt. Der Pädagoge Markus Reich (1844 bis 1911) gründete sie 1873 in Fürstenwalde, ab 1890 war sie in diesem Haus, das Johann Hoeniger 1889 bis 1891 gebaut hatte (Denkmaldatenbank). 1942 wurden die jüdischen Kinder und Erwachsenen, die dort lebten, deportiert.
Rechts neben dem Eingang erinnert seit dem 31. Mai 2001 eine rote Granittafel an die Anstalt, sie beginnt mit „Tu deinen Mund auf für die Stummen“ (Sprüche 31,8) und endet mit „Den Toten zum Gedenken, den Lebenden zur Mahnung“. Eine ältere Tafel mit einer Opferzahl wurde bei der Sanierung abgenommen, weil an Datum und Zahl Zweifel bestanden; die neue nennt keine Zahl (so die Gedenktafel-Datenbank). Vor dem Haus liegt ein Stolperstein für Johanna Berg. Sie war gehörlos und arbeitete als Putzmacherin, im Oktober 1941 zog sie nach Berlin, ihr Mann starb im September 1942 im Jüdischen Krankenhaus. Am 26. September 1942 wurde sie nach Raasiku bei Reval deportiert und dort erschossen.
Heute gehört das Haus der Stephanus-Stiftung und beherbergt die Stephanus-Grundschule. Die Schüler*innen pflegen laut der Stiftung das Gedenken an die Anstalt, am 9. November und am 27. Januar. Dass das Haus 1942 und noch im Dezember 1943 als Sammellager diente, erzählt der Abschnitt zur Winsstraße 63. Ein Foto habe ich hier nicht gemacht. Danach geht es zum Weißen See, wo mein Track neun Minuten hält, und weiter nach Osten.
Wittlicher Straße: der Friedhof der Adass Jisroel
In der Wittlicher Straße 14 liegt der Friedhof der Adass Jisroel. Das Foto zeigt den Torpfeiler aus gelbem Klinker mit einer gusseisernen Tafel: „Friedhof der Israelitischen Synagogengemeinde (Adass-Jisroel) zu Berlin, Büro: Artilleriestrasse Nr. 31“. Die Gemeinde führt die Artilleriestraße 31 als ihr Gemeindezentrum ab 1904, heute ist das die Tucholskystraße 40. Dort kommt die Tour am Ende noch einmal vorbei.

Die Adass Jisroel ist eine eigene Gemeinde, ihr Friedhof ist kein zweiter Eingang des großen Friedhofs in Weißensee, der erst gut zwei Kilometer weiter folgt. Nach Angaben der Gemeinde wurde das 2,09 Hektar große Gelände am 22. Dezember 1873 erworben, die erste Beisetzung war am 24. Februar 1880, heute gibt es rund 3.100 Grabstellen. Beigesetzt sind unter anderen die Rabbiner Esriel Hildesheimer, David Zwi Hoffmann und Abraham Berliner, dazu Benno Falk aus der Breiten Straße. In der NS-Zeit blieb der Friedhof weitgehend unbeschadet. Nach 1974 wurde kein Gärtner mehr eingestellt, Anfang der 1980er Jahre waren etwa 2.200 Grabsteine zerstört. Freiwillige stellten ihn Mitte der 1980er Jahre wieder her, im Juni 1986 wurde er wiedereröffnet.
Mein Track kehrt am Tor um, den Friedhof habe ich nur von außen gesehen. Laut Gemeinde sind Besuche derzeit nicht möglich, der Friedhof sei „leider nicht verkehrssicher“; Zutritt gibt es nur bei Bestattungen und für Angehörige nach Terminvereinbarung (Stand Oktober 2026).
Bizetstraße 122 und der Jüdische Friedhof Weißensee
In der Bizetstraße 122 liegen fünf Stolpersteine: für Siegfried Link (Jahrgang 1906), Edith Link, geborene Pinkus (1910), ihre Tochter Gittel Link (1941), Alfred Pinkus (1879) und Selma Pinkus, geborene Gabriel (1878). Sie wurden am 2. Juni 2021 verlegt, acht Tage vor meiner Tour; mein Track läuft ohne Halt vorbei. Alfred Pinkus war Friedhofsaufseher auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee, die Familie wohnte zuletzt im Verwaltungsgebäude des Friedhofs. Gittel Link wurde am 4. Juli 1941 im Jüdischen Krankenhaus geboren. Am 12. März 1943 wurden sieben Menschen im Alter von 20 Monaten bis 64 Jahren nach Auschwitz deportiert, nur Siegfried Link wurde bei der Ankunft als arbeitsfähig ausgesondert, die anderen wurden vermutlich kurz nach der Ankunft ermordet. Die Steine liegen auf Wunsch der Familie am letzten frei gewählten Wohnort, nicht am Friedhof (Biografie Gittel Link). Am selben Tag wurde Hans Hugo Asch, für den in der Smetanastraße 16 ein Stolperstein liegt, nach Auschwitz deportiert.
Zehn Minuten später betritt mein Track den Jüdischen Friedhof Weißensee. Er wurde 1880 eingeweiht, ist über 40 Hektar groß und wird bis heute belegt (Jüdische Gemeinde). Ich war rund eine Dreiviertelstunde auf dem Gelände und bin im Uhrzeigersinn gegangen; vom Rundgang erzählt ein eigener Beitrag, hier nur die Verbindungen zu dieser Tour. Josef Garbáty liegt im Feld D 4, Max Oppenheimer aus der Breiten Straße ist hier beigesetzt, und Markus Reich, der Gründer der Taubstummen-Anstalt, liegt in Feld U 1, Reihe 15 (Gedenktafel-Datenbank).


Der Friedhof ist samstags und an jüdischen Feiertagen geschlossen; Einzelheiten stehen bei den Serviceinformationen.
Bötzowstraße 10: die Familie Jaskulski
Zwischen dem Friedhof Weißensee und dem Prenzlauer Berg liegen viereinhalb Kilometer ohne Ort, im Volkspark Friedrichshain hält mein Track 13 Minuten. Dann folgen in der Bötzowstraße 10 drei Stolpersteine, 2010 verlegt, für die Familie Jaskulski. Eugen Jaskulski, 1904 in Berlin geboren, war Zahntechniker und Kaufmann; 1927 übernahm er das Käsegeschäft seiner Großmutter in der Zentralmarkthalle am Alexanderplatz, gab es 1932/33 auf und handelte danach im Großhandel mit Käse, bis er auch das 1936 aufgeben musste. Seine Frau Erna Hildegard, geborene Manneberg, 1900 in Köln geboren, war Schneiderin, die Tochter Edith kam 1932 zur Welt. 1937 zog die Familie in die zweite Etage der Bötzowstraße 10.

Am 24. Oktober 1941 wurden alle drei in das Ghetto Litzmannstadt (Łódź) deportiert, am 4. Mai 1942 weiter in das Vernichtungslager Kulmhof (Chełmno), wo sie vermutlich kurz nach der Ankunft ermordet wurden. Edith war damals zehn Jahre alt.
Winsstraße 63: Hans Rosenthal und die Zodykows
In der Winsstraße 63 hängt links neben dem Eingang eine weiße Berliner Gedenktafel für Hans Rosenthal, enthüllt am 21. Dezember 2000. Rosenthal wurde 1925 in Berlin geboren und wohnte laut Tafel von 1925 bis 1941 in diesem Haus. Laut Tafel musste er Zwangsarbeit leisten und überlebte in einer Laubenkolonie; nach Angaben der Senatskanzlei versteckten ihn Frauen aus Lichtenberg, sein Bruder Gert wurde ermordet. Nach dem Krieg wurde er laut der Tafel einer der beliebtesten und erfolgreichsten Showmaster der deutschen Nachkriegszeit.
Im Pflaster davor liegen zwei Stolpersteine, 2019 verlegt, für Moses Max und Bella Zodykow. Moses Max Zodykow, 1899 bei Kaunas geboren, war blind, lebte rund 30 Jahre im Jüdischen Blindenheim in Steglitz und arbeitete als Bürstenbinder. 1931 erschien in Berlin sein Band „Stimme aus dem Dunkel“ mit Lyrik und Prosa, nach der Stolperstein-Biografie mit einem Vorwort von Stefan Zweig; der Band ist im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek verzeichnet. Bella Zodykow, geborene Bergmann, 1902 in Frankfurt am Main geboren, war Kinderfräulein und hatte von 1917 bis 1925 im Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg gelebt, das Bertha Pappenheim leitete.


Von März bis Dezember 1943 wohnten beide in der Winsstraße 63, in der Wohnküche einer Wohnung im dritten Obergeschoss. Vor der Deportation wurden sie in die frühere Taubstummen-Anstalt in der Parkstraße 22 gebracht, die 1942 und noch im Dezember 1943 als Sammellager diente: das Haus, an dem der Weg am Vormittag vorbeiführte. Am 7. Dezember 1943 wurden sie nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Rosenthal und die Zodykows haben nicht gleichzeitig hier gewohnt, Rosenthals Wohnzeit endete 1941, die der Zodykows begann im März 1943.
Rykestraße 53: die Synagoge
In der Rykestraße 53 geben zwei Tordurchfahrten den Blick auf den Hof frei. Das Foto zeigt das Vorderhaus, einen viergeschossigen Backsteinbau mit Rundbogenfenstern und Türmchen; die Synagoge steht dahinter im Hof und ist nicht zu sehen. Johann Hoeniger baute sie, die Denkmaldatenbank nennt 1903 bis 1904 als Bauzeit, die Gedenktafel 1902 bis 1904, eingeweiht wurde sie am 4. September 1904. Die Jüdische Gemeinde spricht von über 2.000 Sitzplätzen ursprünglich, nach der Sanierung wurde sie 2007 mit 1.200 Plätzen wiedereröffnet.

Im Vorderhaus lag die Religionsschule der Gemeinde, ab 1922 die Schule des zionistischen Jüdischen Schulvereins, 1929 übernahm die Gemeinde sie als III. Private Volksschule, 1941 wurde sie nach der Beschlagnahme geschlossen. Viele Lehrer*innen und Schüler*innen wurden deportiert und ermordet, so die Gedenktafel, die ehemalige Schüler*innen angeregt haben und die am 8. November 2001 enthüllt wurde. Heute ist im Vorderhaus die Lauder Beth-Zion Schule untergebracht.
Was im November 1938 geschah, erzählen die Quellen verschieden: Die Gemeinde spricht von einem gelegten und rasch gelöschten Brand, der Bezirk Pankow von einem verwüsteten Betsaal, die Gedenktafel-Datenbank von einer weitgehend unbeschädigten Synagoge. Gottesdienste gab es noch bis 1940, danach nutzte die Wehrmacht das Haus, 1953 wurde es restauriert und war die einzige Synagoge Ost-Berlins. Die Synagoge ist aktiv und bewacht, eine Besichtigung gibt es nur zu Gottesdiensten oder für angemeldete Gruppen. Mehr zum Haus steht in Tour 1.
Der Judengang am Kollwitzplatz
Gut 200 Meter weiter, am Kollwitzplatz (Knaackstraße 41), steht ein schwarzes Stahltor mit zwei Davidstern-Öffnungen. Dahinter beginnt der Judengang, ein rund 400 Meter langer und 7 bis 7,5 Meter breiter Weg zwischen der östlichen Mauer des Friedhofs Schönhauser Allee und den Rückseiten der Häuser an der Kollwitzstraße, bis zum Senefelderplatz. Das Tor am Kollwitzplatz stammt von etwa 1930 und ist das einzige erhaltene, das Tor am Senefelderplatz wurde 2008 neu gebaut (Gedenktafel-Datenbank). Es bleibt verschlossen, auf meinem Foto ist es dicht mit Graffiti bedeckt.

Wofür der Gang diente, ist nicht eindeutig geklärt. Die Jüdische Gemeinde nennt „um 1827“ als östlichen Hintereingang des Friedhofs, die Denkmaldatenbank datiert ihn nach 1871. Nach der Darstellung der Gemeinde ordnete der König den Weg an, damit er nicht von Trauerzügen gestört wurde; belegt ist das nicht eindeutig. In der NS-Zeit wurde die Fläche enteignet, nach 1945 in Gärten und Höfe aufgeteilt, nach der Rückübertragung 2002 stellte die Gemeinde den Gang mit Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie wieder her. Das Tor am Senefelderplatz zeigt Tour 1.
Der Jüdische Friedhof Schönhauser Allee
Der Jüdische Friedhof Schönhauser Allee wurde 1827 als zweiter Begräbnisplatz der Jüdischen Gemeinde eröffnet, nachdem der Friedhof an der Großen Hamburger Straße geschlossen worden war; 1880 wurde er zugunsten von Weißensee offiziell geschlossen. In vorhandenen Familiengräbern wurde weiter beigesetzt. Nach Angaben der Gemeinde liegen hier rund 23.000 Gräber, die Angaben schwanken bis zu 25.000 (Museum Pankow). Bestattet sind unter anderen Giacomo Meyerbeer, Max Liebermann, Leopold Ullstein, James Simon, Gerson von Bleichröder und David Friedländer (Jüdische Gemeinde). Ich war knapp 20 Minuten auf dem Friedhof und bin im Uhrzeigersinn gegangen.
Am Eingang steht eine grüne Glasstele mit einem Davidstern aus Metallstäben. Links vom Haupteingang standen früher Trauerhalle und Betriebsgebäude, im Krieg wurden sie zerstört. An ihrer Stelle entstand 1961 eine Gedenkmauer aus Sandsteinquadern mit der Inschrift „Hier stehst du schweigend, doch wenn du dich wendest, schweige nicht“. Sie musste dem Lapidarium weichen, das am 10. Juni 2005 eingeweiht wurde, und wurde fotografisch auf Glastafeln übertragen. Ob die Stele auf meinem Foto zu diesen Tafeln gehört, kann ich nicht sicher sagen. Die Gedenktafel-Datenbank vermerkt ohne Datum, die Glastafeln seien während eines Neubaus abgebaut worden und sollten später wieder aufgestellt werden.


Das Wandgrab aus gelben und schwarzen Klinkern mit Terrakotta-Schmuck ist die Ruhestätte der Familien Lehwess und Manheimer. Moritz Manheimer (1826 bis 1916) und seine Frau Bertha, geborene Lehwess, stifteten 1880 zur Silberhochzeit das jüdische Altersheim in der Schönhauser Allee 22, das am 11. November 1883 eröffnet wurde. Das Grab ist in denselben bräunlichgelben Verblendziegeln gebaut wie das Altersheim, so die Gedenktafel-Datenbank. Auf der Tafel steht: „Menschenliebe, Gerechtigkeit, Duldsamkeit war der Inbegriff seines Lebens.“

Im nordwestlichen Teil des Friedhofs hängt eine Steintafel am Geländer eines gemauerten Schachts. Sie sagt: „Den Tod anderer nicht zu wollen, das war ihr Tod. Hier verbargen sich Ende des Jahres 1944 Kriegsgegner. Sie wurden von der SS entdeckt, an den Bäumen erhängt und hier verscharrt.“ Die Jüdische Gemeinde schreibt, überliefert sei, dass es junge Deserteure waren, entdeckt von der Gestapo in den letzten Kriegswochen 1945; die Gedenktafel-Datenbank hält fest, dass öffentliche Hinrichtungen in Berlin zu diesem Zeitpunkt sonst nicht belegt und damit unwahrscheinlich sind. Was hier genau geschah, ist also offen. Angeregt hat die Tafel der Ost-Berliner Stadtrat Arnold Munter (Gedenktafel-Datenbank).

Südlich des Eingangs steht in der Schönhauser Allee 22 das ehemalige Altersheim, ein gelber Klinkerbau. Am 17. August 1942 wurden die meisten Bewohner*innen nach Theresienstadt deportiert, die Polizei nutzte das Haus bis 2001, heute sind es Eigentumswohnungen. Auf der anderen Straßenseite, in der Schönhauser Allee 162, stand das Waisenhaus, dessen Kinder 1942 deportiert wurden. Dazu das Tor am Senefelderplatz und das frühere Kinderheim in der Fehrbelliner Straße 92: Orte, an denen der Weg vorbeiführt und die Tour 1 mit Fotos beschreibt.
Koppenplatz und Kleine Auguststraße
Am Koppenplatz in Mitte steht in einer Grünanlage das Denkmal „Der verlassene Raum“: ein Tisch und zwei Stühle aus Bronze auf einer Bodenplatte mit Parkett im Fischgrätmuster, einer der Stühle liegt umgestürzt. Karl Biedermann schuf es zusammen mit der Landschaftsarchitektin Eva Butzmann, es geht auf einen Wettbewerb des Ost-Berliner Magistrats von 1988 zurück und wurde 1996 aufgestellt. Auf dem Plattenrand läuft ein Schriftband mit Versen von Nelly Sachs aus „In den Wohnungen des Todes“ (1947), sie beginnen mit „O die Wohnungen des Todes“; auf meinem Foto ist es vom Unkraut verdeckt. Den Koppenplatz beschreibt auch Tour 1.
Nur wenige Schritte weiter, in der Kleinen Auguststraße 10, erinnert ein Ensemble an die Synagoge der Vereinigten Synagogenvereine Ahawas Scholaum und Mogen David. Die Tafel sagt: „Sie wurde 1906 für 550 Beter errichtet und im Pogrom 1938 zerstört.“ Zum Gedenkort gehören eine Pulttafel mit einem Lageplan von 1909, einem Grundriss und einer Aufnahme von Abraham Pisarek aus einer Simchat-Tora-Feier der 1930er Jahre, eine Sitzbank und ein fünf Meter hohes Wandbild an der Brandmauer; eingeweiht wurde das Ensemble am 5. März 2006 zum 100. Jahrestag der Synagoge (Gedenktafel-Datenbank). Die Tafel auf meinem Foto ist stark verkratzt.


Große Hamburger Straße: Sammellager, Friedhof und Schule
Auf wenigen hundert Metern liegt hier, was die Tour zusammenfasst: Fürsorge, Bildung, Beerdigung und Verfolgung. In der Großen Hamburger Straße standen der älteste jüdische Friedhof Berlins, das erste Altenheim der Gemeinde und eine Schule, und 1942 machte die Gestapo aus Altenheim und Schule ein Sammellager. Eine Metalltafel in einer Betonwand erinnert daran: „An dieser Stelle befand sich das erste Altenheim der Jüdischen Gemeinde Berlin. 1942 verwandelte die Gestapo es in ein Sammellager für jüdische Bürger. 55000 Berliner Juden vom Säugling bis zum Greis wurden in die KZ-Lager Auschwitz und Theresienstadt verschleppt und bestialisch ermordet.“ Es folgt der Satz „Vergesst das nie, wehret dem Krieg, hütet den Frieden“.
Die Zahl 55.000 gilt heute als zu hoch. Akim Jah nennt sie „deutlich zu hoch gegriffen“; aus ganz Berlin wurden nach seiner Darstellung knapp 50.000 Jüdinnen und Juden in 184 Transporten deportiert. Die Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin spricht im Glossar für dieses Lager von etwa 22.000 Menschen laut Aktenlage und von einer Bestandszeit vom 2. Juni 1942 bis zum 1. März 1944; danach wurde das Sammellager in die Schulstraße 78 im Wedding verlegt. Die 55.000 beziehen sich laut Akim Jah auf alle aus Berlin Deportierten, nicht auf dieses Lager.


Der erste Gedenkstein stand hier seit dem 9. November 1959, 1985 folgte ein neuer Stein mit der heutigen Tafel. Unbekannte zerstörten ihn am 30. Dezember 1997, am 27. Januar 1998 wurde er wieder aufgestellt. 2007/08 kam die Tafel in die neue Mauer, die Grundmauern des Altenheims sind seither als rote Ziegelbänder im Boden sichtbar (Gedenktafel-Datenbank, Bildhauerei in Berlin). Das Gebäude selbst wurde 1945 zerstört. Die Gedenktafel-Datenbank meldet, dass die erläuternde Glastafel am Gedenkort Anfang Februar 2026 zerstört wurde; ob sie ersetzt ist, weiß ich nicht.
Die Gruppe aus dreizehn schmalen Frauen- und Mädchenfiguren stammt von Will Lammert (1892 bis 1957). Er modellierte sie für die Gedenkstätte des Frauen-KZ Ravensbrück, wo sie nicht aufgestellt wurden. Die Bronzeabgüsse entstanden um 1985, die Anordnung geht auf ein Konzept von John Heartfield zurück, aufgestellt wurde die Gruppe im Mai 1985 zum 40. Jahrestag der Befreiung und 2007/08 um wenige Meter versetzt (Bildhauerei in Berlin).

Der Friedhof dahinter ist der älteste jüdische Friedhof Berlins. Er wurde 1672 angelegt, nachdem Kurfürst Friedrich Wilhelm 1671 fünfzig aus Wien vertriebenen jüdischen Familien die Niederlassung erlaubt hatte; 1827 wurde der Friedhof geschlossen. Die schwarze Tafel auf meinem Foto ist von 1948: „Zur Erinnerung an den ältesten Begräbnisplatz der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, der vom Jahre 1672 bis zum Jahre 1827 benutzt und im Jahre 1943 auf Befehl der Gestapo zerstört wurde.“ Die Bundeszentrale für politische Bildung nennt als Zeitpunkt den 23. Mai 1942. Die Gestapo ließ Gräber aufwühlen und Splittergräben ausheben, die mit zertrümmerten Grabsteinen abgestützt wurden; eine Tafel am Tor nennt 16 Sammelgräber mit 2.425 Toten aus den letzten Kampftagen 1945. In den 1970er Jahren räumte das Ost-Berliner Stadtgartenamt die restlichen Grabsteine ab, 2007/08 wurde der Friedhof in den alten Grenzen mit neuer Einfriedung wiederhergestellt (Denkmaldatenbank, Gedenktafel-Datenbank). Unter der Tafel auf dem Foto steht ein alter Grabstein, einer der wenigen erhaltenen.
Der Stein für Moses Mendelssohn (Dessau 1729 bis Berlin 1786) ist eine spätere Setzung: Die Denkmaldatenbank führt eine Sandsteinstele von 1990. Auf dem Foto liegen kleine Steine auf der Stele.


Nebenan, in der Nummer 27, liegt die Schule: ein Neubau von 1905/06 mit der Inschrift „Knabenschule der Jüdischen Gemeinde“ über dem Portal. Die Schule wurde am 30. Juni 1942 geschlossen und war Teil des Sammellagers, seit 1993 gibt es hier wieder eine jüdische Schule, das Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn (Bundeszentrale für politische Bildung). Die Schule führt ihre Geschichte auf die 1778 gegründete erste jüdische Freischule Deutschlands zurück (Schule). Ein Foto habe ich nicht.
Neue Synagoge und Tucholskystraße 9
In der Oranienburger Straße 28 bis 30 steht die Neue Synagoge. Ich bin ohne Halt vorbeigegangen und war nicht im Museum. Eduard Knoblauch entwarf sie, nach Knoblauchs Tod 1865 führten sein Sohn Gustav Knoblauch und Friedrich August Stüler die Ausführungsplanung zu Ende; eingeweiht wurde sie am 5. September 1866 zum jüdischen Neujahrsfest. Sie hatte 3.200 Sitzplätze, war damals die größte Synagoge Deutschlands, und die Kuppel ist mehr als 50 Meter hoch, so das Centrum Judaicum. Es war eine liberale Gemeinde mit Orgel und gemischtem Chor. Über dem Portal steht das hebräische Schriftband aus Jesaja 26,2: „Tuet auf die Pforten, dass einziehe das gerechte Volk, das bewahret die Treue.“


In der Pogromnacht 1938 wurde die Synagoge geschändet und in Brand gesetzt; Polizisten des zuständigen Reviers unter Wilhelm Krützfeld verhinderten größere Schäden. Der letzte Gottesdienst im Hauptraum fand am 30. März 1940 statt, danach nutzte die Wehrmacht das Haus als Lager. In der Nacht vom 22. auf den 23. November 1943 wurde es durch Bomben schwer beschädigt, der Hauptraum am 6. August 1958 gesprengt (Zeittafel des Centrum Judaicum). Das heutige Ensemble ist deshalb nicht der Bau von 1866: Wiederhergestellt wurden die vorderen Gebäudeteile mit Portal und Kuppel, der Hauptraum fehlt. Am 5. Juni 1991 kam der Davidstern auf die Kuppel, am 7. Mai 1995 wurde das Centrum Judaicum eröffnet. Die Kuppel ist laut Centrum Judaicum derzeit geschlossen.
Ein paar hundert Meter weiter, in der Tucholskystraße 9, steht das Leo-Baeck-Haus. Auf dem Foto sind ein Rundbogenportal mit Löwenkopf, ein Davidstern-Medaillon in der Fassade und über dem Tor ein leeres Schriftfeld zu sehen. Hier war die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, 1872 gegründet und von 1907 bis 1942 in diesem Haus, das Johann Hoeniger 1907 für sie gebaut hatte; am 19. Juli 1942 wurde sie geschlossen (Gedenktafel-Datenbank). Leo Baeck lehrte hier ab 1912 (Zentralrat), er wurde 1943 nach Theresienstadt deportiert. Nach dem Krieg war das Haus ein Wohnhaus, es ist seit April 1999 Sitz des Zentralrats der Juden in Deutschland (Zentralrat). Die Gedenktafel von 1988 hängt seit 1999 im Hausflur und ist von außen nicht zu sehen. Die Straße hieß damals Artilleriestraße, wie auf der Tafel am Tor des Adass-Jisroel-Friedhofs.

Das Kindertransport-Denkmal am Bahnhof Friedrichstraße
Die letzte Station steht an der Georgenstraße, neben dem Bahnhof Friedrichstraße: Frank Meislers Bronzegruppe „Züge in das Leben, Züge in den Tod 1938 bis 1945“. Meisler wurde als Kind selbst mit einem Kindertransport aus Danzig gerettet. Das Denkmal ist ein Geschenk an die Stadt Berlin und wurde am 30. November 2008 zum 70. Jahrestag der ersten Kindertransporte eingeweiht.

Zwei Gruppen gehen in entgegengesetzte Richtungen: fünf Kinder in graubrauner Patina für die deportierten und ermordeten Kinder, zwei in rotbrauner Tönung für die geretteten, dazwischen Koffer, am Rand Schienenstücke. Nach berlin.de stehen die fünf grauen Figuren für 1,5 Millionen ermordete Kinder, die zwei helleren für die 10.000 geretteten. Auf meinem Foto sind vorn die beiden geretteten zu sehen, ein Mädchen mit Teddybär und ein Junge mit Koffer und Rucksack; im Arm des Mädchens steckten frische Blumen.
Wann und von wo der erste Transport aus Berlin fuhr, geben die Quellen verschieden an: Der Tafeltext nennt den 30. November 1938, den Bahnhof Friedrichstraße und 190 Kinder, Bildhauerei in Berlin den 1. Dezember 1938 vom Anhalter Bahnhof, berlin.de 196 Kinder, die am 2. Dezember 1938 in Harwich ankamen. Sicher ist nur: Ende November oder Anfang Dezember 1938. Laut Tafeltext verließen in neun Monaten rund 10.000 Kinder ihre Familien (Gedenktafel-Datenbank). Mein Track hält hier gut zwei Minuten und endet wenige Meter weiter im Bahnhof Friedrichstraße. Tour 4 beginnt am selben Bahnhof.
Am Wegesrand
Drei Dinge am Rand der Route, die ich erst bei der Recherche gefunden habe.
Kissingenstraße 25: die Tafel für Dorothea und Georg Möhring
Am Ende der Kissingenstraße, Ecke Prenzlauer Promenade, hängt eine Gedenktafel für Dorothea und Georg Möhring, enthüllt am 16. September 2010. Das Ehepaar, Mitglieder der Christlichen Wissenschaft, versteckte hier vom 27. August 1943 bis zum Kriegsende das jüdische Ehepaar Margarete und Siegmund Weltlinger. Siegmund Weltlinger gründete 1949 die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin mit und war später Alterspräsident des Abgeordnetenhauses. Der Vorschlag für die Tafel kam 2003 von Schüler*innen des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums.
Brunnenstraße 19 bis 21: das Kaufhaus Jandorf
In der Brunnenstraße 19 und 21 (Veteranenstraße 28) steht das frühere Kaufhaus Jandorf, laut Denkmaldatenbank 1903 bis 1904 gebaut. Adolf Jandorf eröffnete 1907 das KaDeWe, das Tour 2 behandelt. In der DDR war im Haus ein Modeinstitut, nach der Sanierung 2017 bis 2019 ist es ein Bürohaus (Aukett+Heese). Mein Track hält an dieser Ecke zwei Minuten; Foto und mehr stehen in Tour 1.
Brunnenstraße 33: die Synagoge Beth Zion
Nur wenige Häuser nördlich der Ecke, an der mein Weg in die Brunnenstraße einbiegt, liegt die Einfahrt zur Nummer 33 mit der Hofsynagoge Beth Zion. Die Denkmaldatenbank datiert sie auf 1910, gebaut für einen 1879 von polnischen Einwanderern gegründeten orthodoxen Verein; die Inneneinrichtung wurde im Novemberpogrom 1938 zerstört, das Gebäude blieb. Im Haus sind laut der Jüdischen Allgemeinen eine Synagoge, eine jüdische Schule, eine Kita und ein Rabbinerseminar. Am 18. Oktober 2023 warfen zwei Vermummte Brandsätze in Richtung des Gebäudes, sie zerbrachen auf dem Gehweg, niemand wurde verletzt.
Jüdisches Leben heute
Die meisten Orte dieser Tour erinnern an Verlorenes, einige sind lebendig. In der Rykestraße feiert die Gemeinde Gottesdienste, im Vorderhaus lernen Grundschulkinder der Lauder Beth-Zion Schule. In der Neuen Synagoge gibt es seit 1998 wieder einen Betraum, in der Großen Hamburger Straße unterrichtet seit 1993 wieder eine jüdische Schule, und im Leo-Baeck-Haus sitzt der Zentralrat der Juden in Deutschland. Der Zutritt richtet sich nach den Regeln der jeweiligen Gemeinde, meist mit Sicherheitskontrolle.
In der Brunnenstraße 31a liegt der Laden Kosherlife, ein koscherer Supermarkt mit Lebensmitteln und Judaika. Er wurde im April 2014 an der Ecke Brunnenstraße und Anklamer Straße eröffnet und war nach der Jüdischen Allgemeinen damals „der erste jüdische Supermarkt in der Hauptstadt“. Das Schild auf dem Foto nennt den Namen auf Deutsch, Englisch und Hebräisch. Nach der eigenen Seite gibt es den Laden 2026 weiterhin, samstags und sonntags sowie an jüdischen und gesetzlichen Feiertagen ist er geschlossen; die Jüdische Allgemeine war im April 2026 vor Pessach dort. Schau wegen der Öffnungszeiten vorher nach.

Weiter südlich, an der Invalidenstraße, liegt das Restaurant Djimalaya mit „Hummus & Grill“ im Erdgeschoss einer Gründerzeitfassade aus rotem Klinker. Die Jüdische Allgemeine beschreibt es 2020 als Lokal des Gastronomen Ofer Melech mit israelischen Gerichten, im April 2021 verkaufte es wegen des Lockdowns nur außer Haus. Israelisch ist nicht dasselbe wie jüdisch oder koscher, ich beschreibe das Lokal deshalb nur als israelisches Restaurant. Ob es heute noch besteht, konnte ich nicht klären, die Website war nicht erreichbar.

Besondere Orte an dieser Tour
Gut zu wissen
- Die ganze Strecke läuft auf Gehwegen und Straßen, dazu kommen Wege auf Friedhöfen. 31,6 Kilometer sind sehr lang, nimm dir den ganzen Tag, ich war fast acht Stunden unterwegs.
- Abkürzen: S+U Pankow bei km 5,3, U Senefelderplatz (U2) bei km 26,5, S Oranienburger Straße bei km 30,4.
- Der Jüdische Friedhof Weißensee ist samstags und an jüdischen Feiertagen geschlossen. Der Friedhof Schönhauser Allee hat nach der Jüdischen Gemeinde reduzierte Öffnungszeiten, schau vorher bei der Gemeinde nach.
- Der Friedhof der Adass Jisroel in der Wittlicher Straße ist nach Angaben der Gemeinde derzeit nicht zu besuchen.
- Der Judengang am Kollwitzplatz ist ein verschlossenes Tor, kein Durchgang.
- Das Centrum Judaicum hat eine Sicherheitsschleuse, im Museum ist Fotografieren verboten (Besucherinformationen). Die Synagoge Rykestraße ist nur zu Gottesdiensten oder für angemeldete Gruppen zu besichtigen.
- Seit 2021 neu oder verändert: eine neue Dauerausstellung im Waisenhaus Pankow (2025), der Friedhof der Adass Jisroel ist nicht zugänglich, am Friedhof Schönhauser Allee wurden die Glastafeln abgebaut, am Gedenkort in der Großen Hamburger Straße wurde die Glastafel Anfang 2026 zerstört, auf die Synagoge Beth Zion gab es 2023 einen Anschlag.
- Die Tour ist Teil meiner Serie Jüdisches Berlin mit sieben Touren aus dem Juni 2021.
Fazit
Diese Tour ist die längste und die dichteste der Serie. Am Vormittag standen Häuser der Fürsorge am Weg, in denen Kinder, Lehrlinge und taube Schüler*innen lebten, mittags die Friedhöfe in Weißensee, nachmittags der Prenzlauer Berg und am Ende Mitte. Mich hat beschäftigt, wie oft dieselben Geschichten wieder auftauchen: Benno Falk aus der Breiten Straße liegt am Friedhofstor in Weißensee, Garbáty und Oppenheimer liegen auf dem großen Friedhof, die Taubstummen-Anstalt diente 1942 und noch im Dezember 1943 als Sammellager, bevor das Ehepaar Zodykow in der Winsstraße nach Auschwitz deportiert wurde. Wenn du nicht den ganzen Tag hast, geh den Teil von der Rykestraße bis zur Neuen Synagoge, knapp sechs Kilometer mit Judengang, Friedhof Schönhauser Allee, Koppenplatz, Kleiner Auguststraße und Großer Hamburger Straße. Für den Westen der Stadt gibt es Tour 2.
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