Im März 2021 bin ich einmal um West-Berlin gelaufen. Neun Tagesetappen, immer an der Linie entlang, an der bis 1989 die Mauer stand. Der Berliner Mauerweg ist kein Geheimtipp, die meisten kennen ihn als Radweg. Zu Fuß ist er etwas anderes: langsamer, stiller und an manchen Stellen schwer auszuhalten. Hier steht, wie ich ihn eingeteilt habe, was man wissen sollte und warum ich ihn jederzeit wieder gehen würde.
Steckbrief
Strecke
189 km
Gehzeit
36 h
Etappen
9
Start und Ziel
S-Bahnhof Hermsdorf
Schwierigkeit
leicht, aber lang
Gelaufen
4. bis 15. März 2021
Der Weg in Zahlen
Die Berliner Mauer war 155 Kilometer lang. Gut 43 Kilometer trennten Ost- und West-Berlin, knapp 112 Kilometer West-Berlin vom Umland. Der Mauerweg folgt diesem Verlauf auf rund 160 Kilometern, etwa 50 davon in der Stadt und 110 am Außenring. Angestoßen hat ihn der Grünen-Politiker Michael Cramer. 2001 beschloss ihn das Abgeordnetenhaus, bis 2006 wurde er ausgebaut und beschildert.
Bei mir sind es 189 Kilometer geworden. Das liegt an den Wegen von und zu den Bahnhöfen, an einer Fährfahrt und an vielen Abstechern zu Gedenkorten, die ein paar Meter neben der Route liegen. Gebraucht habe ich dafür 36 Stunden reine Gehzeit an neun Tagen.

Meine neun Etappen
Offiziell ist der Weg in 14 Etappen zwischen 5 und 21 Kilometern eingeteilt. Zum Wandern fand ich das zu kleinteilig. Ich habe längere Tage daraus gemacht, die alle an einem Bahnhof beginnen und enden. Start war in Hermsdorf, die Richtung im Uhrzeigersinn.
- Etappe 1: Hermsdorf bis Wollankstraße (16,2 km). Entenschnabel, Tegeler Fließ, Lübars, Schönholzer Heide.
- Etappe 2: Wollankstraße bis Warschauer Straße (19,6 km). Die Innenstadt: Bornholmer Straße, Bernauer Straße, Brandenburger Tor, East Side Gallery.
- Etappe 3: Warschauer Straße bis Schönefeld (23,5 km). Treptower Park, Teltowkanal, Rudow, Altglienicke.
- Etappe 4: Schönefeld bis Lichterfelde Süd (23,0 km). Der Südrand: Gropiusstadt, Felder, Lichtenrade, Marienfelde.
- Etappe 5: Lichterfelde Süd bis Griebnitzsee (22,0 km). Kirschblütenallee, Teltow, Dreilinden.
- Etappe 6: Griebnitzsee bis Wannsee (16,9 km). Klein Glienicke, Schlosspark, Havelufer, Nikolskoe.
- Etappe 7: Wannsee bis Staaken (28,3 km). Fähre nach Kladow, Sacrow, Groß Glienicke.
- Etappe 8: Staaken bis Hennigsdorf (22,7 km). Spandauer Forst, Eiskeller, Grenzturm Nieder Neuendorf.
- Etappe 9: Hennigsdorf bis Hermsdorf (17,1 km). Frohnau, Naturschutzturm, zurück zum Entenschnabel.
Was den Weg ausmacht
Er ist drei Wege in einem
Die Innenstadt-Etappe ist ein Geschichtsspaziergang mit Gedenkstätten im Minutentakt. Der Süden zwischen Schönefeld und Teltow ist Stadtrand, flach und weit, mit Feldern auf der einen und Hochhäusern auf der anderen Seite. Der Westen und Norden, von Griebnitzsee bis Frohnau, ist über weite Strecken Wald- und Uferweg. Wer nur die Innenstadt kennt, kennt den Mauerweg nicht.



Die Stelen
An der Mauer sind zwischen 1961 und 1989 mindestens 140 Menschen ums Leben gekommen. So zählen es die Stiftung Berliner Mauer und das Zentrum für Zeithistorische Forschung. Die meisten wollten fliehen, etwa 30 hatten gar keine Fluchtabsicht, acht waren Grenzsoldaten. An sie erinnern entlang des Wegs orangefarbene Stelen mit Foto und Lebenslauf, meist genau an der Stelle, an der es geschah. Die Lebensgeschichten stehen ausführlich im Handbuch Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961–1989.


Beim Radfahren rauscht man an ihnen vorbei. Zu Fuß bleibt man stehen und liest. Nach ein paar Tagen kennt man die Muster: wie jung die meisten waren, wie oft der Freund oder die Verlobte es geschafft hat, wie die Stasi den Familien einen Unfall oder einen Suizid auftischte. Und wie milde die Urteile gegen die Schützen nach 1990 ausfielen, fast immer Bewährung. Diese Stelen sind der eigentliche Grund, den Weg zu Fuß zu gehen.
Was die Grenze übrig gelassen hat
Von der Mauer selbst steht wenig. Was bleibt, sind ihre Nebenwirkungen: ein Müllberg in Rudow, weil West-Berlin nicht mehr ins Umland kam. Hochhäuser in Gropiusstadt, weil man nur noch nach oben bauen konnte. Ein Kanal westlich der Stadt, den die DDR in 13 Monaten graben ließ, damit ihre Schiffe außen herumfahren konnten. Bahnsteige ohne Gleise, Brücken ohne Straße, eine Autobahn, die im Wald endet. Und an vielen Stellen Natur, die sich im Todesstreifen ungestört entwickelt hat.


Die Kirschbäume
An der Bornholmer Straße, an der Lohmühlenbrücke, in Lichterfelde und Teltow stehen japanische Zierkirschen auf dem früheren Grenzstreifen. Sie sind ein Geschenk: Der Sender TV Asahi rief 1990 aus Freude über den Mauerfall zu Spenden auf, am Ende wurden mehrere tausend Bäume gepflanzt. Ende April blühen sie. Ich war im März zu früh dran und habe mir vorgenommen, mindestens die fünfte Etappe noch einmal zur Blüte zu gehen.
Praktisches
Richtung und Einteilung
Die Richtung ist egal, der Weg ist in beide Richtungen ausgeschildert. Ich bin im Uhrzeigersinn gegangen. So liegt die Innenstadt am Anfang und der ruhige Norden am Ende, was ich als Dramaturgie angenehm fand. Weil fast überall eine S-Bahn in der Nähe ist, kann man jede meiner Etappen teilen. Die offiziellen 14 Abschnitte sind dafür eine gute Vorlage.
Beschilderung und Untergrund
Die Schilder sind grau mit weißer Schrift, in der Innenstadt markiert zusätzlich eine doppelte Reihe Pflastersteine den Mauerverlauf. Verlaufen habe ich mich selten, eine Karte oder App schadet trotzdem nicht. Gedruckt gibt es den Weg im bikeline-Tourenbuch Berliner Mauer-Radweg von Michael Cramer, mit Karten im Maßstab 1:20.000. Der größte Teil ist asphaltiert, schließlich ist der Weg auch Radweg. In den Wäldern im Westen und Norden geht man auf Sand und altem Pflaster. Wanderstiefel braucht niemand, bequeme Laufschuhe reichen.


Jahreszeit
Ich bin im März gegangen. Der Vorteil: Es ist leer, und durch die kahlen Bäume sieht man mehr vom Gelände. Der Nachteil: Der Grenzturm in Nieder Neuendorf und manche Lokale haben noch geschlossen. Am schönsten dürfte der Weg Ende April sein. Im Hochsommer würde ich die schattenlosen Etappen 3 und 4 meiden oder sehr früh losgehen.

Verpflegung
In der Stadt gibt es alles, draußen oft lange nichts. Auf den Etappen 3, 4, 8 und 9 sollte man Wasser und Proviant für den ganzen Tag dabeihaben. Etappe 6 ist das Gegenteil, dort liegt alle paar Kilometer ein Ausflugslokal am Weg.
Die Fähre
Zwischen Wannsee und Kladow gehört eine Fähre zum Weg. Die Linie F10 der BVG fährt mit normalem Fahrschein, in der Regel stündlich. Es ist die einzige Stelle, an der man sich auf dem Mauerweg hinsetzen muss.

Für Eilige: drei Etappen zur Auswahl
- Wer nur einen Tag hat und Geschichte will: Etappe 2 durch die Innenstadt.
- Wer nur einen Tag hat und Landschaft will: Etappe 6 vom Griebnitzsee zum Wannsee.
- Wer das Unbekannte sucht: Etappe 5 mit Kirschallee, Geisterbahnhof und der alten Autobahn bei Dreilinden.
Übrigens
Jedes Jahr im August laufen einige hundert Menschen die gesamte Strecke am Stück. Der Mauerweglauf, die 100 Meilen von Berlin, ist jedes Mal einem anderen Maueropfer gewidmet. Ich habe für dieselbe Strecke zwölf Tage gebraucht und fand das Tempo genau richtig.
Fazit
Der Mauerweg ist kein Wanderweg im klassischen Sinn. Es gibt keine Gipfel und keine Fernblicke, und manche Abschnitte sind schlicht Stadtrand. Trotzdem war es eine der besten Touren, die ich gemacht habe. Man läuft neun Tage lang um eine Stadt herum, die man zu kennen glaubt, und lernt sie von ihrer Rückseite kennen. Danach sieht man Berlin anders: Man weiß, wo es einmal aufgehört hat.




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