Berliner Mauerweg, Etappe 4 von 9 · Zum Gesamtbericht
Ab Schönefeld wird der Mauerweg zum Landweg. Die vierte Etappe läuft am Südrand Berlins entlang, links Brandenburger Felder, rechts die Hochhäuser von Gropiusstadt und später die Siedlungen von Lichtenrade und Marienfelde. Nirgendwo sonst sieht man so klar, wo die Stadt aufhört. Diese Kante hat die Mauer gezogen.
Steckbrief
Strecke
23,0 km
Gehzeit
4:30 h
Schwierigkeit
leicht
Start
S-Bahnhof Schönefeld (bei Berlin)
Ziel
S-Bahnhof Lichterfelde Süd
Gelaufen am
7. März 2021
Anreise
Am Bahnhof Schönefeld (bei Berlin) hält die S9, außerdem je nach Fahrplan die S45 oder S85. Vom Ziel Lichterfelde Süd fahren S25 und S26 in die Stadt. Wer nur einen Teil gehen will, kann in Lichtenrade in die S2 steigen oder schon nach fünf Kilometern zum U-Bahnhof Lipschitzallee abbiegen.
Die Route
Dörferblick und Gropiusstadt
Der erste Anhaltspunkt ist ein Berg, den es ohne die Mauer nicht gäbe. Der Dörferblick, knapp 86 Meter hoch, wurde ab 1958 aus Trümmerschutt aufgeschüttet. Nach dem Mauerbau kam Hausmüll dazu, weil West-Berlin seine Deponien im Umland nicht mehr erreichen konnte. Früher hieß er Drei-Dörfer-Blick, nach Schönefeld, Waßmannsdorf und Großziethen, die man von oben sieht.

Auch Gropiusstadt sieht wegen der Mauer so aus, wie sie aussieht. Als Willy Brandt 1962 den Grundstein legte, war eine niedrigere, weitläufigere Siedlung geplant. Weil die Stadt sich nicht mehr ausdehnen konnte, baute man in die Höhe: statt 14.500 wurden es fast 19.000 Wohnungen für mehr als 50.000 Menschen, einige Häuser haben 30 Stockwerke. Vom Mauerweg aus stehen sie wie eine Wand hinter den Feldern.


Ein Grenzübergang nur für Müll
Am Kölner Damm gab es von 1973 bis 1977 einen Grenzübergang, den kein Mensch zu Fuß passieren durfte. Er war allein für die Müllwagen der Berliner Stadtreinigung da, die West-Berliner Abfall zur Deponie nach Großziethen fuhren. Die DDR ließ sich das in Devisen bezahlen.

Wenige hundert Meter weiter steht der Gedenkort für Eberhard Schulz. Der 20-jährige Landarbeiter wurde am 30. März 1966 am Rudower Wäldchen erschossen. Sein Freund, der mit ihm fliehen wollte, kam für zwei Jahre ins Gefängnis.
Felder bis Lichtenrade
Die nächsten Kilometer sind die ruhigsten der Etappe. Der Weg läuft zwischen Äckern und Stadtrand, der Blick geht weit. Bei Kilometer zehn erinnert ein Kreuz an Horst Kullack. Er wurde in der Silvesternacht 1971 zwischen Großziethen und Lichtenrade angeschossen, ohne Warnruf, und starb drei Wochen später im Krankenhaus. Er war 23.


Dass die Stadt hier so abrupt endet, nennen Planer*innen die Grüne Stadtkante. Eine Umweltinitiative hat seit 1990 am ehemaligen Grenzstreifen aufgeforstet, Kleingewässer renaturiert und eine große Streuobstwiese angelegt.
Mahlow und die B 96
Am Kirchhainer Damm, wo die B 96 die Stadtgrenze kreuzt, steht seit 2009 ein Mauerdenkmal der Künstlerin Kerstin Becker: fünf drei Meter hohe, rostige Stahlplatten, über die Figuren hinwegsteigen. Auch hier gab es ab 1977 einen Übergang für Mülltransporte, diesmal zur Deponie Schöneiche.

Zwei Stelen stehen dicht beieinander. Herbert Kiebler, 23, wurde im Juni 1975 erschossen. Die Stasi legte seine Leiche in einem Wald bei Potsdam ab und gab den Tod als Suizid aus. Seine Familie erfuhr erst in den 1990er Jahren, was wirklich geschehen war. Eduard Wroblewski, 33 Jahre alt und Familienvater, starb im Juli 1966 bei Mahlow. Fünf Grenzsoldaten gaben 274 Schüsse auf ihn ab.
Mahlow selbst hatte bis 1961 S-Bahn-Anschluss nach Berlin. Danach pendelte dreißig Jahre lang ein blauer Dieseltriebwagen zwischen Mahlow und Blankenfelde, den alle nur den Blauen Bock nannten. Seit 1992 fährt die S-Bahn wieder durch.
Marienfelde
Hinter Lichtenrade steht eine Stele für Christoph-Manuel Bramböck. Er war 14 und wollte sich am 31. August 1990 ein Stück Mauer abschlagen, als eine Betonplatte auf ihn fiel. Die Mauer war da längst offen, am selben Tag wurde der Einigungsvertrag unterschrieben. In der offiziellen Liste der Maueropfer steht er nicht. Manche nennen ihn trotzdem das letzte.
Eine weitere Stele verweist auf das Notaufnahmelager Marienfelde, das ein Stück stadteinwärts liegt. Es wurde 1953 eröffnet und war für rund 1,35 Millionen Menschen aus der DDR die erste Adresse im Westen. Heute ist dort eine Erinnerungsstätte, und in einem Teil der Gebäude wohnen wieder Geflüchtete.
Lichterfelde Süd
Kurz vor dem Ziel läuft der Weg an einem Gelände vorbei, das auf West-Berliner Stadtplänen ein weißer Fleck war. Die US Army übte hier von 1953 bis 1994 den Häuserkampf, in einer Kulissenstadt namens Doughboy City. Danach holte sich die Natur die Fläche zurück, Pferde hielten sie offen. Inzwischen entsteht dort ein neues Wohnviertel. Am Stadtrand stehen noch ein paar Mauerreste, dann ist der S-Bahnhof erreicht.

Gut zu wissen
- Der Weg ist durchgehend asphaltiert und eben, aber auf weiten Strecken ohne Schatten. Im Sommer früh losgehen.
- Einkehren kann man unterwegs nur mit Umweg, etwa in Lichtenrade. Proviant mitnehmen.
- Offiziell sind das zwei Etappen, getrennt in Lichtenrade (16 und 12 Kilometer). Die Kilometerangaben dort sind großzügiger als meine Aufzeichnung.
- Von hier bis Teltow stehen viele der japanischen Kirschbäume. Ende April ist der Abschnitt am schönsten.
Fazit
Eine Etappe zum Laufenlassen. Wenig Sehenswürdigkeiten im üblichen Sinn, dafür viel Himmel und ein Weg, der fast immer geradeaus führt. Die Stelen am Rand holen einen regelmäßig aus dem Trott. Mir gefällt gerade dieser Wechsel: eine Stunde nichts als Feld, dann ein Name und ein Datum.
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