Berliner Mauerweg, Etappe 5 von 9 · Zum Gesamtbericht
Die fünfte Etappe ist die der verschwundenen Verkehrswege. Sie führt an einem Kanal entlang, auf dem jahrzehntelang kein Schiff fuhr, über Brücken ohne Gleise und an einer Autobahn vorbei, die im Wald endet. Und sie beginnt mit dem freundlichsten Stück des ganzen Mauerwegs: einer Allee aus mehr als tausend Kirschbäumen.
Steckbrief
Strecke
22,0 km
Gehzeit
4:11 h
Schwierigkeit
leicht
Start
S-Bahnhof Lichterfelde Süd
Ziel
S-Bahnhof Griebnitzsee
Gelaufen am
8. März 2021
Anreise
Nach Lichterfelde Süd fahren S25 und S26. Am Ziel Griebnitzsee hält die S7, dazu kommen Regionalbahnen Richtung Potsdam und Berlin. Griebnitzsee war bis 1989 selbst Grenzbahnhof: Der Nahverkehr hielt hier nicht, kontrolliert wurden die Transitzüge.
Die Route
Die Kirschblütenallee
Gleich hinter dem Bahnhof beginnt die TV-Asahi-Kirschblütenallee. Der japanische Fernsehsender hatte 1990 aus Freude über den Mauerfall zu Spenden aufgerufen. Rund 20.000 Menschen gaben Geld, am Ende reichte es für mehrere tausend Bäume in Berlin und Brandenburg. Etwa 1.100 davon stehen hier auf dem früheren Grenzstreifen zwischen Lichterfelde und Teltow, gepflanzt 1995 und 1996. Ende April blüht die ganze Allee rosa, dann wird das Hanami-Fest gefeiert und es kommen Tausende.
Ich war Anfang März dort, da standen die Bäume noch kahl. Auch das hat etwas: Man sieht dann besser, wie schnurgerade der Streifen durch die Landschaft läuft. Am Ende der Allee stehen ein paar Mauerreste. Kurz danach erinnert eine Stele an Klaus Garten, der im August 1965 in Teltow-Seehof angeschossen wurde. Die Grenzer versteckten ihn unter einer Zeltplane vor den Blicken der West-Berliner Polizei. Er verblutete am nächsten Tag.


Am Teltowkanal
Der Teltowkanal wurde zwischen 1900 und 1906 gebaut, damals zogen elektrische Treidelloks die Kähne. Nach 1945 war er Grenze und für die Schifffahrt gesperrt. Erst im November 1981 durften von Westen her wieder Schiffe fahren. Der Uferweg ist heute friedlich bis zur Langeweile, und genau das ist das Bemerkenswerte daran.


Zwei junge Männer sind hier im Abstand von drei Jahren gestorben. Peter Mädler, 19, wollte im April 1963 durch den Kanal schwimmen und wurde getroffen, als er direkt an der Grenzlinie auftauchte. Karl-Heinz Kube war 17, als er im Dezember 1966 am Teltower Hafen mit einem Freund den Zaun durchschnitt. Eine gemeinsame Stele erinnert an beide. In der Nähe liegen die Reste der Fritz-Schweitzer-Brücke, die 1945 gesprengt und nie wieder aufgebaut wurde.
Ein kurioser Zwischenstopp: Eine Teltower Baustofffirma hat Anfang der 1990er Jahre mehr als 200 Mauersegmente aus Armeebeständen gekauft und auf ihrem Hof aufgestellt. Künstler*innen dürfen sie bemalen, einige Stücke sind von dort nach New York, Tokio und Singapur gegangen.


Kleinmachnow und der Bahnhof im Wald
Hinter der Teltow-Werft und dem Buschgraben erreicht der Weg Kleinmachnow. Im Düppeler Forst steht ein Bahnsteig ohne Gleise: der S-Bahnhof Düppel. Hier verlief die Stammbahn, 1838 als erste Eisenbahn Preußens zwischen Berlin und Potsdam eröffnet. Seit 1945 ist sie unterbrochen. Zwischen Zehlendorf und Düppel pendelte noch bis 1980 ein Zug über zweieinhalb Kilometer. Der Bahnhof hieß lange Düppel-Kleinmachnow. Anwohner*innen im Westen fanden das unpassend und montierten den zweiten Namensteil nach 1962 einfach selbst ab. Seit Jahren wird über den Wiederaufbau der Strecke geredet.

Dreilinden: die Autobahn, die umzog
Der bekannteste Ort der Etappe ist der Kontrollpunkt Dreilinden, bei den Alliierten Checkpoint Bravo. Bis 1969 lag er an der alten Autobahnbrücke über den Teltowkanal bei Albrechts Teerofen. Die Trasse kreuzte dort ein zweites Mal DDR-Gebiet, was der DDR nicht gefiel. Sie verlegte die Autobahn, der Westen baute einen neuen Übergang samt Raststätte. Die alte Brücke steht noch, die Fahrbahn dahinter verliert sich im Wald.


Am neuen Übergang stand auf einem Sockel ein sowjetischer Panzer als Denkmal. Der Künstler Eckhart Haisch setzte 1992 an seine Stelle eine rosa Schneefräse. Sie steht bis heute dort und ist vermutlich das einzige rosa Denkmal an einer deutschen Autobahn.

Im Wald bei Dreilinden liegt auch der Gedenkort für Christian Buttkus. Er und seine Verlobte hatten sich im März 1965 für die Flucht bei Schneetreiben weiße Kittel angezogen. Die Posten gaben 199 Schüsse ab. Buttkus starb, seine Verlobte wurde verletzt und festgenommen.
Friedhofsbahn und Teltowkanalbrücke
Die Königswegbrücke überquert eine Schneise, in der einmal die Friedhofsbahn fuhr. Die Berliner Stadtsynode hatte sie 1913 bezahlt, damit Trauernde und Särge den neuen Südwestkirchhof in Stahnsdorf erreichen. Am 13. August 1961 fuhr der letzte Zug. Reste von Schwellen und Schotter liegen noch im Wald.
An der Teltowkanalbrücke erinnert eine Stele an Hermann Döbler. Der West-Berliner war am 15. Juni 1965 mit einer Bekannten im Motorboot auf dem Kanal unterwegs und geriet zu nah an die Grenze. Ein Posten schoss ohne Warnung. Döbler war sofort tot, seine Begleiterin überlebte schwer verletzt. Der Schütze wurde 1993 wegen Mordes zu sechs Jahren Haft verurteilt, eines der wenigen Urteile ohne Bewährung.
Kohlhasenbrück und Griebnitzsee
Die letzten Kilometer führen am Kanal entlang nach Kohlhasenbrück. Südlich davon lag Steinstücken, die einzige dauerhaft bewohnte Exklave West-Berlins. Die Bewohner*innen waren von DDR-Gebiet umschlossen, amerikanische Soldaten wurden per Hubschrauber eingeflogen. Erst 1972 bekam der Ort einen eigenen Korridor. Kurz vor dem Bahnhof Griebnitzsee steht die letzte Stele, für Peter Hauptmann. Er wollte gar nicht fliehen. Er wohnte im Grenzgebiet und geriet im April 1965 mit Grenzposten in Streit, die daraufhin schossen.
Gut zu wissen
- Beste Zeit ist Ende April zur Kirschblüte. Am Wochenende des Hanami-Fests ist es allerdings sehr voll.
- An der Kirschblütenallee wird der Weg saniert, für 2026 sind Einschränkungen angekündigt.
- Der Abschnitt am Teltowkanal ist asphaltiert, im Düppeler Forst geht es über Waldwege.
- Offiziell ist die Etappe mit 15 Kilometern angegeben. Meine Aufzeichnung kommt mit allen Schlenkern zu den Gedenkorten auf 22.
Fazit
Für mich eine der besten Etappen. Sie ist abwechslungsreich, fast durchgehend grün und voller Orte, die man ohne den Mauerweg nie fände: ein Bahnsteig im Wald, eine Autobahnbrücke ohne Autobahn, eine rosa Schneefräse. Wer Lost Places mag, kommt hier auf seine Kosten, ohne über einen Zaun steigen zu müssen.
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