Berliner Mauerweg, Etappe 3 von 9 · Zum Gesamtbericht
Auf der dritten Etappe verlässt der Mauerweg die Innenstadt. Er beginnt an der Oberbaumbrücke zwischen Clubs und Touristengruppen und endet 23 Kilometer später am alten Flughafenbahnhof Schönefeld. Dazwischen liegen ein Wachturm im Park, das größte sowjetische Ehrenmal der Stadt, ein langer Kanal und einige der bittersten Geschichten des ganzen Wegs.
Steckbrief
Strecke
23,5 km
Gehzeit
4:33 h
Schwierigkeit
leicht
Start
S+U Warschauer Straße
Ziel
S-Bahnhof Schönefeld (bei Berlin)
Gelaufen am
6. März 2021
Anreise
Zur Warschauer Straße fahren S3, S5, S7, S75 und S9, die U1 und U3 sowie die Tram M10 und M13. Das Ziel heißt seit Dezember 2023 wieder Schönefeld (bei Berlin), zwischendurch war es der Bahnhof zum Terminal 5 des BER. Dort hält die S9, außerdem je nach Fahrplan die S45 oder S85. Wer die Etappe teilen will, kann am S-Bahnhof Plänterwald oder in Schöneweide aussteigen.
Die Route
Oberbaumbrücke und Schlesischer Busch
Die Oberbaumbrücke war während der Teilung Grenzübergang, nur für Fußgänger*innen. Die Spree darunter gehörte in voller Breite zum Osten, und das hatte Folgen: Am 11. Mai 1975 fiel der fünfjährige Cetin Mert am Kreuzberger Ufer ins Wasser und ertrank, weil West-Berliner Retter nicht hineindurften und die DDR-Grenzer nicht halfen. Erst danach einigten sich beide Seiten auf Regeln für Notfälle in Grenzgewässern.


Hinter der Lohmühleninsel, auf der Berlins älteste erhaltene Tankstelle steht, liegt der Schlesische Busch. Mitten im Park steht ein Wachturm vom Typ Führungsstelle, rund zehn Meter hoch. Von hier aus wurden 18 weitere Türme des Abschnitts befehligt. Heute zeigt ein Kunstverein darin Ausstellungen. Die ehemalige Agfa-Fabrik gleich daneben erinnert daran, dass hier einmal der Farbfilm vorbereitet wurde.

An der Lohmühlenbrücke stehen wieder japanische Kirschbäume aus der Spendenaktion des Senders TV Asahi. Filmfans kennen die Ecke aus Wim Wenders’ „Der Himmel über Berlin“. Die alten Görlitzer Eisenbahnbrücken, über die der Weg hier läuft, sind seit Sommer 2026 wegen Bauschäden gesperrt. Man muss also mit einer Umleitung rechnen.
Treptower Park
Der Weg führt durch den Treptower Park, vorbei am Karpfenteich und mitten durch das Sowjetische Ehrenmal. Es wurde 1949 eingeweiht und ist Friedhof für mehr als 7.000 Soldat*innen der Roten Armee. Die Bronzefigur des Soldaten mit dem Kind auf dem Arm ist zwölf Meter hoch, mit Hügel und Sockel sind es dreißig. Die Anlage ist riesig und sehr still, auch an Tagen, an denen der Park drumherum voll ist.

Heidekampgraben: zwei Kinder
Hinter dem Park wird der frühere Grenzstreifen zum Grünzug am Heidekampgraben. An der Kiefholzstraße steht ein Denkmal für die 15 Mauertoten des Bezirks Treptow, der mit rund 17 Kilometern den längsten innerstädtischen Mauerabschnitt hatte. Zwei Namen bleiben hängen: Jörg Hartmann, zehn Jahre alt, und Lothar Schleusener, dreizehn. Die beiden wurden am 14. März 1966 erschossen, als sie durch die Sperranlagen wollten. Den Eltern erzählten die Behörden, Jörg sei ertrunken.

Chris Gueffroy
Am Britzer Verbindungskanal steht eine Stele für Chris Gueffroy. Er war 20, als er in der Nacht zum 6. Februar 1989 mit einem Freund über die Mauer wollte. Die beiden hatten gehört, der Schießbefehl sei ausgesetzt. Gueffroy wurde ins Herz getroffen. Er war der Letzte, der an der Mauer erschossen wurde, neun Monate vor ihrem Fall. Die Straße am Kanal trägt seit 2010 seinen Namen.


Am Teltowkanal
Ab hier läuft der Weg kilometerlang am Teltowkanal entlang, auf der einen Seite das Wasser, auf der anderen die Autobahn A 113. Sie wurde zwischen 2004 und 2008 auf dem Mauerstreifen gebaut. Schön ist das nicht, aber eindrücklich: So breit war der Streifen, dass eine Autobahn hineinpasst. Die Alte Späthbrücke mit ihrem Jugendstilgeländer steht noch, führt aber nirgendwohin. Sie hat 1945 als einzige Brücke über den Kanal die Sprengungen überstanden, wurde durch die Mauer nutzlos und beim Autobahnbau endgültig stillgelegt.
Gedenkorte gibt es hier viele. An der Massantebrücke wird an zwei Grenzer erinnert: Georg Feldhahn ertrank im Dezember 1961 beim Versuch, selbst zu fliehen. Siegfried Widera wurde 1963 von Flüchtenden niedergeschlagen und starb an den Folgen. Etwas weiter steht eine Stele für Horst Kutscher und Johannes Sprenger. Sprenger war 68 Jahre alt und Vater von neun Kindern, als er 1974 erschossen wurde. Die Stasi gab seinen Tod als Suizid aus. Die Wahrheit kam erst 1997 in einem Prozess heraus.
Rudow und Altglienicke
Zwischen Rudow und Altglienicke lag einer der berühmtesten Tunnel des Kalten Krieges, und er hatte nichts mit Flucht zu tun. CIA und britischer Geheimdienst gruben 1954 und 1955 rund 450 Meter weit unter der Grenze durch, um sowjetische Telefonkabel anzuzapfen. Elf Monate lang hörten sie mit. Was sie nicht wussten: Der KGB war durch den Doppelagenten George Blake von Anfang an im Bild.
Auf dem Friedhof Altglienicke liegt ein Sammelgrab mit den Urnen von mehr als 1.300 Opfern des Nationalsozialismus. Seit 2020 stehen ihre Namen auf einer grünen Glaswand, handgeschrieben von Bürger*innen. Kurz danach kommt das Kosmosviertel, eine Plattenbausiedlung aus den letzten Jahren der DDR mit Straßennamen wie Saturnring und Siriusstraße und großen Wandbildern an den Giebeln.


Der Landschaftspark Rudow-Altglienicke liegt zum Teil auf dem Deckel der Autobahn. Am Parkrand steht die letzte Stele der Etappe. Sie erinnert an Christel und Eckhard Wehage, ein junges Ehepaar, das im März 1970 ein Interflug-Flugzeug entführen wollte und sich erschoss, als das scheiterte. Und an Lutz Schmidt, der 1987 an der Mauer erschossen wurde, während sein Kollege es hinüber schaffte. Seine Witwe musste erzählen, er sei bei einem Autounfall gestorben. Am früheren Übergang Waltersdorfer Chaussee, über den West-Berliner*innen zum Flughafen Schönefeld fuhren, ist es dann nicht mehr weit bis zum Bahnhof.

Gut zu wissen
- Die Etappe ist lang und im zweiten Teil eintönig. Am Teltowkanal gibt es kaum Schatten, keine Einkehr und den Lärm der Autobahn.
- Die offizielle Einteilung macht hier zwei Etappen daraus und trennt in Schöneweide. Das ist eine gute Idee, wenn man sich Zeit für das Ehrenmal nehmen will.
- Wegen der gesperrten Görlitzer Brücken vorher prüfen, wie der Weg zwischen Görlitzer Park und Lohmühlenbrücke aktuell geführt wird.
- Der Weg ist fast durchgehend asphaltiert.
Fazit
Diese Etappe ist keine Schönheit, aber eine der wichtigsten. Vorne Kreuzberg und Treptower Park, hinten Kanal, Autobahn und Plattenbau, und dazwischen so viele Gedenkstelen wie auf keiner anderen. Wer den Mauerweg nur wegen der Landschaft geht, kann sie teilen oder abkürzen. Wer verstehen will, was diese Grenze war, sollte sie ganz gehen.
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