Berliner Mauerweg, Etappe 1 von 9 · Zum Gesamtbericht
Mein Mauerweg beginnt nicht am Brandenburger Tor, sondern am S-Bahnhof Hermsdorf. Von hier geht es im Uhrzeigersinn einmal um das frühere West-Berlin. Die erste Etappe hat gleich fast alles, was den Weg ausmacht: ein Dorf im Mauerschatten, ein Moor, eine Großsiedlung, ein Industriegelände und ein Stück Mauer, das fast dreißig Jahre lang niemand bemerkt hat.
Steckbrief
Strecke
16,2 km
Gehzeit
3:10 h
Schwierigkeit
leicht
Start
S-Bahnhof Hermsdorf
Ziel
S-Bahnhof Wollankstraße
Gelaufen am
4. März 2021
Anreise
Nach Hermsdorf fährt die S1 direkt über Friedrichstraße und Gesundbrunnen, außerdem hält die S85. Zurück geht es ab Wollankstraße mit S1, S25 oder S85, zwei Stationen später ist man am Gesundbrunnen. Wer abkürzen will, steigt in Wilhelmsruh aus. Dann sind es knapp zwölf Kilometer.
Die Route
Der Entenschnabel
Keine zehn Minuten nach dem Start steht man vor einer der seltsamsten Stellen der früheren Grenze. Der Entenschnabel ist ein Zipfel der Gemeinde Glienicke/Nordbahn, der gut 570 Meter weit nach Berlin hineinragt und an der schmalsten Stelle nur 50 Meter breit ist. Es gibt eine einzige Straße, Am Sandkrug, eine Sackgasse. Ab 1961 war sie auf drei Seiten von der Mauer umgeben. Eine Stasi-Akte von 1977 zählt 119 Bewohner*innen, alle engmaschig überwacht.



Gerade weil es hier so eng war, wurde gegraben. Im Januar 1962 buddelten sich die Brüder Becker von ihrem Keller an der Oranienburger Chaussee aus unter der Grenze durch, 28 Menschen kamen so in den Westen. Der Stoff wurde noch im selben Jahr als „Tunnel 28“ verfilmt. Im Mai 1962 folgte ein Tunnel, den eine Gruppe älterer Leute um einen 81-Jährigen gebaut hatte, 1,75 Meter hoch. Überliefert ist sein Satz, man habe mit den Frauen „bequem und ungebeugt in die Freiheit gehen“ wollen. Im März 1963 flohen 13 Menschen durch den Aagaard-Tunnel. An ihn erinnert eine Stele an der Ecke Oranienburger Chaussee.
Stalinrasen und Tegeler Fließ
Am Ende der Jungbornstraße steht seit 2019 ein unscheinbares Exponat: zwei Originalmatten mit Stahldornen hinter Plexiglas. Stalinrasen hießen diese Flächensperren im Volksmund. Sie lagen zu Zehntausenden im Grenzstreifen, die Spitzen nach oben. Ein Archäologe hat diese beiden 2013 aus dem Moor geborgen.
Dahinter wird es still. Ein Bohlenweg führt durch das Fließmoor. Das Tegeler Fließ war hier auf rund acht Kilometern selbst die Grenze, heute ist es Naturschutzgebiet mit Moorwiesen, einem Insektenhotel am Weg und im Sommer Wasserbüffeln, die die Flächen offen halten. Am Köppchensee, der durch Torfabbau entstanden ist, geht der Blick weit über die Niedermoorwiesen. Von der Stadt ist hier nichts zu sehen und nichts zu hören.
Lübars und der Bauer mit dem Traktor
Auf der Berliner Seite liegt Lübars, 1247 erstmals erwähnt und während der Teilung das einzige Dorf West-Berlins, das wirklich noch Dorf war. An der Blankenfelder Chaussee stehen zwei Mauerblöcke mit einem Gedenkstein, der Checkpoint Qualitz. Die Mauer war seit sieben Monaten offen, nur diese Straße nach Blankenfelde nicht. Am 16. Juni 1990 hatte der Lübarser Landwirt Helmut Qualitz genug und räumte das Hindernis mit dem Frontlader seines Traktors beiseite. Später fragte er selbst, was daran eigentlich mutig gewesen sein soll.
Ein paar Schritte weiter erinnert eine Tafel an ein dunkleres Kapitel. Von 1941 bis 1945 lag hier das Krankensammellager Blankenfelde, in das als arbeitsunfähig eingestufte Zwangsarbeiter*innen aus der Sowjetunion gebracht wurden. Mehr als 700 Todesfälle sind dokumentiert. Nach 1961 verschwand das Gelände im Grenzstreifen.
Der Vogel, der über die Mauer schaut
Hinter Rosenthal läuft der Weg an der alten Trasse der Heidekrautbahn entlang auf das Märkische Viertel zu. Die Großsiedlung entstand zwischen 1963 und 1974, rund 17.000 Wohnungen, direkt an der Mauer. Am Wilhelmsruher Damm steht davor ein Stahlvogel auf einem Mauersegment: der „Berlin Burd“ des schottischen Bildhauers George Wyllie, 1988 für einen Kulturaustausch zwischen Glasgow und Berlin gebaut. Wyllie wollte, dass der Vogel größer ist als die Mauer, damit er hinüberschauen kann.



Wilhelmsruh: ein Werk als Grenze
Am Nordgraben entlang geht es nach Wilhelmsruh. Das Gelände von Bergmann-Borsig, heute PankowPark, war ab 1961 selbst Grenzgebiet: Rund zwei Kilometer Werksmauer waren zugleich Berliner Mauer. Hier wurden in der DDR Kraftwerksturbinen gebaut, 1989 arbeiteten im Werk etwa 4.300 Menschen.

Der S-Bahnhof Wilhelmsruh liegt genau auf der Bezirksgrenze. Nach dem Mauerbau konnte man ihn nur noch vom Westen aus benutzen. Der Ortsteil, nach dem er heißt, lag unerreichbar im Osten.
Schönholzer Heide
Im Volkspark Schönholzer Heide liegt das Sowjetische Ehrenmal, zwischen 1947 und 1949 gebaut. Mehr als 13.000 Soldat*innen der Roten Armee sind hier bestattet, der Obelisk ist 33,5 Meter hoch. Von den drei großen Berliner Ehrenmalen ist es das, an dem am wenigsten los ist.

Der Park hat mehr Schichten, als man ihm ansieht: Maulbeerplantage einer Königin, Schützenplatz, ab 1936 der Vergnügungspark „Traumland“ mit Achterbahn, ab 1940 eines der größten Zwangsarbeiterlager Berlins.

Die vergessene Mauer
Kurz vor dem Ziel, zwischen S-Bahnhof Schönholz und dem alten Güterbahnhof, steht hinter einem Zaun ein rund 80 Meter langes Stück Ziegelmauer. Es ist ein Rest der ersten Grenzbefestigung: eine ältere Mauer, die nach 1961 erhöht und mit Sperren versehen wurde. Die spätere Betonmauer verlief woanders, dieses Stück wurde beim Abriss nach 1989 schlicht übersehen. Ein Heimatforscher machte es 2018 bekannt, seitdem steht es unter Denkmalschutz. Das Landesdenkmalamt schreibt, diese frühe Bauphase sei sonst nirgends in Berlin so authentisch überliefert.
An der Klemkestraße erinnern ein Kreuz und eine Tafel an Horst Frank, der im April 1962 mit 19 Jahren an der Gartenkolonie Schönholz erschossen wurde. Sein Freund schaffte es in den Westen. Drei weitere Namen stehen dort: Wernhard Mispelhorn (1964), Horst Einsiedel (1973) und Silvio Proksch, der am ersten Weihnachtstag 1983 am Friedhof Pankow verblutete.
Friedhof, Bauernhof, Bahnhof
Der Friedhof Pankow III verlor 1961 einen 50 Meter breiten Streifen an die Grenzanlagen. Schon im selben Jahr gab es hier einen der ersten Fluchttunnel, der Einstieg lag hinter einem Grabstein. Gleich daneben, mitten auf dem früheren Grenzstreifen, liegt seit 1991 der Kinderbauernhof Pinke-Panke.
Die Etappe endet an einem Bahnhof mit Sonderstatus. Die Wollankstraße lag auf Ost-Berliner Gebiet, war aber nur vom Westen aus zugänglich. Ende Januar 1962 sackte hier plötzlich der Bahnsteig ab: Darunter hatten Studierende von den S-Bahn-Bögen aus einen Tunnel Richtung Osten gegraben. Er wurde nie benutzt.


Gut zu wissen
- Der Weg ist durchgehend ausgeschildert und fast überall fest oder asphaltiert.
- Im Fließtal gibt es wenig Schatten und nichts zu kaufen. Wasser gehört in den Rucksack.
- Die offizielle Etappe ist mit 15 Kilometern angegeben. Mit dem Abstecher zum Entenschnabel und den Wegen von und zu den Bahnhöfen werden es gut 16.
- An Brücke und Bahnhof Wollankstraße wird bis voraussichtlich 2028 gebaut. Vor der Tour lohnt ein Blick auf die Baustellenlage.
Fazit
Als Einstieg ist die Etappe ideal. Sie ist nicht lang, bleibt lange grün und zeigt auf 16 Kilometern, wie verschieden die Grenze aussah: Sackgasse in Glienicke, Bachlauf im Moor, Werksmauer in Wilhelmsruh. Wer nur einen Tag Zeit hat und wissen will, ob der Mauerweg etwas für ihn ist, fängt am besten hier an.




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