Berliner Mauerweg, Etappe 2: Von der Wollankstraße zur Warschauer Straße

Reichstagsgebäude mit Kuppel und Deutschlandfahnen, vom Spreeufer aus gesehen, darüber dichte Wolken

Berliner Mauerweg, Etappe 2 von 9 · Zum Gesamtbericht

Die zweite Etappe ist die, die alle kennen, oder zu kennen glauben: quer durch die Innenstadt, vom Wedding bis nach Friedrichshain. Fast jeder Punkt hier steht in einem Reiseführer. Trotzdem lohnt es sich, die Strecke einmal am Stück zu gehen. Erst dann merkt man, wie lang diese Grenze selbst im Zentrum war und wie wenig von ihr übrig ist.

Strecke

19,6 km

Gehzeit

3:49 h

Schwierigkeit

leicht

Start

S-Bahnhof Wollankstraße

Ziel

S+U Warschauer Straße

Gelaufen am

5. März 2021

Anreise

Start ist am S-Bahnhof Wollankstraße (S1, S25, S85). Das Ziel Warschauer Straße ist einer der am besten angebundenen Bahnhöfe der Stadt: S3, S5, S7, S75 und S9, dazu U1 und U3 sowie die Tram M10 und M13. Unterwegs kann man fast überall aussteigen, etwa am Nordbahnhof, am Brandenburger Tor oder am Potsdamer Platz.

Die Route

Bornholmer Straße: wo die Mauer aufging

Nach zwei Kilometern steht man auf der Bösebrücke. Hier öffnete sich am Abend des 9. November 1989 der erste Übergang. Oberstleutnant Harald Jäger ließ zunächst gegen 21.20 Uhr Einzelne ausreisen, um Druck abzulassen. Gegen 23.30 Uhr gab er auf und stellte die Kontrollen ganz ein. Tausende liefen über die Brücke in den Wedding. Der Platz davor heißt heute Platz des 9. November 1989, rund 200 Meter Hinterlandmauer sind erhalten. Im Frühjahr blühen hier japanische Kirschbäume, eine Spende aus Japan zur Wiedervereinigung. Sie tauchen auf dem Mauerweg noch öfter auf.

Großformatige Fototafeln zum Mauerfall auf einem gepflasterten Platz, im Hintergrund die Stahlbögen der Bösebrücke
Platz des 9. November 1989 an der Bösebrücke

Mauerpark und Gleimtunnel

Über den Schwedter Steg und am Gleimtunnel vorbei geht es in den Mauerpark. Der Tunnel mit seinen 78 gusseisernen Säulen war von 1961 bis 1990 zugemauert. Der Park wurde am 9. November 1994 eröffnet, vorher lag hier ein Güterbahnhof und dann der Todesstreifen. Die 300 Meter Hinterlandmauer oben am Hang sind seit 2019 ganz offiziell Graffitifläche. Die Max-Schmeling-Halle nebenan war für Olympia 2000 gedacht. Die Spiele gingen bekanntlich nach Sydney.

Weißer Flutlichtmast ragt zwischen kahlen Pappeln in den tiefblauen Himmel
Flutlichtmast des Jahn-Sportparks am Mauerpark

Bernauer Straße

An der Bernauer Straße verlief die Grenze an der Hauswand entlang. Die Häuser standen im Osten, der Gehweg davor gehörte zum Westen. In den ersten Tagen nach dem Mauerbau sprangen Menschen aus den Fenstern. Ida Siekmann starb dabei am 22. August 1961, neun Tage nach dem Mauerbau, als erstes Todesopfer der Mauer. Am 15. August war hier der Grenzpolizist Conrad Schumann über den Stacheldraht gesprungen, das Foto ging um die Welt.

Metallskulptur eines springenden Grenzsoldaten über Stacheldraht an einer Hausfassade
Der „Mauerspringer“ erinnert an den Sprung von Conrad Schumann

Später wurde gegraben. Durch den Tunnel 29 kamen im September 1962 genau 29 Menschen in den Westen. Der US-Sender NBC hatte den Bau gefilmt und dafür bezahlt. Der Tunnel 57 vom Oktober 1964 war 145 Meter lang und lag zwölf Meter tief, er begann in einer stillgelegten Bäckerei. 57 Menschen flohen. Einer der Fluchthelfer, Reinhard Furrer, flog zwei Jahrzehnte später als Astronaut ins All.

Die Versöhnungskirche stand ab 1961 mitten im Todesstreifen, der Turm diente als Wachposten. 1985 ließ die DDR sie sprengen. An ihrer Stelle steht seit dem Jahr 2000 die Kapelle der Versöhnung aus Stampflehm, die Glocken und der Altar der alten Kirche wurden gerettet. Die Gedenkstätte Berliner Mauer zieht sich über 1,4 Kilometer die Straße entlang, mit einem erhaltenen Stück Grenzanlage und dem Fenster des Gedenkens. Wer nur einen Ort zur Mauer besuchen will, ist hier richtig.

Graue Betonsegmente der Berliner Mauer mit runder Mauerkrone vor blauem Himmel
Originale Mauer an der Bernauer Straße

Nordbahnhof und Liesenbrücken

Am Nordbahnhof erzählt eine Ausstellung von den Geisterbahnhöfen: West-Berliner Züge fuhren ohne Halt durch abgedunkelte, bewachte Stationen im Osten. Der Park dahinter liegt auf dem Gelände des alten Stettiner Bahnhofs. Die rostigen Liesenbrücken von 1892 und 1896 stehen seit Jahrzehnten ungenutzt über der Straße und gehören zu den schönsten Industriedenkmälern des Wegs.

Günter Litfin

Am Kieler Eck steht ein Wachturm zwischen Wohnhäusern. Er ist heute Gedenkstätte für Günter Litfin, einen 24-jährigen Schneider, der am 24. August 1961 durch den Humboldthafen schwimmen wollte und dabei erschossen wurde. Er war der erste Mensch, auf den an der Mauer gezielt geschossen wurde. Sein Bruder Jürgen hat den Turm 1992 vor dem Abriss bewahrt und jahrelang selbst betreut. Auf dem Invalidenfriedhof nebenan lief die Mauer quer durch die Gräber, nur rund 230 Grabstellen sind geblieben.

Regierungsviertel und Brandenburger Tor

Im Regierungsviertel ist die Grenze fast nicht mehr zu erkennen. Hinweise geben die doppelte Pflastersteinreihe im Boden, die weißen Kreuze am Spreeufer und das Parlament der Bäume, das der Künstler Ben Wagin 1990 im Todesstreifen gepflanzt hat. Am Brandenburger Tor stand die Mauer im Halbkreis davor, geöffnet wurde es erst am 22. Dezember 1989. Der Potsdamer Platz war bis 1989 eine Brache. Dass dort einmal eine der ersten Ampeln Europas stand, kann man sich seit dem Neubau wieder vorstellen.

Niederkirchnerstraße bis Checkpoint Charlie

An der Topographie des Terrors stehen 200 Meter Mauer im Original, zerlöchert von Mauerspechten. Dahinter lag die Zentrale von Gestapo und SS, zwei Schichten deutscher Geschichte auf einem Grundstück. Am Checkpoint Charlie standen sich im Oktober 1961 amerikanische und sowjetische Panzer gegenüber. Die Kontrollbaracke, vor der sich heute alle fotografieren, ist ein Nachbau aus dem Jahr 2000. Das Original steht im Alliiertenmuseum in Dahlem.

Hundert Meter weiter, in der Zimmerstraße, erinnert eine Stele an Peter Fechter. Der 18-jährige Maurergeselle wurde am 17. August 1962 beim Fluchtversuch angeschossen und lag fast eine Stunde im Todesstreifen, ohne dass ihm jemand half. Sein Freund hatte es über die Mauer geschafft. Auf der anderen Straßenseite ließ Axel Springer sein Verlagshochhaus direkt an die Grenze bauen.

Kreuzberg: Tunnel, Engelbecken, Spree

In der Sebastianstraße erinnert eine Tafel an einen Tunnel, der im Juni 1962 von einem Stasi-Spitzel verraten wurde. Siegfried Noffke, der seine Frau und sein Kind holen wollte, wurde beim Durchbruch erschossen. Das Engelbecken ein paar Minuten weiter war zu Mauerzeiten zugeschüttet und planiert. Erst ab 1991 wurde es wieder freigelegt. Heute sitzt man dort am Wasser und schaut auf die Kuppel der Michaelkirche.

Wasserbecken im Abendlicht, dahinter die Backsteinkirche St. Michael mit grüner Kuppel
Engelbecken mit der Michaelkirche

Über die Schillingbrücke geht es an die Spree und zur East Side Gallery. Mit 1.316 Metern ist sie das längste erhaltene Stück Mauer. 118 Künstler*innen aus 21 Ländern haben es im Frühjahr 1990 bemalt, und zwar die Ostseite, die vorher niemand bemalen konnte. An der Oberbaumbrücke ist die Etappe zu Ende.

Gut zu wissen

  • Die Strecke ist durchgehend asphaltiert oder gepflastert, aber voll. Zwischen Reichstag und Checkpoint Charlie teilt man sich den Weg mit Reisegruppen.
  • Wer die Gedenkstätte Bernauer Straße und die Ausstellungen unterwegs ansehen will, sollte einen ganzen Tag einplanen oder die Etappe teilen, zum Beispiel am Potsdamer Platz.
  • Der Mauerverlauf ist im Boden durch eine doppelte Reihe Pflastersteine markiert. Das hilft, wenn ein Schild fehlt.
  • An Bahnhof und Brücke Wollankstraße wird bis voraussichtlich 2028 gebaut.
  • Wer mehr über die Gebäude am Weg wissen will: Der Architekturführer Berlin von Dominik Schendel enthält einen eigenen Spaziergang entlang der ehemaligen Mauer.

Fazit

Landschaftlich gibt es schönere Etappen, an Geschichte keine dichtere. Was mich beim Gehen am meisten beschäftigt hat, sind die Abstände: Zwischen Bornholmer Straße und East Side Gallery liegen keine 20 Kilometer, und auf fast jedem davon ist jemand gestorben oder entkommen. Für Besuch von außerhalb ist das die Etappe, die ich zuerst zeigen würde.


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