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Berliner Mauerweg, Etappe 8: Von Staaken nach Hennigsdorf

Blick von einer Brücke über eine breite Wasserfläche mit roten und grünen Tonnen, darüber hohe Wolken

Berliner Mauerweg, Etappe 8 von 9 · Zum Gesamtbericht

Der Westen Berlins ist der Teil des Mauerwegs, den die wenigsten kennen. Die achte Etappe führt von Staaken durch den Spandauer Forst an die Havel und weiter nach Hennigsdorf. Unterwegs liegen ein KZ-Außenlager, ein Bauernhof-Zipfel mit einer der schönsten Lügengeschichten des Kalten Krieges und ein Wachturm, in den man hineingehen kann.

Strecke

22,7 km

Gehzeit

4:13 h

Schwierigkeit

leicht

Start

Bahnhof Staaken

Ziel

S-Bahnhof Hennigsdorf

Gelaufen am

14. März 2021

Anreise

Start ist am Regionalbahnhof Staaken, erreichbar mit Regionalzügen und dem Bus M32 ab Rathaus Spandau. Die Linien bitte im aktuellen Fahrplan prüfen, auf der Strecke wird 2026 gebaut. Am Ziel in Hennigsdorf endet die S25, außerdem halten der RE6 und mehrere Regionalbahnen.

Die Route

Staaken: die Kirche, die im Weg stand

Nach wenigen hundert Metern erinnert eine Stele am Finkenkruger Weg an die katholische St.-Franziskus-Kirche. Sie wurde 1925 geweiht und lag nach der Teilung Staakens auf der DDR-Seite, direkt an der Grenze. Ab 1953 durften die Gemeindemitglieder aus dem Westteil nicht mehr hinein. 1988, ein Jahr vor dem Mauerfall, ließ die DDR die Kirche als Sicherheitsrisiko abreißen.

Kurz danach steht die Stele für Willi Block. Seine Geschichte ist kaum zu glauben. Zweimal gelang ihm 1962 die Flucht in den Westen, zweimal ging er zurück, beim ersten Mal, um seine Frau zu holen. Dafür saß er wegen angeblicher Spionage in Bautzen. Beim dritten Versuch, am 7. Februar 1966, blieb er am helllichten Tag im Stacheldraht hängen. 72 Schüsse wurden auf ihn abgegeben. Ein Gericht sprach später vom Charakter einer Hinrichtung.

Falkensee

Der Weg läuft nun an der Grenze zwischen Spandau und Falkensee entlang. Im Geschichtspark Falkensee stehen die Reste eines Außenlagers des KZ Sachsenhausen. Ab 1943 mussten hier bis zu 2.500 Häftlinge, die meisten aus dem Ausland, für den Rüstungskonzern DEMAG arbeiten. Im April 1945 weigerten sie sich, dem Befehl zur Evakuierung zu folgen. Die Wachen flohen, wenige Tage später kam die Rote Armee. Französische Überlebende treffen sich seit 1955 jedes Jahr an diesem Ort.

An der Falkenhöh stehen zwei Namen auf einer Stele. Klaus Schulze war 18, als er im März 1972 mit einem Freund über die Grenze wollte. Der Freund kam durch, Schulze stolperte über einen Draht und wurde erschossen. Helmut Kliem war überhaupt kein Flüchtling. Der 31-jährige Volkspolizist hatte sich im November 1970 mit dem Motorrad verfahren und wollte nur wenden. Ein Posten eröffnete das Feuer.

Ein Gedenkstein weiter erinnert an Adolf Philipp, einen West-Berliner. Er drang 1964 von Westen her ins Grenzgebiet ein und bedrohte Grenzsoldaten mit einer Pistole, die sich später als Gaspistole herausstellte. Warum, weiß bis heute niemand genau.

Eiskeller

Dann kommt der Eiskeller. Das Gebiet gehörte zu West-Berlin, hing aber nur über einen 800 Meter langen und vier Meter breiten Weg an Spandau. Drei Höfe standen hier, rund 20 Menschen wohnten darin. Der Name ist Programm: Der Eiskeller gilt als kältester Ort Berlins, im Winter ist es oft mehrere Grad kälter als in der Innenstadt.

Weite, gelbbraune Wiese mit einer großen Wasserfläche, dahinter ein Waldrand unter grauen Wolken
Nasse Wiesen am Weg

Berühmt wurde er im August 1961 durch den zwölfjährigen Erwin Schabe. Der Junge erzählte, DDR-Grenzer hätten ihn auf dem Schulweg aufgehalten. Daraufhin eskortierten ihn britische Soldaten mit Jeep und Panzerspähwagen zur Schule, die Bilder gingen um die Welt. 33 Jahre später gab Schabe zu, dass er die Geschichte erfunden hatte. Er wollte schwänzen.

Am Eiskeller steht auch die Stele für Ulrich Steinhauer. Er war Grenzsoldat, 24 Jahre alt, und wurde im November 1980 von seinem eigenen Postenkameraden erschossen, der danach nach West-Berlin desertierte. Die DDR machte Steinhauer zum Helden und benannte Straßen und Schulen nach ihm.

Durch den Spandauer Forst

Die nächsten Kilometer sind Wald. Der Spandauer Forst ist groß und still. Am Laßzinssee, einer alten Kiesgrube, steht eine Aussichtsplattform. Der schnurgerade Oberjägerweg ist seit 1888 mit Basalt gepflastert.

An der Havel liegt die Bürgerablage, eine Badestelle mit rund 600 Metern Sandstrand. Der Name hat nichts mit Bürgerrechten zu tun: Hier wurde früher das Holz aus dem Stadtwald abgelegt, bevor es abtransportiert wurde. Gleich daneben lagen zwei der kuriosesten Exklaven West-Berlins, Erlengrund und Fichtewiese. Es waren Laubenkolonien, die auf DDR-Gebiet lagen. Die Pächter*innen durften nur durch ein Tor in der Mauer und unter Aufsicht der Grenzer zu ihren Parzellen. Erst 1988 wurden die Kolonien durch einen Gebietstausch an Spandau angeschlossen.

Gelbes Ausflugslokal mit dem Schriftzug „Jagdhaus“, vor der Fassade stehen Tierfiguren von Rehen, Füchsen, Wildschweinen und einem Dachs
Das Jagdhaus mit seinen Tierfiguren
Sandstrand an der Havel mit einer grünen DLRG-Rettungsstation unter kahlen Bäumen
Die Badestelle Bürgerablage im März

Der Grenzturm von Nieder Neuendorf

Am Nieder Neuendorfer See steht einer der wenigen Wachtürme, die übrig sind. Er wurde erst 1987 gebaut und war Führungsstelle für 18 weitere Türme, sogar eine Arrestzelle gab es. Seit 1999 ist er Gedenkort mit einer kleinen Ausstellung, der Eintritt ist frei. Geöffnet ist er nur in der warmen Jahreshälfte. Die genauen Zeiten sollte man vorher bei der Stadt Hennigsdorf nachsehen. Die Grenze lief hier mitten durch den See, als Sperre hatte die DDR Lastkähne versenkt.

Kurz vor Hennigsdorf überquert der Weg den Havelkanal. Die DDR hat ihn 1951 und 1952 in nur 13 Monaten graben lassen, mit bis zu 1.500 Leuten im Dreischichtbetrieb. Der einzige Zweck: Schiffe sollten West-Berlin umfahren können. Dann ist man in Hennigsdorf, einer Stadt, die vom Stahl und vom Lokomotivbau lebt. Von hier marschierten am 17. Juni 1953 rund 5.000 Arbeiter*innen quer durch den französischen Sektor nach Ost-Berlin, um zu demonstrieren.

Betonstele mit einem Metallrelief zweier Fahnen und der Umschrift „Für deutsch-sowjet. Freundschaft“
Überbleibsel aus DDR-Zeiten: Relief „Für deutsch-sowjetische Freundschaft“

Gut zu wissen

  • Im Spandauer Forst geht man auf Waldwegen, sonst auf Asphalt. Die Etappe ist flach.
  • An der Bürgerablage kann man im Sommer baden. Einkehren kann man dort und in Nieder Neuendorf, davor kommt lange nichts.
  • Offiziell ist die Etappe mit 20 Kilometern angegeben.

Fazit

Diese Etappe hat mich überrascht. Ich hatte mit einem Pflichtstück gerechnet und einen der interessantesten Tage bekommen. Viel Wald, kaum Menschen, und alle paar Kilometer eine Geschichte, die man sich nicht ausdenken könnte. Wenn möglich, sollte man sie in der Saison gehen, wenn der Turm geöffnet hat.


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