Berliner Mauerweg, Etappe 7 von 9 · Zum Gesamtbericht
Die siebte Etappe ist die längste und die einzige, die mit einer Schifffahrt beginnt. Von Wannsee geht es mit der Fähre nach Kladow und von dort zu Fuß nach Norden: durch den Königswald nach Sacrow, um den Groß Glienicker See, über alte Rieselfelder und am Ende in ein Dorf, das vierzig Jahre lang geteilt war.
Steckbrief
Strecke
28,3 km
Gehzeit
5:00 h
Schwierigkeit
leicht
Start
S-Bahnhof Wannsee
Ziel
Bahnhof Staaken
Gelaufen am
12. März 2021
Anreise
Nach Wannsee fahren S1 und S7 sowie Regionalzüge. Die Fähre F10 legt gleich unterhalb des Bahnhofs ab, fährt in der Regel stündlich und braucht rund 20 Minuten für die 4,4 Kilometer über den Wannsee und die Havel. Sie gehört zur BVG, es gilt der normale Fahrschein. Die Fahrt steckt in meiner Kilometerangabe mit drin. Vom Ziel, dem Regionalbahnhof Staaken, fahren Regionalzüge Richtung Spandau und Hauptbahnhof, außerdem der Bus M32 zum Rathaus Spandau. Welche Linien dort gerade halten, sollte man vorher im Fahrplan nachsehen, auf der Strecke wird 2026 viel gebaut.
Die Route
Von Kladow nach Sacrow
Vom Anleger in Kladow führt der Weg an der Havel entlang nach Süden und bald über die frühere Grenze nach Sacrow. Der Ort gehört zu Potsdam, hat keine 150 Einwohner*innen und liegt mitten im Naturschutzgebiet Sacrower See und Königswald, das schon seit 1941 besteht. Die Grenze verlief in der Flussmitte, die Mauer stand am Sacrower Ufer.

Am Weinmeisterweg erinnert eine Stele an Lothar Hennig. Er war 21 und wollte nirgendwohin fliehen. Am Abend des 4. November 1975 stieg er aus dem Bus und rannte nach Hause, weil er es eilig hatte. Ein Posten hielt ihn für einen Flüchtling und schoss. Am Fähranleger von Sacrow stehen zwei weitere Stelen: für den Grenzpolizisten Lothar Lehmann, der im November 1961 in der eiskalten Havel ertrank, und für Erna Kelm. Sie war 53, als sie im Juni 1962 durch den Fluss schwimmen wollte. Unter der Kleidung trug sie eine Schwimmweste.

Die Heilandskirche
Dann steht man vor der Kirche, die man auf der letzten Etappe vom anderen Ufer aus gesehen hat. Die Heilandskirche am Port von Sacrow wurde 1844 eingeweiht, Ludwig Persius baute sie nach Skizzen von Friedrich Wilhelm IV. als italienische Basilika direkt ans Wasser. Ab 1961 lag sie im Todesstreifen, der Glockenturm wurde in die Sperranlage eingebaut. An Heiligabend 1961 fand der letzte Gottesdienst statt, danach wurde der Innenraum verwüstet und die Kirche verfiel.


Gerettet wurde sie von beiden Seiten: Mitte der 1980er Jahre wurde das Äußere saniert, auch mit Spenden aus West-Berlin und auf Drängen von Richard von Weizsäcker. An Heiligabend 1989 wurde hier wieder Gottesdienst gefeiert, nach 28 Jahren. Und noch eine Geschichte hängt am Turm: 1897 schickten Adolf Slaby und Georg Graf von Arco von hier aus Funksignale über die Havel. Es war die erste deutsche Antennenanlage für drahtlose Telegrafie.
Der Schlosspark dahinter stammt von Lenné. Im Schloss Sacrow saß nach 1961 erst die Armee, dann der DDR-Zoll, der im Park seine Spürhunde ausbildete. Von der Römischen Bank am Ufer schaut man auf die Pfaueninsel und hinüber nach Glienicke.
Durch den Königswald nach Groß Glienicke
Vom Sacrower See geht es mehrere Kilometer durch den Königswald. Hier begegnet man lange niemandem. In Groß Glienicke steht eine Feldsteinkirche aus dem Mittelalter, dann öffnet sich der Blick auf den See. Die Grenze lief mitten hindurch und war mit Bojen markiert. Am Westufer stand die Mauer direkt am Wasser, sodass die Leute im Dorf ihren eigenen See nicht mehr erreichen konnten. Auf der anderen Seite gingen die West-Berliner*innen weiter baden.

Am Nordende des Sees steht ein Rest der Mauer. Der Uferweg, der einmal Kolonnenweg der Grenztruppen war, ist auch hier seit Jahren an mehreren Stellen von Anlieger*innen versperrt, die Stadt Potsdam führt deswegen Enteignungsverfahren. Am Ufer liegt außerdem das Alexander Haus, das Wochenendhaus einer jüdischen Berliner Familie, die 1936 fliehen musste. Ihr Urenkel Thomas Harding hat darüber das Buch „Sommerhaus am See“ geschrieben.
Der Gutspark von Groß Glienicke wurde vom Todesstreifen zur Hälfte zerstört. Zwei Tore stehen noch, das neogotische Spandauer Tor von 1867 und das Potsdamer Tor von 1903. Letzter Gutsherr war übrigens ein Otto von Wollank. Der Name kommt einem von der ersten Etappe bekannt vor.


Über die Felder nach Staaken
Hinter Groß Glienicke wird es weit. Der Weg läuft an der Potsdamer Chaussee entlang und über die Rieselfelder der Karolinenhöhe, wo Berlin bis ins 21. Jahrhundert Abwasser versickern ließ. Östlich liegt der frühere britische Flugplatz Gatow. Ihm verdankt die Gegend ihre eigenartige Grenze: Im August 1945 tauschten Briten und Sowjets Gebiete, damit der Flugplatz ganz im britischen Sektor lag. Die Briten bekamen ein Stück von Groß Glienicke, die Sowjets dafür den Westen von Staaken.

An der Heerstraße lag bis Ende 1987 der Grenzübergang für den Transit nach Hamburg. Kurz dahinter, an der Bergstraße, steht ein Kreuz für Dieter Wohlfahrt. Der 20-jährige Chemiestudent hatte einen österreichischen Pass und konnte deshalb die Grenze passieren. Er nutzte das, um anderen bei der Flucht zu helfen. Am 9. Dezember 1961 schnitt er hier den Zaun auf, um die Mutter einer Bekannten herauszuholen. Die Aktion war verraten worden. Wohlfahrt wurde angeschossen und lag über eine Stunde im Grenzstreifen. West-Berliner Polizei und britische Militärpolizei standen wenige Meter entfernt und durften nicht helfen.


Dann ist Staaken erreicht. Der Ort war ab 1951 geteilt: Der Osten gehörte zu West-Berlin, der Westen wurde von der DDR verwaltet. Erst am 3. Oktober 1990 kam West-Staaken zurück zu Spandau.


Gut zu wissen
- Zu Fuß sind es ab Kladow rund 24 Kilometer. Abkürzen kann man, indem man Sacrow auslässt. Die offizielle Route führt ohnehin direkt nach Groß Glienicke und führt Sacrow nur als Abstecher. Ich würde ihn nicht auslassen.
- Die Fähre fährt nur einmal pro Stunde. Wer sie knapp verpasst, startet entsprechend später.
- Zwischen Groß Glienicke und Staaken gibt es weder Schatten noch Einkehr. In Kladow und in Groß Glienicke kann man sich vorher versorgen.
- Im Königswald läuft man auf Waldwegen, sonst überwiegend auf Asphalt.
Fazit
Eine Etappe mit zwei Gesichtern. Die erste Hälfte mit Fähre, Havel, Sacrow und Königswald gehört zum Schönsten, was der Mauerweg zu bieten hat. Die zweite Hälfte ab Groß Glienicke zieht sich. Wer nicht alles an einem Tag gehen will, hört in Groß Glienicke auf und fährt mit dem Bus zurück nach Spandau.
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