Berliner Mauerweg, Etappe 9 von 9 · Zum Gesamtbericht
Die letzte Etappe schließt den Kreis. Von Hennigsdorf geht es durch die Wälder im Norden Berlins zurück nach Hermsdorf, wo elf Tage vorher alles angefangen hat. Es ist die waldigste Etappe des ganzen Wegs, mit einem Wachturm, in dem heute Jugendliche Naturschutz lernen, und mit der Geschichte einer 18-Jährigen, die fast oben war.
Steckbrief
Strecke
17,1 km
Gehzeit
3:13 h
Schwierigkeit
leicht
Start
S-Bahnhof Hennigsdorf
Ziel
S-Bahnhof Hermsdorf
Gelaufen am
15. März 2021
Anreise
In Hennigsdorf endet die S25, außerdem halten der RE6 und mehrere Regionalbahnen. Vom Ziel Hermsdorf fährt die S1 über Gesundbrunnen und Friedrichstraße in die Stadt, dazu die S85. Wer abkürzen will, kann in Frohnau oder Hohen Neuendorf in die S-Bahn steigen.
Die Route
Über die Havel und die Autobahn
Vom Bahnhof geht es über die Havelbrücke aus Hennigsdorf hinaus und bald über die A 111. Hier lag der Grenzübergang Stolpe/Heiligensee, der jüngste von allen. Er wurde 1982 eröffnet und übernahm Ende 1987 den Transitverkehr nach Hamburg, der bis dahin durch Staaken gerollt war. Die Siedlung Stolpe-Süd daneben entstand ab 1929 mitten im Wald.


Durch den Wald nach Frohnau
Danach wird es für eine gute Stunde einsam. Der Mauerweg läuft schnurgerade durch Kiefernwald, links Brandenburg, rechts Frohnau. Im früheren Grenzstreifen sind nach 1990 mehr als 80.000 Bäume gepflanzt worden.


Frohnau selbst ist eine Gartenstadt vom Reißbrett. Ein schlesischer Fürst kaufte 1907 den Wald, ließ Straßen, Plätze und einen Bahnhof planen und eröffnete das Ganze im Mai 1910. Am Nordrand liegt die Invalidensiedlung, 1938 für Kriegsversehrte und ihre Familien gebaut. Nach 1961 war sie auf drei Seiten von der Grenze umgeben.


Marienetta Jirkowsky
An der Florastraße in Hohen Neuendorf steht eine Stele für Marienetta Jirkowsky. Sie war 18 Jahre alt und Textilarbeiterin. In der Nacht zum 22. November 1980 wollte sie mit ihrem Verlobten und einem Freund über die Mauer. Die drei hatten eine Klappleiter gebaut. Die Hinterlandmauer schafften sie, am Signalzaun löste Marienetta Alarm aus. Die beiden Männer kamen hinüber. Sie stand schon auf der Leiter an der letzten Mauer, dreieinhalb Meter hoch, als sie getroffen wurde. Am Vormittag starb sie im Krankenhaus Hennigsdorf.
Der Naturschutzturm
Zwischen Hohen Neuendorf und Bergfelde steht ein Wachturm, an dem heute Nistkästen hängen. Die frühere Führungsstelle wurde am 25. Juni 1990 von den Grenztruppen übergeben und wird seitdem von der Deutschen Waldjugend genutzt. Angestoßen haben das Helga Garduhn und Marian Przybilla, beide bekamen dafür später das Bundesverdienstkreuz. Der Turm ist einer von nur vier erhaltenen der einst 302 Wachtürme rund um West-Berlin und steht seit 2009 unter Denkmalschutz. Besichtigen kann man ihn nach Absprache.

In der Nähe stehen Stelen für drei junge Männer, die alle 19 waren. Joachim Mehr wurde im Dezember 1964 bei Bergfelde erschossen, als er schon verletzt im Stacheldraht lag. Willi Born, ein Soldat, war im Juli 1970 aus der Kaserne verschwunden und erschoss sich im Grenzgebiet, bevor man ihn festnehmen konnte. Rolf-Dieter Kabelitz wurde im Januar 1971 angeschossen und starb drei Wochen später. Ob er überhaupt fliehen wollte, ist nie geklärt worden.

Hubertussee und zurück nach Glienicke
Der Hubertussee liegt versteckt im Frohnauer Wald. Er ist künstlich, 1910 als Sammelbecken ausgehoben. Die gepflasterten Wege ringsum sehen aus wie Reste der Grenzanlagen, sind aber älter: Hier sollte einmal weitergebaut werden, die Straßen waren schon fertig, die Häuser kamen nie.

Hinter dem See erreicht der Weg wieder Glienicke/Nordbahn. An der Nohlstraße starb im November 1986 Michael Bittner, 25 Jahre alt. Er hatte die Leiter schon an der vorderen Mauer stehen, als ihn Schüsse in den Rücken trafen. Die Stasi ließ alle Unterlagen über seinen Tod verschwinden. Wo er begraben ist, weiß bis heute niemand.


Und dann steht man wieder am Entenschnabel, diesmal von der anderen Seite. Die Sackgasse Am Sandkrug, die Stele für den Tunnel, die Oranienburger Chaussee: alles wie am ersten Tag. Zum Bahnhof Hermsdorf sind es noch ein paar Minuten.
Gut zu wissen
- Große Teile der Etappe führen über Waldwege, teils sandig, teils mit altem Pflaster. Feste Schuhe sind angenehmer als Straßenschuhe.
- Zwischen Hennigsdorf und Hohen Neuendorf gibt es nichts zu kaufen.
- Offiziell sind es zwei Etappen von zehn und sechs Kilometern, getrennt in Hohen Neuendorf.
- Der Naturschutzturm ist nur zu bestimmten Zeiten oder nach Anmeldung geöffnet.
Fazit
Ein ruhiger Abschluss. Die Etappe hat keine großen Sehenswürdigkeiten, und das passt: Nach 170 Kilometern braucht man keine mehr. Man geht durch den Wald, liest die letzten Namen und kommt dort an, wo man losgegangen ist. Die ganze Runde habe ich im Gesamtbericht zusammengefasst.





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