Hinter dem Tor an der Herbert-Baum-Straße beginnt eine eigene Stadt: Alleen, Plätze und Mauern, dazwischen mehr als 115.000 Gräber unter hohen Bäumen. Der Jüdische Friedhof in Berlin-Weißensee wurde 1880 eingeweiht und wird bis heute belegt. Er ist einer der größten jüdischen Friedhöfe Europas und der größte, auf dem noch bestattet wird. Ich war im Juni 2021 dort, auf meiner Tour von Pankow nach Mitte, und bin rund eine Dreiviertelstunde über das Gelände gegangen.
Eingeweiht
9. September 1880
Fläche
rund 42 Hektar
Grabstellen
mehr als 115.000
Entwurf
Hugo Licht
Am Eingang
Nach der Reichsgründung 1871 war die Jüdische Gemeinde stark gewachsen, der Friedhof an der Schönhauser Allee war absehbar voll. In Weißensee kaufte die Gemeinde ein Gelände von über 40 Hektar und schrieb 1878 einen Wettbewerb aus. Gewonnen hat ihn der Architekt Hugo Licht, der später Baustadtrat von Leipzig wurde. Von ihm stammen der Plan mit Alleen und Schmuckplätzen und die Bauten am Eingang aus gelbem Klinker, in Formen der italienischen Frührenaissance. Am 9. September 1880 wurde der Friedhof eingeweiht.


Gleich hinter dem Tor liegt ein Rondell mit einem Gedenkstein. Die Jüdische Gemeinde hat ihn am 11. Oktober 1953 enthüllt. Er ist den Ermordeten der Jahre 1933 bis 1945 gewidmet „und den Lebenden, die das Vermächtnis der Toten erfüllen sollen“. Im Kreis um den Stein liegen Tafeln mit den Namen von Konzentrations- und Vernichtungslagern. Am 27. Januar 1992 wurde davor eine Urne mit Asche aus Auschwitz beigesetzt.
Hinter dem Rondell steht der Arkadengang mit einem Pavillon in der Mitte. Über dem Bogen ist ein Vers angebracht, hebräisch und deutsch: „Es kehrt der Staub zur Erde zurück wie er gewesen, und der Geist zu Gott, der ihn gegeben.“ Ein paar Schritte weiter, am Anfang der Ehrenreihe, erinnert seit September 2009 ein Findling an die Frauen und Männer, die an der Befreiung vom Nationalsozialismus beteiligt waren und hier begraben sind.

Eine Stadt aus Feldern und Alleen
Der Friedhof ist etwa einen Kilometer lang und einen halben Kilometer breit. Haupt- und Nebenalleen teilen ihn in Abteilungen und Felder. Auf den Schildern an den Wegen steht die Abteilung als römische Ziffer, das Feld als Buchstabe; die Schilder wurden 1992 nach den Originalen neu gegossen. Belegt wurde der Friedhof vom Eingang im Nordwesten aus nach Südosten. An den Plätzen, an den Alleen und entlang der Mauer ließen wohlhabende Familien große Grabanlagen bauen, in den hinteren Reihen der Felder liegen die einfachen Gräber.


Dass die Gräber so dicht stehen, hat einen religiösen Grund: Ein jüdisches Grab wird nicht eingeebnet und nicht neu vergeben. Das erste Grab trägt die Nummer 1: Louis Grünbaum, beigesetzt am 22. September 1880. Erhalten ist auch das Beisetzungsarchiv mit rund 900 Bänden, das die Belegung seit 1880 nahezu vollständig dokumentiert.
Mausoleen des Kaiserreichs
Das größte Mausoleum des Friedhofs steht an einem der Schmuckplätze in der Abteilung II, Feld C. Der Kaufmann und Bankier Sigmund Aschrott ließ es 1903 und 1904 bauen. Seine Frau Anna war 1890 in Wien gestorben und wurde 1894 nach Weißensee umgebettet. Der Entwurf stammt von Bruno Schmitz, dem Architekten des Leipziger Völkerschlachtdenkmals: polierter roter Granit, darüber ein Turmhelm mit durchbrochenem Davidstern. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Bau durch Bomben schwer beschädigt, 1996 wurde er saniert.


Das Grabmal für Rosalie Ernst, die 1899 starb, und ihren Mann Adolf, Schauspieler und Theaterdirektor, ist ein Baldachin aus weißem Marmor. Er ist einer Chuppa nachgebildet, dem Baldachin der jüdischen Trauung. Die Rose kehrt überall wieder, im Giebel, im Mosaik und an den Pfosten: Sie spielt auf den Vornamen Rosalie an.
Am Grab der Familie Jacob Hirschberg hängt ein Vorhang aus Marmor: ein Parochet, der Vorhang vor dem Toraschrein, mit Löwenpaar, Gesetzestafeln und Krone. Berthold Kempinski, Weinhändler und Gastronom, starb 1910. Seine Grabanlage entwarf das Büro Hart & Lesser; hinter dem ovalen Deckel der Urne ist ein Porträt Kempinskis eingelassen. 2018 wurde die Anlage restauriert, bezahlt mit einer Spende der Kempinski Hotels. Sie ist ein Ehrengrab des Landes Berlin.


Die frühen Wandgräber stehen entlang der Mauer an der Nord- und Westseite. Seit 2006 wurden sie bevorzugt saniert, weil Baumwurzeln sie zum Einsturz zu bringen drohten. Nicht zu jedem Grab gibt es eine Geschichte, die sich erzählen lässt. Manche Namen stehen nur noch auf dem Stein.




Eine Laube aus Eisen und Rosen
1893 starben Cécilie Lewinsohn und Clara Netter an Typhus, nachdem sie verdorbene Austern gegessen hatten. Ihre Männer, der Apotheker Jacob Lewinsohn und der Industrielle Carl Leopold Netter, ließen ein gemeinsames Erbbegräbnis bauen. Es ist von einem schmiedeeisernen Gitter in Form einer Rosenlaube umgeben. Das Eingangstor des Friedhofs stammt aus der Kunstschmiede von Marcus Fabian, ihm wird auch die Rosenlaube zugeschrieben.

Das Gitter war völlig verrostet, als es Anfang der 2000er Jahre restauriert wurde. Dabei fanden sich Farbreste, nach denen die Fassung wiederhergestellt wurde. Solche Gitter standen früher an vielen Grabfeldern. 1938 und 1942 wurde auf den Friedhöfen Metall abgebaut, seitdem sind die meisten verschwunden.
Ein Grabmal vom Bauhaus
In der Abteilung IV, Feld P, steht das Grabmal für den Kaufmann Albert Mendel, der 1922 starb. Walter Gropius hat es entworfen und mit der Steinbildhauerei-Werkstatt des Bauhauses ausgeführt: Wände aus Travertin, ein schräg gestellter Block als Scheinsarkophag, Schrift und Davidstern aus Metall. Gropius kannte den Auftraggeber: Er hatte 1913 Mendels Wohnung am Lützowplatz und 1921 dessen Villa am Wannsee umgestaltet. 1992 wurde das ganze Feld P 4 vom Wildwuchs befreit, bezahlt mit dem Erlös von Benefizkonzerten der Berliner Philharmoniker. Ein zweites Werk der Moderne ist das Grabmal für Laura Perls von Ludwig Mies van der Rohe im Feld O 5.


1933 bis 1945
Der Friedhof blieb die ganze NS-Zeit über in Betrieb. Neben dem Jüdischen Krankenhaus in der Iranischen Straße war er die einzige jüdische Einrichtung Berlins, die bis zum Kriegsende bestand. Martin Riesenburger, zuvor Prediger im Altersheim in der Großen Hamburger Straße, bestattete hier ab 1943 die Toten nach jüdischem Ritus. Er überlebte mit seiner Frau auf dem Friedhofsgelände. Einzelne Untergetauchte fanden zwischen den Gräbern vorübergehend Zuflucht, etwa am Mausoleum des Sängers Joseph Schwarz.
Auf dem Friedhof liegen mehr als 1.650 Menschen, die sich in der NS-Zeit das Leben nahmen. Ab 1941 kamen Urnen aus Konzentrationslagern dazu. Sie wurden den Angehörigen per Nachnahme zugestellt; eine Tafel im Feld G 7 nennt 279 Urnen. Zwischen 1943 und 1945 trafen Dutzende Bomben das Gelände, rund 4.000 Gräber wurden zerstört. Die Neue Trauerhalle in der Mitte des Friedhofs brannte aus.
Am 23. April 1945 erreichte die Rote Armee den Friedhof. Am 11. Mai 1945 fand hier der erste jüdische Gottesdienst nach der Befreiung statt. Die Straße vor dem Tor trägt seit 1951 den Namen von Herbert Baum. Er gehörte zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus und starb am 11. Juni 1942 in Haft. Sein Grab liegt im Feld P 1. Ein Gedenkstein hinter den Verwaltungsgebäuden nennt die Namen der hingerichteten Mitglieder seiner Gruppe.
Efeu, Verfall und Rettung
Der dichte Bewuchs hat einen Grund: Die Familien, die die Gräber gepflegt hätten, waren vertrieben oder ermordet. Nach dem Krieg zählte die Gemeinde noch etwa 7.000 Mitglieder. Der Friedhof verfiel, Metall wurde gestohlen, Gräber wurden geschändet. 1977 kam er auf die Denkmalliste Ost-Berlins. 1986 wurde in letzter Minute eine Straße verhindert, die über einen freigehaltenen Streifen des Geländes führen sollte.

Seit den 1990er Jahren wird saniert, mit Programmen von Bund und Land. Bis 2012 waren rund 100 Erbbegräbnisse und die Umfassungsmauer instand gesetzt. Berlin hat den Friedhof 2012 für die deutsche Vorschlagsliste zum UNESCO-Welterbe angemeldet. Die Kultusministerkonferenz empfahl 2014, eine gemeinsame Bewerbung mit anderen jüdischen Friedhöfen in Europa zu prüfen. Auf der deutschen Vorschlagsliste steht der Friedhof bis heute nicht.
Bekannte Namen
Hier liegen die Verleger Rudolf Mosse und Samuel Fischer, die Warenhausgründer Hermann Tietz und Adolf Jandorf, der Maler Lesser Ury, der Komponist Louis Lewandowski, die Frauenrechtlerin Lina Morgenstern und der Schriftsteller Stefan Heym. Auch der Zigarettenfabrikant Josef Garbáty-Rosenthal liegt in Weißensee, dessen Fabrik in Pankow ich am selben Tag gesehen hatte. Im Mai 2025 wurde die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer hier beigesetzt. Welche Gräber der Förderverein auf seinem Rundgang mit 53 Stationen zeigt, steht auf seiner Seite.
Gut zu wissen
- Geöffnet ist sonntags bis freitags, freitags nur bis zum frühen Nachmittag. Am Schabbat, also samstags, und an jüdischen Feiertagen bleibt der Friedhof geschlossen. Die genauen Zeiten wechseln zwischen Sommer und Winter und stehen bei der Jüdischen Gemeinde und beim Förderverein.
- Männer bedecken auf dem Friedhof den Kopf. Am Eingang gibt es Kippot zum Ausleihen; ich hatte meine Mütze dabei.
- Nicht auf Gräber treten und nicht auf Grabsteine setzen. Besuchertoiletten sind vorhanden.
- Der Förderverein bietet an einzelnen Terminen offene Rundgänge an, mit Anmeldung und auf Spendenbasis. Auf seiner Seite stehen ein Rundgang mit 53 Stationen und ein Plan der Felder.
- Anfahrt: Tram M4 bis Albertinenstraße, von dort rund 650 Meter zu Fuß. Bus 156 bis Michelangelostraße, von dort rund 500 Meter.
- Nicht verwechseln: Der Friedhof der Adass Jisroel in der Wittlicher Straße, rund zwei Kilometer nordöstlich, ist ein eigener Friedhof einer eigenen Gemeinde. Er ist derzeit nicht für Besuche geöffnet.
Steckbrief
Ort
Herbert-Baum-Straße 45, Berlin-Weißensee (Bezirk Pankow)
Eröffnet
1880
Zustand
In Betrieb, wird bis heute belegt
Nächste Haltestelle
Albertinenstraße (Tram M4), rund 650 m zu Fuß
Am Weg
Liegt an der Tour Jüdisches Berlin: Von Pankow nach Mitte, kurz hinter Kilometer 19.
