Unterwegs zu Fuß

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Jüdisches Berlin: Vom Gesundbrunnen nach Alt-Hohenschönhausen

Vorderhaus der Synagoge Rykestraße 53 aus rotem Backstein mit Doppelbogen-Durchfahrt und Davidsternen in den Torgittern

Tour in Berlin, von Mitte über Pankow nach Lichtenberg · Jüdisches Berlin, Tour 1 von 7 · Alle Touren und Wege

Die erste meiner sieben Touren durch das jüdische Berlin führt quer durch den Norden der Stadt: vom Gesundbrunnen über den Wedding nach Moabit, zurück durch Mitte in den Prenzlauer Berg und über Weißensee bis an den Rand von Alt-Hohenschönhausen. 24 Kilometer, auf denen die Orte weiter auseinanderliegen als in der Innenstadt, dafür sind es Orte, an denen selten jemand stehen bleibt: ein Krankenhaus, das nach eigener Darstellung als einzige jüdische Institution in Deutschland die NS-Zeit überstand, zwei Erinnerungszeichen am Deportationsbahnhof Moabit, ein Waisenhaus, von dem nur eine Mauer blieb, und ein Findling in Hohenschönhausen, der wenige Wochen vor meiner Tour mit Farbe übergossen worden war.

Ich bin die Strecke am 7. Juni 2021 gegangen, in Komoot heißt sie bei mir „Jüdisches Berlin – Vom Gesundbrunnen nach Alt-Hohenschönhausen“. Es ist eine lange Stadtwanderung auf Gehwegen, reine Gehzeit rund viereinhalb Stunden, mit allen Pausen war ich deutlich länger unterwegs. Beschrieben ist, was von der Straße und aus den Höfen zu sehen ist. Wer kürzer gehen will, kann am Senefelderplatz oder an der Greifswalder Straße aussteigen, beide liegen am Weg.

Inhalt dieser Tour

Strecke

24,1 km

abkürzbar an mehreren Bahnhöfen

Gehzeit

4:32 h

mit allen Pausen deutlich länger

Art

Streckentour, Stadtwanderung

Start

Bahnhof Gesundbrunnen

Ziel

Werneuchener Straße, Alt-Hohenschönhausen

ÖPNV

S-Bahn, U8 und Regionalzüge bis Gesundbrunnen, zurück ab Werneuchener Straße mit der Tram M5

Untergrund

Gehwege, Asphalt und Platten

Thema

Orte jüdischen Lebens und Gedenkens im Norden Berlins, vom Wedding bis Hohenschönhausen

  • Mit der Bahn erreichbar
  • Abkürzbar

Gelaufen am 7. Juni 2021

Karte: Stadtwanderung vom Gesundbrunnen nach Alt-Hohenschönhausen zu Orten jüdischen Lebens und GedenkensStreckenwanderung quer durch den Norden Berlins vom Bahnhof Gesundbrunnen über das Jüdische Krankenhaus, die Putlitzbrücke, den Gedenkort Güterbahnhof Moabit, den Koppenplatz, die Schönhauser Allee, die Synagoge Rykestraße und den Jüdischen Friedhof Weißensee nach Alt-Hohenschönhausen, 24,1 km, mit 15 nummerierten Orten. Die Pfeile zeigen die Gehrichtung.NordhafenWeißer SeeWeddingMoabitMittePrenzlauer BergWeißenseeHohenschönhausenVolkspark Friedrichshain123456789101112131415Start: GesundbrunnenZiel: Alt-Hohenschönhausen1 km
Vom Bahnhof Gesundbrunnen nach Alt-Hohenschönhausen, 24,1 km. Die Pfeile zeigen die Gehrichtung, die Nummern stehen im Streckenband. Gestrichelt: Bahnstrecken.

Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), vereinfacht dargestellt.

Streckenband

  1. Kilometer 0Bahnhof GesundbrunnenStart · S-Bahn, U8, Regionalzüge
  2. Kilometer 0,61Beamtentor der AEGBrunnenstraße 111
  3. Kilometer 22Prinzenallee 87ehemalige Synagoge Ahavas Achim
  4. Kilometer 3,13Jüdisches KrankenhausHeinz-Galinski-Straße 1
  5. Kilometer 7,24Mahnmal PutlitzbrückeVolkmar Haase, 1987
  6. Kilometer 8,15Gedenkort Güterbahnhof MoabitQuitzowstraße, 2017
  7. Kilometer 12,76Der verlassene RaumKoppenplatz
  8. Kilometer 13,37Kaufhaus JandorfBrunnenstraße 19 bis 21
  9. Kilometer 14,28Fehrbelliner Straße 92ehemaliges Jüdisches Kinderheim
  10. Kilometer 159Auerbachsches WaisenhausSchönhauser Allee 162
  11. Kilometer 15,310Schönhauser Allee 22Altersheim, Friedhof, Judengang
  12. Kilometer 1611Synagoge RykestraßeRykestraße 53
  13. Kilometer 2012Jüdischer Friedhof WeißenseeHerbert-Baum-Straße 45
  14. Kilometer 22,413Lilli-Henoch-HalleFritz-Lesch-Straße
  15. Kilometer 23,714Gedenkstein Synagoge HohenschönhausenKonrad-Wolf-Straße 91
  16. Kilometer 2415Victor AronsteinWerneuchener Straße 3
  17. Kilometer 24,1Werneuchener StraßeZiel · Tram M5
Kilometer gerundet.

Darum lohnt sich die Tour

  • Zwei Erinnerungszeichen für denselben Ort aus zwei Generationen: das Mahnmal auf der Putlitzbrücke von 1987 und der Gedenkort Güterbahnhof Moabit von 2017.
  • Die Schönhauser Allee als jüdische Straße: Waisenhaus, Altersheim, Friedhof, Judengang an der Schönhauser Allee, dazu die Synagoge Rykestraße um die Ecke.
  • Der Jüdische Friedhof Weißensee liegt am Weg, mit eigenem Beitrag zum Rundgang.
  • Orte abseits der bekannten Routen: eine Hinterhofsynagoge in Gesundbrunnen, ein Gedenkstein in Hohenschönhausen, eine Gedenktafel für einen Arzt.

Anreise

Hin

S-Bahn, U8 oder Regionalzug bis Gesundbrunnen

Zurück

Tram M5 ab Werneuchener Straße in Richtung S+U Hauptbahnhof, über Alexanderplatz und Hackescher Markt (Linie laut VBB, vorher prüfen)

Abkürzen

U Senefelderplatz (U2) bei km 15,4, S Greifswalder Straße nahe km 17

Hinweis

Hinter der Greifswalder Straße folgen rund 3 km ohne Bahnhof bis Weißensee

Die Tour beginnt am Bahnhof Gesundbrunnen, Ausgang Badstraße. Von dort geht es die Brunnenstraße hinunter zum ersten Halt.

Die Route

Die Strecke hat drei Teile. Der erste führt durch Gesundbrunnen und den Wedding zum Jüdischen Krankenhaus und weiter nach Moabit zu den beiden Erinnerungsorten am früheren Güterbahnhof. Der zweite geht am Nordhafen entlang zurück nach Mitte, zum Koppenplatz und über die Brunnenstraße in den Prenzlauer Berg mit der Schönhauser Allee und der Rykestraße. Der dritte ist der längste und leerste: durch den Prenzlauer Berg nach Weißensee und über Hohenschönhausen bis zur Werneuchener Straße.

Gesundbrunnen: Beamtentor und Prinzenallee 87

Ein paar hundert Meter vom Bahnhof steht an der Brunnenstraße das Beamtentor der AEG, zwei neugotische Türme mit einer spitzbogigen Durchfahrt dazwischen, 1896 bis 1897 nach Entwurf von Franz Heinrich Schwechten gebaut, als Eingang zum Werksgelände und zugleich als Wahrzeichen der Firma. Durch die seitlichen Tore betraten die „Beamten“ das Gelände, also die Angestellten und leitenden Ingenieure. Die AEG hatte Emil Rathenau 1883 als Deutsche Edison-Gesellschaft gegründet, so das Deutsche Historische Museum. Im Juni 2021 stand das Tor im Gerüst, ein Bauschild kündigte die denkmalgerechte Sanierung an.

In der Prinzenallee 87 sieht das Vorderhaus aus wie ein gewöhnliches Mietshaus, mit einer Hofdurchfahrt. Im Hof steht die Synagoge des Vereins Ahavas Achim, „Bruderliebe“, 1899 gegründet, das Gotteshaus 1910 gebaut. Im November 1938 wurde es wegen der dicht stehenden Nachbarhäuser nicht angezündet, es überstand den Krieg und wurde nach 1945 von den Zeugen Jehovas genutzt; die Denkmaldatenbank nennt es „Mietshaus mit Königreichsaal“. Eine schwarze Tafel mit goldener Schrift in der Durchfahrt, 1984 enthüllt, sagt trotzdem „Zerstört am 9. November 1938“. Der Rabbiner Siegfried Alexander wurde 1943 mit seiner Frau in Auschwitz ermordet.

Das Jüdische Krankenhaus

Von der Badstraße komme ich zum Jüdischen Krankenhaus. Der goldene Schriftzug an der Natursteinmauer und eine Bronzetafel von 1980 fassen die Geschichte zusammen: 1756 das erste Krankenhaus der Gemeinde in der Oranienburger Straße, 1861 der Bau in der Auguststraße, 1914 der Neubau im Wedding, entworfen von Reimer und Körte, Bauzeit 1910 bis 1914, so die Denkmaldatenbank. Die Einfahrt liegt heute an der Heinz-Galinski-Straße, der früheren Schulstraße.

In der NS-Zeit durften jüdische Ärzt*innen nur noch jüdische Patient*innen behandeln. Das Haus war zugleich Krankenhaus, Sammelstelle für Deportationen, Ghetto und Versteck; zuletzt saßen hier die letzten verbliebenen jüdischen Einrichtungen, darunter die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland. Laut Denkmaldatenbank überlebten rund 800 Menschen dort, das Krankenhaus schätzt, bei der Befreiung hätten sich 800 bis 1.000 Menschen auf dem Gelände versteckt gehalten. Nach eigener Darstellung ist es die einzige jüdische Institution in Deutschland, die die NS-Zeit überstand. Hinter dem Pförtnerhaus steht eine Büste für Heinz Galinski, der von hier 1943 nach Auschwitz deportiert wurde und nach dem Krieg die Jüdische Gemeinde führte. Das Krankenhaus arbeitet bis heute, 2026 wurde ein neuer Träger vereinbart (dazu unten).

Um die Ecke in der Iranischen Straße 3 stand das Jüdische Altersheim, 1902 eröffnet, mit Synagoge im zweiten Obergeschoss. Zwischen 1941 und 1943 wurden die meisten der über hundert Bewohner*innen nach Theresienstadt deportiert. Laut Gedenktafel-Datenbank hing 2021 keine Tafel am Haus, die alte war nach einer Sanierung verschwunden; seit Oktober 2022 gibt es eine neue Berliner Gedenktafel. Am Westende der Iranischen Straße zeigt mein Track einen Halt von acht Minuten; rund fünfzig Meter entfernt, am früheren Kinderkrankenhaus in der Reinickendorfer Straße 61, hängen zwei Tafeln, die an die jüdischen Kinderärzte Heinrich Finkelstein und Ludwig Ferdinand Meyer erinnern: Finkelstein verlor 1933 sein Amt und floh 1939 nach Chile, Meyer wurde 1933 als Leiter entlassen.

Moabit: das Mahnmal auf der Putlitzbrücke

Durch den Wedding erreiche ich Moabit und die Putlitzbrücke. Mitten auf der Brücke, über den Gleisen, steht ein Mahnmal aus Edelstahl: zwei Stahlstelen, vorn eine niedrige mit Davidstern, dahinter eine abgeknickte, die sich oben in Rechtecke auflöst und an eine einstürzende Treppe erinnert. Volkmar Haase hat es 1986 bis 1987 geschaffen, eingeweiht wurde es am 12. Oktober 1987 im Auftrag des Bezirks Tiergarten. Am 29. August 1992 wurde es durch einen Sprengstoffanschlag beschädigt und im März 1993 wieder aufgestellt, so steht es auf der Tafel am Geländer.

Die Inschrift am Sockel erklärt das Bild: Stufen, die keine Stufen mehr sind, eine Treppe, die keine Treppe mehr ist, Symbol des Weges, „der kein Weg mehr war für die, die über Rampen, Gleise, Stufen und Treppen diesen letzten Weg gehen mussten“. Vom Bahnhof Putlitzstraße wurden zwischen 1941 und 1944 Zehntausende Berliner Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager deportiert; den vollständigen Wortlaut hat die Gedenktafel-Datenbank. Nach Angaben von Bildhauerei in Berlin gingen von Oktober 1941 bis April 1945 von den Bahnhöfen Grunewald und Putlitzstraße zusammen 63 Transporte mit etwa 37.500 Berliner Jüdinnen und Juden ab, dazu 117 sogenannte Alterstransporte mit fast 15.000 Menschen vom Anhalter Bahnhof nach Theresienstadt.

Gedenkort Güterbahnhof Moabit

Knapp einen Kilometer weiter östlich, an der Quitzowstraße, liegt der zweite Ort zur selben Geschichte. Der Gedenkort Güterbahnhof Moabit wurde am 11. Juni 2017 eingeweiht, entworfen von raumlaborberlin. Zwei rostrote Stahlstelen erklären, was hier war: Von den Berliner Bahnhöfen wurden zwischen Oktober 1941 und Frühjahr 1945 über 50.000 Menschen deportiert, etwa 30.000 davon vom Güterbahnhof Moabit über die Gleise 69, 81 und 82. Die Stele an der Quitzowstraße zeigt den Weg vom Sammellager in der Synagoge Levetzowstraße bis hierher. Erhalten sind der gepflasterte Deportationsweg, ein Stück von Gleis 69 und Spundwände der Militärrampe; die Anlage steht als Gesamtanlage aus Bahnanlage und Gedenkstätte unter Denkmalschutz.

Hinter der zweiten Stele stehen 24 Waldkiefern auf dem Gelände, die Stämme bis in vier Meter Höhe weiß gekalkt. Der Kiefernhain prägt den Ort, ein ruhiger Platz zwischen Baumarkt und Discounter. Eine ältere Stele von 2007 an der Quitzowstraße 18 bis 21, gestaltet von Helga Lieser, nannte „über 30.000 Juden“, die von hier deportiert wurden.

Koppenplatz: Der verlassene Raum

Zurück geht es über die Sellerbrücke am Nordhafen, wo ich knapp zehn Minuten angehalten habe, durch den Wedding und über die Gartenstraße nach Mitte. Am Koppenplatz steht in einer Grünanlage ein Tisch aus Bronze mit zwei Stühlen, einer davon umgestürzt, auf einer Bodenplatte mit Parkett im Fischgrätmuster. „Der verlassene Raum“ von Karl Biedermann und der Landschaftsarchitektin Eva Butzmann geht auf einen Wettbewerb des Ost-Berliner Magistrats von 1988 zurück und wurde 1996 aufgestellt. Um die Platte läuft ein Gedicht von Nelly Sachs aus dem Band „In den Wohnungen des Todes“ von 1947; den Wortlaut hat die Gedenktafel-Datenbank. Das Bezirksamt Mitte führt das Werk auch unter dem langen Titel „Der verlassene Stuhl hinter dem leeren Tisch vor dem umgestürzten Stuhl“.

Brunnenstraße: das Kaufhaus Jandorf

An der Ecke Brunnenstraße und Veteranenstraße fällt ein Geschäftshaus mit abgerundeter Ecke und Turmaufsatz auf. Es ist das Kaufhaus Jandorf, 1903 bis 1904 von Lachmann und Zauber gebaut. Adolf Jandorf, 1870 in Hengstfeld geboren, hatte 1892 am Spittelmarkt angefangen und eröffnete 1907 das KaDeWe; 1926 gingen seine Häuser an die Hermann Tietz AG, so die Neue Deutsche Biographie. In der DDR war hier das Modeinstitut, nach der Wende wurde es verkauft und Ende der 1990er saniert, danach stand es lange leer, 2017 bis 2019 wurde es zum Bürohaus umgebaut. Etwa vierhundert Meter weiter am Weinbergsweg 13 erinnert eine Stele an das Reichenheim’sche Waisenhaus, das erste Waisenhaus der Jüdischen Gemeinde, 1872 eröffnet, 1939 aufgelöst und später durch Bomben zerstört.

Fehrbelliner Straße 92: das Jüdische Kinderheim

In der Fehrbelliner Straße 92 im Prenzlauer Berg ist heute ein Stadtteilzentrum. Eine Glastafel mit Davidstern neben der Einfahrt erzählt, dass hier von 1910 bis 1942 das Jüdische Kinderheim war: Tagesstätte, Hort und Lesestube eines Vereins, bis die NS-Volkswohlfahrt das Haus 1942 kaufte. Mindestens 49 Kinder, Jugendliche und Mitarbeiter*innen wurden zwischen 1941 und 1944 deportiert und ermordet. Die Tafel wurde 2003 enthüllt, in Anwesenheit von Gideon Behrendt, der als Kind hier gelebt hatte und mit dem ersten Kindertransport nach England kam.

Schönhauser Allee: das Auerbachsche Waisenhaus

An der Schönhauser Allee 162 steht ein gelbes Wohnhaus aus den 1950er Jahren, daneben ragt der Turm der Segenskirche auf. Hier stand das Baruch Auerbach’sche Waisenhaus. Baruch Auerbach hatte 1833 in der Rosenstraße ein Heim für jüdische Kinder gegründet, 1897 zog es in den Neubau an der Schönhauser Allee, entworfen von Johann Hoeniger und Jakob Sedelmeier. Am 19. Oktober 1942 wurden fast 60 Kinder und drei Betreuer*innen mit dem 21. „Osttransport“ nach Riga deportiert und dort in den Wäldern erschossen, am 29. November 1942 weitere 75 Kinder, überwiegend aus dem Waisenhaus, nach Auschwitz; die Zahlen stehen auf der Stele und im Faltblatt der Senatskanzlei. Die Berliner Gedenktafel von 2011 spricht nur vom Rigaer Ghetto, genauer ist die Stele von 2014. Danach nutzte die Hitlerjugend das Haus, 1943 trafen es Bomben, die Reste wurden in den 1950er Jahren abgerissen.

Geblieben ist ein Stück der Klinkermauer im Hof. 2014 hat Susanne Ahner dort den Erinnerungsort „Ich war hier“ geschaffen: In die Ziegel sind die Namen und das Alter der ermordeten Kinder und Betreuer*innen eingraviert, davor steht eine durchscheinende Glasstele mit der historischen Ansicht des Hauses, die sich beim Blick durch das Glas über die Mauer legt. Walter Frankenstein, der 1936 ins Waisenhaus kam und untergetaucht überlebte, hat die Berliner Gedenktafel von 2011 angeregt.

Altersheim, Friedhof und Judengang

Rund vierhundert Meter weiter liegt die Schönhauser Allee 22, ein gelber Klinkerbau. Eine Berliner Gedenktafel nennt ihn die Zweite Jüdische Versorgungsanstalt: ein Altersheim, das Bertha und Moritz Manheimer 1880 zu ihrer Silberhochzeit stifteten und das am 11. November 1883 eröffnet wurde, mit eigener Synagoge und Bibliothek, zuletzt für bis zu 80 Menschen. Am 17. August 1942 wurden die meisten Bewohner*innen mit dem ersten großen „Alterstransport“ nach Theresienstadt deportiert, so die Stele auf dem Mittelstreifen gegenüber. In der DDR war hier die Volkspolizei, bis 2001 die Polizei, heute sind es Eigentumswohnungen. Tafel und Stele wurden 2015 auf Anregung von Walter Frankenstein enthüllt.

Direkt daneben liegt der Eingang zum Jüdischen Friedhof Schönhauser Allee, 1827 angelegt, nach der Eröffnung von Weißensee 1880 geschlossen, mit den Gräbern von Max Liebermann, Giacomo Meyerbeer und Leopold Ullstein, so berlin.de. Der Friedhof bekommt einen eigenen Beitrag. Am Senefelderplatz steht ein graues Stahltor mit zwei ausgeschnittenen Davidsternen: der Zugang zum Judengang, einem rund 400 Meter langen Weg zwischen Friedhofsmauer und den Rückseiten der Häuser der Kollwitzstraße, der zum Osttor des Friedhofs führte, ursprünglich ein Feldweg mit ritueller Funktion. In der NS-Zeit wurde die Fläche enteignet, nach 1945 zu Gärten parzelliert, 2002 bekam die Jüdische Gemeinde sie zurück und stellte den Gang wieder her. Historisch erhalten ist nur das Tor am Kollwitzplatz von etwa 1930; das Tor am Senefelderplatz, das ich fotografiert habe, wurde 2008 neu gebaut. Es war mit Kette und Schloss verschlossen.

Synagoge Rykestraße

In der Rykestraße 53 geben zwei Tordurchfahrten mit Davidsternen im Gitter den Blick auf den Hof frei, in dem die Synagoge steht, ein Backsteinbau in Form einer Basilika, 1903 bis 1904 nach Plänen von Johann Hoeniger gebaut und am 4. September 1904 eingeweiht. Die Jüdische Gemeinde spricht von ursprünglich über 2.000 Plätzen, der Bezirk Pankow nennt sie die größte Synagoge Berlins. Was im November 1938 geschah, erzählen die Quellen verschieden: in Brand gesteckt und auf Befehl des Polizeikommandanten gelöscht, sagt die Gemeinde; Betsaal verwüstet, sagt der Bezirk Pankow; weitgehend unbeschädigt, weil die Wohnhäuser ringsum gefährdet waren, sagt die Gedenktafel-Datenbank. Sicher ist: Gottesdienste gab es noch bis 1940, dann nutzte die Wehrmacht das Haus als Lager, 1953 wurde es restauriert und war die einzige Synagoge Ost-Berlins, 2007 nach Sanierung mit 1.200 Plätzen wiedereröffnet.

Im Vorderhaus war die Religionsschule der Gemeinde, ab 1922 die Schule des zionistischen Jüdischen Schulvereins, 1941 beschlagnahmt; viele Lehrer*innen und Schüler*innen wurden deportiert und ermordet. Eine dunkle Tafel am Pfeiler der Einfahrt erinnert daran. Eine der Lehrerinnen war Lilli Henoch, Leichtathletin und mehrfache Weltrekordlerin, die 1933 aus ihrem Verein ausgeschlossen wurde; ihr begegne ich am Ende der Tour noch einmal. Heute ist im Vorderhaus die Lauder Beth-Zion Schule.

Nach Weißensee

Von der Rykestraße bis Weißensee sind es vier Kilometer durch den Prenzlauer Berg, vorbei an der Greifswalder Straße, ohne ausgewiesenen Erinnerungsort direkt am Weg. Ein paar Tafeln liegen hundert Meter abseits, etwa in der Christburger Straße 48 für ein „Judenhaus“, aus dem mindestens 49 Menschen deportiert wurden. Dann die Herbert-Baum-Straße und das Tor des Jüdischen Friedhofs Weißensee. Mein Foto zeigt die gelben Klinkerbauten des Eingangs und den Stein der Jüdischen Gemeinde von 1953, „Gedenke Ewiger, was uns geschehen“. Drei Tage später war ich auf meiner dritten Tour rund eine Dreiviertelstunde auf dem Gelände, davon erzählt der Beitrag Jüdischer Friedhof Weißensee.

Alt-Hohenschönhausen: Lilli Henoch, eine Synagoge im Hof und ein Arzt

Durch Weißensee und über die Konrad-Wolf-Straße komme ich nach Alt-Hohenschönhausen. An der Fritz-Lesch-Straße am Sportforum habe ich kurz angehalten: Die Werferhalle dort trägt den Namen von Lilli Henoch, 1899 in Königsberg geboren, zwischen 1922 und 1928 vierfache Weltrekordlerin und zehnfache Deutsche Meisterin, unter anderem im Kugelstoßen und Diskuswurf. Im August 1933 wurde sie als Jüdin aus dem Berliner Sport-Club ausgeschlossen und unterrichtete danach an der Schule in der Rykestraße. Am 5. September 1942 wurde sie nach Riga deportiert und dort erschossen; ihr Stolperstein liegt in Schöneberg. Die Gedenktafel hängt im Eingangsbereich der Halle.

Der Bogen südlich der Konrad-Wolf-Straße deckt sich mit dem Spaziergang „Jüdisches Leben in Alt-Hohenschönhausen“ des Aktiven Museums: Stolpersteine in der Großen-Leege-Straße, der Sandinostraße und der Konrad-Wolf-Straße, die Bäckerei in der Simon-Bolivar-Straße 51, in der 13 Jüdinnen und Juden versteckt wurden. In Hohenschönhausen lebten um 1931 etwa 170 Jüdinnen und Juden, die eine eigene kleine Gemeinde gründeten, so das Bezirksamt Lichtenberg. Ihre Synagoge lag im ersten Stock eines Werkstattgebäudes im Hof des Gasthofs „Linden-Walter“ an der Berliner Straße 91, der heutigen Konrad-Wolf-Straße; eingeweiht wurde sie je nach Quelle 1934 oder 1935, nach dem Novemberpogrom 1938 musste die Gemeinde ihre Tätigkeit einstellen. Das Hofgebäude stand noch bis 1998.

Seit 2000 erinnert ein Findling mit gusseiserner Tafel auf der Grünfläche zwischen den Häusern 91/92 und 93 daran. Drei Wochen vor meiner Tour, in der Nacht zum 17. Mai 2021, war der Stein mit grüner Farbe übergossen worden; am 20. Mai wurde er neu geweiht, wie das Bezirksamt meldete. Die Blumentöpfe davor auf meinem Foto könnten davon stammen, sicher weiß ich das nicht. Zehn Minuten habe ich hier gestanden. Das letzte Foto der Tour ist eine Berliner Gedenktafel über dem Eingang Werneuchener Straße 3: Hier praktizierte 1937 und 1938 der jüdische Arzt Victor Aronstein, 1896 in Margonin geboren. Er wurde an seinem 45. Geburtstag, dem 1. November 1941, in das Ghetto Lodz deportiert und starb in Auschwitz; wann genau, wissen auch das Museum Lichtenberg und die Stolperstein-Seite nicht sicher. Die Tafel von 1996 ersetzt zwei ältere, die beide das falsche Jahr 1942 nannten.

Am Wegesrand

Drei Dinge am Rand der Route, die ich erst bei der Recherche gefunden habe.

Karl Wolffsohn und die Gartenstadt Atlantic

Gleich am Bahnhof Gesundbrunnen, Behmstraße 15, steht seit 2018 eine Infotafel zu Karl Wolffsohn und der Gartenstadt Atlantic. Der Filmpublizist Wolffsohn war ab 1937 Eigentümer der von Rudolf Fränkel entworfenen Wohnanlage, wurde 1938/39 in Gestapo-Haft zur Übereignung gezwungen, floh nach Palästina und kam 1949 zurück. Die Gedenktafel-Datenbank vermerkt, dass die Tafel im September 2025 von Unbekannten zerstört wurde.

Georg Benjamin in der Badstraße

In der Einfahrt der Badstraße 40 hängt eine Berliner Gedenktafel für Georg Benjamin, Schul- und Säuglingsfürsorgearzt, KPD-Kommunalpolitiker, Bruder von Walter Benjamin und Ehemann von Hilde Benjamin. Er lebte hier 1931 bis 1933 und starb 1942 im KZ Mauthausen.

Das Stadtbad James Simon

Das Stadtbad Mitte in der Gartenstraße 5 trägt seit 2012 den Namen James Simon. Der Kaufmann und Mäzen hatte 1880 den Grundstein für die erste Berliner Volksbadeanstalt gestiftet, die hier stand; 1929/30 wurde sie von Carlo Jelkmann und Heinrich Tessenow zum Stadtbad umgebaut. Auf meiner vierten Tour stehe ich vor der James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel, hier ist es sein Schwimmbad.

Jüdisches Leben heute

Das Jüdische Krankenhaus ist ein normales Krankenhaus mit einer Synagoge, die laut dem Haus als Bet- und Andachtsraum allen offensteht. 2026 lief ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung, im Juli 2026 wurde die Übernahme durch die Medicana Health Group beurkundet, die jüdische Identität soll bleiben. In der Rykestraße feiert die Gemeinde Gottesdienste, im Vorderhaus lernen Grundschulkinder der Lauder Beth-Zion Schule. Das Restaurant Pasternak in der Knaackstraße, seit 1994, serviert osteuropäische Küche mit jüdischen Klassikern, koscher ist es nach eigener Darstellung nicht. Zu weiteren Lokalen am Weg habe ich keine belastbaren Angaben.

Besondere Orte an dieser Tour

Jüdischer Friedhof Weißensee

Gut zu wissen

  • Die ganze Strecke läuft auf Gehwegen und Straßen. 24 Kilometer sind trotzdem lang, nimm dir den ganzen Tag.
  • Abkürzen: U Senefelderplatz (U2) liegt bei km 15,4 direkt am Judengang, S Greifswalder Straße bei km 17.
  • Zwischen Rykestraße und Hohenschönhausen wird es mit Einkehrmöglichkeiten dünner, plane Proviant ein.
  • Beide Friedhöfe haben feste Öffnungszeiten und sind an jüdischen Feiertagen geschlossen, Männer tragen eine Kopfbedeckung. Die Zeiten stehen bei der Jüdischen Gemeinde.
  • Der Judengang ist nicht als Durchgang geöffnet; das Tor am Senefelderplatz war verschlossen.
  • Der Hof der Schönhauser Allee 162 mit der Namensmauer gehört zu einer Wohnanlage. Ich konnte hinein, eine feste Regelung kenne ich nicht.
  • Seit 2021 neu am Weg: die Gedenktafel für das Jüdische Altersheim in der Iranischen Straße 3 (2022) und die Tafel für Salo Drucker am Jüdischen Krankenhaus (2024).
  • Die Tour ist Teil meiner Serie Jüdisches Berlin mit sieben Touren aus dem Juni 2021.

Fazit

Diese Tour gehört zu den stillsten der Serie. Die Orte liegen in Wohnstraßen, an einer Brücke, hinter einem Baumarkt, und oft ist nur eine Tafel geblieben. Gerade das hat mich beschäftigt: dass das Waisenhaus an der Schönhauser Allee heute ein Wohnhaus ist und ich die Namen der Kinder im Hof erst suchen musste. Wenn du nicht den ganzen Tag hast, geh den Mittelteil vom Koppenplatz zur Rykestraße, dort liegt am meisten auf wenig Strecke. Und plane für den Friedhof Weißensee einen eigenen Besuch, zwei Minuten am Eingang werden ihm nicht gerecht.

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