Unterwegs zu Fuß

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Berliner S-Bahn-Ring, Teil 1: Ostkreuz bis Südkreuz

Weite des Tempelhofer Felds, am Horizont das Flughafengebäude mit Radarturm

Berliner S-Bahn-Ring, Teil 1 von 4 · Zum Gesamtbericht

Die erste Tour um den Berliner S-Bahn-Ring führt im Uhrzeigersinn vom Ostkreuz zum Südkreuz: über die Halbinsel Stralau, durch Treptow und Neukölln und quer über das Tempelhofer Feld. Am Weg liegen fünf weitere Ringbahnhöfe, die frühere Sektorengrenze an der Elsenstraße und zwei Abstecher, die mit der Bahn wenig zu tun haben. Zusammen sind das knapp 20 Kilometer und 3:45 Stunden Gehzeit.

Ich bin am Mittwoch, dem 28. April 2021, am Ostkreuz losgegangen. Die Idee war einfach: Ich wollte die Bahnhöfe der Ringbahn zu Fuß verbinden. Einen ausgeschilderten Weg gibt es dafür nicht. Die Route habe ich selbst gelegt, meist auf kurzem Weg von Bahnhof zu Bahnhof, und wo links oder rechts etwas Interessantes lag, bin ich abgebogen. Alle vier Teile und alle 27 Bahnhöfe findest du im Gesamtbericht.

Inhalt dieser Tour

Strecke

19,7 km

Gehzeit

3:45 h

Start

S-Bahnhof Ostkreuz

Ziel

Bahnhof Südkreuz

Gelaufen am

28. April 2021

Untergrund

Gehwege, Uferwege, Parkwege

Einkehr

Imbisse und Bäcker an fast jedem Bahnhof

  • Mit der Bahn erreichbar
  • Abkürzbar
Karte: Berliner S-Bahn-Ring, Teil 1Teil 1 von Ostkreuz nach Südkreuz, 19,7 km. Die nummerierten Punkte sind die Ringbahnhöfe am Weg.23456Start: Ostkreuz1 kmZiel: Südkreuz
Teil 1 von Ostkreuz nach Südkreuz, 19,7 km. Die Pfeile zeigen die Gehrichtung, die Nummern sind die Ringbahnhöfe am Weg. Gestrichelt: Bahnstrecken.

Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), vereinfacht dargestellt.

Darum lohnt sich die Tour

  • Sechs Ringbahnhöfe vom Ostkreuz bis Tempelhof, jeder mit eigener Geschichte
  • Halbinsel Stralau mit Uferweg, Dorfkirche und Friedhof
  • Frühere Sektorengrenze an der Elsenstraße, wo Fluchttunnel gegraben wurden
  • Tempelhofer Feld mit Schafherde

Anreise

Hin

Mit der S-Bahn zum Ostkreuz: S41 und S42 (Ring), S3, S5, S7, S75, S8, S85. Regionalzüge halten ebenfalls. Bis 12. Dezember 2026 fahren sie wegen der Stadtbahnsperrung teils anders.

Zurück

Ab Südkreuz mit S41 oder S42 direkt zum Ostkreuz. Außerdem S2, S25, S26, S46, S47 sowie Regional- und Fernzüge.

Takt

Die Ringbahn fährt den ganzen Tag. Aktuelle Abfahrten zeigt die Auskunft der S-Bahn.

Abkürzen

An jedem der fünf Zwischenbahnhöfe mit S41 oder S42: Treptower Park (km 3,7), Sonnenallee (km 6,9), Neukölln (km 8,4), Hermannstraße (km 13,8), Tempelhof (km 18,3).

Start und Ziel liegen beide an der Ringbahn. Zurück zum Ostkreuz ist die S42 der kurze Weg: Sie fährt die Strecke in Gegenrichtung ab, über Tempelhof, Neukölln und Treptower Park. Die S41 kommt auch an, nimmt aber den langen Bogen über Westkreuz und Gesundbrunnen.

Die Route

Vom Ostkreuz zur Halbinsel Stralau

Los geht es an der Ringbahnhalle des Ostkreuzes. Dass hier neben der S-Bahn auch Regionalzüge halten, ist noch nicht lange so: Die ersten fuhren im Dezember 2015 ein. Ich bin nach Süden aus dem Bahnhof gegangen und zunächst neben den Gleisen der Ringbahn geblieben. Dort steht mitten in den Bahnanlagen der Wasserturm, 50 Meter hoch und nach Plänen von Karl Cornelius gebaut. Sein Behälter fasste 400 Kubikmeter Wasser für die Dampflokomotiven. Der runde Schaft ist mit violett glasierten Klinkern verkleidet, die ihn vor Ruß schützen sollten.

Nach knapp einem Kilometer beginnt die Halbinsel Stralau. Der Ort steckt im alten Namen des Bahnhofs, und er war mein erstes Ziel. Hier habe ich die Bahn zum ersten Mal verlassen und bin nach Osten ans Wasser abgebogen.

Am Rummelsburger See entlang

Stralau liegt zwischen Spree und Rummelsburger See und war lange ein Fischerdorf. Im späten 19. Jahrhundert kamen Fabriken, Brauereien, Werften und eine Glashütte dazu. Davon arbeitet nichts mehr, seit etwa 2000 wird die Halbinsel zur „Wasserstadt“ umgebaut. Rund um die Halbinsel führt ein Uferweg, knapp drei Kilometer lang. Ich bin am Nordufer eingestiegen.

Gleich am Anfang steht am Ufer der rostige Bug eines alten Schiffs. Jemand hat „Berlin“ daraufgemalt, darüber hing eine Wimpelkette. Ein Stück weiter öffnet sich der Blick über den See: Hausboote und Boote auf dem Wasser, am anderen Ufer Schornsteine und Neubauten.

Am Lichtenberger Ufer der Bucht, nahe dem Ostkreuz, war Anfang Februar 2021, also wenige Wochen vor meiner Tour, ein Obdachlosencamp mit rund 100 Menschen geräumt worden. Danach begann auf der Fläche der Bau eines Großaquariums mit Hotel.

Kurz vor der Spitze der Halbinsel liegen in einem Hafen die Boote dicht an dicht. Das passt hierher: Stralau und die Rummelsburger Bucht gelten als Wiege des deutschen Segelsports, 1830 wurde hier eine Segelgesellschaft gegründet.

Dorfkirche und Friedhof an der Tunnelstraße

Fast am Ende der Halbinsel steht die Dorfkirche Stralau mit ihrem weißen Turm und dem spitzen Helm. Geweiht wurde sie 1464. Der Turm ist durch Sturm und Blitz mehrfach beschädigt worden und neigt sich um fast fünf Grad. Im 17. Jahrhundert war Paul Gerhardt für die Stralauer Gemeinde zuständig. Wenn dich der Liederdichter interessiert: Auf dieser Seite gibt es den Paul-Gerhardt-Weg.

Gleich neben der Kirche liegt der Friedhof mit einer kleinen, weiß verputzten Kapelle mit Backsteinkanten und Rosettenfenster. Auf dem Friedhof ist der Karikaturist Manfred Bofinger begraben, der 2006 gestorben ist.

Der Abstecher über Stralau kostet gut zwei Kilometer. Mit der Ringbahn hat er wenig zu tun, aber so viel Wasser kommt auf dieser Tour nicht wieder.

Über die Parkwegbrücke zum Treptower Park

Zurück bin ich auf der Spreeseite der Halbinsel nach Westen gelaufen. Bei Kilometer 3,3 geht es über die Parkwegbrücke, einen schmalen Steg direkt an der Spreebrücke der Ringbahn. Die Elsenbrücke nebenan war im April 2021 schon zum Teil abgerissen. Seit Januar 2022 gibt es dort eine Behelfsbrücke.

Am anderen Ufer stehst du sofort vor dem S-Bahnhof Treptower Park. Vor dem Zugang stand an diesem Tag ein helles Klavier im Freien, ein Mann saß daran und spielte. Auch eine Art, auf die S-Bahn zu warten.

Ein Empfangsgebäude bekam der Bahnhof 1888, einen zweiten Bahnsteig zur Gewerbeausstellung 1896 im Treptower Park gleich nebenan. Die Ausstellung zog sieben Millionen Besucher*innen in den Park. Im selben Sommer fand dort am Karpfenteich die sogenannte „Erste Deutsche Kolonialausstellung“ statt, aus heutiger Sicht eine rassistische Völkerschau, bei der mehr als 100 Menschen ausgestellt wurden.

Zum Mauerbau gibt es hier eine eigene Geschichte: Im August 1961 soll auf dem Gleis Richtung Sonnenallee ein Zug stehen geblieben sein. Die Gleise sollen vor und hinter ihm einfach abgebaut worden sein, erst einige Tage später kam er zurück nach Ost-Berlin. Und auf einem der Bahnsteige soll bis Mitte der 1990er-Jahre ein Kastanienbaum gestanden haben, der dann bei der Sanierung gefällt wurde.

Die Elsenstraße hinunter und einmal über die Grenze

Die Ringbahn fährt vom Treptower Park in einem Bogen nach Süden. Ich bin weiter westlich geblieben und die Elsenstraße nach Südwesten gelaufen. Nach gut einem Kilometer kreuzt die Heidelberger Straße, und dort wechselt die Route den Bezirk: von Treptow nach Neukölln. Bis 1989 stand an dieser Kreuzung die Mauer, Treptow gehörte zum sowjetischen Sektor, Neukölln zum amerikanischen. Im Boden liegt eine Gedenkplatte für einen Fluchttunnel. Die Geschichte dazu steht weiter unten bei „Am Wegesrand“.

Ein paar hundert Meter hinter der Kreuzung ist der Neuköllner Schifffahrtskanal erreicht.

Am Schifffahrtskanal zum Bahnhof Sonnenallee

Am Elsensteg bin ich auf den Uferweg gewechselt und dem Kanal nach Südosten gefolgt. Von einer der Brücken sah er an diesem Tag so aus, wie ein Kanal im April aussehen soll: grüne Ufer, blauer Himmel, eine einzige Wolke. An der Teupitzer Brücke habe ich das Wasser verlassen und bin nach Süden zum Bahnhof Sonnenallee gegangen.

Das Empfangsgebäude an der Saalestraße ist ein Backsteinbau mit einem großen Bogenfenster, an der Fassade steht der Name in großen Buchstaben. Für einen Bahnhof, an dem 17 Jahre lang kein Zug hielt, sieht er gut aus. Umbenannt wurde er mehrfach, und das hängt an der Straße, nach der er heißt. Der ganze Straßenzug, zu dem die Kaiser-Friedrich-Straße gehörte, wurde 1938 in Braunauer Straße umbenannt, nach Hitlers Geburtsort Braunau am Inn. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs heißt er auf ganzer Länge Sonnenallee.

Richardplatz: ein Dorfanger in Neukölln

Vom Bahnhof Sonnenallee bin ich nach Westen gegangen und nach gut 600 Metern am Richardplatz herausgekommen. Der Platz war der Dorfanger des alten Rixdorf und steht mit Kirche und Schmiede als Ensemble unter Denkmalschutz. Gleich nebenan liegt das Böhmische Dorf: Ab 1737 ließen sich hier unter Friedrich Wilhelm I. Protestant*innen aus Böhmen nieder, die in ihrer Heimat verfolgt wurden. Ich bin am östlichen Ende des Platzes vorbeigekommen, direkt hinter der Bethlehemskirche.

An die Kirche ist ein kleines Fachwerkhäuschen mit grüner Tür und Ziegeldach angebaut, davor blühte ein Baum. Es ist wohl die Sakristei. Die Kirche soll im Kern aus dem 15. Jahrhundert stammen, das Häuschen ist deutlich jünger: Es soll erst bei einem Umbau um 1940 dazugekommen sein.

Vom Richardplatz ist es knapp ein Kilometer nach Südwesten bis zum Bahnhof Neukölln an der Karl-Marx-Straße. Dort endet auch meine zweite Tour durch das jüdische Berlin, die am Bahnhof Zoo beginnt.

Der Zugang ist ein dunkler Klinkerturm mit S-Bahn-Zeichen, Uhr und dem Schriftzug „Berlin-Neukölln“. Auch hier war lange Pause: Zwischen dem September 1980 und dem 17. Dezember 1993 fuhr auf diesem Teil des Rings keine S-Bahn. Dass der Bahnhof nicht mehr Rixdorf heißt, hat mit dem Ruf des Ortes zu tun: Der Name war Anfang des 20. Jahrhunderts zum Inbegriff frivoler Unterhaltung geworden. Der neue sollte dem Ansehen der Stadt helfen.

Abstecher über die Karl-Marx-Straße

Am Bahnhof Neukölln habe ich die Ringbahn zum zweiten Mal verlassen und bin die Karl-Marx-Straße nach Norden gelaufen. Bei Kilometer 9,6 steht die Alte Post, ein heller Bau, schräg zur Straße gestellt. Fertig wurde sie 1899 als Kaiserliche Post, kurz nachdem Rixdorf Stadt geworden war.

Direkt daneben war 2021 Baustelle, über dem früheren Kaufhaus an der Karl-Marx-Straße 101 stand ein Kran. Das Haus hatte 1970 als Kaufhaus eröffnet und später lange leer gestanden. Seit September 2025 heißt es „Kalle Neukölln“, mit Büros, Läden, Markthalle und Dachgarten. An der Betonwand zur Straße ist ein großes Wandbild zu sehen, auch dazu unten mehr.

Rund 300 Meter weiter kommt das Rathaus Neukölln. Der Turm ist 67 Meter hoch und war an diesem Tag halb hinter frischem Laub versteckt. Obenauf dreht sich eine 2,20 Meter große Fortuna aus Kupfer mit dem Wind. Entworfen hat das Rathaus der Stadtbaurat Reinhold Kiehl, von dem auch das Empfangsgebäude am Bahnhof Sonnenallee stammt. In den letzten Kriegstagen ließ der NS-Kreisleiter das Rathaus in Brand setzen, wieder aufgebaut wurde es von 1950 bis 1955.

Hinter dem Rathaus bin ich Richtung Sonnenallee abgebogen und bis zur Reuterstraße gelaufen. Dort, bei Kilometer 10,8 und nicht mehr weit vom Hermannplatz, war der Wendepunkt des Abstechers. An einer Brandwand steht das zweite große Wandbild des Tages.

Durch den Rollbergkiez zum Wasserturm

Die Reuterstraße bringt dich wieder nach Süden. Ich habe die Karl-Marx-Straße überquert und bin in den Rollbergkiez gelaufen. Keine 200 Meter östlich meines Wegs erinnert an der Isarstraße 8 eine Gedenktafel an die frühere Rixdorfer Synagoge im Hinterhof und an Rabbiner Georg Kantorowsky. Sie ist die letzte Station meiner zweiten Tour durch das jüdische Berlin. Bei Kilometer 12,2 steht an der Leykestraße der Wasserturm Neukölln: rund, aus Backstein, 40 Meter hoch, mit Rundbogenfries und Zinnenkranz wie ein mittelalterlicher Burgturm. Entworfen hat ihn Otto Techow, geplant wurde ab 1893. Rixdorf hatte 1887 einen Vertrag mit den Charlottenburger Wasserwerken geschlossen, und dies war der größte ihrer vier Wassertürme. Seit 1999 ist der Turm außer Betrieb und steht leer. Eine Burg, die nie jemand verteidigen musste.

Vom Turm bin ich erst nach Südosten, dann nach Südwesten durch Wohnstraßen zum S+U-Bahnhof Hermannstraße gegangen.

Der Eingang an der Hermannstraße ist ein grüner Glaspavillon mit doppeltem S-Bahn-Zeichen. Das alte Empfangsgebäude gibt es nicht mehr: Im Krieg schwer beschädigt, wurde es erst 1968/69 ausgebaut und im Februar 1971, noch bevor die Arbeiten fertig waren, doch abgerissen. Neben der S-Bahn liegen hier die Gleise der Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn. Ihr eigener Bahnsteig wurde Anfang 1955 geschlossen.

Über das Tempelhofer Feld

Hinter dem Bahnhof Hermannstraße bin ich zunächst südlich der Gleise nach Westen gegangen und dann nach Norden auf die Oderstraße gewechselt. Sie läuft am Ostrand des Tempelhofer Felds entlang. Hier stand 2021 noch die alte legale Graffitiwand, über zehn Jahre lang ein Treffpunkt der Szene. Im Frühjahr 2022 wurde sie abgebaut, weil sie nicht mehr standsicher war. Seit Februar 2023 gibt es eine neue Wand.

Bei Kilometer 15,6 bin ich auf das Feld gegangen. Geflogen wurde hier lange vor dem Flughafen: Schon 1909 kam Orville Wright mit seinem Motorflugzeug über Tempelhof auf 172 Meter Höhe. Der Flughafen Tempelhof wurde am 31. Oktober 2008 geschlossen, seit Mai 2010 ist das rund 300 Hektar große Gelände mit seinen zwei Start- und Landebahnen ein öffentlicher Park. 2014 haben die Berliner*innen in einem Volksentscheid dafür gestimmt, dass es unbebaut bleibt. Nach zehn Kilometern Neukölln ist das ein harter Wechsel: Plötzlich ist der Himmel sehr groß.

Ich habe den Südteil des Felds nach Westen durchquert. Die Ringbahn fährt direkt am Südrand entlang, weit weg von ihr war ich also nicht. An einer Wand gab es noch einmal Graffiti: unten ein gesprühtes Frauenporträt mit Seifenblasen, darüber der Schriftzug „93 til infinity“. Am Horizont stand das Flughafengebäude mit seinem Radarturm, es steht unter Denkmalschutz. Und im hohen, trockenen Gras weidete eine Schafherde. Was die Schafe auf einem Flugfeld machen, steht bei „Am Wegesrand“.

Am Tempelhofer Damm habe ich das Feld verlassen und stand vor der Bahnbrücke mit dem Schriftzug „BAHNHOF TEMPELHOF“. Oben fuhr gerade eine S-Bahn darüber.

Den Ringbahnsteig überspannt ein Brückenstellwerk.

Das letzte Stück zum Südkreuz

Vom Tempelhofer Damm sind es noch knapp anderthalb Kilometer. Ich bin nördlich der Gleise nach Westen gelaufen. Nicht weit vom Weg, am Werner-Voß-Damm 54a, liegt der Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße. In einer früheren Kaserne hatte die SA-Feldpolizei von März bis Dezember 1933 ihren Sitz und ihr Gefängnis. Im Keller wurden politische Gegner*innen verhört und gefoltert, einige zu Tode geprügelt. Die Haftkeller wurden 1992 wiederentdeckt, seit 2013 gibt es dort eine Dauerausstellung.

Kurz danach ist das Südkreuz erreicht, nach 19,7 Kilometern war für diesen Tag Schluss. Der Bahnhof, der bis 2006 Papestraße hieß, gehört an den Anfang von Teil 2, der von hier zum Westkreuz führt.

Am Wegesrand

Fluchttunnel an der Heidelberger Straße

An der Kreuzung von Elsenstraße und Heidelberger Straße lief die Grenze mitten durch ein Wohnviertel. Bis November 1962 kannte die Stasi allein in diesem Bereich neun Fluchttunnel. Einer führte von der Neuköllner Eckkneipe „Heidelberger Krug“ in den Keller eines Fotogeschäfts auf der Ostseite, durch ihn kamen 55 Menschen in den Westen. An ihn erinnert die Bodenplatte an der Kreuzung.

Ein anderer Tunnel begann im Keller der Heidelberger Straße 35 in Neukölln. Seit dem 21. März 1962 waren durch ihn Dutzende geflohen. Am 27. März 1962 wurde der West-Berliner Fleischer und Fluchthelfer Heinz Jercha im Haus Nummer 75 auf der Ostseite von Stasi-Leuten angeschossen. Er kroch durch den Tunnel zurück und starb kurz darauf im Westen, mit 27 Jahren. An der Heidelberger Straße erinnert eine Gedenktafel an ihn. Treptow hatte mit 17 Kilometern den längsten Mauerabschnitt der geteilten Stadt.

Der Straßenbahntunnel unter der Spree

Die Tunnelstraße auf Stralau, an der Dorfkirche und Friedhof liegen, hat ihren Namen von einem Bauwerk, das es nicht mehr gibt. Von hier fuhr eine Straßenbahn unter der Spree nach Treptow. Der Tunnel war 454 Meter lang, 200 Meter davon lagen unter dem Fluss, etwa zwölf Meter tief. Gebaut hat ihn eine Gesellschaft unter Führung der AEG, auch als Probestrecke für die geplante Berliner Untergrundbahn. Fertig sein sollte er zur Gewerbeausstellung 1896 im Treptower Park. Die erste Probefahrt gab es dann 1899. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Tunnel zugeschüttet.

Zwei Wandbilder von Innerfields

Gleich zweimal bin ich an diesem Tag an Arbeiten des Berliner Kollektivs Innerfields vorbeigekommen. An der Karl-Marx-Straße 101 halten zwei Hände in Handschellen ein Smartphone. Das Bild heißt „Cell Phone“, auf Deutsch „Zwang Haft“, und meint das zwanghafte Verhältnis zum eigenen Gerät. Es entstand am damaligen Parkhaus des Kaufhauses, wohl 2019, zusammen mit Arbeiten von neun weiteren Künstler*innen. Mehr dazu steht im Beitrag zum Wandbild.

An der Reuterstraße steigt eine Figur im gestreiften Hemd über einen Haufen aus Fernsehern nach oben und greift nach einem leuchtenden Bildschirm. Unten ist eine Gestalt mit Schnüren umwickelt. „Dein Fernseher lügt“ handelt davon, wie Massenmedien die Wahrnehmung prägen, angeregt von Guy Debords Kritik an der „Gesellschaft des Spektakels“. Auch dieses Bild hat einen eigenen Beitrag.

Schafe auf dem Flugfeld

Die Schafe auf dem Tempelhofer Feld sind Skudden, eine alte und gefährdete Landschafrasse. Sie gehören zu einem Pilotprojekt: Seit Mitte August 2019 weiden sie im eingezäunten Vogelschutzbereich im Südosten des Felds. 2020 waren es 56 Tiere, 2021 etwa 75. Die Saison hatte in diesem Jahr im März begonnen, ich habe die Herde also wenige Wochen nach dem Start gesehen. Über den Schafen brütet die Feldlerche, für die das Feld eines der wichtigsten Gebiete in Berlin ist: 2021 wurden 227 Reviere gezählt. Im Oktober 2021 gab es zum ersten Mal einen Schaftag.

Gut zu wissen

  • Einen markierten Weg um den S-Bahn-Ring gibt es nicht. Die Bahnhöfe sind die Fixpunkte, dazwischen suchst du dir den Weg selbst.
  • Die beiden Abstecher lassen sich weglassen: Stralau kostet gut zwei Kilometer, die Schleife über die Karl-Marx-Straße zum Rathaus und zur Reuterstraße rund zweieinhalb.
  • Abbrechen kannst du an jedem der fünf Bahnhöfe unterwegs. Der längste Abschnitt ohne Ringbahnhof liegt zwischen Neukölln und Hermannstraße, wenn du den Abstecher nach Norden mitläufst: gut fünf Kilometer.
  • Das Tempelhofer Feld ist nur tagsüber geöffnet, die Zeiten wechseln von Monat zu Monat. Zum Ende der Öffnungszeit werden die Eingänge geschlossen. Der Eintritt ist frei.
  • Im April 2021 galt in Berlin der Lockdown, Gaststätten durften nur außer Haus verkaufen. Deshalb kommt in diesem Bericht keine Einkehr vor. Heute gibt es an fast jedem Bahnhof Imbisse und Bäcker.
  • Am Ostkreuz ist die Stadtbahn bis 12. Dezember 2026 für Regional- und Fernzüge gesperrt. Die S-Bahn ist davon nicht betroffen.

Fazit

Am besten waren die Stücke, auf denen ich die Bahn verlassen habe: Stralau mit Wasser und Dorfkirche, der Richardplatz, das Tempelhofer Feld mit den Schafen. Dazwischen liegt viel Straße, vor allem auf der Elsenstraße, der Karl-Marx-Straße und hinter dem Bahnhof Hermannstraße. Das zieht sich, und leise ist es dort nicht.

Dafür wechselt alle zwei, drei Kilometer das Bild, und an jedem Bahnhof kannst du aufhören. Die Tour passt, wenn du Stadt magst und wissen willst, was zwischen den Stationen liegt, an denen du sonst nur vorbeifährst. Wald und Stille gibt es woanders.