Unterwegs zu Fuß

Berliner Ortsteile / Mitte / Moabit

MitteTiergartenHansaviertelCharlottenburgCharlottenburg-NordWedding

Moabit

Ortsteil im Bezirk Mitte · Runde 50 von 74

Moabit liegt im Westen des Bezirks Mitte, zwischen Spree, Westhafen und Hauptbahnhof. Am 5. März 2022 bin ich eine Runde von gut 14 Kilometern durch den Ortsteil gelaufen, vom Hauptbahnhof an der Europacity vorbei zum früheren Güterbahnhof, durch die Kieze um Stromstraße und Beusselstraße, an der Spree entlang und zurück über Kriminalgericht und Lehrter Straße.

Länge der Runde14,2 km
Gehzeit2:49 h
Gelaufen am5. März 2022
Einwohner*innen85.021
Fläche7,71 km²

Runde bei Komoot ansehen

Kurz gesagt

  • Den Namen gaben hugenottische Siedler*innen. Sie nannten das ihnen zugewiesene Land „terre de Moab“.
  • 1861 wurde Moabit nach Berlin eingemeindet. 1910 wohnten hier rund 190.000 Menschen, 1820 waren es noch 247.
  • Vom Güterbahnhof Moabit wurden ab 1941 über 30.000 Berliner Jüdinnen und Juden deportiert.
  • In Moabit stehen das Kriminalgericht, das Untersuchungsgefängnis und mehrere große Backsteinkirchen aus der Zeit um 1900.

Geschichte

Die Siedlungsgeschichte beginnt 1670 mit dem „Stakensetzerhaus“, einem Wirtshaus, das ein Hugenotte betrieb. Die hugenottischen Siedler*innen nannten ihr Land „terre de Moab“, Moabiterland. Ab 1717 versuchten sie, Maulbeerbäume für die Seidenraupenzucht anzubauen. Das klappte nicht, und 1724 lebten in Moabit erst 34 Menschen.

Um 1835 kam die Industrie. F. A. Schumann gründete in Alt-Moabit eine Porzellanmanufaktur, August Borsig baute 1847 ein Eisenwerk, das bis zum Umzug nach Tegel 1897 hier produzierte. Um 1850 traten höhere Vorstadthäuser an die Stelle der einstöckigen Kolonistenhäuser. 1858 wohnten in Moabit knapp 10.000 Menschen, 1910 rund 190.000. Zum 1. Januar 1861 wurde Moabit per königlicher Kabinettsorder eingemeindet, gegen den Willen der Berliner Stadtverordneten.

Mit der Stadt wuchsen die Kirchen. Schinkels St. Johannis von 1835 war eine von vier Vorstadtkirchen, die Friedrich Wilhelm III. im Norden Berlins bauen ließ. Um 1900 entwarfen die in Moabit ansässigen Architekten August Dinklage und Ernst Paulus gleich mehrere Kirchen im Ortsteil. Dazu kam die Justiz: 1849 das Zellengefängnis an der Lehrter Straße, 1881 das Untersuchungsgefängnis, 1906 das Kriminalgericht. Eine Justizreform von 1899 sah vor, die Berliner Landgerichte in Moabit zusammenzulegen.

Von Oktober 1941 bis zum Frühjahr 1945 wurden über 50.000 jüdische Menschen von Berliner Bahnhöfen deportiert, mehr als 30.000 davon vom Güterbahnhof Moabit. In den letzten Kriegstagen wurde um die Moltkebrücke gekämpft, als die sowjetische Armee von Moabit aus den Reichstag angriff.

Der Mauerbau schnitt die Bezirke Tiergarten, Wedding und Mitte von ihren alten Verbindungen ab. 2001 wurden die drei Bezirke zum neuen Bezirk Mitte zusammengelegt. Am Ostrand von Moabit eröffnete 2006 der Hauptbahnhof, auf dem Bahngelände dahinter entsteht die Europacity.

Was Moabit ausmacht

Moabit ist eine Insel. Spree, Charlottenburger Verbindungskanal, Westhafenkanal und Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal umschließen den Ortsteil, das Leitbild für die Turmstraße spricht von der „Moabiter Insel“. Die Turmstraße ist die alte Geschäftsstraße, in der Mitte liegt der rund sechs Hektar große Grünzug aus Kleinem Tiergarten und Ottopark. Drumherum stehen Mietshäuser aus der Kaiserzeit, in Kiezen wie dem Stephankiez und dem Beusselkiez.

Im Norden liegt hinter der Ringbahn der Westhafen. Er wurde 1914 bis 1923 gebaut und war bis zum Zweiten Weltkrieg der zweitgrößte Binnenhafen Deutschlands.

Orte, die sich lohnen

Hauptbahnhof

Meine Runde beginnt an der Nordseite des Hauptbahnhofs. Er wurde am 28. Mai 2006 eröffnet, gebaut wurde elf Jahre lang. Vorher lag hier der Lehrter Stadtbahnhof. Entworfen hat ihn Meinhard von Gerkan. Die beiden zwölfstöckigen Bügelbauten über den Glashallen sind 46 Meter hoch.

Europacity am Kanal

Hinter dem Bahnhof gehe ich nach Norden in die Europacity. Das Viertel entsteht auf früherem Gelände des Hamburger Bahnhofs und des Güterbahnhofs Lehrter Straße. Ihre neuen Straßen und Plätze tragen die Namen von Frauen und Männern wie Lisa Fittko, Annemarie Renger und Otto Weidt.

Die Europacity ist rund 40 Hektar groß und liegt am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal. Am Ufer entlang bin ich nach Norden gelaufen, Richtung Nordhafen, wo auch mein Pankeweg endet. Von hier führt der Kanal weiter Richtung Westhafen, der über diesen Kanal und den Westhafenkanal an die Wasserstraßen angeschlossen ist.

Güterbahnhof Moabit und Putlitzbrücke

Nach gut zwei Kilometern bin ich an der Quitzowstraße entlang nach Westen gegangen. Dort liegt auf dem früheren Bahngelände der Gedenkort Güterbahnhof Moabit, eingeweiht am 15. Juni 2017. Freigelegt sind Reste von Gleis 69 und der Deportationsrampe. Gestaltet hat ihn raumlaborberlin als Hain mit jungen Kiefern. Vom Güterbahnhof Moabit wurden die Deportierten über einen gepflasterten Weg zu den Gleisen 69, 81 und 82 getrieben und in Güterwagen gesperrt.

Danach führt die Runde über die Putlitzbrücke. Unten liegen die Gleise. Auf der Brücke steht seit 1987 ein Mahnmal von Volkmar Haase.

Stromstraße und Stephankiez

An der Stromstraße biegt die Runde nach Süden ab. An der Hauswand der Nummer 36 malten Herakut, Wes21 und Onur 2018 einen Jungen mit einem angeketteten Elefanten.

Ein paar Ecken weiter steht an der Perleberger Straße die Heilige-Geist-Kirche. Sie wurde 1905 und 1906 gebaut und ist der Mittelpunkt des Stephankiezes, der damals schnell wuchs und eine eigene Pfarrkirche brauchte. Entworfen haben sie Dinklage und Paulus. Der Turm ist 78 Meter hoch, zwei runde Treppentürme stehen links und rechts vom Eingang. Innen ist der Raum sechseckig, Altar, Kanzel und Orgel sitzen übereinander an einer Seite, wie in den Kanzelaltären des 18. Jahrhunderts.

In der Lübecker Straße kommt gleich das nächste Wandbild, „Mother Earth“ von Wandal.

Kleiner Tiergarten und Heilandskirche

Südlich der Turmstraße liegt der Kleine Tiergarten. Zusammen mit dem Ottopark wurde er bis 2018 mit den Anwohner*innen neu gestaltet. An der Thusnelda-Allee steht die Heilandskirche, gebaut 1892 bis 1894 von Friedrich Schulze. Nach schweren Kriegsschäden wurde sie 1960 wieder eingeweiht.

St. Paulus

Über die Turmstraße geht es nach Westen und dann nach Norden in die Oldenburger Straße. An der Ecke zur Waldenserstraße steht die katholische Kirche St. Paulus mit dem Kloster der Dominikaner. Engelbert Seibertz hat sie 1892 und 1893 gebaut, mit zwei schlanken Türmen, einer Fensterrose und einem Staffelgiebel nach dem Vorbild märkischer Backsteinkirchen.

Reformationskirche

Durch den Beusselkiez komme ich zur Reformationskirche an der Ecke Beusselstraße und Wiclefstraße. Sie gilt als Wahrzeichen des Beusselkiezes. Den ersten Entwurf machte Ernst Schwartzkopff, er starb aber kurz nach der Grundsteinlegung. Dinklage und Paulus haben die Pläne dann gründlich überarbeitet. Die Kirche wurde 1905 bis 1907 gebaut, nach Kriegsschäden bis 1953 vereinfacht wieder aufgebaut. Der hohe Turmhelm fehlt seitdem.

Über dem Portal an der Beusselstraße steht eine Sandsteinfigur von Martin Luther, nach dem Vorbild des Lutherdenkmals von Ernst Rietschel in Worms. Im März 2022 trug Luther eine Maske in Blau und Gelb.

Erlöserkirche und Spree

Am Westrand von Moabit geht die Runde ein Stück am Charlottenburger Verbindungskanal entlang bis zur Spree. Am Wikingerufer, nahe der Gotzkowskybrücke, steht die Erlöserkirche, die dritte Kirche von Dinklage und Paulus auf dieser Runde, hier zusammen mit Olaf Lilloe. Gebaut wurde sie 1909 bis 1912. Ihr breiter Turm mit zwei kurzen Aufsätzen erinnert an den Dom in Stendal. Im Krieg wurde sie bis auf die Außenmauern zerstört und 1952 bis 1954 vereinfacht wieder aufgebaut.

Danach bin ich über die Spree gegangen, ein Stück auf der anderen Seite entlang bis ins Hansaviertel und von dort wieder zurück nach Moabit.

Meierei Bolle

An der Straße Alt-Moabit hatte Carl Bolle seine Meierei. Ab 1886 baute er sie auf dem Grundstück Alt-Moabit 99 bis 103 auf. Seine Milchwagen waren weiß, und an jedem hing eine Glocke, mit der die Kundschaft gerufen wurde. Deshalb hieß er „Bimmel-Bolle“. Am Haus Alt-Moabit 98 erinnert seit 2015 eine Gedenktafel an ihn. Nebenan standen im März 2022 große Bürobauten aus Glas um einen Innenhof.

St. Johannis

Wo die Kirchstraße auf Alt-Moabit trifft, steht St. Johannis am Rand des Kleinen Tiergartens. Karl Friedrich Schinkel hat die Kirche 1832 bis 1835 gebaut, als schlichte Backsteinkirche ohne Turm. Friedrich August Stüler setzte 1851 bis 1857 die offene Vorhalle mit dem Torbogen und den Figuren davor, dazu einen Arkadengang, Pfarrhaus, Schule und einen Turm nach italienischem Vorbild. Nach schweren Kriegsschäden wurde die Kirche bis 1957 wieder aufgebaut. Drinnen steht eine Triumphkreuzgruppe aus dem 15. Jahrhundert aus der zerstörten Franziskaner-Klosterkirche in Mitte.

Mehr über die Kirche steht in meinem Beitrag über St. Johannis.

Kriminalgericht und Untersuchungsgefängnis

Von der Kirchstraße geht es hinüber zur Turmstraße. Das Kriminalgericht wurde 1902 bis 1906 gebaut, weil das alte Gericht an der Rathenower Straße zu klein geworden war. Die Front zur Turmstraße ist etwa 210 Meter lang und hat zwei rund 60 Meter hohe Türme. Der Bau gilt als eines der bedeutendsten Gebäude der wilhelminischen Architektur.

Direkt neben dem Gericht liegt das Untersuchungsgefängnis, heute die Justizvollzugsanstalt Moabit. An seiner Mauer bin ich entlanggegangen. Das „Königliche Untersuchungsgefängnis“ wurde 1877 bis 1881 gebaut, sternförmig mit fünf Flügeln um eine Halle mit Kuppel. Hier saßen unter anderem Georgi Dimitroff und Ernst Thälmann. Die Anstalt steht unter Denkmalschutz.

Mehr über das Gericht steht in meinem Beitrag über das Kriminalgericht Moabit.

Geschichtspark Zellengefängnis

Über die Lehrter Straße bin ich nach Norden gelaufen und auf dem Rückweg durch den Geschichtspark Zellengefängnis Moabit gegangen. Das Gefängnis wurde 1842 bis 1849 nach dem Vorbild von Pentonville in London gebaut, die Gefangenen durften nicht miteinander sprechen. 1955 wurde es geschlossen und bis 1958 abgerissen. Seit 2006 zeichnet der Park den Grundriss nach, mit Rasenflächen für die Zellenflügel und einer begehbaren Zelle aus Betonwänden in Originalgröße.

Im Winter 1944/45 saß hier Albrecht Haushofer und schrieb die „Moabiter Sonette“. In den Nächten zum 23. und 24. April 1945 wurden er und 15 weitere politische Häftlinge, darunter Klaus Bonhoeffer, auf das nahe ULAP-Gelände gebracht und erschossen. Von hier sind es nur noch ein paar hundert Meter zurück zum Hauptbahnhof.

Moltkebrücke

Ein kurzer Abstecher vom Hauptbahnhof nach Süden führt an die Spree zur Moltkebrücke. Sie wurde 1888 bis 1891 gebaut und ist reich geschmückt. Greifen von Carl Piper halten Wappenschilde, darunter das Wappen der Familie Moltke und das von Moltkes Geburtsstadt Parchim. Auf der anderen Seite beginnt der Ortsteil Tiergarten.

Meine Runde

Meine Runde ist 14,2 Kilometer lang, ich war knapp drei Stunden unterwegs. Start und Ziel ist der Hauptbahnhof. Die Runde führt durch die Europacity und am Kanal nach Norden, an der Ringbahn entlang und über die Putlitzbrücke in den Stephankiez, über die Turmstraße in den Beusselkiez und an Kanal und Spree entlang. Zwischen Gotzkowskybrücke und Alt-Moabit verlässt sie Moabit kurz auf die andere Seite der Spree. Zurück geht es über Alt-Moabit, Turmstraße und Lehrter Straße. Die U-Bahnhöfe Turmstraße und Birkenstraße und die S-Bahnhöfe Westhafen und Beusselstraße liegen nah an der Runde.

Runde bei Komoot ansehen

Am Wegesrand

Der Moabiter Klostersturm. Ceslaus von Robiano gründete das Dominikanerkloster schon 1867. Beim „Moabiter Klostersturm“ 1869 verwüsteten aufgebrachte Anwohner*innen die Niederlassung. Das Kloster wurde aufgelöst und erst 1889 neu gegründet.

Wasser in der Kuppel. Das Kriminalgericht hat an der Ecke zur Rathenower Straße eine 48 Meter hohe Kuppel. Sie ist nicht nur Schmuck, in ihr steckt ein Wasserbehälter.

Maulbeerbäume im Gefängnishof. Im Geschichtspark Zellengefängnis stehen weiße Maulbeerbäume. Sie erinnern an die früheren Moabiter Maulbeerplantagen, mit denen Hugenott*innen ab 1717 Seide gewinnen wollten.

Der Hauptmann saß auch hier. Wilhelm Voigt, später als „Hauptmann von Köpenick“ bekannt, saß von 1866 bis 1869 im Zellengefängnis an der Lehrter Straße.

Zeitungen im Kornspeicher. Der Getreidespeicher im Westhafen fasste 30.000 Tonnen und zählte zu den größten Speichern Europas. Heute lagert darin die Zeitungsabteilung der Staatsbibliothek.

Gut zu wissen

Mit der Bahn: Start und Ziel ist der Hauptbahnhof (S3, S5, S7, S9, U5, Regional- und Fernverkehr).

Geschichtspark Zellengefängnis: Eingänge an der Invalidenstraße, der Lehrter Straße und der Minna-Cauer-Straße, im Sommer täglich bis 21 Uhr, im Winter bis 16 Uhr geöffnet.

Mehr auf dieser Seite: Über das Mahnmal auf der Putlitzbrücke habe ich einen eigenen Beitrag geschrieben, ebenso über das Mahnmal in der Levetzowstraße, wo die Synagoge ab 1941 als Sammellager für die Deportationen diente. Moabit kommt auch in meiner Reihe über das jüdische Berlin vor, im Teil Charlottenburg und Mitte und im Teil Gesundbrunnen bis Hohenschönhausen. Eigene Beiträge gibt es auch zum Jungen mit dem Elefanten von Herakut, Wes21 und Onur in der Stromstraße, zu „Mother Earth“ von Wandal in der Lübecker Straße und zu „This Game Called Life“ von Herakut in der Sickingenstraße. Der dritte Teil meiner Runde um den S-Bahn-Ring führt an Moabit vorbei, und mein Pankeweg endet am Nordhafen.

Von Moabit aus weiter

6 Ortsteile grenzen an, mit Richtung und Entfernung von Mitte zu Mitte.

Mitte3,8 km im OstenTiergarten2,3 km im SüdostenHansaviertel1,2 km im Süden
Charlottenburg3,0 km im Südwesten · Beitrag folgt
Charlottenburg-Nord3,3 km im Westen · Beitrag folgt
Wedding2,4 km im Norden

Alle Berliner Ortsteile