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Hansaviertel
Ortsteil im Bezirk Mitte · Runde 24 von 74
Das Hansaviertel ist ein kleiner Ortsteil zwischen Spree und Tiergarten. Am 10. Oktober 2021 bin ich hier eine Runde von knapp 4 Kilometern gelaufen. Die erste Hälfte führt durch die Reste des alten Viertels an der Spree, die zweite durch die Bauten der Interbau von 1957.
Kurz gesagt
- Das Hansaviertel wurde 1874 als Wohngebiet auf den Schöneberger Wiesen gegründet. Den Namen hat es vom Hansaplatz.
- Im November 1943 wurde das Viertel bei Luftangriffen fast vollständig zerstört.
- Zur Interbau 1957 entstand ein neues Viertel im Grünen, mit Häusern unter anderem von Walter Gropius, Alvar Aalto und Oscar Niemeyer.
- Heute wohnen im Hansaviertel rund 6.100 Menschen.
Geschichte
Wo heute das Hansaviertel liegt, waren Ende des 18. Jahrhunderts noch die Schöneberger Wiesen, unbebautes Land, das bei Hochwasser überschwemmt wurde. Die Berlin-Hamburger Immobilien-Gesellschaft legte einen Bebauungsplan vor, den eine königliche Ordre am 21. März 1874 bestätigte. Der sternförmige Platz in der Mitte bekam 1879 den Namen Hansaplatz, in Erinnerung an die Gesellschaft und an Berlins hanseatische Tradition. Von 1877 bis 1882 wurde die Stadtbahn gebaut. Ihr Viadukt teilt das Viertel bis heute in zwei Teile.
Um 1900 hatte das Hansaviertel knapp 18.000 Einwohner*innen. Es war eine gute Adresse, gebaut haben hier unter anderem Ernst von Ihne und Alfred Messel. Die Synagoge in der Lessingstraße wurde beim Pogrom im November 1938 angezündet und 1939 abgerissen. Im November 1943 trafen Bomben das Viertel. Bei Kriegsende lagen von 343 Gebäuden rund 300 in Trümmern.
Im Dezember 1953 beschloss der Senat eine „Internationale Bauausstellung am Rand des Großen Tiergartens“. Die Gesamtleitung hatte Otto Bartning, beteiligt waren 48 Architekten und Gartenarchitekten aus 14 Ländern. Die Interbau war als Gegenentwurf zur Stalinallee in Ost-Berlin gedacht. Als sie im Juli 1957 eröffnete, war erst ein Drittel der Häuser fertig, trotzdem kamen fast eine Million Besucher*innen. Gebaut wurde bis 1960.
Bis 2000 gehörte das Hansaviertel zum Bezirk Tiergarten, seit 2001 ist es ein Ortsteil von Mitte. Berlin wollte die Karl-Marx-Allee und die Interbau gemeinsam zum Welterbe machen, im Dezember 2023 kam der Vorschlag aber nicht auf die deutsche Tentativliste.
Was das Hansaviertel ausmacht
Eigentlich gibt es zwei Hansaviertel. Nördlich der Stadtbahn, am Holsteiner Ufer und in der Claudiusstraße, stehen noch Mietshäuser aus der Kaiserzeit. Südlich liegt die Interbau mit Hochhäusern, Scheibenhäusern und flachen Einfamilienhäusern, locker verteilt im Grünen. Vor dem Krieg kam auf ein Teil bebaute Fläche anderthalb Teile Freifläche, danach waren es fünfeinhalb. Die Grenze zum Tiergarten wurde bewusst aufgelöst.
Die Grünflächen sind ein Gartendenkmal. Entworfen haben sie zehn Landschaftsarchitekt*innen in Zweierteams, jeweils mit einem Mitglied aus Deutschland und einem aus dem Ausland. In fast allen Straßen liegen Stolpersteine, oft vor Neubauten, die an Stelle der zerstörten Häuser stehen.
Orte, die sich lohnen
S-Bahnhof Bellevue
Meine Runde beginnt und endet am S-Bahnhof Bellevue, gebaut 1879 bis 1882 nach Plänen von Johann Eduard Jacobsthal. Weil gleich daneben das vornehme Hansaviertel und Schloss Bellevue lagen, fiel er aufwendiger aus als andere Stadtbahnhöfe. Zusammen mit dem Hackeschen Markt gehört er zu den letzten erhaltenen alten Bahnhöfen der Stadtbahn.
Moabiter Brücke
Wenige hundert Meter weiter führt die Moabiter Brücke von 1894 über die Spree nach Moabit. Auf ihr standen vier Bronzebären, die bei den Berliner*innen sehr beliebt waren und im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen wurden. Weil immer wieder nach neuen Bären gefragt wurde, gab es 1979 einen Wettbewerb. Günter Anlauf gewann mit vier schreitenden, stark vereinfachten Bären aus Eisen, eingeweiht am 2. November 1981.

Holsteiner Ufer und Claudiusstraße
Am Holsteiner Ufer ist eine geschlossene Häuserreihe des alten Hansaviertels erhalten, mit Vorgärten zur Spree. Um die Lage am Wasser zu nutzen, bauten die Bauherren ein Souterrain und vier Geschosse, obwohl nur drei erlaubt waren. In der Claudiusstraße 5 gibt es noch mehr Bären. Über dem Portal des Backsteinhauses von 1893 halten steinerne Bären Wappenschilde.
Vor dem Holsteiner Ufer 9 liegt ein Stolperstein für Max Baron. Er hatte bis 1931/32 eine Buchhandlung Unter den Linden und führte hier zuletzt ein Geschäft für Spielkarten. Am 14. November 1941 wurde er nach Minsk deportiert und ermordet.
Lessingstraße
An der Lessingbrücke vorbei geht es in die Lessingstraße. Die Hansa-Schule an der Nummer 5 vertrat auf der Interbau den modernen Schulbau. Ihr Westflügel steht auf runden Stützen, damit das Grün vom Spreeufer ins Schulgelände reicht. Am Ufer davor steht der Brunnen „Lehrflug“ von 1958.
Vor der Nummer 16 liegt ein Stolperstein für den Richter Rudolf Caspary. Im Mai 1943 besorgte er für zwei Verfolgte Blanko-Ausweisformulare, mit denen beide in die Schweiz flohen. Er selbst wurde im September 1943 verhaftet und am 9. März 1944 nach Auschwitz deportiert.
Hand mit Uhr
An der Ecke zur Altonaer Straße steht die „Hand mit Uhr“ von Joachim Schmettau, rund 4,5 Meter hoch und 1975 eingeweiht. 2008 wurde sie abgebaut und restauriert, seit 2012 steht sie wieder. Zur Bedeutung hat sich Schmettau nicht geäußert.

Mehr über die Skulptur steht in meinem Beitrag über die Hand mit Uhr.
Siegmunds Hof
Über das Schleswiger Ufer und die Flotowstraße komme ich zum Siegmunds Hof. Hier steht das Studentendorf, gebaut 1959 bis 1961 mit Spenden aus den USA. Es sollte Studierenden aus der DDR günstige Zimmer bieten. Das zwölfgeschossige Hochhaus an der Spreebrücke hat Klaus H. Ernst entworfen.

Am Siegmunds Hof 11 hatte die jüdische Gemeinde Adass Jisroel ab 1924 ihre Schulen und eine Synagoge. Daran erinnert seit 1986 ein Mahnmal von Georg Seibert, Pfeiler aus Stahl in der Form eines Leuchters. Auf der Tafel steht: „1939 wurden alle Gemeindeeinrichtungen von den Nazis zerschlagen“. Bestellt hatte das Mahnmal der Bezirk Tiergarten, nicht die Gemeinde.
Giraffe und Klopstockstraße
Am Wullenwebersteg vorbei geht es zum S-Bahnhof Tiergarten und unter der Stadtbahn hindurch in die Interbau. Das erste Hochhaus ist die „Giraffe“ in der Klopstockstraße 2, 17 Geschosse hoch, gebaut 1955 bis 1957 von Klaus Müller-Rehm und Gerhard Siegmann. Ihren Namen hat sie vom Lokal im Erdgeschoss.
Vor der Klopstockstraße 18 erinnert ein Stolperstein an Werner Scholem, der ab 1927 hier wohnte, damals unter der Adresse Klopstockstraße 7. Er war als jüngstes Mitglied für die KPD in den Reichstag gekommen. Am 17. Juli 1940 wurde er im KZ Buchenwald erschossen.
Gropius-Haus und Händelallee
An der Händelallee steht das Gropius-Haus, ein leicht geschwungenes Wohnhaus mit neun Geschossen, gebaut von Walter Gropius und seinem Büro The Architects Collaborative. Weiter an der Straße stehen flache Häuser mit Gartenhöfen, darunter vier Einfamilienhäuser von Arne Jacobsen.

Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche
Die erste Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche wurde ab 1892 gebaut und im November 1943 zerstört. Die neue Kirche von Ludwig Lemmer steht auf den alten Fundamenten und wurde am 10. Juli 1957 mit Bundespräsident Theodor Heuss eingeweiht. Der offene Turm ist 68 Meter hoch, die Glaswand stammt von Georg Meistermann.

Mehr über die Kirche steht in meinem Beitrag über die Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche.
Hansabibliothek und U-Bahnhof Hansaplatz
Die Hansabibliothek hat Werner Düttmann 1957 als Freihandbücherei nach amerikanischem Vorbild gebaut, mit Regalen, an die alle selbst herankommen. Die Räume liegen um einen Innenhof, ein Fenster lässt sich mit einer Kurbel ganz versenken.
Am Ausgang des U-Bahnhofs Hansaplatz auf der Seite der Bibliothek ist das „Fenster der Erinnerung“. Zwischen zwei Glasscheiben stehen die Namen von 1.030 jüdischen Bewohner*innen des Hansaviertels.

Hansaplatz
Nicht weit vom Hansaplatz steht das achtgeschossige Haus von Alvar Aalto. Die Wohnungen sind um einen zentralen „Allraum“ angeordnet. Die katholische Kirche St. Ansgar ist das Gegenstück zur evangelischen Kirche, die Glocken beider Kirchen sind aufeinander abgestimmt.
Am Platz liegt das flache Ladenzentrum von 1957. Im früheren Kino Bellevue spielt seit 1974 das GRIPS Theater, im April 1986 hatte hier „Linie 1“ Premiere. Gegenüber steht Hans Uhlmanns fünf Meter hohe Plastik aus Edelstahl. Sie gewann den Skulpturenwettbewerb der Interbau, und du kannst durch sie hindurchgehen.
Niemeyer-Haus
In der Altonaer Straße steht das Haus des Brasilianers Oscar Niemeyer, eine achtgeschossige Scheibe auf V-förmigen Stützen. Der Aufzug steckt in einem frei stehenden Turm und hält nur im fünften und siebten Stock. Nordwestlich davon liegt eine Liegende aus Bronze von 1958, gemacht von seinem Landsmann Alfredo Ceschiatti.
Akademie der Künste
Am Hanseatenweg steht die Akademie der Künste, gebaut 1959 bis 1960 von Werner Düttmann. Bezahlt hat den Bau Henry H. Reichhold, ein gebürtiger Berliner mit einer Chemiefabrik in Detroit. Vor dem Eingang liegt die „Liegende“ von Henry Moore aus dem Jahr 1956.

Mehr über den Bau steht in meinem Beitrag über die Akademie der Künste.
Bartningallee
Durch die Bartningallee geht es zurück zum Bahnhof Bellevue. An ihr stehen die Hochhaustürme der Interbau, 16 und 17 Geschosse hoch.


Wo heute das Haus Bartningallee 7 steht, stand früher die Klopstockstraße 30. Von 1939 bis 1945 lebten dort mindestens 86 Jüdinnen und Juden, 37 von ihnen wurden zwangsweise eingewiesen. Fast alle wurden deportiert und ermordet. Zwei Kacheln im Hausflur zeigen den Grundriss des alten Hauses und erinnern an Elsbeth Graetz, die 1943 in Theresienstadt starb.
Meine Runde
Meine Runde ist 3,8 Kilometer lang, in Bewegung war ich knapp eine Stunde. Sie beginnt und endet am S-Bahnhof Bellevue. Die erste Hälfte führt an der Spree entlang durch das alte Hansaviertel bis zum Siegmunds Hof, die zweite vom S-Bahnhof Tiergarten durch die Interbau zurück. Gleich danach bin ich weiter durch den Tiergarten gelaufen.
Am Wegesrand
St. Aluminium. Für die Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche spendete die Aluminiumindustrie 30 Tonnen Metall, daher der Spitzname „St. Aluminium“. Die Glocken stifteten Hamburg, Bremen und Lübeck, den Altar Bundeskanzler Adenauer.
Höher als die Siegessäule. Der Kirchturm sollte eigentlich 85 Meter hoch werden, damit er die Siegessäule überragt. Gebaut wurden 68 Meter.
Everything Counts. 1983 stand die Band Depeche Mode für das Video zu „Everything Counts“ an der Hand mit Uhr.
Mit der Seilbahn über die Baustelle. Zur Interbau gab es eine eigens gebaute Seilbahn. Von ihr aus konnten die Besucher*innen auf die Häuser schauen, von denen viele noch im Bau waren.
Gut zu wissen
Mit der Bahn: Die S-Bahnhöfe Bellevue und Tiergarten an der Stadtbahn liegen beide an der Runde, ebenso der U-Bahnhof Hansaplatz (U9).
Mehr auf dieser Seite: Die Tour Jüdisches Berlin von Charlottenburg nach Mitte aus meiner Reihe über das jüdische Berlin kommt am Gedenkort für Adass Jisroel am Siegmunds Hof und an der früheren Synagoge in der Lessingstraße vorbei. Gleich jenseits der Spree steht das Mahnmal in der Levetzowstraße. Die Synagoge dort wurde 1941 zum Sammellager für die Deportationen. Südlich schließt der Tiergarten an, nördlich der Spree liegt Moabit.
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