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Tiergarten
Ortsteil im Bezirk Mitte · Runde 25 von 74
Zum Ortsteil Tiergarten gehören der große Park, das Regierungsviertel im Spreebogen und im Süden das Kulturforum und der westliche Teil des Potsdamer Platzes. Meine Runde vom 10. Oktober 2021 ist 12,4 Kilometer lang. Sie beginnt am S-Bahnhof Bellevue, führt quer durch den Park zum Reichstag, über den Potsdamer Platz ins Diplomatenviertel und zurück zur Siegessäule.
Kurz gesagt
- Der Große Tiergarten war erst ein kurfürstliches Wildgatter, dann Jagdrevier der Hohenzollern. Zum Landschaftspark machte ihn Peter Joseph Lenné.
- Im Ortsteil liegen das Reichstagsgebäude, das Bundeskanzleramt und Schloss Bellevue, der Sitz des Bundespräsidenten.
- Südlich des Parks lag ein Villenviertel. Ab 1938 wurde sein westlicher Teil zum Diplomatenviertel, im östlichen Teil wurde für die geplante Nord-Süd-Achse abgerissen.
- Bis 1990 gehörte Tiergarten zu West-Berlin, zum britischen Sektor. Bis Ende 2000 war es ein eigener Bezirk.
Geschichte
Der Park ist älter als der Ortsteil. Er ging aus einem kurfürstlichen Wildgatter hervor, wurde später Jagdrevier der Hohenzollern und unter Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff im 18. Jahrhundert zu einem barocken Lustwald. Ab 1833 baute Peter Joseph Lenné ihn zu einem Landschaftspark um, ab 1845 entstand der Neue See.
Am Südrand des Parks genehmigte der König 1828 einen Bebauungsplan. Aus dem Ausflugsort wurde eine Villenkolonie, in der unter anderem Jacob und Wilhelm Grimm und Adolph von Menzel wohnten. Um 1900 wohnten hier Industrielle, Verleger, Sammler und viele Künstler*innen, Salons prägten das Leben im Viertel. Das Miteinander war vielfältig und jüdisch geprägt.
In der NS-Zeit wurden viele Häuser enteignet und abgerissen, oft von jüdischen Eigentümer*innen, um Platz für die geplante Nord-Süd-Achse der „Reichshauptstadt Germania“ zu schaffen. Der westliche Teil wurde zum Diplomatenviertel, ab 1938 entstanden dort viele Botschaften. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Bebauung fast vollständig zerstört. Den Park holzten die Berliner*innen in den ersten Nachkriegsjahren für Brennholz ab, auf Teilen wuchsen Kartoffeln.
Tiergarten gehörte zum britischen Sektor. Am Reichstag und am Potsdamer Platz stand von 1961 bis 1989 die Mauer direkt am Rand des Ortsteils, über den Potsdamer Platz lief sie mitten hinweg. Nach der Wiedervereinigung entstand im Spreebogen das Regierungsviertel. Mit der Bezirksfusion am 1. Januar 2001 wurde der Bezirk Tiergarten ein Ortsteil des neuen Bezirks Mitte.
Was Tiergarten ausmacht
Den größten Teil des Ortsteils nimmt der Große Tiergarten ein, etwa drei Quadratkilometer Park mitten in der Stadt. Quer hindurch führt die Straße des 17. Juni. Auf ihr fanden die Loveparade und die Fanmeilen der Fußballweltmeisterschaften statt, seit 1989 jedes Jahr die Silvesterparty.
Im Norden, im Spreebogen, liegt das Regierungsviertel mit Reichstag, Kanzleramt und den Bürobauten des Bundestags. Im Süden liegen das Kulturforum und der Potsdamer Platz. Weiter westlich, entlang der Tiergartenstraße und am Landwehrkanal, liegt das Botschaftsviertel.
Orte, die sich lohnen
Englischer Garten
Vom S-Bahnhof Bellevue bin ich zuerst nach Süden in den Englischen Garten gegangen. Nach dem Krieg rief der britische Stadtkommandant zu Pflanzenspenden auf. Ein Teil der Bäume und Sträucher kam aus den Gärten von Windsor Castle. Am 29. Mai 1952 übergaben der britische Außenminister Anthony Eden und der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter den Garten der Öffentlichkeit. Die Berliner*innen nannten ihn „Garten Eden“.

Das Teehaus wurde 1952 gebaut. Im September 2024 brannte es, das Dach stürzte weitgehend ein.
Großer Stern
Am Großen Stern stehen drei Denkmäler. Das größte ist das Bismarck-Nationaldenkmal von Reinhold Begas, entstanden 1897 bis 1901. Es stand ursprünglich vor dem Reichstag. Um Bismarck herum sitzen allegorische Figuren der Reichsgründung. Daneben stehen Roon in Bronze von Harro Magnussen und Moltke in Marmor von Joseph Uphues, enthüllt 1905.

Schloss Bellevue
Ein paar hundert Meter weiter liegt am Spreeweg Schloss Bellevue. Prinz August Ferdinand von Preußen ließ es 1785 und 1786 als Sommersitz bauen, nach einem Entwurf von Michael Philipp Daniel Boumann. Es gilt als erster klassizistischer Schlossbau in Preußen. Ab 1938 war es Gästehaus des Deutschen Reichs. Im Krieg wurde vor allem der Hauptbau durch Bomben stark zerstört, 1954 bis 1959 wurde er wieder aufgebaut. Heute ist das Schloss der Amtssitz des Bundespräsidenten.

Haus der Kulturen der Welt
Durch den Park geht es weiter nach Osten zur früheren Kongresshalle an der John-Foster-Dulles-Allee. Sie war der amerikanische Beitrag zur Interbau 1957, entworfen von Hugh Stubbins. Der Standort sollte die Verbindung West-Berlins mit der freien Welt zeigen. Am 21. Mai 1980 brach durch Materialermüdung der südliche Rand des geschwungenen Dachs ab. Bis 1987 wurde das Dach neu gebaut, diesmal frei tragend, so wie es ursprünglich gedacht war. Heute ist hier das Haus der Kulturen der Welt.

Davor steht die Bronzeplastik „Large Divided Oval: Butterfly“ von Henry Moore. Sie wurde 1987 zur 750-Jahr-Feier Berlins aufgestellt und ist seine letzte öffentliche Arbeit.
Mehr über den Bau steht in meinem Beitrag über das Haus der Kulturen der Welt.
Kanzleramt und Paul-Löbe-Haus
Am Kanzleramt vorbei bin ich über die Moltkebrücke, die schon zu Moabit gehört, auf die andere Seite der Spree gegangen, ein Stück am Ufer entlang und über die nächste Brücke zurück. Das Band des Bundes verbindet hier die beiden Ufer der Spree, der früheren Grenze zwischen Ost und West. Das Kanzleramt haben Axel Schultes und Charlotte Frank entworfen, gebaut wurde es ab 1997, bezogen 2001. Im Hof davor steht die Skulptur „Berlin“ von Eduardo Chillida.

Zwischen Kanzleramt und Reichstag liegt das Paul-Löbe-Haus von Stephan Braunfels. Darin sitzen die Ausschüsse des Bundestags, die meisten tagen in den acht gläsernen Zylindern. Im Juli 2001 begann der Einzug. Ich bin an beiden Längsseiten vorbeigegangen. Das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus auf der anderen Seite der Spree gehört schon zu Mitte.
Reichstagsgebäude und Weiße Kreuze
Das Reichstagsgebäude hat Paul Wallot entworfen. 1884 legte Kaiser Wilhelm I. den Grundstein, 1894 wurde es eingeweiht. 1933 brannte der Plenarsaal nach einer Brandstiftung aus, in den letzten Kriegstagen wurde um das Haus gekämpft, die Kuppel wurde 1954 gesprengt. Nach dem Wiederaufbau baute Norman Foster es von 1995 bis 1999 für den Bundestag um, mit der neuen Kuppel über dem Plenarsaal.

An der Spree beim Reichstag traf früher die Grenzmauer auf das Ufer. Hier erinnern die Weißen Kreuze an Menschen, die bei der Flucht nach West-Berlin ums Leben kamen. Die ersten Kreuze stellte der Berliner Bürger-Verein 1971 auf, zum zehnten Jahrestag des Mauerbaus.
Mehr über das Gebäude steht in meinem Beitrag über das Reichstagsgebäude.
Sowjetisches Ehrenmal
An der Ebertstraße bin ich nach Süden gegangen, bis zum Brandenburger Tor, das zu Mitte gehört, und dann auf der Straße des 17. Juni wieder in den Park. Gleich am Anfang steht das Sowjetische Ehrenmal. Deutsche Arbeitskräfte bauten es 1945 und 1946 auf Befehl der Roten Armee. Eingeweiht wurde es am 11. November 1945, damals noch mit einer Figur aus Gips. Im Garten dahinter liegen 2.500 gefallene Soldaten.

Bis 1990 war das Ehrenmal eine sowjetische Enklave im britischen Sektor. Von 1961 bis 1990 war es mit Stacheldraht umgeben und wurde von britischen Militärwachen gesichert.
Mehr über das Ehrenmal steht in meinem Beitrag über das Sowjetische Ehrenmal im Tiergarten.
Kulturforum und Philharmonie
Quer durch den Park bin ich nach Süden zum Kulturforum gelaufen. Es war als West-Berliner Gegenstück zur Museumsinsel gedacht, den Plan dafür machte Hans Scharoun. Als er 1972 starb, waren erst die Philharmonie und die Neue Nationalgalerie fertig. Ganz fertig wurde das Kulturforum nie.

Die Philharmonie wurde am 15. Oktober 1963 eröffnet. Scharoun setzte das Orchester nicht vor das Publikum, sondern in die Mitte. Das war zuerst heftig umstritten.
Mehr über den Konzertsaal steht in meinem Beitrag über die Philharmonie.
Potsdamer Platz
Von der Philharmonie ist es nicht weit zum Potsdamer Platz. Nach der Wende wuchs hier auf dem früheren Niemandsland ein neues Viertel. Der Kollhoff-Tower ist 103 Meter hoch, gebaut wurde er bis 1999 nach dem Vorbild amerikanischer Hochhäuser der 1920er Jahre. Oben ist eine Aussichtsplattform, der Panoramapunkt.

Den Plan für das frühere Daimler-Areal hat Renzo Piano gemacht. Dazu gehört das frühere Debis-Haus, oben auf seinem Turm sitzt noch das würfelförmige Logo.

Neue Nationalgalerie und St.-Matthäus-Kirche
Am Landwehrkanal entlang bin ich zurück zum Kulturforum gegangen, an der Neuen Nationalgalerie vorbei. Sie ist der einzige Nachkriegsbau von Ludwig Mies van der Rohe in Deutschland, eröffnet 1968. Von 2015 an wurde sie von David Chipperfield Architects saniert und am 22. August 2021 wieder eröffnet, sieben Wochen vor meiner Runde.
Gleich dahinter steht die St.-Matthäus-Kirche von Friedrich August Stüler, gebaut 1844 bis 1846 im Rundbogenstil, mit Streifen aus dunkelroten Ziegeln. Sie sollte der Nord-Süd-Achse weichen, blieb aber stehen. Kurz vor Kriegsende brannte sie aus, 1956 bis 1961 wurde sie wieder aufgebaut. Vom alten Villenviertel um sie herum ist sonst kaum etwas übrig.

Villa Parey
Eine Ausnahme steht ein paar Schritte weiter an der Sigismundstraße. Die Villa Parey gehört zu den wenigen erhaltenen oder wieder aufgebauten Häusern des Viertels und ist seit 1998 Teil der Gemäldegalerie. In der Nähe erinnert eine Stele der Staatlichen Museen an die früheren Bewohner*innen des Tiergartenviertels. Zu ihnen gehörten Max Liebermann, Hedwig Dohm und James Simon. Viele von ihnen oder ihre Nachfahren wurden zur Emigration gezwungen, deportiert oder ermordet.

Wissenschaftszentrum Berlin
Am Reichpietschufer steht das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, gebaut 1984 bis 1988 von James Stirling und Michael Wilford. Den Altbau aus dem 19. Jahrhundert sollten die Architekten erhalten. Dahinter setzten sie fünf Bautypen um einen Hof: eine Basilika, ein Amphitheater, einen Riegel, einen Turm und eine Art Burg.

Mehr über den Bau steht in meinem Beitrag über das Wissenschaftszentrum Berlin.
Shell-Haus
Ein Stück weiter, an der Ecke Stauffenbergstraße, steht das Shell-Haus. Emil Fahrenkamp hat es entworfen, gebaut wurde es 1930 bis 1932. Die Fassade aus Travertin steigt in Wellen von sechs auf zehn Geschosse an. Heute sitzt hier die Gasag.
Bendlerblock
Die Stauffenbergstraße bin ich hinauf zur Tiergartenstraße gelaufen, am Bendlerblock vorbei. Hier saß das Oberkommando des Heeres, und hier planten Offiziere um Friedrich Olbricht und Claus Schenk Graf von Stauffenberg den Umsturz. In der Nacht des 20. Juli 1944 wurden Stauffenberg, Olbricht, Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim und Werner von Haeften im Innenhof erschossen. Ludwig Beck wurde zum Selbstmord gezwungen. Heute ist hier die Gedenkstätte Deutscher Widerstand mit einer Dauerausstellung.
Siegessäule
Durch das Diplomatenviertel und ein Stück am Landwehrkanal entlang bin ich zurück in den Park gegangen. Nach gut elf Kilometern stand ich wieder am Großen Stern, diesmal vor der Siegessäule. Sie wurde 1865 bis 1873 nach einem Entwurf von Heinrich Strack gebaut und erinnerte an die Kriege gegen Dänemark, Österreich und Frankreich. Die Victoria oben drauf ist von Friedrich Drake.

Ursprünglich stand die Säule auf dem Königsplatz vor dem Reichstag, dem heutigen Platz der Republik. 1938/39 musste sie weichen, weil Albert Speer den Platz zu einer Aufmarschfläche umbauen wollte. Am Großen Stern ließ er den Sockel verbreitern und ein weiteres Stück Säule aufsetzen.
Mehr über die Säule steht in meinem Beitrag über die Siegessäule.
Meine Runde
Meine Runde ist 12,4 Kilometer lang, ich war knapp zweieinhalb Stunden unterwegs. Gestartet bin ich am S-Bahnhof Bellevue, gleich nach meiner Runde durch das Hansaviertel. Die Runde führt durch den Englischen Garten und den Park nach Osten ins Regierungsviertel, am Brandenburger Tor vorbei und quer durch den Tiergarten nach Süden zum Kulturforum und zum Potsdamer Platz. Danach geht es am Landwehrkanal und durch das Diplomatenviertel nach Westen, durch den Park zurück zur Siegessäule und auf der Straße des 17. Juni zum S-Bahnhof Tiergarten.
Am Wegesrand
Die Eiche der Queen. Bei ihrem Besuch 1965 pflanzte Königin Elisabeth II. am Teehaus im Englischen Garten selbst eine Eiche aus dem Garten von Windsor.
Fünfeinhalb Meter, 90 Tonnen. Die Skulptur „Berlin“ von Eduardo Chillida vor dem Kanzleramt ist fünfeinhalb Meter hoch und wiegt 90 Tonnen.
Dem Deutschen Volke, aber erst ab 1916. Die Inschrift am Reichstag kam erst 22 Jahre nach der Einweihung an die Fassade. Die Buchstaben hat Peter Behrens gestaltet.
Die ersten Panzer. Neben dem Sowjetischen Ehrenmal stehen Panzer vom Typ T 34. Sie sollen als erste das Berliner Stadtgebiet erreicht haben.
Ikone zum Spottpreis. Die Philharmonie hat 17,5 Millionen D-Mark gekostet. Ursprünglich sollte sie in Wilmersdorf stehen.
Gut zu wissen
Mit der Bahn: Die Runde beginnt am S-Bahnhof Bellevue und endet am S-Bahnhof Tiergarten, beide an der Stadtbahn. Unterwegs kommst du am Bahnhof Potsdamer Platz (S-Bahn und U2) vorbei.
Gedenkstätte Deutscher Widerstand: Stauffenbergstraße 13-14, montags bis mittwochs und freitags von 9 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr, am Wochenende und an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr.
Mehr auf dieser Seite: Zwei meiner Touren zum jüdischen Berlin führen durch Tiergarten, von Charlottenburg nach Mitte und von Charlottenburg nach Neukölln. In der Potsdamer Straße ist das Wandbild „Cosmo Fox“ von Marina Zumi, in der Kluckstraße „Fuck Walls, Dig Tunnels“ von Nomad Clan. Der Grüne Hauptweg 19 heißt Tiergartenring. Die zweite Etappe des Berliner Mauerwegs führt am Rand des Ortsteils am Reichstag, am Brandenburger Tor und am Potsdamer Platz vorbei.
Von Tiergarten aus weiter
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