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Wedding
Ortsteil im Bezirk Mitte · Runde 46 von 74
Wedding liegt im Norden des Bezirks Mitte, zwischen dem Kanal am Nordufer, dem Plötzensee und der Grenze zu Reinickendorf. Am 30. Januar 2022 bin ich hier eine Runde von gut 17 Kilometern gelaufen: vom S-Bahnhof Wedding über den Leopoldplatz zum Schillerpark, durch den Volkspark Rehberge zum Plötzensee und am Kanal zurück.
Kurz gesagt
- Der Name geht auf Rudolphus de Weddinge zurück, der um 1200 ein Dorf gründete. 1861 kam Wedding zu Berlin.
- Mit der Industrie wurde der Wedding ein Arbeiterbezirk, in der Weimarer Republik eine Hochburg der linken Parteien.
- Die Schillerpark-Siedlung von Bruno Taut gehört seit 2008 zum UNESCO-Welterbe.
- Bis 2001 war Wedding ein eigener Bezirk. Heute wohnen hier rund 86.000 Menschen.
Geschichte
Der Name kommt von einem Adligen aus der Gegend von Magdeburg. Rudolphus de Weddinge gründete um 1200 das Dorf Weddinge, ungefähr da, wo heute der Martha-Ndumbe-Platz am S-Bahnhof liegt. Als das Dorf 1251 zum ersten Mal erwähnt wird, war es schon wieder verlassen. 1601 entstand an der Panke der Weddinghof, ein Gut zur Versorgung des königlichen Hofs. 1817 kaufte die Stadt Berlin das Gut, damals wohnten im Wedding und in Gesundbrunnen zusammen 356 Menschen.
Zum 1. Januar 1861 wurde Wedding per königlicher Kabinettsorder eingemeindet, gegen den Willen der Berliner Stadtverordneten. Danach kam die Industrie. 1871 eröffnete Schering in der Müllerstraße eine Chemische Fabrik. Ab etwa 1880 entstanden Mietskasernen mit schlecht ausgestatteten, überbelegten Wohnungen. 1917 erreichte die Einwohnerzahl im Wedding mit rund 337.000 ihren Höchststand.
In der Weimarer Republik war der Wedding eine Hochburg der linken Parteien und hatte die höchste Arbeitslosigkeit aller Berliner Bezirke. Ab 1926 versuchte die NSDAP, hier Fuß zu fassen, bei den Kämpfen gab es zahlreiche Tote. Nach 1933 wurden Sozialdemokrat*innen und Kommunist*innen verhaftet, ins KZ gebracht oder getötet.
Nach dem Krieg gehörte der Wedding zum französischen Sektor. Der Mauerbau 1961 schnitt den Bezirk von seinen gewachsenen Verbindungen ab, und ab den 1970er Jahren gingen viele Industriearbeitsplätze verloren. In diese Zeit fällt auch der Zuzug vieler Gastarbeiter*innen, die hier günstige Wohnungen fanden. Am 1. Januar 2001 ging der Bezirk Wedding im neuen Bezirk Mitte auf.
Was Wedding ausmacht
Wedding ist dicht bebaut. Im Sprengelkiez stehen fünfgeschossige Mietshäuser vom Anfang des 20. Jahrhunderts, gebaut, um die Grundstücke möglichst auszunutzen. Am Leopoldplatz und in der Müllerstraße wird eingekauft.
Im Norden wird es grüner. Hier entstanden in den 1920er Jahren die Schillerpark-Siedlung und die Friedrich-Ebert-Siedlung, der Volkspark Rehberge und das Freibad am Plötzensee. Im Afrikanischen Viertel erinnern die Straßennamen an die deutsche Kolonialzeit in Afrika.
Der Wedding gehört zu den sozial schwächeren Gegenden Berlins. Viele Bewohner*innen haben eine Einwanderungsgeschichte, die Arbeitslosigkeit ist hoch.
Orte, die sich lohnen
Am S-Bahnhof Wedding
Start und Ziel meiner Runde ist der S-Bahnhof Wedding. Der Platz davor hieß im Januar 2022 noch Nettelbeckplatz, nach Joachim Nettelbeck, der als Obersteuermann auf Versklavungsschiffen gefahren war. Seit Oktober 2025 heißt er Martha-Ndumbe-Platz. Martha Ndumbe wurde 1902 in Berlin geboren, ihr Vater kam aus Kamerun. 1944 wurde sie in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück gebracht. Dort starb sie am 5. Februar 1945. 2021 wurde für sie ein Stolperstein verlegt, der erste in Deutschland für eine Schwarze Frau.
Ein paar hundert Meter die Müllerstraße hinauf steht die katholische St.-Joseph-Kirche, 1907 bis 1909 nach Entwürfen von Pater Ludgerus Rincklake gebaut. Die Fassade aus Naturstein hat zwei Türme und ist der rheinischen Romanik nachempfunden. Im Krieg wurde sie beschädigt, am 14. April 1945 kamen hier 38 Menschen ums Leben.

Krematorium Wedding und silent green
Von der Müllerstraße biege ich ab zum alten Urnenfriedhof. Der Friedhof wurde 1828 angelegt, als erster städtischer Friedhof Berlins, vor allem für arme Verstorbene. 1909 bis 1910 baute William Müller hier das erste Krematorium Berlins. Der achteckige Zentralbau hat ein hohes Mansarddach, das den Schornstein versteckt. Davor liegt ein achteckiger Hof mit einem Pfeilergang, die Seitenflügel dienten als Kolumbarien für die Urnen. Durch diesen Hof führt meine Runde.

In Betrieb war das Krematorium bis 2001, geschlossen wurde es laut Tag des offenen Denkmals 2002. Seit 2015 ist das frühere Krematorium das Kulturquartier silent green. Für die Sanierung bekam silent green 2018 die Ferdinand-von-Quast-Medaille.
Mehr über das frühere Krematorium steht in meinem Beitrag über das Krematorium Wedding.
Leopoldplatz und die Nazarethkirchen
Nach gut anderthalb Kilometern komme ich zum Leopoldplatz. Der Platz ist um eine Kirche herum entstanden. Die Alte Nazarethkirche hat Karl Friedrich Schinkel entworfen, gebaut wurde sie 1832 bis 1834. Sie ist eine von vier Vorstadtkirchen, die König Friedrich Wilhelm III. stiftete, eine einfache Saalkirche ohne Turm aus hellrotem Backstein.

Als die Bevölkerung schnell wuchs, wurde sie zu klein. 1891 bis 1893 baute Max Spitta daneben die Neue Nazarethkirche in norddeutscher Backsteingotik, mit einem etwa 78 Meter hohen Turm und einer kupfergedeckten Spitze. Die alte Kirche wurde danach Gemeindehaus, seit 1989 wird dort wieder Gottesdienst gefeiert.

Schräg gegenüber, auf der anderen Seite der Müllerstraße, steht das Rathaus Wedding von 1930, ein schlichter Klinkerbau der Neuen Sachlichkeit. Einen Turm bekam es aus Kostengründen nicht. Der Platz daneben ist nach Elise und Otto Hampel benannt. Nachdem Elise Hampels Bruder 1940 als Soldat gefallen war, schrieb das Ehepaar Postkarten und Flugblätter gegen das NS-Regime. 1942 wurde es denunziert und verhaftet, am 8. April 1943 wurden beide in Plötzensee hingerichtet. Hans Fallada hat ihre Geschichte in „Jeder stirbt für sich allein“ erzählt.
Mehr über Schinkels Kirche steht in meinem Beitrag über die Alte Nazarethkirche.
Schillerpark
Vom Leopoldplatz geht es nach Norden über die Seestraße. Nach knapp dreieinhalb Kilometern stehe ich im Schillerpark. Den Schillerpark hat Friedrich Bauer entworfen, er gewann 1908 den Wettbewerb. Angelegt wurde der Park 1909 bis 1913. Vorher war hier fast nur Sand mit ein paar Kiefern, zwei Dünenkämme zogen sich durch das Gelände.
Am Rand des Parks liegt die Bastion, eine dreistufige Terrasse mit Mauern aus Rüdersdorfer Kalkstein, die an eine Festung erinnern. In ihrer Mitte steht seit 1941 Friedrich Schiller, ein Bronzeguss nach dem Marmordenkmal von Reinhold Begas, das 1871 auf dem Gendarmenmarkt aufgestellt wurde.

Schillerpark-Siedlung
Gleich hinter dem Park beginnt die Schillerpark-Siedlung. Bruno Taut hat sie für zwei Baugenossenschaften geplant, den ersten Abschnitt 1924 und 1925 mit Max Taut, die späteren mit Franz Hoffmann. Vorbild waren Siedlungen der Amsterdamer Schule: dreigeschossige Backsteinhäuser um große Gartenhöfe, Loggien und Balkone, ein Flachdach. Das Flachdach wählte Taut aus Kostengründen, im Berliner Siedlungsbau der 1920er Jahre war es das erste dieser Art. Seit 2008 gehört die Siedlung zum UNESCO-Welterbe.

Mehr über die Siedlung steht in meinem Beitrag über die Siedlung Schillerpark.
Turmhäuser an der Müllerstraße
Danach komme ich zurück an die Müllerstraße. Kurz vor dem U-Bahnhof Afrikanische Straße steht ein Block mit zwei hohen Backsteintürmen. Er gehört zum Betriebshof der BVG, den Jean Krämer 1925 bis 1927 für die Straßenbahn gebaut hat. Die Wagenhalle liegt hinten im Block und war für 320 Straßenbahnen gedacht, in den Häusern drumherum gibt es rund 300 Wohnungen. Die Türme an der Einfahrt sind 32 Meter hoch, mit roten Klinkern, gefalteten Wänden und einem violett verkleideten Aufsatz obendrauf. Die Anlage zählt zu den Hauptwerken des Expressionismus in Berlin. Seit 1960 stehen hier Busse.

Afrikanisches Viertel
Hinter dem U-Bahnhof Afrikanische Straße führt die Runde ins Afrikanische Viertel. Hier steht die Friedrich-Ebert-Siedlung mit rund 1.400 Wohnungen, ab 1929 von Paul Mebes und Paul Emmerich gebaut. Die Nationalsozialisten benannten sie in „Eintracht“ um, 1949 bekam sie ihren Namen zurück.
Die Straßennamen beziehen sich auf die deutsche Kolonialzeit in Afrika. Im April 2018 hat die Bezirksverordnetenversammlung beschlossen, drei davon umzubenennen: den Nachtigalplatz in Manga-Bell-Platz, die Lüderitzstraße in Cornelius-Fredericks-Straße und die Petersallee in Anna-Mungunda-Allee und Maji-Maji-Allee. Die neuen Namen ehren Menschen aus der Befreiungsbewegung gegen den Kolonialismus.
In der Kameruner Straße 39 haben Anna Taut und Theosone beim Berlin Mural Fest 2021 eine Brandwand bemalt. In der Mitte ist ein rundes Waldbild, drumherum steht in weißer Frakturschrift ein Spruch von Matshona Dhliwayo über das Lernen. Mehr dazu in meinem Beitrag über das Wandbild von Anna Taut und Theosone.

Weiter im Nordwesten verlasse ich den Wedding für ein paar Kilometer und laufe ein Stück durch Reinickendorf, bevor ich von Westen in den Volkspark Rehberge komme.
Volkspark Rehberge
Die Rehberge waren Sanddünen mit einem Höhenunterschied von 17 Metern. In den 1920er Jahren legte der Bezirk hier den Volkspark Rehberge an, zum Teil als Notstandsarbeit für Erwerbslose, geplant von Albert Brodersen, Rudolf Germer und Erwin Barth. Auf dem Höhenzug entstand eine Rodelbahn. Der Park ist 115 Hektar groß, im Westen leben Wildschweine und Damwild in Gehegen. Zum Park gehört auch die Kolonie Rehberge von 1929, die erste Dauerkleingartenanlage Berlins.
In der Mitte liegen die Sportanlagen mit Stadion, Übungswiese und Tennisplätzen. Das Sporthaus hat Friedrich Hellwig 1928 bis 1929 gebaut.

Ein Stück weiter steht auf einer Wiese die Bronzegruppe „Ringer“ von Wilhelm Haverkamp. Sie ist von 1906 und damit älter als der Park, wohl 1935 wurde sie aus dem Schillerpark hierher versetzt.

Plötzensee
Vom Park laufe ich hinunter zum Plötzensee und einmal fast um ihn herum. Um den See liegen große Friedhöfe aus der Zeit um 1900. Am Westufer baute der Bezirk 1926 bis 1928 das Freibad Plötzensee, damit Arbeiterfamilien aus den engen Wohnungen ins Freie kamen. Vom Torgebäude führt eine breite Granittreppe hinunter zum Sandstrand, an den Seiten stehen runde Erker mit Kegeldächern.

Südwestlich vom See liegt am Hüttigpfad die Gedenkstätte Plötzensee. In der Strafanstalt Plötzensee starben in der NS-Zeit Hunderte Menschen durch die NS-Justiz, unter ihnen Elise und Otto Hampel. Die Gedenkstätte gehört schon zu Charlottenburg-Wilmersdorf, ich war auf dieser Runde nicht dort.
Osterkirche im Sprengelkiez
Vom Plötzensee geht es erst nach Nordosten und dann nach Südosten in den Sprengelkiez. An der Ecke Samoa- und Sprengelstraße steht die Osterkirche, 1910 bis 1911 von Dinklage, Paulus und Lilloe gebaut. Ein blockhaftes Turmmassiv steht zur Kreuzung, davor ein runder Treppenturm. Die beiden spitzen Turmhelme wurden 1945 zerstört und durch ein schlichtes Walmdach ersetzt.

Am Kanal und bei Bayer
Am Nordufer erreiche ich den Kanal, der Wedding von Moabit trennt, und laufe am Wasser entlang nach Osten Richtung Nordhafen.

Kurz vor dem Ziel liegt das Werksgelände von Bayer, früher Schering. Ernst Schering gründete 1851 in der Chausseestraße in Mitte die „Grüne Apotheke“ und baute später im Wedding eine chemische Fabrik. 2006 hat Bayer Schering übernommen. In der Fennstraße steht noch das Comptoir- und Magazingebäude von 1871/72, an der Fassade ein Medaillon mit dem Kopf von Ernst Schering.

Tree Children in der Lynarstraße
Das Letzte auf der Runde ist ein Wandbild, ein paar Schritte vom S-Bahnhof entfernt. Auf der Brandwand Lynarstraße 1 hat Victor Ash 2011 die „Tree Children“ gemalt: einen kahlen schwarzen Baum, in dem drei Kinder mit Ferngläsern sitzen. Die Wand entstand für das Projekt „Wedding Walls“, das im April 2011 im Stattbad Wedding vorgestellt wurde.

Meine Runde
Meine Runde ist 17,1 Kilometer lang, ich war gut dreieinhalb Stunden unterwegs. Sie beginnt und endet am S-Bahnhof Wedding und führt zuerst über die Müllerstraße und den Leopoldplatz nach Norden zum Schillerpark. Über die Müllerstraße und durch das Afrikanische Viertel geht es nach Westen, ein Stück durch Reinickendorf und dann durch den Volkspark Rehberge zum Plötzensee. Zurück führt die Runde durch den Sprengelkiez an den Kanal.
Am Wegesrand
Ein Krematorium, das warten musste. Das Krematorium am Urnenfriedhof war 1910 fertig. In Betrieb ging es erst 1912, denn Preußen erlaubte die Feuerbestattung erst 1911.
Eine Kirche zu verkaufen. Weil im Wedding immer weniger Christ*innen wohnten, hat die Gemeinde die Neue Nazarethkirche 1989 entwidmet. 1992 verkaufte das Land Berlin sie an eine evangelische Freikirche.
Wasser im Turm. Die beiden Türme am Betriebshof Müllerstraße sind nicht nur Schmuck. In ihnen sind Wohnungen sowie Betriebs- und Verwaltungsräume, und im violett verkleideten Aufsatz steckt der Hochbehälter für die Wasserversorgung des Betriebshofs.
Feierstätte, dann Kino. In den Rehbergen wurde 1935 und 1936 am Leutnantsberg eine Freilichtbühne gebaut, als „Feierstätte“ der Nationalsozialisten, mit 4.000 Sitz- oder 11.000 Stehplätzen. Heute ist dort im Sommer das Freiluftkino Rehberge.
Gut zu wissen
Mit der Bahn: Der S- und U-Bahnhof Wedding (S41, S42, U6) ist Start und Ziel der Runde. Unterwegs kannst du an den U-Bahnhöfen Leopoldplatz (U6, U9), Rehberge und Afrikanische Straße (beide U6) ein- und aussteigen.
Mehr auf dieser Seite: Über die Tree Children von Victor Ash gibt es einen eigenen Beitrag. In der Turiner Straße, nicht weit vom Leopoldplatz, sind zwei weitere Wandbilder: ein Frauengesicht von Jbak und ein Jugendstil-Giebel von DrNice und Mario Kwast. Der dritte Teil meiner Runde um den S-Bahn-Ring führt am S-Bahnhof Wedding vorbei, der Pankeweg endet am Nordhafen. Auch das Wandbild von Anna Taut und Theosone in der Kameruner Straße hat einen eigenen Beitrag.
Von Wedding aus weiter
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