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Gesundbrunnen
Ortsteil im Bezirk Mitte · Runde 45 von 74
Gesundbrunnen liegt im Norden des Bezirks Mitte, östlich vom Wedding, und reicht im Süden bis an die Bernauer Straße. Seinen Namen hat der Ortsteil von einer Heilquelle, die es seit über hundert Jahren nicht mehr gibt. Am 29. Januar 2022 bin ich hier eine Runde von 13,1 Kilometern gelaufen: über den Flakturm im Humboldthain, an den Fabriken der AEG vorbei, zum Amtsgericht am Brunnenplatz und an der Panke entlang in den Norden des Ortsteils.
Kurz gesagt
- Der Name kommt von einer eisenhaltigen Quelle. Aus dem Heilbad „Friedrichs-Gesundbrunnen“ wurde das Luisenbad, 1882 wurde die Quelle bei Bauarbeiten verschüttet.
- 1861 kam Gesundbrunnen zusammen mit dem Wedding zu Berlin. Die AEG baute hier ab 1888 ihre ersten großen Fabriken.
- Im Humboldthain steckt die Ruine eines Flakturms von 1941/42. Oben ist heute eine Aussichtsplattform.
- Knapp vier Jahrzehnte lang spielte Hertha BSC in Gesundbrunnen, im Stadion am Gesundbrunnen, der „Plumpe“.
Geschichte
Mitte des 18. Jahrhunderts wurde hier eine eisenhaltige Quelle entdeckt, 1748 wird sie zum ersten Mal erwähnt. Der Hofapotheker Wilhelm Behm machte daraus ein Geschäft und nannte seine Heil- und Badeanstalt 1760 „Friedrichs-Gesundbrunnen“, benannt nach dem König. Anfang des 19. Jahrhunderts bekam das Bad den Namen von Königin Luise, Luisenbad. Die Badstraße heißt nach diesem Bad. 1882 wurde die Quelle bei Bauarbeiten verschüttet, 1891 versiegte sie ganz.
1861 wurde Gesundbrunnen zusammen mit dem Wedding nach Berlin eingemeindet. Mit der Industrialisierung wurde Gesundbrunnen ein dicht bebautes Industrie- und Arbeiterviertel. Für die Leute im Wedding und in der Rosenthaler Vorstadt legte Gustav Meyer ab 1869 den Humboldthain an, den zweiten Berliner Volkspark, benannt zum 100. Geburtstag Alexander von Humboldts. An der Ackerstraße entstand 1888 bis 1890 die Apparatefabrik der AEG, ihre erste große Produktionsstätte. 1894 kaufte die AEG den nördlichen Teil des früheren Schlachthofgeländes am Humboldthain dazu.
Im Zweiten Weltkrieg bauten französische Zwangsarbeiter und sowjetische Kriegsgefangene im Humboldthain zwei Flaktürme. Nach 1945 gehörte Gesundbrunnen zu West-Berlin, an der Bernauer Straße, der Südgrenze des Ortsteils, stand ab 1961 die Mauer. Heute ist dort die Gedenkstätte Berliner Mauer. 1963 wurde das Gebiet beiderseits der Brunnenstraße das größte der ersten West-Berliner Sanierungsgebiete. Von 14.700 Altbauwohnungen wurden etwa 9.000 abgerissen, die Zahl der Bewohner*innen fiel zwischen 1961 und 1988 von 39.000 auf 21.000.
Die Fabrik an der Ackerstraße gab die AEG 1978 auf, die Werke an der Brunnenstraße wurden 1983 stillgelegt. Seit der Bezirksfusion 2001 gehört Gesundbrunnen zum Bezirk Mitte. Am Bahnhof wurde der S-Bahn-Ring am 15. Juni 2002 nach 41 Jahren wieder geschlossen.
Was Gesundbrunnen ausmacht
Der heutige Ortsteil ist größer als das alte Gesundbrunnen. Er reicht im Süden bis an die Bernauer Straße, wo Mitte beginnt, und umfasst auch Teile der früheren Oranienburger und Rosenthaler Vorstadt. Im Süden liegt das Brunnenviertel mit den Wohnblöcken aus der Zeit der Sanierung. Die Badstraße ist die Hauptstraße, mit vielen türkischen und arabischen Geschäften. Seit Dezember 2021 ist das Gebiet um Bad- und Pankstraße, 74 Hektar groß, ein Sanierungs- und Stadtumbaugebiet.
Bahngleise ziehen sich quer durch den Ortsteil: die Ringbahn, die Strecken nach Norden und der große Bahnhof Gesundbrunnen. Dazwischen liegen alte Gewerbehöfe, in denen heute viele Künstler*innen arbeiten. Grün sind vor allem der Humboldthain und die Panke, die von Nordosten nach Südwesten durch Gesundbrunnen fließt.
Orte, die sich lohnen
Humboldthain und Flakturm
Vom Bahnhof Gesundbrunnen sind es nur ein paar Schritte in den Humboldthain. Gleich am Nordrand steckt im Hang der Rest des Flakturms. Gebaut wurde er von Oktober 1941 bis April 1942. Der Geschützturm war etwa 70 mal 70 Meter groß und trug vier Geschütze, daneben stand ein kleinerer Leitturm. Offiziell hatte der Geschützturm rund 15.000 Schutzplätze. Nach dem Krieg sprengten französische Pioniere beide Türme in mehreren, teils missglückten Versuchen. Rund 1,3 Millionen Kubikmeter Trümmerschutt deckten die Reste großenteils zu.

Auf den Trümmern wurde der Park ab 1948 nach Plänen von Günther Rieck neu angelegt. Über die Treppen bin ich hinauf auf die Humboldthöhe gestiegen. Oben steht seit 1967 das „Mahnmal der Einheit Deutschlands“ von Arnold Schatz. Die Aussichtsplattform wurde am 10. Juli 1990 eröffnet, nachdem ein Abriss der Ruine aus Kostengründen verworfen worden war.

AEG-Beamtentor an der Brunnenstraße
Am Südostrand des Parks kommt die Runde an die Brunnenstraße. Dort steht das Beamtentor, 1896/97 von Franz Schwechten als Eingang zum Werksgelände der AEG gebaut. Zwei neugotische Türme rahmen die spitzbogige Durchfahrt, darüber sitzen Mosaiken mit dem Firmenzeichen, umgeben von einem Fries aus Glühbirnen. Das Tor galt als Wahrzeichen der AEG. Die Neubauten drumherum hat Josef Paul Kleihues 1996/97 entworfen.

Mehr über das Tor steht in meinem Beitrag über das AEG-Beamtentor.
Durch das Brunnenviertel
Hinter dem U-Bahnhof Voltastraße biege ich ins Brunnenviertel ab. Willy Brandt verkündete im März 1963 das erste Stadterneuerungsprogramm für West-Berlin, und das Viertel an der Brunnenstraße sollte ein „Sanierungslabor“ werden. Die Degewo kaufte die Grundstücke auf, ließ die Häuser räumen und abreißen und baute Sozialwohnungen. Der Berliner Mieterverein nennt das Brunnenviertel heute ein „Paradebeispiel verfehlter Stadterneuerung“.

In der Stralsunder Straße 33 haben Stereoheat und Skenar73 im Dezember 2018 einen Seekapitän mit Pfeife an eine Hauswand gemalt. Die Straßen ringsum tragen die Namen von Städten im Norden, daher das Motiv. Mehr dazu in meinem Beitrag über den Stralsunder Seekapitän.

St. Sebastian am Gartenplatz
Durch die Wohnstraßen geht es nach Südwesten zum Gartenplatz. Mitten darauf steht die katholische Kirche St. Sebastian. Max Hasak hat sie Anfang der 1890er Jahre gebaut, sie war die erste katholische Großkirche im Berliner Norden. Der 82 Meter hohe Turm erinnert an die Westtürme der Elisabethkirche in Marburg. Die Fassade ist mit Sandstein verkleidet, an den Querhäusern sitzen große Rosenfenster. Nach schweren Kriegsschäden wurde die Kirche bis 1950 wiederhergestellt.

AEG an Hussiten- und Voltastraße
Gegenüber der Kirche begann früher die Industrie. Die AEG-Fabrik an der Ackerstraße 71-76 ist ihr ältester erhaltener Produktionsbau. Um 1930 wurden hier Stromzähler, Vergaser und elektrische Uhren gebaut. Im Zweiten Weltkrieg mussten in der Zählerfabrik Frauen aus Łódź Zwangsarbeit leisten.
Über die Hussitenstraße geht es nach Norden zum großen Werk zwischen Hussiten- und Brunnenstraße. Von Peter Behrens, dem künstlerischen Berater der AEG, stammen hier die Hochspannungsfabrik, die Montagehalle für Großmaschinen an der Hussitenstraße und die Kleinmotorenfabrik an der Voltastraße. Deren Straßenfront ist 189 Meter lang und mit halbrunden Wandvorlagen aus rotvioletten Klinkern gegliedert. Für diese Stockwerksfabriken mussten zwischen 1906 und 1913 die Mietshäuser an Volta- und Hussitenstraße weichen. Heute arbeiten in den Gebäuden Institute der TU, Gewerbebetriebe und Medienfirmen.

Gerichtshöfe
Von der Voltastraße führt die Runde nach Westen und dann nach Norden zur Gerichtstraße. In den Höfen zwischen Gerichtstraße 12/13 und Wiesenstraße 62 vermietet die landeseigene GESOBAU seit Anfang der 1980er Jahre Räume an Künstler*innen.

Amtsgericht Wedding am Brunnenplatz
Den Brunnenplatz ließ die Stadt nach dem Bebauungsplan von 1862 als Hauptplatz des Gesundbrunnens anlegen. Darauf steht das Amtsgericht Wedding, das trotz seines Namens in Gesundbrunnen liegt. Rudolf Mönnich und Paul Thoemer haben es von 1901 bis 1906 gebaut, nach Vorbildern aus der sächsischen und süddeutschen Spätgotik. Die Fenster und Gewölbe erinnern an die Albrechtsburg in Meißen. Weil der Boden an der Panke sumpfig ist, steht das Haus auf damals neuartigen Pfählen aus Eisenbeton. Im Inneren liegt eine Treppenhalle über vier Geschosse mit Netzgewölbe und lebensgroßen Figuren der Güte und der Wahrheit. Drinnen war ich auf dieser Runde nicht.

Mehr über das Gericht steht in meinem Beitrag über das Amtsgericht Wedding.
Badstraße und Luisenbad
Vom Brunnenplatz geht es zur Kreuzung von Pankstraße und Badstraße. Auf einer Brandwand darüber sind die drei Brüder Jérôme, George und Kevin-Prince Boateng gemalt, darüber steht „Gewachsen auf Beton“. Die drei haben denselben Vater.

Ein Stück weiter, kurz vor der Panke, lag das alte Bad. 1874 entstand gleich daneben das Marienbad mit Schwimmbad, Restaurant, Café und Biergarten, 1888 ließ Carl Galuschki das Vestibül bauen, später ein Musikcafé und Kino. 1945 wurde die Anlage fast ganz zerstört. Das Vestibül und das Comptoir stehen unter Denkmalschutz, die Architekt*innen Rebecca Chestnutt und Robert Niess haben sie mit einem Neubau verbunden. Seit dem 1. November 1995 ist hier die Bibliothek am Luisenbad.

Zurück geht es ein Stück die Uferstraße entlang. Auf dem denkmalgeschützten Gelände eines früheren BVG-Betriebshofs, den Uferhallen, arbeiten seit Jahren Künstler*innen.
An der Panke
Danach bin ich ein ganzes Stück an der Panke entlang nach Norden gelaufen, bis in den Norden des Ortsteils. Hier verläuft auch der Pankeweg von Bernau zum Nordhafen. Die Panke ist rund 29 Kilometer lang, entspringt bei Bernau und mündet am Nordhafen in den Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal. In der Stadt ist sie zu großen Teilen begradigt, die Ufer sind befestigt. Am Grünzug zwischen Soldiner Straße und Badstraße werden die Wege seit 2024 saniert.

Stephanuskirche
Auf dem Rückweg nach Süden kommt die Runde an der Prinzenallee an der Stephanuskirche vorbei. Adolf Bürckner hat sie von 1902 bis 1904 im Stil der märkischen Backsteingotik gebaut. Ihr Eckturm ist etwa 80 Meter hoch und gilt als Wahrzeichen des Viertels. Innen ist die neugotische Ausstattung fast vollständig erhalten, dazu ein Bronzeleuchter mit 100 Lichtern und eine Orgel von Schlag & Söhne.

Wo die Plumpe stand
Kurz vor dem Ziel liegt zwischen Behmstraße, Bellermannstraße und den Gleisen des Bahnhofs das Gelände des früheren Stadions am Gesundbrunnen, gebaut 1923/24 für gut 35.000 Zuschauer*innen. Knapp vier Jahrzehnte lang war die „Plumpe“ das Stadion von Hertha BSC, in dieser Zeit wurde der Verein 1930 und 1931 deutscher Meister. Weil der Verein Geld brauchte, wurde das Gelände verkauft und das Stadion 1974 abgerissen. Heute stehen dort 440 Wohnungen. Vier Fußballer-Skulpturen von Michael Schoenholz erinnern an das Stadion.
Bahnhof Gesundbrunnen
In den 1920er und 1930er Jahren hielten am Fernbahnsteig des Bahnhofs Gesundbrunnen die Züge der Stettiner Bahn, der Kremmener Bahn und der Nordbahn. Zwischen 1996 und 2006 wurde der Bahnhof umgebaut, am 28. Mai 2006 hielten wieder die ersten Regional- und Fernzüge.

Meine Runde
Meine Runde ist 13,1 Kilometer lang, ich war gut zweieinhalb Stunden unterwegs. Start und Ziel ist der Bahnhof Gesundbrunnen. Die Runde führt erst durch den Humboldthain und das Brunnenviertel bis zum Gartenplatz, dann an den AEG-Fabriken vorbei nach Westen zur Gerichtstraße und zum Brunnenplatz. Von der Badstraße geht es an der Panke entlang nach Norden und durch die Straßen um die Prinzenallee zurück zum Bahnhof. An der Runde liegen auch die U-Bahnhöfe Voltastraße und Pankstraße.
Am Wegesrand
Ein U-Bahnhof aus der AEG-Zeit. Den Tunnel unter der Brunnenstraße hat ab 1913 die AEG-Schnellbahn AG gebaut. Der U-Bahnhof Voltastraße war 1915 im Rohbau fertig. Nach dem Ersten Weltkrieg ruhten die Arbeiten, erst 1929/30 baute Alfred Grenander ihn zu Ende. Die Säulen aus Granit gehen wohl auf Peter Behrens zurück, und auf dem Bahnsteig stehen noch zwei alte Bahnsteighäuschen.
Der Tunnel unter der Hussitenstraße. 1895 bis 1897 legte die AEG einen Tunnel an, der die Fabrik an der Ackerstraße mit dem Werk am Humboldthain verband. Er diente als Versuchsanlage für eine U-Bahn und gilt als ältester U-Bahn-Tunnel Berlins.
In fonte salus. Das Brunnenhäuschen über der Quelle ließ Carl Galuschki 1908 abreißen. Im Giebel des Luisenhauses von 1892 in der Badstraße 38/39 sitzt ein Relief mit dem sechseckigen Häuschen und der Inschrift „In fonte salus“, „In der Quelle liegt das Heil“. Als 2008 im Keller der Badstraße 35 Wasser austrat, war es nur Grundwasser.
Ha-Ho-He. In den Jahren, in denen Hertha sechsmal hintereinander im Endspiel um die deutsche Meisterschaft stand, riefen die Fans „Ha-Ho-He Hertha BSC“. Nach dem Titel 1931 wurde an der Plumpe, am Bahnhof Gesundbrunnen und in den Straßen gefeiert.
Gut zu wissen
Mit der Bahn: Der Bahnhof Gesundbrunnen (S1, S2, S25, S26, S41, S42, U8, Regional- und Fernzüge) liegt am Anfang und Ende der Runde. Unterwegs kommst du an den U-Bahnhöfen Voltastraße und Pankstraße (U8) vorbei.
Flakturm: Das Innere der Ruine kannst du bei Führungen der Berliner Unterwelten besichtigen.
Mehr auf dieser Seite: Jüdische Orte in Gesundbrunnen stehen in meinem Beitrag Jüdisches Berlin in Gesundbrunnen und Hohenschönhausen aus der Reihe Jüdisches Berlin zu Fuß. Am Bahnhof Gesundbrunnen endet der dritte Teil meiner Runde um den S-Bahn-Ring, hier beginnt auch der vierte Teil. Der Pankeweg von Bernau zum Nordhafen folgt der Panke durch Gesundbrunnen. Die zweite Etappe des Berliner Mauerwegs führt am Ostrand von Gesundbrunnen und an der Bernauer Straße entlang. Einen eigenen Beitrag hat auch der Stralsunder Seekapitän in der Stralsunder Straße.
Von Gesundbrunnen aus weiter
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