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Westend
Ortsteil im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf · Ortsteil 42 von 97
Die Tour durch Westend führt auf 14,4 Kilometern von der AVUS über das Olympiagelände zu den Villenstraßen und zum Funkturm. Ich bin sie am 8. Januar 2022 gelaufen, vom S-Bahnhof Westkreuz aus.

Kurz gesagt
- Westend besteht aus Teilen, die wenig miteinander zu tun haben: Villenstraßen, Messegelände, Autobahn, Sportanlagen.
- Das Olympiagelände liegt in der Mitte der Tour und stammt zum großen Teil aus der NS-Zeit.
- Von der AVUS ist noch einiges zu sehen, die Steilkurve selbst gibt es nicht mehr.
Was Westend ausmacht
Zu Westend gehören die Villenstraßen um den Branitzer Platz, die Messe mit dem Funkturm, die Reste der AVUS und große Teile des Olympiageländes. Die Tour berührt alle diese Bereiche. Dazwischen führt sie durch Wohnstraßen in Neu-Westend und an der Heerstraße entlang.
Viele dieser Orte stehen unter Denkmalschutz, darunter das Messegelände mit dem Funkturm, das Corbusierhaus und das gesamte Olympiagelände. Das Olympiagelände umfasst rund 132 Hektar.
Manche Namen führen in die Irre. Die frühere Rennbahn Grunewald lag im heutigen Westend, nicht im Ortsteil Grunewald.
Geschichte
Westend begann 1866 als Villenkolonie. Eine Kommanditgesellschaft auf Aktien legte sie auf einem Plateau am Rand des Grunewalds an, für das wohlhabende Bürgertum und nach englischem Vorbild. Der Name geht auf das Londoner West End zurück. Der Kaufmann Heinrich Quistorp führte die Kolonie weiter. 1878 wurde sie nach Charlottenburg eingemeindet.
Ab 1904 entstand Neu-Westend mit dem Reichskanzlerplatz, dem heutigen Theodor-Heuss-Platz. 1908 erreichte die U-Bahn den Platz. Im Westen gab es inzwischen ein Rennbahngelände: Die Rennbahn Grunewald wurde 1909 eröffnet, 1913 kam das Deutsche Stadion in ihrer Mulde dazu. Es war für die Olympischen Spiele 1916 gebaut, die wegen des Ersten Weltkriegs ausfielen.
In den 1920er-Jahren wurde Westend zum Standort für Verkehr und Technik. Die AVUS entstand von 1913 bis 1921 als Renn- und Teststrecke, auf dem Messegelände stand bald der Funkturm, und 1929 bis 1931 baute Hans Poelzig das Haus des Rundfunks. Ab 1926 wuchs außerdem das Deutsche Sportforum im Westen.
Von 1934 bis 1936 wurde die Rennbahn mit dem Stadion abgerissen und das Reichssportfeld neu gebaut. Werner March war der Architekt der meisten Bauten. Das NS-Regime nutzte die Spiele von 1936 für seine Propaganda, die Denkmalpflege beschreibt das Reichssportfeld als Selbstinszenierung des Regimes. Nach 1945 nutzten britische Streitkräfte das Gelände bis zu ihrem Abzug 1994. Der Rennbetrieb auf der AVUS endete 1998.
Seit 2004 ist Westend ein eigener Ortsteil, die Bezirksverordnetenversammlung hat ihn damals beschlossen. Vorher gehörte das Gebiet zu Charlottenburg.
Orte, die sich lohnen
AVUS-Nordkurve und Tribüne
Der erste Ort der Tour ist die AVUS. Am Messedamm steht ein Denkmal für Motorradrennfahrer, das einen eigenen Beitrag hat. Die Nordkurve wurde in den 1930er-Jahren zur Steilkurve umgebaut. Von 1967 bis 1971 wurde sie wieder zu einer flachen Wendeschleife zurückgebaut. Ihr Grundriss ist heute noch erhalten und Teil eines Lkw-Rastplatzes.
Erhalten ist auch die Tribüne von 1936 bis 1937, die Walter Bettenstaedt entworfen hat. Ihr Dach ist ein 240 Meter langes Stahlgerüst, das nur alle zwölf Meter gestützt wird. Es wurde ab 2018 erneuert. Auch Teil 2 der Wanderung um den S-Bahn-Ring endet am Westkreuz und kommt an der AVUS-Nordkurve vorbei.
Friedenskirche
Hinter der AVUS geht es in Richtung Heerstraße zur Tannenbergallee. Die Friedenskirche ist ein umgebautes Bildhaueratelier. Der Bildhauer Wilhelm Wandschneider ließ es 1916 bauen, nach dem Ersten Weltkrieg geriet er in finanzielle Schwierigkeiten. In den 1920er-Jahren ging das Atelier an die evangelische Gemeinde, die es zunächst als Betsaal nutzte. 1932 bis 1933 wurde es zur Kirche umgebaut, der Saal wurde verlängert und ein Glockenturm kam dazu.
Corbusierhaus
Kurz hinter dem S-Bahnhof Olympiastadion steht an der Flatowallee das Corbusierhaus, auf einer Anhöhe. Le Corbusier hat es für die Bauausstellung Interbau 1957 entworfen. Im Hansaviertel hätten seine Maße die städtebauliche Ordnung gestört, deshalb wurde es als Objekt außerhalb des Hansaviertels in Westend gebaut. Das Haus hat 17 Wohngeschosse, die meisten Wohnungen sind Maisonetten.
Die Flure laufen über die ganze Länge des Hauses und haben kein Tageslicht, zehn dieser Flure heißen im Haus „Straßen“. Von Le Corbusiers Idee der vertikalen Gartenstadt wurde in Berlin vieles nicht umgesetzt. Gemeinschaftseinrichtungen gibt es nur in Resten: eine Waschküche, im Erdgeschoss einen Laden und eine Poststelle. Deshalb trägt das Denkmal den Zusatz „Typ Berlin“.

Eigener Beitrag
Corbusierhaus an der Flatowallee
- Architekt Le Corbusier
- Ort Flatowallee 16, Berlin-Westend
- Gebaut 1956 bis 1958
- Zustand erhalten, Baudenkmal
- Nächste Haltestelle S Olympiastadion (S3, ca. 140 m), Flatowallee/Olympiastadion (ca. 330 m)
Langemarckhalle und Glockenturm
Dahinter beginnt das Olympiagelände. Informationstafeln erklären dort die einzelnen Orte. Als Erstes kommt der Glockenturm, in dessen Sockel die Langemarckhalle liegt. Sie wurde als nationales Monument für die im Ersten Weltkrieg gefallene Jugend gestaltet und trägt an den Wänden Gedichtzeilen von Hölderlin und Walter Flex. Zwölf Schilde aus dem alten Glockenturm hängen heute in der Halle.
Der heutige Glockenturm ist ein Neubau von 1961 bis 1962, ebenfalls nach Plänen von Werner March, und 77 Meter hoch.
Waldbühne
Neben dem Weg liegt der Eingang zur Waldbühne. Sie wurde 1934 bis 1936 nach Plänen von Werner March gebaut und hieß zuerst Dietrich-Eckart-Freilichtbühne. Am Eingang stehen zwei Hochreliefs von Adolf Wamper. Links sind zwei nackte Jünglinge mit Schwert und Fackel dargestellt, rechts zwei junge Frauen mit Eichenzweig und Leier.

Ausgeführt hat die Reliefs der Bildhauer Josef Gobes, Wamper lieferte den Entwurf. Von hier führt der Weg weiter zum Sportforum im Norden des Geländes.
Sportforum und Haus des Deutschen Sports
Das Deutsche Sportforum ist hufeisenförmig um den Jahnplatz angelegt. Es wurde ab 1926 für die Deutsche Hochschule für Leibesübungen gebaut und nach 1933 unter dem NS-Regime fertiggestellt. An der Ostseite steht das Haus des Deutschen Sports mit einem Säulenportikus und einer breiten Freitreppe. Es entstand 1935 bis 1936 und war bis 1945 Sitz der Sportführung des Deutschen Reichsbundes für Leibesübungen, ab 1938 des Nationalsozialistischen Reichsbundes.

Eigener Beitrag
Deutsches Sportforum im Olympiagelände
- Architekt Werner March
- Ort Deutsches Sportforum am Jahnplatz im Olympiagelände, Berlin-Westend
- Gebaut 1926 bis 1929 und 1933 bis 1936
- Zustand erhalten, Gesamtanlage denkmalgeschützt
- Nächste Haltestelle U Olympia-Stadion (U2, ca. 700 m), S Olympiastadion (S3, ca. 1,1 km)
Vor dem Portikus stehen zwei Bronzefiguren von Arno Breker, links der Zehnkämpfer, rechts die Siegerin. Beide entstanden 1935 bis 1936. In der Kuppelhalle des Hauses fanden 1936 die olympischen Fechtwettbewerbe statt, bis 1944 war sie Fernsehstudio. Das frühere Studio am Theodor-Heuss-Platz war zerstört worden.

Nach 1945 beschlagnahmten die britischen Streitkräfte das Gelände. 1952 verlegten sie ihr Hauptquartier in das Sportforum, das Haus des Deutschen Sports hieß bei ihnen „London Block“. Heute sind die Räume überwiegend an Sportvereine und Verbände vermietet. Ein Stück weiter steht ein Stier aus Bronze.

Olympiastadion und Olympisches Tor
Das Olympiastadion wurde 1934 bis 1936 nach Plänen von Werner March gebaut und ersetzte das Deutsche Stadion von 1913. Von 1998 bis 2004 wurde es saniert. Die Tour führt außen herum zum Olympischen Tor am Olympischen Platz. Die beiden Türme, zwischen denen die olympischen Ringe hängen, heißen Preußenturm und Bayernturm. Sie entstanden 1935 bis 1936 und wurden 1954 wieder aufgebaut.

U-Bahnhof Olympia-Stadion
Am Rossitter Platz liegt der U-Bahnhof Olympia-Stadion, den Alfred Grenander 1929 bis 1930 entworfen hat. An derselben Stelle stand seit 1913 eine provisorische Haltestation. Die Klinkerfassade des Empfangsgebäudes hat keine Fenster, sie trägt ein großes weißes U, den Stationsnamen und eine Uhr. Bis 1935 hieß der Bahnhof Stadion, dann Reichssportfeld, seit 1950 Olympiastadion. Im Gebäude ist das Berliner U-Bahn-Museum untergebracht.

Wassertürme an der Akazienallee
Von hier geht es nach Osten durch Neu-Westend. In der Eichenallee steht die Kirche Neu-Westend, ein fünfeckiger Stahlbetonbau mit kupfergedecktem Dach, den Konrad Sage und Karl Hebecker in den 1950er-Jahren gebaut haben. Der Glockenturm daneben steht frei. Ein Stück weiter, an der Akazienallee, stehen die Wassertürme.
Der östliche Wasserturm entstand 1881 und versorgte die Villenkolonie und Charlottenburg mit Wasser aus dem Wasserwerk am Teufelssee. Um 1910 kam ein zweiter, schlankerer Turm dazu, weil der Bedarf und der Druck stiegen. 1994 wurde die Anlage verkauft, seit 2008 sind beide Türme zu Eigentumswohnungen umgebaut.

Villenkolonie und Branitzer Platz
Hinter den Wassertürmen beginnt die Villenkolonie. Zwölf Alleen, die nach den dort gepflanzten Bäumen heißen, legen ein Raster über das Gelände. Seit 1985 schützt eine Erhaltungsverordnung den städtebaulichen Charakter. Mittelpunkt ist der Branitzer Platz, kreisrund, rund 100 Meter im Durchmesser und von alten Kastanien gesäumt. Geplant war hier ein größerer Kirchplatz mit Kirche und Schule. Stattdessen entstand eine Grünanlage. Den Namen trägt der Platz nach Branitz bei Cottbus.
Theodor-Heuss-Platz
Vom Branitzer Platz geht es zum Theodor-Heuss-Platz. Die beiden westlichen Eingänge des U-Bahnhofs gelten als älteste bauliche Zeugnisse Neu-Westends, Alfred Grenander hat sie 1907 bis 1908 gebaut. Auf dem Platz stehen ein 15 Meter hoher Brunnen aus blauem Glas von Hella Santarossa und zwei Köpfe von Rainer Kriester, einer aus Bronze, einer aus Kalkstein.
Haus des Rundfunks
Über die Masurenallee führt der Weg zum Haus des Rundfunks, das einen eigenen Beitrag hat. Poelzig hat die Gebäudeteile nach ihren Funktionen gegliedert: Die Sendesäle liegen in der Mitte, Büros umgeben sie. Die Klinkerfassade hat farbige Keramikelemente. Heute sendet der rbb von hier.
Funkturm und ICC
Zum Schluss geht es auf das Messegelände. Den Funkturm hat Heinrich Straumer entworfen, er wurde 1924 bis 1926 als Sendemast gebaut und am 3. September 1926 zur dritten Funkausstellung eröffnet.
Am Messedamm steht das ICC, das Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte von 1973 bis 1979 gebaut haben. 2014 wurde der reguläre Betrieb eingestellt, seit 2019 steht das Gebäude unter Denkmalschutz. 2024 hat das Land Berlin ein Verfahren für die Zukunft des Gebäudes gestartet.

Meine Tour
Die Tour ist 14,4 Kilometer lang, ich habe knapp drei Stunden gebraucht. Ich bin vom S-Bahnhof Westkreuz zuerst zur AVUS gelaufen, dann über die Heerstraße am S-Bahnhof Olympiastadion und am Corbusierhaus vorbei ins Olympiagelände. Von dort ging es am U-Bahnhof Olympia-Stadion vorbei durch Neu-Westend und die Villenkolonie zum Theodor-Heuss-Platz und über die Masurenallee zurück zur Messe und zum Funkturm. Im Januar 2022 lag stellenweise Schnee.
Am Wegesrand
Der Stern auf dem Turm. Das frühere Betriebsgebäude der AVUS hat einen runden Turm mit vier offenen Umgängen, von denen sich das Renngeschehen in der Steilkurve beobachten ließ. Auf dem Dach steht ein großer Mercedes-Stern. 1969 wurde das Gebäude zum Hotel umgebaut, im Januar 2022 stand noch „Motel AVUS“ am Turm.

Fernsehbilder vom Funkturm. Ab 1929 wurde vom Funkturm testweise Fernsehen gesendet. 1930 eröffnete Albert Einstein die Funkausstellung, ein Filmbericht darüber liegt im Bundesarchiv. Im Zweiten Weltkrieg zerstörte eine Granate eine der Hauptstreben, der Turm stand zeitweise nur noch auf drei Beinen und wurde repariert.

Die Glocke im Boden. Britische Pioniere sprengten 1947 den ersten Glockenturm und vergruben die Olympiaglocke, 1956 wurde sie wieder ausgegraben. Sie steht heute als Denkmal vor dem Südportal des Stadions.
Konzert mit Folgen. Am 15. September 1965 spielten die Rolling Stones in der Waldbühne. Die Ordner wurden überrannt, die Bühne gestürmt und das Konzert unterbrochen, die Polizei räumte die Bühne. Es kam zu schweren Ausschreitungen zwischen Fans, Ordnern und Polizei.
Ein Platz mit drei Namen. Der Theodor-Heuss-Platz hieß zuerst Reichskanzlerplatz, ab 1933 Adolf-Hitler-Platz und seit 1947 wieder Reichskanzlerplatz. Seinen heutigen Namen trägt er seit Dezember 1963, sechs Tage nach dem Tod von Theodor Heuss.
Weitere Eindrücke vom Weg





Gut zu wissen
Mit der Bahn: Start und Ziel ist der S-Bahnhof Westkreuz (S3, S5, S7, S9, S41, S42). Der U-Bahnhof Olympia-Stadion und der U-Bahnhof Theodor-Heuss-Platz liegen an der Tour, beide an der U2.
Auf dem Olympiagelände: Seit 2006 gibt es dort einen Geschichtspfad mit 45 zweisprachigen Informationstafeln.
Mehr auf dieser Seite: Das Haus des Rundfunks hat einen eigenen Beitrag, ebenso das Motorradfahrer-Denkmal an der AVUS und die Kapelle auf dem Luisenfriedhof II. Die Wanderung Jüdisches Berlin: Von Charlottenburg nach Mitte beginnt wie diese Tour am Westkreuz und führt zuerst durch Westend. Teil 3 der Wanderung um den S-Bahn-Ring beginnt ebenfalls am Westkreuz und geht weiter durch Westend.
Von Westend aus weiter
6 Ortsteile grenzen an, mit Richtung und Entfernung von Mitte zu Mitte.