Am Ostrand von Vockerode, mitten im Gartenreich Dessau-Wörlitz, steht ein langer Klinkerbau mit Fensterbändern: das ehemalige Kraftwerk Vockerode. Bis 1994 wurde hier Strom aus Braunkohle erzeugt. Auf meiner Wanderung von Dessau nach Wörlitz bin ich daran vorbeigekommen und habe es nur von außen gesehen, das Gelände ist geschlossen.
Strom für die Chemieindustrie
Anfang 1937 vergab das Amt für deutsche Roh- und Werkstoffe den Auftrag für ein großes Braunkohlekraftwerk an der Elbe bei Vockerode an die Elektrowerke AG. Gebaut wurde rund eineinhalb Jahre, im Dezember 1938 lief es mit drei Turbinen an, Ende 1940 kamen drei weitere dazu. Im Zweiten Weltkrieg lieferte es Strom für die mitteldeutsche Chemieindustrie und war Teil eines geplanten Verbundnetzes. Wer den ersten Bau entworfen hat, ist nicht überliefert.
Kesselhaus, Klinker und Elbwasser
Die Anlage ist ein Industriebau aus braunem Klinker mit hohen Fensterbändern. Die Architektenkammer Sachsen-Anhalt beschreibt die Hallen als symmetrische Folge geometrischer Baukörper, die Front ist bis zu 150 Meter lang. Allein das Kesselhaus misst 117 Meter in der Länge, 41 Meter in der Breite und 40 Meter in der Höhe. Kühltürme gab es nicht, gekühlt wurde direkt mit Wasser aus der Elbe.
Demontage und Wiederaufbau
Ab Juli 1945 wurde das Kraftwerk als Reparation in die Sowjetunion abgebaut. 1950 beschloss die SED den Wiederaufbau, gebaut wurde in drei Abschnitten von 1951 bis 1959. Den Wiederaufbau plante der Architekt Willy Baake nach den alten Plänen. Am Ende hatte das Kraftwerk zwölf Kessel und zwölf Maschinensätze mit zusammen 384 Megawatt, und statt zwei standen nun vier Schornsteine von rund 140 Metern Höhe auf dem Gelände. Ab 1967 lieferte es auch Fernwärme.
Ausstellungshalle nach der Stilllegung
1994 ging der letzte Kessel außer Betrieb. 1996 kam das Kraftwerk auf Initiative der Stiftung Bauhaus Dessau in die Denkmalliste, später wurden Teile wieder aus dem Denkmalschutz entlassen. 1998 zeigte das Land Sachsen-Anhalt hier die Landesausstellung „mittendrin“ zur Geschichte Sachsen-Anhalts, die Kessel dienten als Ausstellungsräume, 1999 folgte eine Ausstellung zur Industrialisierung des Landes. Zusammen kamen rund 120.000 Besucher*innen. Zur Expo 2000 war das Kraftwerk ein Referenzobjekt der Weltausstellung, dazu gab es Kunst, Konzerte und Theater.
Das Ende der Schornsteine
Die damalige Eigentümerin VEAG konnte die Sicherung der baufälligen Schornsteine nicht bezahlen. Eine Initiative „Zukunft statt Abriss“ und ein Berliner Designbüro versuchten noch, Geld für ihren Erhalt zu sammeln. Am 22. September 2001 wurden die vier Schornsteine trotzdem gesprengt.
2006 suchte der Hans-Heinrich-Müller-Preis nach neuen Nutzungen für das rund sieben Hektar große Gelände. Studierende aus zehn Hochschulen reichten Entwürfe ein, von einer Markthalle im Maschinenhaus bis zu Ateliers und Wohnungen. Eigentümerin war damals Vattenfall.
Von 1998 bis 2013 gab es Führungen, bei denen eine Aussichtsplattform in 40 Metern Höhe zugänglich war. Seit 2013 ist das Gelände aus Sicherheitsgründen geschlossen. Zu sehen ist heute die lange Klinkerfassade hinter einem Zaun.
Gut zu wissen
Das Gelände ist nicht zugänglich. Die Fassade siehst du vom Weg zwischen Vockerode und Wörlitz aus. Die evangelische Dorfkirche von Vockerode steht nur ein paar hundert Meter weiter westlich.
Steckbrief
Baubeginn
1937, in Betrieb ab Dezember 1938
Wiederaufbau
1951 bis 1959, Architekt Willy Baake
Stillgelegt
1994
Ort
Vockerode, Oranienbaum-Wörlitz
Zustand
Gelände geschlossen
Nächste Haltestelle
Vockerode, Kraftwerk (ca. 250 m), Vockerode, Siedlung (ca. 450 m)
Am Weg
Am Kraftwerk komme ich auf meiner Tour Von Dessau nach Wörlitz: Luisium, Kraftwerk Vockerode und Wörlitzer Park vorbei.
Weitere Orte in Sachsen-Anhalt stehen auf der Seite Wandern in Sachsen-Anhalt.
Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), vereinfacht dargestellt.
