Der Wörlitzer Park gehört zum Gartenreich Dessau-Wörlitz, das seit 2000 zum UNESCO-Welterbe gehört. Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau ließ ihn ab 1765 als Landschaftspark nach englischem Vorbild anlegen, mit Seen, Kanälen, Inseln und vielen kleinen Bauten. Auf meiner Wanderung von Dessau nach Wörlitz bin ich vom Westrand bis zum Gotischen Haus quer durch den Park gelaufen.
Rousseauinsel
Gleich am Westrand liegt die Rousseauinsel, eine kleine Insel mit Pappeln und einer Urne. Fürst Franz ließ sie 1782 zum Gedenken an den Philosophen Jean-Jacques Rousseau anlegen, vier Jahre nach dessen Tod. Vorbild war Rousseaus Grab auf der Pappelinsel in Ermenonville bei Paris.

Kirche St. Petri und Bibelturm
Am Rand des Ortes, nicht weit vom Schloss, steht die Kirche St. Petri. Sie sieht neugotisch aus, ist aber viel älter. Laut Landeskirche veranlasste Albrecht der Bär 1160 den Bau, geweiht wurde sie 1201. Aus dieser Zeit sind der Triumphbogen und das Südportal mit zwei romanischen Säulen erhalten.
Anfang des 19. Jahrhunderts ließ Fürst Franz die Kirche neugotisch umbauen, angeregt von der englischen Tudorgotik. Die Pläne stammten von Baurat Christoph Hesekiel, fertig war der Umbau 1809. Dabei wurde der Turm auf 66 Meter erhöht. Hesekiel baute wenig später für den Fürsten auch die Dorfkirche in Vockerode.
Seit dem 3. September 1994 ist im Turm der Bibelturm, eine Ausstellung der Evangelischen Landeskirche Anhalts zur Bibel auf drei Etagen. Rund 200 Stufen führen hinauf, oben gibt es eine Aussichtsplattform mit Blick über das Gartenreich. Jedes Jahr kommen rund 8.000 Besucher*innen.

Schloss Wörlitz
Gleich neben der Kirche steht Schloss Wörlitz, gebaut 1769 bis 1773 nach Entwürfen des fürstlichen Architekten Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff. Vorbild waren englische Landhäuser. Die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz nennt den Bau den „Gründungsbau des deutschen Klassizismus“. Das Haus sollte ein Musterhaus für den neuen Stil sein und stand Besucher*innen von Anfang an offen.
Die Ausstattung ist fast vollständig erhalten: antike Skulpturen, italienische und niederländische Gemälde, Keramik von Wedgwood und Möbel aus der Werkstatt Roentgen. Wandmalereien und Stuck folgen Funden aus Pompeji und Herculaneum, die Fürst und Architekt auf ihrer Grand Tour durch Italien gesehen hatten. Im Mezzanin sind Objekte aus der Südsee zu sehen, die Georg Forster von der Reise mit James Cook mitbrachte. Dazu kommen technische Einfälle wie Wandschränke, Klappbetten und ein Speiseaufzug. Rund 20 Jahre lang wurden Schloss und Ausstattung restauriert, 2020 waren die Arbeiten abgeschlossen.

Die Synagoge
Am Ufer des Wörlitzer Sees steht auf einem kleinen Hügel ein weißer Rundbau mit runden Fenstern, die ehemalige Synagoge des Ortes. 1789 bis 1790 ließ die fürstliche Regierung sie für die jüdische Gemeinde in Wörlitz bauen, die damals rund 130 Mitglieder hatte. Den Entwurf lieferte Erdmannsdorff, Vorbild war ein römischer Rundtempel, der auch Vesta-Tempel genannt wird. Bezahlt hat den Bau laut einem Almanach von 1792 der Fürst selbst. Im Unterbau liegt eine Mikwe, ein rituelles Bad.
1910 löste sich die Wörlitzer Gemeinde auf. Danach nutzte die jüdische Gemeinde in Dessau die Synagoge bis 1937, dann ging sie an eine staatliche Stiftung. Im November 1938 wurde die Einrichtung zerstört. Dass das Gebäude nicht angezündet wurde, lag auch am Gartendirektor Hans Hallervorden, der eingriff und deshalb seine Stelle verlor.
Seit 2003 ist in der Synagoge eine Ausstellung zur Geschichte der Jüdinnen und Juden in Anhalt zu sehen.

Borkenhäuschen und Pantheon
Auf dem Kleinen Weidenheger steht das Borkenhäuschen, ein kleines Haus, das außen mit Eichenrinde verkleidet ist. Es entstand in der Zeit, als die Südsee in Europa in Mode war, nach dem Vorbild von Badehäusern auf Tahiti. Im Juli 2021 wurde es nach zwei Jahren Restaurierung wieder übergeben.
Weiter östlich steht auf dem Elbwall das Pantheon, ein Rundbau mit Säulenvorhalle und flacher Kuppel. Erdmannsdorff baute es 1795 bis 1797, früher war darin die Antikensammlung des Fürsten untergebracht.


Das Gotische Haus
Das Gotische Haus steht an einem Kanal und sieht von beiden Seiten ganz anders aus. Erdmannsdorff begann den Bau 1773, kurz vor der Fertigstellung des Schlosses, zuerst als Wohnung für den Hofgärtner Schoch. Ab 1785 nutzte Fürst Franz das Haus immer mehr selbst, als privaten Rückzugsort und für seine Sammlungen. Über vier Jahrzehnte wurde es mehrfach erweitert, bis 1813.
Die Front zum Kanal hat die gotische Kirche Madonna dell’Orto in Venedig zum Vorbild, die Gartenseite die englische Tudorgotik. Die Kulturstiftung nennt außerdem das Landhaus Strawberry Hill von Horace Walpole bei London als Anregung. Im Haus sind über 200 Glasgemälde zu sehen, die meisten aus der Schweiz, aus der Zeit vom späten 15. bis ins 17. Jahrhundert. Sie gehören zu den Sammlungen des Fürsten.


Nicht weit davon steht der Floratempel auf einem hohen Sockel. Erdmannsdorff baute ihn Ende der 1790er-Jahre, Fürst Franz nutzte ihn als Musikpavillon.

Gut zu wissen
Der Park ist das ganze Jahr frei zugänglich und kostet keinen Eintritt. Schloss Wörlitz und das Gotische Haus sind innen nur mit einer Führung zu sehen, von Ende März bis Anfang November. Der Bibelturm hat von Ende März bis Mitte Oktober dienstags bis sonntags geöffnet. Die Ausstellung in der Synagoge ist von Mai bis September dienstags bis sonntags geöffnet, im Oktober nur sonntags und an Feiertagen, der Eintritt kostet 1 Euro.
Über den Wörlitzer See fahren von Frühjahr bis Herbst kleine Fähren, mit denen du zwischen den Gartenteilen übersetzen kannst. Eine davon verbindet das Ufer an der Synagoge mit dem Weidenheger.
Steckbrief
Bauherr*in
Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau
Architekt*in
Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff
Angelegt
ab 1765
Ort
Wörlitz, Oranienbaum-Wörlitz
Zugang
Park frei, Schloss und Gotisches Haus mit Führung
Nächste Haltestelle
Wörlitz, Kirchgasse (ca. 200 m), Wörlitz, Neue Reihe (ca. 400 m)
Am Weg
Durch den Park führt meine Tour Von Dessau nach Wörlitz: Luisium, Kraftwerk Vockerode und Wörlitzer Park.
Weitere Orte in Sachsen-Anhalt stehen auf der Seite Wandern in Sachsen-Anhalt.
Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), vereinfacht dargestellt.
