Die Waldsiedlung Zehlendorf, gebaut 1926 bis 1932.
Die Waldsiedlung Zehlendorf liegt am Grunewaldrand in Zehlendorf. Weil der nahe U-Bahnhof Onkel Toms Hütte heißt, sagen viele Onkel-Tom-Siedlung. Seit Juli 2026 gehört sie zum UNESCO-Welterbe Siedlungen der Berliner Moderne.
Bau mitten im Wald
Bauherr war die GEHAG, die im April 1924 gegründet wurde, getragen vom Gewerkschaftsbund, vom Verband sozialer Baubetriebe und einigen Arbeitergenossenschaften. Bruno Taut war für den städtebaulichen Entwurf verantwortlich, Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg planten Bauten mit. Der Bezirk Zehlendorf leistete Widerstand, weil er Wohnungen für Menschen außerhalb des gebildeten Bürgertums und Bauten abseits des Villenstils nicht wollte. Der Bau kam voran, weil Stadtbaurat Martin Wagner eingriff.
Es entstanden 1.917 Wohneinheiten: 1.108 in Geschosswohnungen mit bis zu drei Geschossen und 809 Einfamilienhäuser, davon 562 mit 85 und 247 mit 104 Quadratmetern. Die Siedlung wuchs in sieben Bauabschnitten auf 34,46 Hektar. In den ersten beiden Abschnitten 1926 und 1927 südlich der Wilskistraße entwarf Taut die zweigeschossigen Zeilen, Salvisberg baute die Reihenhäuser im Westteil und Häring die im Ostteil, wie die Denkmaldatenbank beschreibt. 1927 und 1928 wuchs die Siedlung nach Osten, an der Ecke Riemeisterstraße und Wilskistraße entstand ein Café mit Konditorei. Der fünfte Abschnitt 1929 und 1930 nördlich der Argentinischen Allee bestand nur aus Reihenhäusern von Taut. Der Bebauungsplan für die letzten beiden Abschnitte wurde 1930 festgesetzt.
Die Freiflächen gestalteten Leberecht Migge und Martha Willings-Göhre, gleichberechtigt zum Hochbau. Die alten Kiefern blieben in den Vorgärten stehen. In die Gärten durften keine Obstbäume, es wurde Rasen eingesät. Die Mieten lagen höher als im traditionellen Arbeiterwohnungsbau, deshalb zogen anfangs vor allem Familien aus der Mittelschicht ein.
Farben, Flachdächer und der Peitschenknall
Die Farben richten sich nach der Himmelsrichtung: Die Ostfassaden sind gelb und grün, die Westfassaden braun und bordeauxrot. Dazu kommen Fensterrahmen und Haustüren in kontrastierenden Farben. Der bunte Anstrich brachte der Siedlung den Spitznamen Papageiensiedlung, der nicht immer freundlich gemeint war. Im Nationalsozialismus wurde er abwertend benutzt, um Tauts moderne Architektur zu diskreditieren. Entlang der Argentinischen Allee entstand 1930 eine rund 400 Meter lange Zeile mit 31 Hauseinheiten, die der Biegung der Straße folgt. Im Volksmund heißt sie Peitschenknall.

Die Häuser haben durchgehend Flachdächer. Konservativen galt das als Angriff auf die Tradition, im „Zehlendorfer Dächerkrieg“ wurde darüber gestritten. Gegner nannten flach gedeckte Siedlungen verächtlich Araberdörfer.

1928 ließ die Gagfah gegenüber am Fischtal eine Versuchssiedlung mit Satteldächern bauen, entworfen von 16 Architekten unter Heinrich Tessenow. Die Dachform war verbindlich vorgegeben, alle Bauten haben ein ziegelgedecktes Satteldach. Unter den Architekten waren Hans Poelzig, Paul Schmitthenner und Mebes & Emmerich, zwei Wohnblöcke an der Onkel-Tom-Straße stammen von Alexander Klein. Die Ausstellung „Bauen und Wohnen“ lief vom 1. September bis 31. Oktober 1928. Eine rote Stele an der Wilskistraße erzählt den Streit, sie wurde 2009 enthüllt.
Pavillon, Gedenktafel und U-Bahnhof
An der Ecke Wilskistraße und Riemeisterstraße steht einer von zwei ebenerdigen Ladenpavillons. Im östlichen war ein Friseursalon, heute ist dort der Kieztreff Frisierkunst. An der Südostecke von Argentinischer Allee und Riemeisterstraße hängt eine Bronzetafel für Bruno Taut mit dem Satz „Architektur ist die Kunst der Proportion“, enthüllt 1992. Auf der Rückseite werden auch die Hufeisensiedlung in Britz und die Wohnstadt Carl Legien in Prenzlauer Berg genannt. Taut ging 1933 ins Exil, zuerst nach Japan, 1936 in die Türkei, wo er am 24. Dezember 1938 in Istanbul starb.

Der U-Bahnhof war schon in einer frühen Planskizze für das Siedlungsprojekt vorgesehen. Er eröffnete am 22. Dezember 1929. Alfred Grenander entwarf ihn mit Rudolf W. Reichel und Otto Rudolf Salvisberg, die Ladenpassagen an den Bahnsteigen von 1931 stammen von Salvisberg und Reichel. Das Stationsgebäude steckt in einem dreigeschossigen Wohnblock, Architektur und Innenausbau sind größtenteils original erhalten. Der Bahnhof und die Siedlung heißen nach der Ausflugsgaststätte „Wirtshaus am Riemeister“, die 1885 gebaut und 1978/79 abgerissen wurde; im Volksmund hieß sie Onkel Toms Hütte. Das Kino der Ladenstraße schloss 1968, heute ist dort ein Lebensmittelmarkt.

Nach 1933 und der lange Weg zum Welterbe
Die GEHAG wurde nach 1933 in die Deutsche Arbeitsfront eingegliedert, die Gewerkschaften wurden zerschlagen. Im Krieg blieb die Siedlung weitgehend unversehrt. Nach dem Krieg zogen viele US-Soldaten in die Wohnungen. Nachkriegsumbauten veränderten das Erscheinungsbild, in den 1980er Jahren begann die Restaurierung. Grundlage der denkmalgerechten Sanierung sind die Gestaltungsrichtlinien von 1982 und der Denkmalpflegeplan von 2006. Die Siedlung steht seit 1995 unter Denkmalschutz, die Farben wurden nach Untersuchungen weitgehend wiederhergestellt.
2008 gehörte die Waldsiedlung noch nicht zu den ersten sechs Siedlungen der Berliner Moderne auf der Welterbeliste. Am 26. Juli 2026 trug das Welterbekomitee sie auf seiner Sitzung in Busan als siebten Teil ein. Landeskonservator Christoph Rauhut nannte sie „eine der größten und der außergewöhnlichsten Siedlungen der 1920er Jahre in Deutschland“. Manche Mieter*innen sehen die Eintragung skeptisch, laut Senat hat der Status keine unmittelbaren Auswirkungen aufs Wohnen.
Heute
Rund 4.000 Menschen leben in der Siedlung. Das Land verkaufte die GEHAG in Etappen, 1998 gingen 75 Prozent, 2001 der Rest an private Eigentümer. Der Geschosswohnungsbau gehört heute überwiegend der Vonovia SE, die Einfamilienhäuser sind in Privatbesitz.
Steckbrief
Architekt*in
Bruno Taut (Städtebau), Hugo Häring, Otto Rudolf Salvisberg
Bauherr
GEHAG
Ort
Argentinische Allee, Riemeisterstraße und Umgebung, Zehlendorf
Gebaut
1926 bis 1932
Zustand
Gesamtanlage unter Denkmalschutz, bewohnt, UNESCO-Welterbe
Nächste Haltestelle
Onkel Toms Hütte (U-Bahn, ca. 130 m)
Am Weg
Ich bin hier auf meiner Tour durch Zehlendorf vorbeigekommen: Zehlendorf.
Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), vereinfacht dargestellt.
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