Berliner Ortsteile / Tempelhof-Schöneberg / Friedenau
Friedenau
Ortsteil im Bezirk Tempelhof-Schöneberg · Ortsteil 64 von 97
Friedenau ist ein dicht bebauter Ortsteil im Westen des Bezirks Tempelhof-Schöneberg, mit Rathaus, Kino, Kirche und einer ganzen Straße voller Schriftsteller*innenadressen. Am 12. Januar 2025 bin ich ihn in gut anderthalb Stunden gelaufen, eine Tour von 7 Kilometern. Die Tour beginnt an der Hauptstraße und führt in einem großen Bogen durch den ganzen Ortsteil.
Kurz gesagt
- Friedenau entstand ab 1871 als Landhauskolonie vor den Toren Berlins, wurde 1874 eine eigene Landgemeinde und kam 1920 zu Schöneberg.
- Rathaus, Roxy-Palast und die Kirche Zum Guten Hirten stehen unter Denkmalschutz und liegen an der Tour.
- In der Niedstraße lebten oder arbeiteten Erich Kästner, Günter Grass, Karl Schmidt-Rottluff und Uwe Johnson.
- Auf dem Friedhof an der Stubenrauchstraße liegen unter anderem Ferruccio Busoni, Marlene Dietrich und Helmut Newton.
Geschichte
Friedenau gibt es erst seit der Kaiserzeit. Der Kaufmann Johann Anton Wilhelm von Carstenn hatte 1865 das Rittergut Deutsch-Wilmersdorf gekauft und wollte darauf eine Landhauskolonie anlegen. Am 9. Juli 1871 wurde der Landerwerb- und Bauverein auf Aktien gegründet, der das Land bebaute. Gedacht war ein Villenvorort für Literat*innen, Künstler*innen und Pensionäre: Die Häuser durften höchstens zwei Stockwerke haben, jedes mit Vorgarten und einem größeren Garten dahinter.
Aus der Kolonie wurde am 9. November 1874 die Landgemeinde Friedenau. Dann ging es schnell. Seit 1887 erlaubte die Bauordnung Mietshäuser mit bis zu fünf Geschossen, und viele Villen wurden abgerissen. 1875 lebten in Friedenau 1.104 Menschen, 1912 waren es rund 43.000.
Den Grundriss hat Carstenn bis heute vorgegeben. Mittelpunkt ist der Friedrich-Wilhelm-Platz, Schillerplatz und Renée-Sintenis-Platz sind Gegenstücke dazu. Das gilt als Carstenn-Figur.
1920 wurde Friedenau mit der Bildung Groß-Berlins ein Teil von Schöneberg und verlor die kommunale Selbstverwaltung. Das Rathaus, das die Gemeinde kurz zuvor gebaut hatte, wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt und erst 1950 bis 1956 wiederaufgebaut. An die Luftbrücke erinnert eine Gedenktafel in der Handjerystraße.
Was Friedenau ausmacht
Beide Bauformen prägen das Bild bis heute: Landhäuser aus den ersten Jahren und fünfgeschossige Mietshäuser aus der Zeit danach. In fast allen Straßen ist bis heute ein Vorgarten vorgeschrieben.
Friedenau gilt wegen seiner Künstler*innen und Intellektuellen als Künstlerviertel. Dazu passt die Niedstraße, die als „Straße der Dichter“ bezeichnet wird. Dazu passt auch der Friedhof an der Stubenrauchstraße.
Friedenau war aber nie nur Wohnvorort. An der Bundesallee stand ein Industriebetrieb, aus dem die Askania-Werke hervorgingen, und der Gemeindebaurat Hans Altmann hat dem Ort mit Rathaus und Schulen ein öffentliches Gesicht gegeben.
Orte, die sich lohnen
Hauptstraße und Roxy-Palast
Am Anfang läuft die Tour die Hauptstraße entlang nach Südwesten. Auf Höhe der Hausnummern 78 und 79 steht der Roxy-Palast. Das Haus von 1929 ist ein viergeschossiges Büro- und Geschäftshaus aus Stahlskelett mit einem Kino im hinteren Teil des Grundstücks. Martin Punitzer hat es entworfen, das Kino hatte damals 1.106 Plätze. Die durchlaufenden Fensterbänder und das verglaste Erdgeschoss gehören zur Neuen Sachlichkeit, der Reklame-Glasfläche mit dem Pylon über dem Kinoportal ist wiederhergestellt.
Im früheren Kaufhausbereich des Hauses eröffnete 1976 die Diskothek La Belle. Sie war bei Schwarzen US-Soldaten, bei jungen Berliner*innen aus türkisch- und arabischstämmigen Familien und in der afrodeutschen Community beliebt. Am 5. April 1986 explodierte dort ein Sprengsatz, drei Menschen starben, viele wurden verletzt. An der Hauptstraße 78 hängt eine Gedenktafel. 2001 wurden vier Menschen verurteilt.
Rund 800 Meter weiter steht das Rathaus.
Rathaus Friedenau
Das Rathaus Friedenau hat Hans Altmann entworfen. Ursprünglich sollte es am Renée-Sintenis-Platz entstehen, gewählt wurde dann der Lauterplatz. Der Grundstein wurde am 13. Oktober 1913 gelegt, eröffnet wurde es 1917. Der fünfgeschossige Bau hat vier Flügel um einen Innenhof und einen etwa 71 Meter hohen Turm, der an der Hauptstraße weithin zu sehen ist. Er ersetzte zwei abgerissene Landhäuser und gilt als das letzte Rathaus, das im Kaiserreich in einem Berliner Vorort gebaut wurde.

Nach dem Krieg wurde die Fassade zum Platz beim Wiederaufbau stark vereinfacht: Die runden Erker, das Säulenportal, der Mittelerker und der Quergiebel fielen weg. Altmann protestierte vergeblich. Die Seitenfassaden und der Ostflügel haben ihre alte Gestalt dagegen weitgehend behalten, mit Arkaden, dorischen Kolonnaden und einer Halbfigur Altmanns über einer Toreinfahrt.
Breslauer Platz und Platzpavillon
Vor dem Rathaus liegt der Breslauer Platz. Bis 1964 hieß er Lauterplatz. Auf dem Platz steht der Platzpavillon von 1929, eine schlanke Stahlfachwerkkonstruktion mit zwei Kiosken und Wartehäuschen. Darunter liegt eine öffentliche Toilette, die über zwei Treppen erreichbar ist. Entworfen hat ihn der Schöneberger Stadtbaurat Heinrich Lassen, der auch die Ceciliengärten und das Stadtbad Schöneberg plante.
Auf dem Platz findet seit 1881 ein Wochenmarkt statt. Von hier geht es in die Niedstraße.
Niedstraße
Die Niedstraße zwischen Breslauer Platz und Friedrich-Wilhelm-Platz ist die Straße der Dichter. In der Hausnummer 5 hatte Erich Kästner in den Büroräumen seiner Sekretärin eine Zweitwohnung. Günter Grass wohnte ab 1963 in Friedenau.
In der Niedstraße 14 erinnert eine Gedenktafel an zwei Künstler. Der Maler Karl Schmidt-Rottluff, Mitgründer der Künstlergruppe Brücke, wohnte hier von 1911 bis 1933. Der Schriftsteller Uwe Johnson zog 1959 aus der DDR nach West-Berlin und lebte bis 1968 im Haus, in Schmidt-Rottluffs früherem Atelier. Auf der Tafel steht ein Satz von ihm aus dem Jahr 1961: „Es gibt nicht: Berlin. Es sind zwei Städte Berlin.“ Die Tafel wurde 2002 enthüllt, in Anwesenheit von Günter Grass.
Dann biegt die Tour ab, kommt über die Bundesallee und erreicht den Friedrich-Wilhelm-Platz.
Friedrich-Wilhelm-Platz und Kirche Zum Guten Hirten
Der Friedrich-Wilhelm-Platz wurde Ende des 19. Jahrhunderts angelegt und ist der Mittelpunkt Friedenaus. Im Lauf der Zeit wurde er stark auf den Autoverkehr ausgerichtet.
Auf dem Platz steht die Kirche Zum Guten Hirten, ein neugotischer Backsteinbau von 1891 bis 1894. Carl Doflein hat sie entworfen, die Skulpturen an Portal und Treppentürmen stammen von Albert Koch. Der Turm im Süden ist etwa 70 Meter hoch und bildet den Blickpunkt für mehrere Hauptachsen Friedenaus.

Die ursprüngliche Ausstattung im Inneren ging bei der Umgestaltung 1968 verloren. Die Kirche gilt als Mitte des Ortes. Südlich des Platzes läuft die Tour an der Bundesallee weiter.
Askania-Werke an der Bundesallee
Hinter dem Friedrich-Wilhelm-Platz liegen an der Bundesallee 86 bis 88 die ehemaligen Werkstätten von Carl Bamberg. Der Mechaniker und Optiker war 1887 und 1888 aus Berlin-Mitte nach Friedenau gezogen, wo eine Villa und ein Werkstattgebäude entstanden. Aus dem Betrieb gingen 1921 durch den Zusammenschluss mit einer Dessauer Firma die Askania-Werke hervor. Seit der Mitte der 1930er Jahre stellten sie auch Rüstungsgüter her.
Die Anlage wurde in neun Bauabschnitten zwischen 1887 und 1937 zur Fabrik ausgebaut, die Gebäude sind mit farbiger Keramik verziert, die späteren folgen der Neuen Sachlichkeit. Heute dient sie als Gewerbehof. Als Gesamtanlage steht sie unter Denkmalschutz, die Adressen reichen von der Bundesallee bis zur Stubenrauchstraße 72.
Schulen von Hans Altmann
Im Südwesten kommt die Tour an zwei Schulen vorbei, die Hans Altmann als Gemeindebaurat gebaut hat. Das Realgymnasium Friedenau, heute Rheingau-Oberschule, entstand 1908 bis 1910 auf einem ganzen Häuserblock. Es war Altmanns erster wichtiger kommunaler Bau. Der U-förmige Bau hat einen markanten Turm, die reiche Bauplastik stammt von Richard Kuöhl.

Nicht weit davon steht die ehemalige Königin-Luise-Schule, heute Paul-Natorp-Oberschule. Sie wurde um 1910 gebaut und gilt mit ihrer zentralen Aula und dem T-förmigen Grundriss als „Hallenschule“. Auf dem gleichen Grundstück steht die ältere Stechlinsee-Grundschule von 1904 bis 1906. Danach geht es an der Westgrenze des Ortsteils nach Norden.
Friedhof Stubenrauchstraße
Im Nordwesten läuft die Tour am Friedhof Stubenrauchstraße vorbei. Er wurde 1881 für die Gemeinde Friedenau angelegt, geometrisch gegliedert und von einer Mauer eingefasst. Zu den Bauten gehören die Kapelle von 1888 und 1889 und die expressionistische Urnenhalle mit Rundturm von 1914 bis 1916.

Auf dem Friedhof liegen der Komponist Ferruccio Busoni, dessen Grabmal Georg Kolbe entworfen hat, Marlene Dietrich, Helmut Newton und Ottomar Anschütz, ein Pionier von Fotografie und Film. Danach führt die Tour durch den Norden Friedenaus zurück.
Gymnasium am Perelsplatz
Am Perelsplatz steht das Gymnasium Friedenau, ein neobarocker Schulbau von 1901 bis 1902 mit Eckturm, Säulenportal und zweigeschossiger Aula. Entworfen haben ihn Paul Engelmann und Erich Blunck. Im Vorgarten steht eine Stele mit Reliefbildnissen von Martin Luther und Otto von Bismarck.

Der Platz heißt nach dem Widerstandskämpfer Friedrich Justus Perels, der in Friedenau lebte. Heute ist in dem Gebäude die Friedrich-Bergius-Schule untergebracht, und seit 2010 gibt es dort ein von Schüler*innen gegründetes Schul- und Stadtteilmuseum. Von hier sind es nur noch wenige Minuten bis zur Hauptstraße.

Meine Tour
Die Tour ist 7 Kilometer lang, ich bin gut anderthalb Stunden unterwegs gewesen. Sie beginnt an der Hauptstraße und folgt ihr bis zum Breslauer Platz am Rathaus. Durch die Niedstraße und über die Bundesallee geht es zum Friedrich-Wilhelm-Platz, dann nach Süden, in einem Bogen durch den Südwesten und an der Westgrenze nach Norden. Am Friedhof Stubenrauchstraße vorbei und durch den Norden Friedenaus bin ich zur Hauptstraße zurückgekommen.
Am Wegesrand
Luftbrücke in der Handjerystraße. An der Handjerystraße 2 stürzte am 25. Juli 1948 während der Berliner Blockade ein Versorgungsflugzeug ab, zwei amerikanische Piloten starben. Drei Tage später brachten Berliner*innen an der Unglücksstelle eine eigene Tafel an. Die heutige Granittafel wurde 1979 enthüllt und 2006 rechts neben dem Eingang wieder angebracht. Mehr zur Luftbrücke steht auf der Seite zu Tempelhof.
Comedian Harmonists. In der Stubenrauchstraße 47, nur wenige Hausnummern vom Friedhof entfernt, lud Harry Frommermann im Dezember 1927 per Zeitungsanzeige Sänger zum Vorsingen ein. Die ersten Proben fanden im Januar 1928 in seiner Wohnung statt, so entstand das Sextett, das später Comedian Harmonists hieß.
Kunden auf dem Markt. Zu den Kunden des Wochenmarkts am Breslauer Platz gehörte Günter Grass, der dort unter anderem Fisch, Gemüse und Wild kaufte, als er in der Niedstraße wohnte.
Ein Platz, der nie einer wurde. Der Friedhof an der Stubenrauchstraße liegt auf dem ehemaligen Hamburger Platz. Carstenn hatte dort einen Schmuckplatz vorgesehen, die Pläne wurden nicht umgesetzt.
Gut zu wissen
Mit der Bahn: Die U9 hält am Friedrich-Wilhelm-Platz, die S1 am S-Bahnhof Friedenau.
Mehr auf dieser Seite: Die Tour Jüdisches Berlin: Von Lichterfelde nach Friedenau endet in der Stierstraße 21, wo eine Stolperschwelle an einen jüdischen Betraum erinnert, der dort von 1933 bis 1938 bestand. Weitere Orte der Reihe stehen unter Jüdisches Berlin zu Fuß. Wer auf der Hauptstraße weiter nach Norden geht, kommt in Schöneberg an einem Wandbild von Christian Awe an der Hauptstraße vorbei.
Von Friedenau aus weiter
3 Ortsteile grenzen an, mit Richtung und Entfernung von Mitte zu Mitte.