Unterwegs zu Fuß

Gaswerk Mariendorf: Backsteingotik, Wasserturm und Gasbehälter aus Wien

Backstein-Wasserturm und Gasbehälter im ehemaligen Gaswerk Mariendorf

Alter Wasserturm im ehemaligen Gaswerk Mariendorf, 1900

Das Gaswerk Mariendorf entstand 1900 und 1901 im Süden von Berlin, zwischen Teltowkanal, Eisenbahn, Lankwitzer Straße und Ringstraße. Rund hundert Jahre wurde hier Gas hergestellt, heute heißt das Gelände Marienpark und ist ein Gewerbe- und Technologiecampus. Erhalten sind Backsteinhallen, zwei Wassertürme und das Stahlgerüst eines Gasbehälters. Der Ortsteil Mariendorf hat mit der Anlage ein großes Industriedenkmal.

Ein Gaswerk für den Berliner Süden

Gebaut hat das Werk keine Stadt, sondern die Imperial Continental Gas Association, kurz ICGA, eine englische Gesellschaft. Sie hatte schon 1826 in Berlin die Gasbeleuchtung eingeführt und kaufte das Gelände in Mariendorf 1899. Die Gemeinden südlich von Berlin hatten sich vertraglich verpflichtet, ihr Gas von der ICGA zu beziehen. Den Standort wählte die Gesellschaft, als die Trassierung des Teltowkanals feststand. Die Kohle kam zunächst mit der Bahn, 1906 wurde der Mariendorfer Hafen eröffnet und gab dem Werk einen Anschluss an die Wasserstraßen.

Das technische Konzept stammte von Direktor Edward Drory. Er setzte auf Mechanisierung, was die Arbeit erleichterte und die Zahl der Beschäftigten deutlich verringerte. Die Anlage folgt dem Produktionsablauf von Norden nach Süden: Anlieferung und Lagerung der Kohle, Herstellung des Gases, Reinigung, Speicherung, Verteilung. Die Retortenhäuser, in denen die Kohle entgast wurde, und die großen Kohlelagerplätze südlich des Hafens gibt es nicht mehr.

Backsteingotik als Werbung

Zur Werbung für die Gasgesellschaft ließ die ICGA ihre Bauten historisierend gestalten, im Stil der norddeutschen Backsteingotik. Das Büro Schulz & Schlichting entwarf die erste Bauphase, nach 1903 baute Paul Karchow im gleichen Stil weiter. Die Denkmaldatenbank beschreibt rote Backsteinbauten mit Eisensprossenfenstern, Lisenen, Gesimsen und Friesen. Die Giebel haben einen hochaufragenden, zinnenbekrönten Mittelrisalit mit gestaffelten Blendarkaden.

Die Reinigerhalle 1 von 1901 ist dreischiffig und hat filigrane Eisenbinder. In gusseisernen Kästen mit Eisenoxidhydrat auf Holzborden wurde hier der Schwefelwasserstoff aus dem Gas gebunden. Die Reinigerhalle 2 von 1909 nach einem Entwurf von Karl Bernhard zeigt ihre Eisenkonstruktion offen und verzichtet auf historisierenden Schmuck. Im Bade- und Speisehaus von 1901 hatten Handwerker und Arbeiter im Erdgeschoss Waschraum, Duschen und Ankleide, im Obergeschoss lag die Kantine.

Der Alte Wasserturm von 1900 ist burgartig gestaltet. Er hat einen wuchtigen Sockel mit Zinnenkranz, einen auskragenden Behälterteil auf hölzernen Konsolen und ein steiles Kegeldach mit Laterne. Der Neue Wasserturm entstand 1968 bis 1969 nach Plänen der Bauabteilung der GASAG. Er ist ein pilzförmiger Betonturm mit sehr schlankem Schaft und einem kegelförmig auskragenden Wasserbehälter, der eine Aussichtsplattform trägt.

Der Gasbehälter aus Wien

Der erhaltene Niederdruck-Teleskopgasbehälter hat eine eigene Geschichte. Die englische Firma Cutler & Sons baute ihn 1892 für das Gaswerk der ICGA in Wien. Als Wien die Gasversorgung selbst übernahm, ließ die ICGA den Behälter abbauen und baute ihn 1901 in Mariendorf wieder auf. Er fasst 108.000 Kubikmeter, ist rund und wird von freistehenden Eisengerüsten getragen, die aus Kostengründen nicht ummauert wurden. In Berlin sind nur noch zwei Behälter dieser Art erhalten.

Seit 1995 ist der Behälter stillgelegt, Deckel und teleskopierbare Umhüllung fehlen. Geblieben ist das Stahlgerüst, das laut Bezirksamt grundsaniert wurde. Ein zweiter Niederdruckbehälter von 1905 wurde 1996 abgerissen.

Vom Stadtgas zum Marienpark

Der Erste Weltkrieg beendete die englische Zeit des Werks. Die ICGA wurde als englisches Unternehmen liquidiert, 1918 übernahm die Deutsche Gasgesellschaft, 1923 die Städtische Gaswerke AG, die spätere GASAG. Von 1952 bis 1957 wurde das Werk ausgebaut, später kamen Anlagen für Gas aus Leichtbenzin und Methanol dazu. Die Gaserzeugung aus Kohle endete 1980. Die Umstellung von Stadtgas auf Erdgas machte das Werk überflüssig, 1996 wurde es stillgelegt. Die Nachkriegsanlagen waren bis 1999 beräumt, von den historischen Gebäuden blieben alle bis auf einen Gasbehälter erhalten.

2013 wurde das Gelände verkauft. Heute umfasst es nach einer Antwort des Senats vom Juli 2026 rund 36 Hektar mit einem Innovations- und Gewerbequartier, zwei Rechenzentren, kleineren Produktionsbetrieben und einer Kita. Der Betreiber nennt es einen Technologiecampus mit gesichertem Zugang, ein Besucherangebot gibt es dort nicht. Das denkmalgeschützte Apparatehaus 1 von 1901 wird laut Senat saniert und soll Labor-, Büro-, Werkstatt- und Caféflächen bekommen. Die Brauerei BrewDog und das DogTap auf dem Gelände schlossen nach der Senatsantwort Ende Mai 2026.

Bauherrin

Imperial Continental Gas Association

Architekt*in

Schulz & Schlichting, ab 1903 Paul Karchow

Ort

Im Marienpark, Mariendorf

Gebaut

1900 bis 1901, ausgebaut bis 1912 und nach 1952

Denkmal

Gesamtanlage, Obj.-Dok.-Nr. 09055081

Zustand

erhalten, Gaswerk seit 1996 stillgelegt, heute Marienpark

Zugang

Privater Campus, von außen zu sehen

Nächste Haltestelle

Greinerstraße (Bus 181, ca. 220 m)

Am Weg

Ich bin hier auf meiner Runde durch Mariendorf vorbeigekommen: Mariendorf.

HGreinerstraße
Der Standort ist nur ungefähr eingezeichnet. Die H markieren die nächsten Haltestellen.

Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), vereinfacht dargestellt.

Weitere Orte in Mariendorf: die Trabrennbahn Mariendorf. Alle Ortsteile des Bezirks stehen auf der Seite Tempelhof-Schöneberg.

Unterwegs war Sebastian. Mehr über mich