Tour in Sachsen-Anhalt · Alle Touren und Wege
Die Strecke von Coswig (Anhalt) nach Lutherstadt Wittenberg ist 24,3 Kilometer lang und folgt der Elbe nach Osten. Sie führt durch die Elbaue nach Griebo und Apollensdorf, durch die Werkssiedlung Piesteritz und am Ende quer durch die Wittenberger Altstadt mit Schlosskirche, Stadtkirche und Lutherhaus. Dazwischen stehen mehr als ein Dutzend großer Wandbilder, die meisten vom Street-Art-Festival KURA.
Gelaufen bin ich die Tour am 20. September 2021, am Tag nach meiner Wanderung von Dessau nach Wörlitz.
Inhalt dieser Tour
Steckbrief
Strecke
24,3 km
Gehzeit
4:53 h
Art
Strecke
Start
Elbfähre, Wörlitzer Ufer
Ziel
Lutherstadt Wittenberg Hbf
ÖPNV
RE 14 nach Coswig (Anhalt), zurück ab Lutherstadt Wittenberg Hbf
- Mit der Bahn erreichbar
- Mit Fähre
Gelaufen am 20. September 2021
Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), vereinfacht dargestellt.
Darum lohnt sich die Tour
- Bis Apollensdorf geht es durch Auwald, Wiesen und Felder der Elbaue, vorbei an zwei Feldsteinkirchen.
- Die Werkssiedlung Piesteritz entstand ab 1916 nach Plänen von Otto Rudolf Salvisberg und steht seit 1986 unter Denkmalschutz.
- Schlosskirche, Stadtkirche, Melanchthonhaus und Lutherhaus gehören zum UNESCO-Welterbe und liegen alle am Weg.
- Unterwegs kommst du an mehr als einem Dutzend großer Wandbilder vorbei, am Ende an der Hundertwasserschule.
Anreise
Zurück
Ab Lutherstadt Wittenberg Hbf mit dem RE 3 nach Berlin
Hinweis
Vom Bahnhof Coswig (Anhalt) sind es gut 1 km bis zum Fähranleger. Wer nicht über die Elbe setzen will, startet direkt am Coswiger Ufer.
Alle Touren mit Bahnanreise, nach Linien sortiert: Mit der Bahn raus aus Berlin.
Die Route
Die Tour folgt der Elbe von Westen nach Osten. Bis Apollensdorf geht es durch Auwald, Dörfer und Felder, ab Piesteritz durch Werkssiedlung, Industrie und Stadt. Die letzten Kilometer führen quer durch die Wittenberger Altstadt und an ihrem Nordrand entlang.
Mit der Fähre nach Coswig
Los ging es am Wörlitzer Ufer der Elbe, wo die Tour vom Vortag geendet hatte. Die Gierfähre hat keinen Motor, sie wird allein von der Strömung über den Fluss gedrückt. Drüben liegt Coswig (Anhalt) mit seinem Schloss direkt am Ufer. Fahrzeiten und Hinweise zum Niedrigwasser veröffentlichen die Stadtwerke Coswig.

Durch die Elbaue nach Griebo
Vom Coswiger Anleger geht es nach Osten, und bald beginnt der Auwald. Der Weg ist hier unbefestigt und führt an einem stillen Gewässer vorbei, bis nach gut fünf Kilometern die ersten Häuser von Griebo auftauchen.


Griebo
Am Ortseingang steht die Untermühle, ein Backsteinbau mit Efeu an der Fassade, davor liegt ein alter Mühlstein. Ein paar hundert Meter weiter kommt die Kirche St. Johannes. Ihr romanischer Kern aus Feldstein stammt aus der Zeit um 1200. Im Dreißigjährigen Krieg wurde sie schwer beschädigt, 1653 wieder aufgebaut und ab 1729 barock umgestaltet.


Über die Felder nach Apollensdorf
Hinter Griebo öffnet sich die Landschaft, der Weg führt über Wiesen und Felder. In diesem Abschnitt lag im Zweiten Weltkrieg das Strafgefangenenlager „Elberegulierung“, spätestens ab 1939 auf einer Halde zwischen Griebo und Apollensdorf. Die Häftlinge mussten zuerst an der Elbe arbeiten, nach Kriegsbeginn auch in Rüstungsbetrieben, unter anderem im Stickstoffwerk Piesteritz. Ende April 1945 wurde das Lager aufgelöst. Seit 2015 zeichnen 13 Sandsteinblöcke am Elberadweg den Grundriss des Lagers nach.

In Apollensdorf führt der Weg durch die Alte Dorfstraße an der Dorfkirche vorbei, einem Feldsteinbau mit hölzernem Turmaufsatz. Danach geht es noch einmal ein Stück über offenes Land.


Werkssiedlung Piesteritz
Mit Piesteritz beginnt die Industrie. Im Ersten Weltkrieg schnitt die britische Seeblockade Deutschland vom Salpeter aus Chile ab, und 1915 entstand hier in kurzer Zeit ein Stickstoffwerk. Für die Beschäftigten wurde ab 1916 gleich daneben eine Werkssiedlung gebaut, nach Plänen des Schweizer Architekten Otto Rudolf Salvisberg. Fertig war sie 1919. Jedes Haus hatte Bad, Innen-WC und Garten, und Arbeiter*innen wohnten neben der Werksleitung.
Seit 1986 steht die Siedlung unter Denkmalschutz. Bis 2000 wurden ihre 363 Häuser denkmalgerecht saniert, als Projekt der Expo 2000. Am Rand der Siedlung steht das ehemalige Rathaus von 1925/26, ein gelber Bau mit Turm und expressionistischen Details. Später wurde daraus eine Schule, heute ist hier das Lucas-Cranach-Gymnasium.

Kleinwittenberg und Hafen
Hinter der Siedlung kommt Kleinwittenberg, heute ein Ortsteil von Lutherstadt Wittenberg. An der Dessauer Straße steht die Christuskirche mit den Zifferblättern an ihrem Turm.

Kurz danach taucht das erste große Wandbild auf. Dabtar und Captain Borderline haben auf eine orangefarbene Giebelwand ein Mischwesen mit Schimpansenkopf gemalt, auf einem roten Band darunter steht „Die Welt ist für alle da“.
Solche Wände gibt es in Wittenberg viele. Die meisten entstanden beim Street-Art-Festival KURA, das der Wittenberger Verein wbmotion ab 2013 veranstaltete. Jedes Jahr kamen Künstler*innen aus dem In- und Ausland und bemalten Giebelwände in der Stadt, viele davon an Wohnblöcken nördlich der Altstadt.

Übersichtsseite
Street Art in Wittenberg
- Wandbilder 17, alle mit eigenem Beitrag
- Entstanden meist 2013 bis 2018, KURA Festival
- Lage Kleinwittenberg bis Sternstraße
Am Hafen stehen die Gebäude der Wikana. Ihre Geschichte beginnt 1906 mit der Kant-Chokoladenfabrik, seit 1954 heißt die Firma WI-KA-NA. Nicht weit davon steht das Kornhaus, ein Getreidesilo von 1940, das heute Denkmal ist und privat genutzt wird.
Auf dem Weg in die Altstadt kommen drei weitere Wandbilder: Herakuts Mädchen im Astronautenhelm am Alten Bahnhof, die übereinandergelegten Hände von Case Maclaim an der Hans-Lufft-Straße und Dulks Bär mit Lachsen an der Dobschützstraße.
Schloss und Schlosskirche
Am Westrand der Altstadt steht die Schlosskirche. Nach der Überlieferung hat Martin Luther hier am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen angeschlagen. Ob es diesen Anschlag wirklich gab, ist in der Forschung umstritten. Die hölzerne Tür verbrannte 1760, seit 1858 sitzt an ihrer Stelle eine Bronzetür mit dem lateinischen Text der Thesen.
In der Kirche sind Luther und Melanchthon begraben. Zwischen 1885 und 1892 wurden Kirche und Turm zu einem Denkmal der Reformation im neugotischen Stil umgebaut. Seit 1996 gehört die Schlosskirche zum UNESCO-Welterbe, zusammen mit Stadtkirche, Melanchthonhaus und Lutherhaus.

Am Schlossplatz steht ein ganz anderer Bau, der Chemie-Pavillon. Er entstand 1959 als leichter Ausstellungsbau des Stickstoffwerks Piesteritz, heute ist darin ein Eiscafé. Ein paar Schritte weiter beginnen die Wandbilder der Altstadt: An der Marstallstraße haben Frederico Draw und Contra eine Frau mit erhobener Hand vor bunte Farbflächen gesetzt, an der Coswiger Straße hat Tasso ein gotisches Tor gemalt, das aus der Entfernung täuschend echt wirkt.
Markt und Stadtkirche
Durch die Schlossstraße geht es zum Markt. Vor dem Alten Rathaus stehen zwei Denkmäler: das Lutherdenkmal von 1821, eine Bronzefigur von Johann Gottfried Schadow unter einem Baldachin von Karl Friedrich Schinkel, und das Melanchthondenkmal von Friedrich Drake aus dem Jahr 1865.
Hinter dem Markt ragen die beiden Türme der Stadtkirche St. Marien auf. Hier predigte Luther ab 1512 regelmäßig, und Weihnachten 1521 fand hier der erste evangelische Gottesdienst in deutscher Sprache statt. Der Reformationsaltar aus der Werkstatt der Cranachs trägt die Jahreszahl 1547.
An der Südostecke der Kirche hängt seit etwa 1290 ein Sandsteinrelief, das Juden mit einem Schwein zeigt. Darunter liegt seit November 1988 eine Bodenplatte als Mahnmal. Im September 2021 lag der Streit um die Entfernung des Reliefs beim Bundesgerichtshof. Im Juni 2022 entschied das Gericht, dass es bleiben darf, weil Mahnmal und Erläuterungstafel es einordnen.
An der Collegienstraße hat Case Maclaim eine gebeugte Figur in Rosatönen direkt auf Backstein und Putz gemalt, sodass die Fugen Teil des Bildes werden.


Mittelstraße, Leucorea und Lutherhaus
In der Mittelstraße stehen sich zwei Wandbilder gegenüber: die Media Magdalena von Innerfields, eine Heilige mit Smartphone, und Herakuts Mädchen mit zwei Drachen. Zurück auf der Collegienstraße geht es am Melanchthonhaus vorbei, das Kurfürst Johann Friedrich 1536 für den Reformator bauen ließ.
Ein paar Häuser weiter liegt die Leucorea, die Universität, die Kurfürst Friedrich der Weise 1502 eröffnete. Luther lehrte hier ab 1512, Melanchthon ab 1518. Am Ende der Straße steht das Lutherhaus. Es wurde 1504 bis 1508 als Augustinerkloster gebaut, Luther lebte hier zuerst als Mönch und später mit Katharina von Bora und den Kindern. Seit 1883 ist das Haus ein Museum.
Wandbilder nördlich der Altstadt
Vom Lutherhaus geht es nach Norden, und jetzt kommen die Wandbilder dicht hintereinander. Das Kölner Kollektiv Captain Borderline hat hier zwei Wände bemalt: an der Geschwister-Scholl-Straße einen Mann im goldenen Kreis und an der Bachstraße eine riesige Uhr.

Eigener Beitrag
Captain Borderline: Uhr „NOW“
- Lage Bachstraße
- Künstler Signl und Dabtar
- Entstanden 2013, KURA Festival
Ein Stück weiter hat Case Maclaim auf eine Giebelwand eine große Hand gemalt, die einen Lottoschein „6 aus 49“ hält.

An der Berliner Straße hat Klub7 aus Halle und Berlin ein Haus mit Augen und Lächeln in einen bunten Bildersalat gesetzt, An der Stadthalle steht ihr „Aoi“ in Grün und Blau. Ein Stück weiter auf der Berliner Straße sitzen zwei Tauben vor gelben und roten Mustern.

Eigener Beitrag
Tape Over: Without you there is no us
- Lage Berliner Straße
- Künstler*innen Tape Over, Enni Vuong, More in color
- Entstanden 2018
- Größe rund 12 × 8 m
An der Sternstraße steigt bei Guido Zimmermann ein weißer Schwan aus einem Schwarm grauer Vögel, darüber steht ein Satz, der Jan Hus zugeschrieben wird. Ein paar Häuser weiter reitet bei Super A ein Superman auf einem Pferd, das nach unten in Farbe zerläuft.
Hundertwasserschule
Kurz vor dem Ziel steht die Hundertwasserschule, heute das Luther-Melanchthon-Gymnasium. Ursprünglich war sie ein Plattenbau aus den 1970er-Jahren. Die Initiative zum Umbau ging von Schüler*innen aus, und Friedensreich Hundertwasser übernahm den Entwurf unentgeltlich. Geplant hat den Umbau der Architekt Peter Pelikan, gebaut wurde ab November 1997, fertig war die Schule 1999.

Seitdem hat das Gebäude farbige Fassaden, ein begrüntes Dach und goldene Zwiebelhauben. Von hier ist es gut ein Kilometer bis zum Hauptbahnhof.
Gut zu wissen
- Den Track findest du bei Komoot.
- Die Elbfähre zwischen Wörlitz und Coswig fährt von März bis November und fällt bei Niedrigwasser aus. Aktuelle Hinweise stehen bei den Stadtwerken Coswig.
- Öffnungszeiten und Führungen findest du bei der Schlosskirche, der Stadtkirche und den LutherMuseen. Das Lutherhaus wird zurzeit saniert, die Ausstellung ist ins benachbarte Augusteum umgezogen.
- Die Hundertwasserschule ist ein Gymnasium im laufenden Schulbetrieb. Führungen bietet der Hundertwasser-Förderverein an, Hinweise dazu stehen bei der Tourist-Information.
- Wandbilder können verschwinden, wenn Häuser saniert, gedämmt oder abgerissen werden. Der Stand hier ist der vom September 2021.
Fazit
Bis Apollensdorf ist die Tour ruhig, mit Auwald, Feldern und zwei Dorfkirchen. Ab Piesteritz wird es dicht: Werkssiedlung, Welterbe und Wandbilder liegen auf den letzten gut zwölf Kilometern beieinander. Von der Menge der Wandbilder war ich damals selbst etwas überrascht.
Weitere Touren
Weitere Wandertouren findest du unter alle Touren.
