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Von Wittenberge nach Bad Wilsnack sind es 32,7 Kilometer durch die Prignitz im Nordwesten Brandenburgs. Die Tour führt aus der Industriestadt an der Elbe durch kleine Dörfer und die Elbaue zum Storchendorf Rühstädt und weiter zur Wunderblutkirche in Bad Wilsnack. Start und Ziel sind Bahnhöfe an der RE 8.
Ich bin die Strecke am 5. September 2021 gegangen, an einem Sonntag.
Inhalt dieser Tour
Steckbrief
Strecke
32,7 km
Gehzeit
6:25 h
Art
Streckentour, einfach
Start
Bahnhof Wittenberge
Ziel
Bahnhof Bad Wilsnack
ÖPNV
RE 8 zum Start und ab dem Ziel
- Mit der Bahn erreichbar
Gelaufen am 5. September 2021
Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), vereinfacht dargestellt.
Streckenband
- Kilometer 0Bahnhof WittenbergeStart · RE 8
- Kilometer 2,21Wasserturm im Stadtpark
- Kilometer 32Altstadt
- Kilometer 4,73Hafen
- Kilometer 224RühstädtStorchendorf, kein Bahnhof
- Kilometer 245Gnevsdorf
- Kilometer 31,86Wunderblutkirche
- Kilometer 32,7Bahnhof Bad WilsnackZiel · RE 8
Darum lohnt sich die Tour
- Wittenberge zeigt auf den ersten fünf Kilometern Bahn- und Industriegeschichte, Rathaus, Steintor und Hafen.
- Zwischen Wittenberge und Rühstädt läufst du durch kleine Dörfer und offene Landschaft, später mit Blick über das Elbvorland.
- Rühstädt trägt seit 1996 den Titel Europäisches Storchendorf und hat dazu Schloss, Park und eine barocke Dorfkirche.
- Am Ziel steht die Wunderblutkirche, im Mittelalter ein großer Wallfahrtsort.
- Start und Ziel liegen an der RE 8, du brauchst kein Auto.
Anreise
Hin
Regionalzug nach Wittenberge, zum Beispiel mit der RE 8 (VBB)
Zurück
RE 8 ab Bad Wilsnack
Hinweis
Rühstädt hat keinen Bahnhof, laut VBB fährt der Bus 960 ab Bad Wilsnack dorthin, teils nur als Rufbus
Beide Bahnhöfe liegen an derselben Linie, du fährst also hin und zurück mit der RE 8. Verbindungen suchst du am besten in der Fahrinfo des VBB oder über die Reiseauskunft der Deutschen Bahn.
Die Route
Die Tour hat vier Teile. Die ersten fünf Kilometer gehören Wittenberge mit Bahnhof, Altstadt und Hafen. Danach geht es durch Dörfer und über offene Flächen nach Rühstädt, das nach gut 21 Kilometern erreicht ist. Hinter Gnevsdorf läufst du am Wasser entlang bis nach Bad Wilsnack.
Wittenberge: Bahnhof und Altstadt
Ich starte am Bahnhof Wittenberge. Das Empfangsgebäude stammt von 1846 und gilt als größter Bahnhof zwischen Berlin und Hamburg. Dass die Berlin-Hamburger Bahn überhaupt über Wittenberge führt, geht auf den Einsatz von Salomon Herz zurück, mehr dazu bei Reiseland Brandenburg. Inzwischen ist das Gebäude saniert: Die städtische Wohnungsgesellschaft hat es gekauft und für gut 25 Millionen Euro kernsaniert, im Juni 2026 wurde es wiedereröffnet.


Wittenberge war lange eine Industriestadt. 1903 begann Singer hier mit dem Bau eines Nähmaschinenwerks, 1904 lief die Produktion an, später liefen die Maschinen als Veritas vom Band. Bis zu 3.200 Menschen arbeiteten dort, Ende 1991 endete die Produktion. 2025 wurde das Werk mit seinem Wasser- und Uhrenturm von 1929 als Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst ausgezeichnet, als erste Fabrik in Deutschland. Die Einwohnerzahl sank von rund 30.000 im Jahr 1990 auf rund 17.500 im Jahr 2012, so berichtet es die Volksstimme. Spuren davon sehe ich schon auf den ersten Metern: eine alte Fabrik mit der Inschrift „Eduard Wittes Söhne GmbH“ und ein Schild der „Gemeinschaft des göttlichen Sozialismus, Apostelamt Juda, Stamm Matthäus“. Was dahintersteckt, habe ich nicht herausgefunden.


Auf dem Weg zum Stadtpark liegen Pflege und Verfall dicht beieinander: ein Haus mit bunter Fassadenmalerei, ein Stück weiter ein verfallener Gründerzeitbau.



Im Stadtpark ragt der Wasserturm über die Baumkronen. Er wurde 1903/04 gebaut und gehört zu den Orten, an denen sich seither am meisten getan hat: Für die Landesgartenschau 2027 wird er mit gläsernem Aufzug und neuer Dachlaterne zum teilweisen Aussichtsturm umgebaut, Fertigstellung ist laut Nordkurier für Ende 2026 geplant.
Das Rathaus entstand 1912 bis 1914, sein Turm ist rund 51 Meter hoch. Beides steht in der Beschreibung der Rathausführung und im Nordkurier.


Von dort geht es durch die Altstadt nach Süden. Am nördlichen Rand steht das Steintor, ein Backsteinturm der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Er ist nach Angaben der Stadt das älteste Gebäude Wittenberges und war lange ein Polizeigefängnis, bevor 1928 darin das erste Museum der Stadt eröffnete. Erstmals erwähnt wird es 1297: Damals überfielen Mecklenburger Raubritter die Stadt, das Tor brannte, und Otto Gans zu Putlitz wurde im Bad überrascht und verschleppt, so steht es auf der Seite der Stadt Wittenberge. Der heutige Bau entstand etwa 150 Jahre später. Heute zeigt das Stadtmuseum darin die Ausstellung „Achtung, alter Turm“, wie die Stadtführung zur Altstadt beschreibt. Alt ist sonst wenig, denn 1757 brannte die ganze Stadt ab, wie Heinz Müller in seinem Ortsrundgang schreibt.


Mitten in der Altstadt steht die evangelische Kirche, gebaut 1870 bis 1872 (ebenfalls bei Müller). Danach erreiche ich den Hafen. Bei der früheren Ölmühle, die auf Salomon Herz zurückgeht und als erster Industriebetrieb der Stadt gilt, liegen Ölmühlenhafen, Stadthafen, Winterhafen und Sportboothafen, wie die Energie-Route aufzählt. 1823 gründete Salomon Herz hier die Ölmühle, 1856 zerstörte ein Großfeuer die Fabrik, danach wurde sie neu gebaut, und erst 1991 wurde die Produktion eingestellt (Ölmühle Wittenberge). Seit 2011 ist hier ein Hotel, auf dem Gelände stehen außerdem ein Kletterturm und ein Tauchturm, wie der Nordkurier und Reiseland Brandenburg berichten.


Zwischen Wittenberge und Rühstädt
Hinter dem Hafen verlasse ich die Stadt. Wittenberge ist die größte Stadt im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg, das rund 70 Flusskilometer der Elbe umfasst, und die Elbe gilt als einziger Sandstrom Deutschlands (Reiseland Brandenburg). Auf den nächsten sechzehn Kilometern gibt es wenig Programm, dafür Dörfer, Feldwege und Wiesen. Gleich hinter der Stadt steht eine Backsteinvilla mit Turm, in Garsedow ein Fachwerkhaus mit Garten. Zwischendeich und Hinzdorf sind kaum mehr als ein paar Häuser.


In Hinzdorf sitzt auf einer kleinen Backsteinkirche ein Dachreiter.


Hinter Hinzdorf wird die Landschaft offener. Ein Wasserlauf zieht sich zwischen Wiesen entlang, später geht es auf einem Betonplattenweg weiter. Mehr passiert hier nicht, und genau das zieht sich.


Rühstädt
Nach gut 21 Kilometern stehe ich am Rand von Rühstädt vor einem Obelisk aus Sandstein auf einer Wiese. Er steht auf der Hauptachse des Schlossparks und ist rund zehn Meter hoch (Reiseland Brandenburg). Der Park ist aus einem Renaissancegarten entstanden und heute ein Landschaftspark, mit Mammutbäumen, von denen einer vor dem Schloss steht.


Rühstädt trägt seit 1996 den Titel „Europäisches Storchendorf“ (Berlin.de). Wie viele Paare brüten, schwankt von Jahr zu Jahr: 2024 zählte der Nordkurier 25 Brutpaare mit 50 Jungen, den besten Wert seit 2013. Zum Titel 1996 brüteten dort 44 Paare, als Grund für den Rückgang nennt der Nordkurier fehlende Frühjahrsüberflutungen und trockene Gräben. Treu sind die Störche dem Nest übrigens nicht unbedingt: Laut dem örtlichen Storchenbetreuer kehren sie nicht immer an denselben Platz zurück, und ihrem Partner halten sie auch nicht die Treue. Das bekannteste Nest sitzt laut Reiseland am Wasserturm, den der Rundgang durchs Dorf passiert. Ein Nest ist auch auf meinem Foto zu sehen.
Gegenüber vom Schloss steht die Quitzow-Kirche, im 15. Jahrhundert gebaut und 1722 barock erneuert; die Orgel von Joachim Wagner stammt von 1738 (Reiseland). Das Schloss ließ die Familie von Jagow 1782 auf den Grundmauern des Vorgängerbaus errichten, den zwei Jahre zuvor ein Großbrand fast zerstört hatte (Burgen und Schlösser). Es blieb bis 1945 in ihrem Besitz und dient heute als Hotel dient.



Gnevsdorf und der Weg nach Bad Wilsnack
Hinter Rühstädt steige ich noch einmal auf den Deich. Wie hoch die Elbe steigen kann, zeigte das Hochwasser im Juni 2013: Der Pegel Wittenberge stand bei 7,85 Meter, dem höchsten Wert, der dort je gemessen wurde (Nordkurier). Von der Böschung aus geht der Blick weit über das Elbvorland. In Gnevsdorf, nach 24 Kilometern, steht ein altes Fachwerkgebäude. Was es einmal war, habe ich nicht herausgefunden.



Ab hier verlasse ich die Elbe und laufe landeinwärts nach Osten. Bei Kilometer 28 grasen Rinder auf einer weiten Wiese, danach folge ich der Karthane, die hier zwischen Weiden verläuft. Auf dem Feld dahinter liegen Strohballen.



Bad Wilsnack
In Bad Wilsnack stehen Fachwerkhäuser, viele davon restauriert (Reiseland Brandenburg). Der Ort heißt seit 1929 Bad, nachdem 1906 eisenhaltige Moorerde entdeckt worden war, und hat seit Dezember 2000 ein Thermalbad mit Sole aus 1070 Metern Tiefe (Berlin.de). Bekannt ist er aber wegen etwas anderem: Die Wunderblutkirche St. Nikolai war im Mittelalter ein großer Wallfahrtsort.
Am 16. August 1383 brannte der Ritter Heinrich von Bülow Wilsnack nieder, während die Wilsnacker beim Domweihfest in Havelberg waren. Auf dem zerstörten Altar fand der Pfarrer drei unversehrte Hostien mit je einem Blutstropfen, ein Jahr später erkannte Papst Urban VI. das Wunder mit einem Ablassbrief an (Tagespost). Aus dem Fund wurde eine Wallfahrt mit zeitweise bis zu 200.000 Pilgern im Jahr. Der Chronist Matthaeus Ludecus berichtet, bei der Zeigung der Hostien seien Pilger reihenweise in Ohnmacht gefallen. Jan Hus und später Martin Luther kritisierten den Kult, 1552 verbrannte der erste evangelische Pfarrer Joachim Ellefeld die Hostien, danach endete die Wallfahrt. Weitere Einzelheiten zur Wallfahrt stehen beim Nordkurier. Die Kirche ist eine spätgotische Backstein-Hallenkirche, den Wunderblutschrein aus dem 15. Jahrhundert nennt Reiseland das Wahrzeichen. Heute kommen rund 30.000 Besucher und etwa 1.000 Pilger im Jahr, und in der Wunderblutkapelle hängen moderne Glasfenster von Leiko Ikemura.



Der Pilgerweg Berlin Bad Wilsnack führt in sieben Etappen und 119 Kilometern von Hennigsdorf bis zur Wunderblutkirche und wurde 2006 auf historischen Routen wiederbelebt. Mein Ziel ist der Bahnhof, von hier fährt die RE 8 zurück.

Gut zu wissen
- Ich bin mit dem Track auf Komoot gelaufen. Orientiere dich am besten daran.
- Die Tour ist mit 32,7 Kilometern lang. Zwischen den Orten gibt es lange Abschnitte ohne Anlaufpunkt, nimm Proviant mit.
- Rühstädt hat keinen Bahnhof, laut VBB fährt der Bus 960 ab Bad Wilsnack dorthin, teils als Rufbus, du solltest die Verbindung vorher prüfen. So lässt sich die Strecke an dieser Stelle teilen.
- Der Wasserturm im Wittenberger Stadtpark ist derzeit nicht öffentlich zugänglich, die Öffnung ist zur Landesgartenschau 2027 geplant (Nordkurier).
- Abstecher in Rühstädt: das NABU-Besucherzentrum am Dorfrand, der Storchenblick „Walter Fritze“ und der Rühstädter Elbdeichrundgang, ein rund sechs Kilometer langer Rundweg mit grünem Kreis auf weißem Quadrat.
- Abstecher in Wittenberge: der Historische Lokschuppen gilt als Brandenburgs größtes Eisenbahnmuseum.
Fazit
Die Tour hat einen klaren Dreiklang: Industriestadt, Storchendorf, Wallfahrtsort. Dazwischen liegen viele Kilometer, in denen nicht viel passiert. Wittenberge und Bad Wilsnack bekommen ihre Aufmerksamkeit, Rühstädt wäre mit Schloss, Park, Kirche und Störchen auch für sich einen Besuch wert. Wenn dir 33 Kilometer zu viel sind, teilst du die Strecke dort mit dem Bus, so wie es der VBB beschreibt. Und wenn du Abwechslung zwischen den Orten suchst, wirst du sie hier nicht finden.
Mehr Touren aus der Region findest du unter Prignitz, alle Brandenburger Touren stehen auf der Seite Wandern in Brandenburg.
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