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Lichten­rade

Ortsteil im Bezirk Tempelhof-Schöneberg · Ortsteil 53 von 97

Lichtenrade liegt am südlichen Stadtrand von Berlin und gehört zum Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Am 7. Mai 2022 bin ich den Ortsteil auf einer Tour von 11,3 Kilometern gelaufen, vorbei an der Alten Mälzerei, über die Dorfaue und durch den Volkspark.

Länge der Tour11,3 km
Gehzeit2:14 h
Gelaufen am7. Mai 2022
Einwohner*innen53.002
Fläche10,05 km²

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Kurz gesagt

Geschichte

Lichtenrade wurde 1375 im Landbuch Karls IV. erstmals als „Lichtenrode“ erwähnt. Die Dorfanlage ist älter und stammt vermutlich aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Es war ein wohlhabendes Angerdorf mit elf Bauernhöfen und vier Kossätenstellen. Die Chaussee nach Cottbus, 1836 bis 1838 angelegt, brachte im 19. Jahrhundert einen wirtschaftlichen Aufschwung, und das Dorf wuchs nach Norden.

Den größeren Sprung brachte die Bahn. Die Station an der Strecke nach Dresden wurde am 1. Juni 1883 eröffnet. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts lebten hier nur etwa 500 Menschen, bei der Eingemeindung nach Groß-Berlin 1920 waren es 4.836. Dazwischen baute die Schloßbrauerei Schöneberg 1898 ihre Mälzerei neben den Bahnhof. 1928 und 1929 entstand ein unterirdischer Regenwasser-Sammelkanal, danach wurden die Äcker nach und nach bebaut.

Von 1943 bis 1945 gab es im Ortsteil ein Außenlager des KZ Sachsenhausen, zwischen Bornhagenweg und Pechsteinstraße. Am 23. April 1945 wurde Lichtenrade von der Roten Armee befreit.

Nach dem Mauerbau lag Lichtenrade am Rand West-Berlins, im Süden verlief die Grenze nach Mahlow. In den 1960er und 1970er Jahren entstanden die Hochhaussiedlungen, darunter die John-Locke-Siedlung, Lichtenrade Ost und die Petruswerk-Siedlung. An der Nahariyastraße entstand von 1973 bis 1977 eine Siedlung für rund 5.000 Menschen.

Die Mälzerei steht unter Denkmalschutz, wurde saniert und 2021 als Bildungs- und Kulturstandort eröffnet. Der Volkspark wurde 2026 offiziell als öffentliche Grünanlage gewidmet.

Was Lichtenrade ausmacht

Dorf und Großsiedlung liegen hier dicht beieinander. Um den Giebelpfuhl stehen einstöckige Bauernhäuser, die meisten aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ein Stück weiter ragen Hochhäuser auf, und der Volkspark liegt mittendrin zwischen den Hochhaussiedlungen. Die Bahnhofstraße ist die Einkaufsstraße des Ortsteils.

Eine Industriegeschichte hat Lichtenrade auch, und sie steht am Bahnhof. Die Mälzerei lieferte Malz für die Schöneberger Brauerei. Heute sind in dem Backsteinbau Bücher, Kurse und ein Kindermuseum untergebracht.

Der Stadtrand ist nah. Im Süden grenzt Lichtenrade an Brandenburg, bis 1990 war das eine Grenze mit Mauer und Übergang für Müllwagen. Im Norden schließen sich Marienfelde und Mariendorf an.

Orte, die sich lohnen

Alte Mälzerei

Die Alte Mälzerei steht an der Steinstraße 41, direkt neben dem S-Bahnhof. Die Schloßbrauerei Schöneberg ließ sie 1898 nach einem Entwurf von Wilhelm Walther bauen. Die Brauerei war 1867 gegründet worden. Sie wählte Lichtenrade, um die Gerüche vom dicht besiedelten Schöneberg fernzuhalten, und weil die Gerste per Bahn angeliefert werden konnte.

Das Backsteingebäude erinnert an hanseatische Speicherbauten, mit hohen geschweiften Giebeln, Sandsteineinfassungen und geschmiedeten Mauerankern. Am Westkopfbau fallen zwei mächtige Dunstschlote auf, dort sitzt auch das Signet der Brauerei. Im Inneren arbeitete für die Zeit moderne Technik: Ein pneumatisches Mälzverfahren nach Nikolaus Galland ersetzte den herkömmlichen Keimprozess, und im Westkopfbau röstete eine große Darre das Malz. Die Kapazität lag bei etwa 3.000 Tonnen im Jahr.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Betrieb eingestellt. Später diente das Gebäude jahrzehntelang als Lager, bis es saniert wurde. Heute sind hier die Edith-Stein-Bibliothek mit Café, die Albert-Einstein-Volkshochschule, die Leo-Kestenberg-Musikschule und das Kindermuseum unterm Dach untergebracht. Der Bezirk hat dafür 3.100 Quadratmeter gemietet, eröffnet wurde 2021. Im Mai 2022 war das Haus also schon in Betrieb.

Bahnhof und Dresdner Bahn

Der S-Bahnhof Lichtenrade liegt an der Dresdner Bahn, die über Marienfelde und Lichtenrade zur Stadtgrenze und weiter nach Mahlow führt. Die Strecke wird ausgebaut, die Bauarbeiten begannen am 5. Februar 2019 und liefen zur Zeit der Tour noch. Seit dem 14. Dezember 2025 fahren zwischen Südkreuz und Blankenfelde Regional- und Fernzüge, und alle neun Bahnübergänge der Strecke sind durch Überführungen ersetzt.

Vom Bahnhof geht es noch ein Stück nach Süden, dann nach Osten und in einem Bogen zur Dorfaue.

Dorfaue und Giebelpfuhl

Die Dorfaue ist der alte Kern von Lichtenrade und als Ensemble denkmalgeschützt. Der Anger ist oval, in der Mitte liegt der Dorfteich, der Giebelpfuhl. Rundherum stehen die Bauernhäuser mit Krüppelwalm- oder Satteldach. Neubauten des 20. Jahrhunderts wurden an die dörfliche Bebauung angepasst, so auch die Jugendfreizeitstätte in Alt-Lichtenrade 103 von 1953 und 1954.

Der südliche Teil des Angers wurde nach 1910 und noch einmal nach 1949 gärtnerisch gestaltet. Ich bin am Teich entlang zur Kirche gelaufen, die auf dem Anger steht.

Dorfkirche

Die Dorfkirche stammt aus dem späten 13. oder frühen 14. Jahrhundert. Gebaut wurde zunächst ein schlichter Saal aus grob behauenen Feldsteinen, ohne Chor und ohne Turm. Um 1660 kam ein Fachwerkturm dazu, der 1810 wegen Baufälligkeit abgerissen wurde. 1902 baute Georg Schwarzkopff den heutigen Westturm aus Feldsteinen.

1943 brannte die Kirche nach einem Bombentreffer vollständig aus. Beim Wiederaufbau 1948 und 1949 wurden die Außenmauern etwa einen Meter erhöht, und der Turm bekam ein quer zum Schiff stehendes Satteldach. Die beiden Altarfenster schuf 1963 und 1964 Hans-Joachim Burgert. Auf dem Kirchhof sind Gräber von Bauernfamilien aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert erhalten, er wurde Mitte der 1950er Jahre offiziell geschlossen.

Ehemalige Feuerwache

Knapp 80 Meter abseits der Tour steht Alt-Lichtenrade 97, die ehemalige Feuerwache. Gemeindebaumeister Friedrich Eckler entwarf sie, gebaut wurde sie 1909 und 1910. Das Erdgeschoss besteht aus roten Klinkern, darüber folgt ein Fachwerkgeschoss unter einem Mansarddach. Im Nebengebäude steht ein Steigeturm, dessen Fachwerkaufsatz 1953 durch ein schlichtes Walmdach ersetzt wurde. Hinter den drei großen Toren standen die Fahrzeuge der Feuerwehr.

Von hier führt die Tour weiter nach Nordosten, in den Volkspark.

Volkspark Lichtenrade

Der Volkspark liegt zwischen Hochhaussiedlungen und entstand 1979 auf einer ungenutzten Brachfläche. Anwohner*innen bepflanzten sie gemeinsam, bis 1981 war daraus ein Naherholungsraum geworden. Seit 1981 kümmert sich der Verein Lichtenrader Volkspark e. V. um die Fläche.

Seit 2019 wird der Park naturnah gestaltet, mit Wildblumen- und Obstwiesen, Sandinseln und Trockenmauern. Im Frühjahr 2026 hat das Bezirksamt rund 3,9 der 4,6 Hektar als öffentliche Grün- und Erholungsanlage gewidmet. Ein Stück weiter östlich liegt die Nahariyastraße. Sie wurde 1973 nach der israelischen Partnerstadt Nahariya benannt, die Partnerschaft begann 1970. Von hier läuft die Tour durch den Osten des Ortsteils zurück nach Norden.

Alte Dorfschmiede

Am nördlichen Ausgang der Dorfaue, ein Stück abseits der Tour, steht in Alt-Lichtenrade 92 und 94 die ehemalige Schmiede. Das kleine Feldsteingebäude wurde 1866 vom Anger an den Dorfausgang verlegt. Die Jahreszahl steht im runden Giebelfenster. Daneben steht ein Mietshaus von etwa 1890 mit einem Bogengiebel über den beiden Eingängen.

Außenlager am Bornhagenweg

Ein Stück abseits der Tour, zwischen Bornhagenweg und Pechsteinstraße, lag von 1943 bis 1945 ein Außenlager des KZ Sachsenhausen. Die Häftlinge mussten Zwangsarbeit leisten. Am 23. April 1945 wurde das Lager von der Roten Armee befreit.

Nach dem Krieg wurden die Baracken zunächst weiter genutzt. In den 1960er Jahren entstand an der Stelle eine Hochhaussiedlung. Heute erinnert dort ein Mahnmal von 1987. Im November 2024 kam eine Informationstafel zur Geschichte des Lagers dazu. Bei meiner Tour 2022 gab es sie noch nicht.

Die Grenze im Süden

Südlich der Tour verlief die Grenze zur DDR. Am Kirchhainer Damm, wo die B 96 die Stadtgrenze kreuzt, fuhren ab 1977 Müllwagen der West-Berliner Stadtreinigung über die Grenze zur Deponie Schöneiche.

An der stillgelegten Bahnstrecke zwischen Lichtenrade und Mahlow, im Grenzstreifen bei Mahlow, wurde am 26. Juli 1966 Eduard Wroblewski von DDR-Grenzsoldaten erschossen. Er war 33 Jahre alt und wollte nach West-Berlin. Der Berliner Mauerweg führt mit der Etappe 4 am Südrand Berlins durch Lichtenrade.

Meine Tour

Die Tour ist ein Rundweg von 11,3 Kilometern und hat gut zwei Stunden gedauert. Sie läuft zuerst in einem langen Bogen nach Süden, am S-Bahnhof Lichtenrade und an der Alten Mälzerei vorbei. Am südlichen Ende biegt sie nach Osten ab und führt zur Dorfaue mit Teich und Kirche. Von dort geht es durch den Volkspark, dann im Osten des Ortsteils nach Norden und zurück zum Ausgangspunkt.

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Am Wegesrand

Strom für die S-Bahn. An der Eisnerstraße 52, ein Stück abseits der Tour und neben der Bahntrasse, steht ein Gleichrichterwerk von 1937 bis 1939. Es versorgte die Strecke zwischen Marienfelde und Mahlow mit Gleichstrom. Der Entwurf wird Richard Brademann zugeschrieben. Anders als bei den meisten Gleichrichterwerken wurde hier kein Typenentwurf verwendet.

Schule im Obergeschoss. Die Gemeindeschule von 1898 auf dem Anger war nach wenigen Jahren zu klein. Deshalb wurden im Obergeschoss der Feuerwache zwei Klassenzimmer eingerichtet. Die Schule selbst ist nicht erhalten.

Pate aus Bayern. Der Volkspark hat seit 1983 eine Patenschaft mit dem Landkreis Cham in Bayern.

Krug von 1375. Im selben Jahr wie das Dorf selbst wird auch der Dorfkrug zum ersten Mal erwähnt.

Endstation Lichtenrade. Nach dem Mauerbau war der Bahnhof die Endhaltestelle der S2. Erst nach dem Mauerfall wurde die Verbindung bis Mahlow wieder aufgenommen.

Gut zu wissen

Mit der Bahn: Der S-Bahnhof Lichtenrade (S2) liegt an der Tour, die Alte Mälzerei steht daneben.

Alte Mälzerei: Die Bibliothek mit Café, die Volkshochschule, die Musikschule und das Kindermuseum sind in einem Haus. Wann geöffnet ist, steht bei den Einrichtungen selbst.

Mehr auf dieser Seite: Die Grenze im Süden läufst du auf der Etappe 4 des Berliner Mauerwegs von Schönefeld nach Lichterfelde Süd, 23 Kilometer durch Lichtenrade und Marienfelde. Den ganzen Weg um das frühere West-Berlin findest du unter Berliner Mauerweg zu Fuß. Im Norden grenzen Marienfelde und Mariendorf an.

Von Lichtenrade aus weiter

3 Ortsteile grenzen an, mit Richtung und Entfernung von Mitte zu Mitte.

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