Die Front des Kraftwerks Peenemünde mit ihren drei Schornsteinen.
Drei rostige Schornsteine über einer langen Backsteinfront: Das Kraftwerk am Peenestrom ist das einzige große Gebäude, das von den Peenemünder Versuchsanstalten vollständig erhalten blieb. Zwischen 1936 und 1945 wurden hier die Rakete Aggregat 4 und die Flugbombe Fi 103 entwickelt, die als V2 und V1 auf Städte wie London abgefeuert wurden. Heute ist das Kraftwerk Sitz des Historisch-Technischen Museums Peenemünde und nach dessen Angaben das größte Industriedenkmal in Mecklenburg-Vorpommern.
Ein Dorf wird Sperrgebiet
Peenemünde war bis in die 1930er Jahre ein Fischer- und Bauerndorf an der Nordspitze Usedoms. 1282 wird es zum ersten Mal erwähnt, Anfang der 1930er Jahre warb es mit 150 Gästebetten als „Seebad Peenemünde“. 1936 verkaufte die Stadt Wolgast das Dorf, und der Bau der Versuchsanstalten begann. Bis 1940 waren die meisten Einwohner*innen umgesiedelt, das Dorf wurde fast vollständig abgerissen.
Das Militär erwarb nach Angaben der Landesdenkmalpflege zwischen 1936 und 1939 rund 25 Quadratkilometer. Deiche, Entwässerungsgräben, ein Hafen, Straßen, Gleise und eine 13 Kilometer lange Fernheizung entstanden. Allein für die Anlage der Luftwaffe wurden rund 500 Hektar hochwasserfrei aufgespült. Es gab zwei Anlagen: Im Osten entwickelte das Heer die Flüssigkeitsrakete Aggregat 4, im Westen erprobte die Luftwaffe an ihrem Flugplatz unter anderem die Flugbombe Fi 103. Bis zu 12.000 Menschen arbeiteten hier gleichzeitig. Das Museum spricht vom größten militärischen Forschungszentrum Europas.
Strom für den Raketentreibstoff
Das Kraftwerk wurde von 1939 bis 1942 gebaut und ging im November 1942 in Betrieb. Mit Bau und Technik war die Siemens-Schuckert AG beauftragt. Der Hauptbau ist 92 Meter lang und 34 Meter hoch, zwei Turbogeneratoren lieferten zusammen 30 Megawatt. Der größte Teil davon wurde für einen einzigen Zweck gebraucht: Das Sauerstoffwerk stellte flüssigen Sauerstoff für den Raketenantrieb her und verbrauchte dafür zwei Drittel der Kraftwerksleistung.

Die Kohle kam mit dem Schiff. Ein Kran lud sie aus, im Brecherhaus wurde sie zerkleinert und über ein Förderband zu den Kesseln gebracht. Die Kranbrücke, die Bandbrücke und die Backsteintürme stehen noch und lassen sich auf dem Freigelände aus der Nähe ansehen.





Anders als fast alle anderen Bauten wurde das Kraftwerk nach dem Krieg nicht gesprengt. Es lieferte bis April 1990 Strom, in der DDR mit Braunkohle statt mit Steinkohle.
Aggregat 4 und Fi 103
Auf dem Freigelände stehen die beiden Waffen als Nachbauten. Das Modell des Aggregat 4 wurde auf der Peene-Werft in Wolgast gebaut und steht seit 1995 hier. Die schwarz-weiße Bemalung entspricht den Raketen der ersten Versuchsserie: Der Kontrast half den Ingenieuren, die Rakete im Flug zu beobachten. Die Fi 103 liegt auf einer Startschleuder. Hinter der Rakete steht ein Triebwagen, der an die Werkbahn erinnert, eine elektrische Bahn, die ab 1943 die Beschäftigten zwischen Zinnowitz und Peenemünde fuhr.


Am 3. Oktober 1942 gelang in Peenemünde der erste erfolgreiche Flug eines Aggregat 4. Nach Angaben des Museums stieg die Rakete 84,5 Kilometer hoch und flog 192 Kilometer weit. Peenemünde wird deshalb oft „Geburtsort der Raumfahrt“ genannt. Das Museum setzt hinter diesen Satz ein Fragezeichen: Kritiker*innen betonen, dass hier keine Raumfahrt betrieben, sondern eine Waffe entwickelt wurde.
Technischer Direktor der Heeresversuchsanstalt war Wernher von Braun. Er trat 1937 in die NSDAP ein und wurde 1940 SS-Offizier. Nach dem Krieg baute er in den USA Raketen für die NASA. Die NASA schreibt heute selbst, dass er die Zustände in der Raketenfertigung kannte und an Entscheidungen über den Einsatz von Zwangsarbeit beteiligt war.
Zwangsarbeit und Lager
Gebaut und produziert wurde in Peenemünde auch mit Zwangsarbeit. Ab 1939 arbeiteten ausländische Arbeitskräfte hier, später kamen sowjetische Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge dazu. 1943 entstanden zwei Außenlager des KZ Ravensbrück: Karlshagen I bei der Luftwaffe am Flugplatz und Karlshagen II in der Fertigungshalle des Heeres.
Nach heutigem Forschungsstand wurden rund 2.000 Häftlinge nach Karlshagen I gebracht, die meisten von ihnen junge Ausländer. Mindestens 253 wurden bis Kriegsende getötet. Seit dem 8. Mai 2026 erinnert am historischen Ort am Flughafenring eine Gedenkstätte mit fünf Tafeln an sie. Für Karlshagen II gibt es seit 2024 einen Gedenkort.
Am 8. Februar 1945 flohen zehn sowjetische Häftlinge in einem deutschen Bomber vom Typ He 111. Am Steuer saß der Pilot Michail Dewjatajew. In der Sowjetunion stand er zunächst unter dem Verdacht der Kollaboration, erst 1957 wurde er rehabilitiert und später als Held geehrt.
Der Luftangriff vom August 1943
In der Nacht vom 17. auf den 18. August 1943 bombardierte die Royal Air Force die Versuchsanstalten, die Siedlung Karlshagen und das Zwangsarbeiterlager Trassenheide. Weil eine Zielmarkierung falsch gesetzt war, traf es das Lager besonders schwer: Dort starben rund 700 Menschen. Auch KZ-Häftlinge in der Fertigungshalle kamen ums Leben. Die Royal Air Force verlor 40 Bomber.
Nach dem Angriff wurde die Serienfertigung des Aggregat 4 in ein Stollensystem im Kohnstein bei Nordhausen verlegt. Dort mussten KZ-Häftlinge die Raketen bauen, im späteren KZ Mittelbau-Dora. 20.000 von ihnen überlebten die Zwangsarbeit nicht. In Peenemünde wurde weiter entwickelt und erprobt, bis im Februar 1945 das letzte Aggregat 4 startete.
Nach 1945: Demontage, Marine, Jagdflieger
Im Mai 1945 erreichten sowjetische Truppen Peenemünde. Die Anlagen wurden demontiert und 1947 und 1948 gesprengt, nur das Kraftwerk blieb in Betrieb. Im Herbst 1950 übernahm die Seepolizei der DDR den Hafen, 1956 wurde hier die 1. Flottille der Volksmarine gegründet. Um 1960 kam das Jagdfliegergeschwader 9 der NVA auf den Flugplatz. Der Norden Usedoms blieb bis zum Ende der DDR Sperrgebiet.
Im Oktober 1990 übernahm die Bundeswehr den Standort und löste ihn schrittweise auf. Im Mai 1991 eröffnete in der früheren Bunkerwarte ein Informationszentrum, aus dem das heutige Museum hervorging. Die Dauerausstellung im Kraftwerk gibt es seit 2000.
Was heute zu sehen ist
Die Ausstellung zeigt das Museum im früheren Schaltgebäude. Durch das Kesselhaus kannst du hindurchlaufen: Stahlgerüste, Kessel, Rohre und Messuhren sind noch da.




Ein gläserner Aufzug fährt auf das Dach. Von der Plattform in 30 Metern Höhe geht der Blick über den Hafen und den Peenestrom und auf die Schornsteine.


Auch die Details lohnen den Blick: alte Schaltkästen, schwere Stahltüren, eine gusseiserne Maschine unter einem Betontrichter.




Auf dem Freigelände steht neben Rakete und Flugbombe auch ein rostiger Kesselwagen auf einem Stück Gleis.

Vom übrigen Gelände ist wenig geblieben. Die Denkmal-Landschaft Peenemünde führt seit 2007 zu 23 Stationen, darunter die Kapelle, das Sauerstoffwerk, der Flugplatz, das Lager Karlshagen I und die Hauptwache. Große Teile der Flächen sind mit Munition belastet und gesperrt, der Norden der Halbinsel steht seit 1925 unter Naturschutz.
Ich bin am Kraftwerk auf meiner Wanderung von Peenemünde nach Zinnowitz vorbeigekommen. Sie führt danach über den Flughafenring an mehreren dieser Stationen vorbei. Öffnungszeiten und Preise stehen auf der Besuchsseite des Museums.
Steckbrief
Ort
Im Kraftwerk, Peenemünde (Usedom)
Früher
Kraftwerk der Versuchsanstalten, bis 1990 in Betrieb
Zustand
Museum, mit Eintrittskarte zugänglich
Nächster Bahnhof
Peenemünde (RB 24), rund 700 m zu Fuß
