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Karlshorst
Ortsteil im Bezirk Lichtenberg · Runde 36 von 74
Karlshorst ist ein Ortsteil im Südosten von Lichtenberg, und ich wohne hier. Am 4. Dezember 2021 bin ich eine Runde von gut 15 Kilometern durch den Ortsteil gelaufen: von der alten Villenkolonie ins frühere sowjetische Sperrgebiet, an den Flugzeughallen vorbei, über die Trabrennbahn und durch die Waldsiedlung.
Kurz gesagt
- Karlshorst begann 1825 als Vorwerk und wurde ab 1895 eine Villenkolonie, mit einer eigenen Rennbahn für Hindernisrennen.
- Im Offizierskasino der früheren Pionierschule wurde in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht unterzeichnet. Heute ist dort das Museum Berlin-Karlshorst.
- Danach war ein großer Teil des Ortsteils sowjetisches Sperrgebiet. Im Volksmund hieß es „Klein-Moskau“.
- Heute wohnen in Karlshorst knapp 32.000 Menschen, und es wird viel gebaut.
Geschichte
Den Namen gab Carl von Treskow. Ihm gehörte das Gut Friedrichsfelde, und 1825 legte er auf dessen Feldern ein Vorwerk an, das er „Carlshorst“ nannte. 1862 lief auf dem Gelände das erste preußische Armeejagdrennen, 1894 verlegte der Verein für Hindernisrennen seine Bahn von Westend hierher. Am Tag des ersten Rennens eröffnete auch ein eigener Bahnhof.
Im selben Jahr wurde in der heutigen Lehndorffstraße der Grundstein für die ersten Häuser gelegt, Stiftungshäuser des Kaisers für Arbeiter. Am 25. Mai 1895 unterschrieb der Landrat den „Koloniekonsens“ für eine Villen- und Landhaussiedlung. Das gilt als Geburtstag von Karlshorst. Geplant hat den Ort vor allem der Baumeister Oscar Gregorovius. Südlich der Bahn entstanden Villen und Einfamilienhäuser, nördlich der Bahn mehrstöckige Mietshäuser. Seit 1901 schreibt sich der Ort mit K. Bis 1920 gehörte Karlshorst zur Gemeinde Friedrichsfelde, danach mit ihr zum neuen Bezirk Lichtenberg.
Gegen Ende des Ersten Weltkriegs entstand im Osten ein Militärflugplatz. Auf einem Teil davon baute die Wehrmacht die Pionierschule, eröffnet 1937. Am 23. April 1945 übernahm die Rote Armee das Gelände kampflos und machte es zu ihrem Hauptquartier. In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai wurde im Offizierskasino die Kapitulation unterzeichnet, am Tag darauf entstand hier die Sowjetische Militäradministration. Tausende Karlshorster*innen mussten innerhalb von 24 Stunden ihre Wohnungen räumen.
Das Sperrgebiet rund um die Schule nannten die Leute „Klein-Moskau“. Ende 1949 wurden Teile wieder freigegeben, offiziell aufgehoben wurde es am 26. Mai 1963. Einige Häuser blieben bis zum Abzug der Truppen in sowjetischer Hand. Ab Mitte der 1950er Jahre saß im Hörsaalgebäude der Schule die größte Zentrale des KGB außerhalb der Sowjetunion. Am 25. August 1994 übergab die GUS-Armee die Garnison Karlshorst, den letzten Militärkomplex der abziehenden Truppen.
In der DDR zogen Hochschulen und Ministerien in die Gebäude, die frei wurden. Aus dem Möbelwerk Karlshorst kam das Wohnzimmer „carat“. Nach 1990 wurde aus der Hochschule für Ökonomie die heutige HTW Berlin, und in das frühere Landwirtschaftsministerium zog die Katholische Hochschule für Sozialwesen.
Was Karlshorst ausmacht
Südlich der Bahn ist Karlshorst bis heute eine Villenkolonie mit Gärten. Nördlich stehen die Mietshäuser aus der Zeit um 1900, im Osten das frühere Sperrgebiet mit den Bauten der Pionierschule. Ganze Straßenzüge stehen unter Denkmalschutz, etwa in der Üderseestraße, der Lehndorffstraße und der Wildensteiner Straße.
Der Pferdesport gehört seit 1894 dazu. Die Trabrennbahn ist rund 37 Hektar groß. In der DDR war sie die einzige Trabrennbahn des Landes.
Im Süden grenzt Karlshorst an die Wuhlheide, im Osten an den Biesenhorster Sand, eine frühere Bahnbrache, die seit 2021 Naturschutzgebiet ist. Seit den 2000er Jahren wächst der Ortsteil: Auf einem Teil der Rennbahn entstand der Carlsgarten, im früheren Sperrgebiet die Gartenstadt Karlshorst und am Westrand die Parkstadt.
Orte, die sich lohnen
HTW-Campus an der Treskowallee
Das große Haus mit dem Dachtürmchen wurde 1914 als Realgymnasium und Lyzeum für Friedrichsfelde und Karlshorst eröffnet, später hieß es Kant-Realgymnasium. Nach dem Krieg nutzte es zuerst die sowjetische Verwaltung, ab 1950 die Hochschule für Planökonomie, seit 1991 die heutige HTW. An der Fassade sitzen sieben Köpfe aus Sandstein, von Kant bis Goethe.

Vor dem Campus steht die Bronzegruppe „Völkerfreundschaft“ von Senta Baldamus, eingeweiht 1983. Die fünf jungen Leute stehen für die fünf Kontinente.

Friedhof an der Robert-Siewert-Straße
Auf dem Friedhof mit der Kapelle von 1905 liegen bekannte Namen: Heinrich Dathe, der erste Direktor des Tierparks, der Ingenieur Georg Knorr und Oscar Gregorovius, der Karlshorst geplant hat. Kurz hinter dem Eingang liegt das Ehrengrab von Hannes Hegen, dem Zeichner des „Mosaik“ mit den Digedags.

Hochbunker an der Zwieseler Straße
Der graue Klotz ist ein Normbunker vom Typ M 500, gebaut um 1940 für 500 Menschen. Er wird nach oben schmaler und hat Fenster wie Schießscharten. Die sowjetischen Truppen nutzten ihn bis 1994 als Lager und Kühlhaus, inzwischen steht er leer.

Die frühere Pionierschule
Die Zwieseler Straße führt mitten über das Gelände der Pionierschule. In der Mitte steht das Hörsaalgebäude, links und rechts davon vier Assistenzgebäude. Ab Mitte der 1950er Jahre saß hier der KGB. Heute gehören die Häuser privaten Eigentümer*innen.

Ein Stück abseits, am Grafenauer Weg 18, steht ein Verwaltungsbau von 1948, einer der wenigen Bauten, die eigens für die Sowjetarmee errichtet wurden. Von 1961 bis 1971 saß dort die Stadtkommandantur der DDR, danach bis zur Wiedervereinigung das Grenzkommando Mitte.
Museum Berlin-Karlshorst
Im früheren Offizierskasino wurde die Kapitulation unterschrieben, der Saal ist bis heute erhalten. Ein Museum gibt es hier seit 1967, in seiner heutigen Form seit 1995. Im Garten stehen Panzer und Geschütze aus der sowjetischen Zeit. Drinnen war ich auf dieser Runde nicht. Im Dezember 2021 stand am Haus noch „Deutsch-Russisches Museum“. Seit April 2022 nennt es sich nur noch Museum Berlin-Karlshorst.


Flugzeughallen Am Alten Flugplatz
Die Hallen mit den gewölbten Dächern sind von 1917 und 1918. Sie gehörten zur Fliegerstation Friedrichsfelde, dem späteren Militärflugplatz. Die Gemeinde Friedrichsfelde hatte den Flugplatz Ende 1916 beschlossen, und geflogen wurde schon, während die Hallen noch gebaut wurden. Der Straßenname erinnert daran. Um die Hallen herum ist ein neues Wohnviertel gewachsen, die Gartenstadt Karlshorst.

Biesenhorster Sand
Hinter den Flugzeughallen beginnt der Biesenhorster Sand. Bis 1994 lag hier der Rangierbahnhof Wuhlheide. Auf der Brache sind danach Trockenrasen mit Silbergras gewachsen, hier leben Zauneidechsen. Seit 2021 ist das Gebiet geschützt, Schafe halten es offen. Ein großer Teil liegt in Karlshorst, der Rest in Biesdorf. Meine Runde führt hier ein Stück durch Biesdorf und am Bahndamm entlang nach Süden.

Trabrennbahn und Rennreiterdenkmal
Die Rennbahn liegt im Süden des Ortsteils. Die ältesten Bauten sind das Waagegebäude von 1894 und die Tribüne von 1935.

Am Eingang an der Treskowallee steht das Rennreiterdenkmal von Willibald Fritsch, ein nackter Reiter auf einem Vollblut. Es erinnert an 97 Herrenreiter und 20 Jockeys des Vereins, die im Ersten Weltkrieg starben. Zur Enthüllung 1925 kamen Reichspräsident Hindenburg und Reichskanzler Luther. Nach 1945 wurden die Namen auf dem Sockel abgeschliffen.

Rund um den S-Bahnhof
Neben dem S-Bahnhof steht laut Berliner Zeitung das älteste Haus von Karlshorst: der Rennbahnhof von 1894, an dem die Züge zu den Pferderennen hielten. Heute ist darin ein Supermarkt. Ein paar Schritte weiter steht seit 1976 das Denkmal für Hermann Duncker, eine drei Meter hohe Bronzefigur von Walter Howard. Seit August 2021 erinnert daneben eine Tafel an Hermann und Käte Duncker.
Auf der anderen Seite der Bahn steht das Haus der Offiziere. Die Sowjetarmee ließ es 1948 und 1949 als Kino, Theater und Konzertsaal bauen, als ersten Theaterneubau Berlins nach dem Krieg. Hier traten Galina Ulanowa und die Peking-Oper auf, die Berliner*innen nannten es „Russenoper“. Ab den 1970er Jahren durften auch Deutsche hinein, das Theater schloss 2007.
Das Kulturhaus an der Treskowallee 112 war um 1900 ein Tanzlokal und ab 1970 ein Treffpunkt für Jazz und Dixieland. Der Altbau wurde 2011 abgerissen, im Neubau ist seit 2012 wieder das Kulturhaus.
In den Straßen rund um den Bahnhof liegen viele Stolpersteine. An der Treskowallee 109 erinnert einer an Dr. Alfred Mode, einen der ersten Ärzte von Karlshorst. Nach 1933 wurde er aus seinen Stellen gedrängt, im Februar 1937 nahm er sich in seiner Wohnung das Leben. Vor der Stolzenfelsstraße 2 liegen Steine für die Brüder Sally und Martin Hamburger und ihre Frauen Rosalie und Käthe. Sie wurden 1942 und 1943 deportiert.
Kirche Zur Frohen Botschaft
Die evangelische Kirche im Rheinischen Viertel wurde 1910 fertig. Von 1945 bis 1955 nutzten die sowjetischen Truppen sie als Speicher und Pferdestall. Erst nach der Rückgabe bekam sie 1956 ihren Namen. Seit 1960 steht darin eine Orgel, die 1755 für Prinzessin Anna Amalia von Preußen gebaut wurde. Laut Bezirksamt ist es die älteste erhaltene Orgel Berlins.
Waldsiedlung
Im Westen liegt die Waldsiedlung, gebaut 1919 und 1920 nach einem Entwurf von Peter Behrens. Es sind Häuser für eine bis vier Familien, mit Gärten und Ställen für Kleintiere. Das Konzept war vor allem sozial.
St. Marien und die Russische Schule
In der Gundelfinger Straße steht St. Marien, eine katholische Kirche mit 40 Meter hohem Glockenturm, gebaut 1935 und 1936. Nach 1945 lagerten darin Möbel und Kohle, in der Krypta wurden zwei Gefängniszellen eingerichtet.

Ein paar Häuser weiter steht die alte Gemeindeschule von 1899. Ab 1954 lernten hier die Kinder sowjetischer Offiziere, seit 2008 wohnen in dem Haus mehrere Generationen zusammen.
Meine Runde
Meine Runde ist 15,4 Kilometer lang, ich war gut drei Stunden unterwegs. Sie führt in einer großen Schleife durch fast alle Teile von Karlshorst: über die Treskowallee nach Norden, durch das frühere Sperrgebiet, am Biesenhorster Sand und an der Bahn entlang, dann an Kleingärten vorbei zur Trabrennbahn. Zurück geht es durch das Rheinische Viertel, das Prinzenviertel und die Waldsiedlung. Unterwegs gibt es Gehwege und Asphalt, am Biesenhorster Sand auch Sand- und Feldwege. Der S-Bahnhof Karlshorst liegt mitten auf der Runde, du kannst also überall einsteigen.
Am Wegesrand
Humboldt statt Helmholtz. Unter den sieben Köpfen an der Fassade der HTW nennt der Jahresbericht des Schuldirektors von 1915 auch Hermann von Helmholtz. An der Wand sitzt aber Alexander von Humboldt.
Bayerischer Wald im Sperrgebiet. Die Straßen im früheren Sperrgebiet sind nach Orten im Bayerischen Wald benannt. Zwieseler und Kötztinger Straße gibt es schon lange, Viechtacher, Teisnacher, Regener oder Patersdorfer Straße sind neu. Zur Einweihung gab es im Oktober 2014 ein Fest mit Blasmusik aus Viechtach und Bier aus Zwiesel.
Der Digedagsplatz. Der Platz an der Waldowallee und der Köpenicker Allee heißt seit Februar 2021 Digedagsplatz. Hannes Hegen, der Zeichner des „Mosaik“, wohnte mit seinem Atelier in der Waldowallee.
Gestohlene Tiere an der Museumstreppe. Um 1945 wurden an der Treppe von der Zwieseler Straße zum heutigen Museum zwei Bronzegruppen aus dem 19. Jahrhundert aufgestellt, ein „Wolf im Fangeisen“ und ein „Fuchs im Entennest“. Anfang der 1990er Jahre wurden beide gestohlen.
Machorka-Expreß. Von 1946 bis 1949 fuhr durch Karlshorst eine eigene Straßenbahn für sowjetische Soldaten. Ihren Spitznamen bekam sie, weil das Trinkgeld in Machorka gezahlt wurde, einer Art Zigarettenwährung.
Gut zu wissen
Mit der Bahn: Der S-Bahnhof Karlshorst (S3) liegt mitten im Ortsteil und direkt an der Runde.
Museum Berlin-Karlshorst: Zwieseler Straße 4, dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.
Mehr auf dieser Seite: Der Grüne Hauptweg 8, der Kaulsdorfer Weg, führt östlich der Treskowallee durch Karlshorst. Im Prinzenviertel steht das Wandbild „Die Unschuld“ von Demut.
Von Karlshorst aus weiter
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