Tour auf Usedom · Alle Touren und Wege
Usedom ist eine Insel in zwei Ländern. Diese Runde beginnt und endet im polnischen Świnoujście (Swinemünde), führt zweimal zu Fuß über die Grenze und dazwischen durch das stille Hinterland: am Grenzgraben entlang zum Fischerdorf Kamminke am Stettiner Haff, an der alten Kirche von Garz vorbei und über Korswandt am Wolgastsee. Gut 21 Kilometer, leicht wellig, für alle, die Usedom jenseits von Strand und Seebrücke sehen wollen.
Ich bin die Runde am 12. September 2023 gegangen. Wer aus Deutschland anreist, kommt mit der Usedomer Bäderbahn bis an den Weg: Der Bahnhof Świnoujście Centrum liegt direkt an der Strecke.
Inhalt dieser Tour
- Steckbrief
- Darum lohnt sich die Tour
- Anreise
- Die Route
- Aus Świnoujście hinaus
- Über die Grenze bei Garz
- Am Grenzgraben unter dem Golm
- Kamminke: Hafen am Haff
- Über die Bergstraße nach Garz
- Garz: Feldsteinkirche, Flugplatz und Reetdach
- An der B 110 nach Korswandt
- Korswandt und der Wolgastsee
- Durch den Wald nach Ahlbeck
- Über die Swinemünder Chaussee zurück nach Polen
- Am Wegesrand
- Gut zu wissen
- Fazit
Steckbrief
Strecke
21,5 km
Gehzeit
3:55 h
Schwierigkeit
mittel
Art
Rundweg
Start
Świnoujście (Swinemünde), nahe Bahnhof Świnoujście Centrum
Ziel
wie Start
ÖPNV
RB 23 (Usedomer Bäderbahn) bis Świnoujście Centrum
Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), vereinfacht dargestellt.
Streckenband
- Kilometer 0ŚwinoujścieStart · Bahnhof Świnoujście Centrum (RB 23) rund 350 m entfernt
- Kilometer 3,451Grenzübergang Garz
- Kilometer 4,62Am Grenzgraben unter dem GolmDer Golm liegt rechts über dem Weg
- Kilometer 6,53Hafen Kamminke
- Kilometer 94Zwischen Kamminke und Garz
- Kilometer 105Kirche Garz
- Kilometer 14,56Korswandt
- Kilometer 15,27WolgastseeHotel und Restaurant am See
- Kilometer 178Wald zwischen Korswandt und Ahlbeck
- Kilometer 19,89Grenze bei AhlbeckHaltepunkt Ahlbeck Grenze (RB 23) in der Nähe
- Kilometer 21,5ŚwinoujścieZiel · der Weg führt am Bahnhof Świnoujście Centrum vorbei
Darum lohnt sich die Tour
- Du gehst zweimal zu Fuß über die Grenze zwischen Polen und Deutschland, ohne die Insel zu verlassen.
- Du siehst die stille Seite Usedoms: das Stettiner Haff, den kleinen Hafen von Kamminke, Rohrdächer und Wiesen statt Seebrücke und Strandkorb.
- Am Weg liegt viel Geschichte auf engem Raum: der Golm mit seiner Kriegsgräberstätte, der Grenzgraben, die alte Kirche von Garz und ein Flugplatz mit mehr als hundert Jahren Vorgeschichte.
- Start und Ziel liegen am Bahnhof Świnoujście Centrum, dem Endpunkt der Usedomer Bäderbahn.
Anreise
Start und Ziel ist Świnoujście, die Stadt am östlichen Ende der Insel. Mit der Bahn kommst du über Züssow: Dort beginnt die Usedomer Bäderbahn (RB 23), die über Wolgast und die Kaiserbäder bis zum Endbahnhof Świnoujście Centrum fährt. Seit 2008 fahren die Züge über die Grenze bis in die Stadt. Aus Berlin nimmst du den RE 3 Richtung Stralsund bis Züssow und steigst dort um.
Mein Track beginnt rund 350 Meter südlich des Bahnhofs in der ulica Strzelecka und führt am Ende direkt am Bahnhof vorbei. Du kannst die Runde also genauso gut am Bahnsteig beginnen. Wer in den Kaiserbädern wohnt, kann auch in Ahlbeck einsteigen: Kurz vor Schluss kommt die Runde in der Nähe des Haltepunkts Ahlbeck Grenze vorbei.
Die Route
Die Runde läuft im Uhrzeigersinn. Erst geht es durch Świnoujście nach Süden und über die Grenze, dann am Grenzgraben entlang ans Haff. Von Kamminke führt der Weg nach Westen hinauf nach Garz, von dort nach Norden bis Korswandt und zum Schluss durch den Wald und über die Swinemünder Chaussee zurück.
Aus Świnoujście hinaus
Świnoujście, das frühere Swinemünde, war bis 1945 eine deutsche Hafen- und Bäderstadt. Seit Kriegsende gehört es zu Polen, und die Grenze teilt seitdem eine Insel, deren Wege, Gräben und Dörfer viel älter sind als diese Linie. Das ist das Thema dieser Tour: Du verlässt Polen, aber nicht die Insel.
Los geht es in der ulica Strzelecka, von dort über die ulica 11 Listopada nach Süden und weiter auf der ulica Grunwaldzka stadtauswärts. Die Grunwaldzka ist die Straße zum Grenzübergang bei Garz. Nach gut drei Kilometern ist die Stadt zu Ende.
Über die Grenze bei Garz
Die Grenze ist hier ein Graben: der Torfkanal. Eine Brücke führt hinüber, auf der deutschen Seite wird aus der Grunwaldzka die Bundesstraße 110. Der Übergang wurde erst 2007 wieder geöffnet, zunächst nur für Fußgänger*innen, Radfahrende und Busse. Seit Polen Ende 2007 dem Schengen-Raum beigetreten ist, sind Kontrollen nicht mehr die Regel. Einen Ausweis brauchst du trotzdem.
Der Torfkanal ist mehr als ein Grenzgraben. Er gehört zu einem System von Gräben, mit dem seit dem 18. Jahrhundert das Thurbruch, ein großes Niedermoor im Hinterland der Kaiserbäder, entwässert wird. Ein 1750 angelegter Graben leitete das Wasser von dort über den Wolgastsee und den Zerninsee in den Kanal und weiter ins Stettiner Haff. Heute fließt das meiste Wasser aus dem Thurbruch über den Gothensee zur Ostsee. Am Wolgastsee kommst du später noch vorbei.
Am Grenzgraben unter dem Golm
Gleich hinter der Brücke bin ich von der Straße abgebogen und dem Graben nach Süden gefolgt. Zweieinhalb Kilometer läuft ein Wiesenweg immer an der Grenze entlang, links der Graben und dahinter Polen, rechts der bewaldete Hang des Golm. Am Anfang des Wegs steht ein schwarz-rot-goldener Grenzpfahl (mehr dazu unter Am Wegesrand).
Der Golm ist mit rund 69 Metern die höchste Erhebung Usedoms, eine bewaldete Endmoräne. Bis in den Zweiten Weltkrieg war er ein Ausflugsziel der Swinemünder*innen, oben gab es bis 1943 eine Gaststätte. 1944 wurde am Hang ein Soldatenfriedhof angelegt. Am 12. März 1945 griffen amerikanische Bomber das mit Flüchtlingen überfüllte Swinemünde an, und die Toten wurden zu Tausenden auf dem Golm bestattet. Ältere Angaben sprechen von über 20.000 Opfern, die neuere Forschung und der Volksbund gehen von etwa 4.500 bis 6.000 Toten des Angriffs aus.
Heute ist der Golm die größte Kriegsgräberstätte in Mecklenburg-Vorpommern. Auch der Umgang mit dem Ort hat eine Geschichte: In der DDR wurden 1969 die Grabzeichen entfernt, später entstand ein Rundbau mit der Inschrift „Dass nie eine Mutter mehr ihren Sohn beweint“. Seit 2000 betreut der Volksbund die Anlage, 2005 kam in Kamminke eine Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte dazu.
Mein Weg blieb an diesem Tag unten am Graben, rund 500 Meter östlich der Anlage. Wenn du den Golm besuchen willst, plane den Abstecher von Kamminke aus ein. Er ist kein Aussichtspunkt für nebenbei, sondern ein stiller Ort.
Kamminke: Hafen am Haff
Am Ende des Grabenwegs beginnt Kamminke, zuerst mit dem Ortsteil Forst, dann über die Dorfstraße und die Wieckstraße bis zum Hafen. Kamminke gilt als eines der ältesten Fischerdörfer der Insel. Die Häuser stehen unterhalb und oberhalb eines Kliffs, das zum Haff hin abfällt.

Das Stettiner Haff sieht aus wie Meer, ist aber eine Lagune der Ostsee. Die Grenze läuft mitten hindurch: Der deutsche Teil heißt Kleines Haff, der polnische Großes Haff. Der Hafen wurde 1938 ausgebaut. Nach der Ortschronik schlossen sich hier 1948 insgesamt 47 Fischer zu einer Genossenschaft zusammen, und im Winter 1969/70 zerstörten Eisschollen ein Gebäude der Fischverarbeitung samt Mole.
Am Sportplatz über dem Ufer steht eine steinerne Fischerfigur mit Schiebermütze.

Über die Bergstraße nach Garz
Vom Hafen geht es über die Ortsstraße und die Bergstraße hinauf auf die Hochfläche. Der Name passt: Für ein Dorf am Wasser hat Kamminke erstaunlich steile Straßen.

Oben führt der Garzer Weg nach Westen durch Wiesen und Felder.

Garz: Feldsteinkirche, Flugplatz und Reetdach
Garz ist ein kleines Dorf. Mein Weg führte über die Kleine Haffstraße, die Karl-Marx-Straße und die Ernst-Thälmann-Straße durch den Ort. Mittendrin steht die Kirche mit ihrem freistehenden Glockenstuhl.
Was man dem Dorf nicht ansieht: Etwa zwei Kilometer südwestlich liegt der Flughafen Heringsdorf, und der hat eine lange Vorgeschichte. Schon 1911 landeten Flugzeuge auf dem damaligen Exerzierplatz der Swinemünder Garnison. Ab 1919 wurde das Gelände zum Landflugplatz Swinemünde, 1935 übernahm die Luftwaffe und baute den Fliegerhorst Garz. Nach 1945 nutzten ihn sowjetische Truppen, später auch die NVA. 1962 begann der zivile Betrieb als Flughafen Heringsdorf, in der DDR mit Interflug-Verbindungen nach Berlin, Dresden, Erfurt und Leipzig. Die Runde führt nicht am Flugplatz vorbei.

An der B 110 nach Korswandt
Hinter Garz trifft die Ernst-Thälmann-Straße auf die Bundesstraße 110. Ihr bin ich gut drei Kilometer nach Norden gefolgt. Das ist der nüchternste Abschnitt der Runde: geradeaus an der Straße entlang. Am Ortsrand von Korswandt liegt der Golfplatz Baltic Hills.

Korswandt und der Wolgastsee
Korswandt wurde 1243 zum ersten Mal erwähnt, als Herzog Barnim I. das Dorf samt See dem Kloster Grobe schenkte. Die Hauptstraße führt durch den Ort und dann dicht am Wolgastsee vorbei. Der See ist etwa 1,4 Kilometer lang, im Schnitt gut vier Meter tief und fast ganz von Buchenwald umgeben. An der Straße liegt das Hotel Idyll am Wolgastsee mit Restaurant. Nach lokaler Überlieferung wurde 1360 im nahen Thurbruch der letzte Auerochse Pommerns erlegt.
Korswandt ist eine Station der Feininger-Radtour. Der Maler und spätere Bauhaus-Meister Lyonel Feininger erkundete Usedom Anfang des 20. Jahrhunderts immer wieder mit dem Fahrrad und hielt unterwegs Motive in schnellen Skizzen fest, die er „Natur-Notizen“ nannte. Ein Blatt vom Dezember 1915 trägt den Ortsnamen als Titel.
Am Ostufer macht die Staatsgrenze einen auffälligen Bogen nach Westen. Der Grund ist ein Wasserwerk: 1910 wurde es am See für Swinemünde gebaut. Nach 1945 lag die Stadt in Polen, das Wasserwerk aber in Deutschland. 1951 wurde die Grenze deshalb verlegt, gut 75 Hektar samt Wasserwerk kamen zu Polen. Dort heißt dieser Zipfel „Worek“, der Sack. Ein Wasserwerk hat der Grenze hier eine Beule verpasst.
Durch den Wald nach Ahlbeck
Hinter dem See führt die Landstraße nach Ahlbeck durch den Wald. Ich bin auf einem asphaltierten Weg zwischen Kiefern und Buchen gegangen.

Am Rand von Ahlbeck geht es an einer Kleingartenanlage vorbei auf die Swinemünder Chaussee.
Über die Swinemünder Chaussee zurück nach Polen
Die Swinemünder Chaussee läuft schnurgerade nach Südosten auf die Grenze zu. Vom Seebad Ahlbeck mit Seebrücke und Promenade bekommst du auf dieser Runde nichts zu sehen, der Weg bleibt am südlichen Ortsrand. An der Chaussee liegt der Haltepunkt Ahlbeck Grenze der Bäderbahn. Von 1997 bis 2008 war hier Endstation, erst dann wurden die Gleise bis Świnoujście Centrum verlängert.
Hinter der Grenze heißt die Straße ulica Wojska Polskiego. Sie führt zurück in die Stadt und am Bahnhof Świnoujście Centrum vorbei bis zur ulica 11 Listopada, wo sich die Runde schließt.
Am Wegesrand
Zwei Dinge am Weg, die einen zweiten Blick lohnen.
Der Grenzpfahl am Torfkanal
Schwarz, Rot, Gold, schräg gestreift: So markiert Deutschland seine Grenze zu Polen. Der Pfahl steht am Wiesenweg kurz hinter dem Übergang bei Garz, die Grenze selbst verläuft im Graben daneben. Gezogen wurde sie 1945, quer durch eine Landschaft, die bis dahin zusammengehörte: Der Golm rechts im Bild war der Hausberg der Swinemünder*innen, ihre Stadt liegt nur wenige Kilometer entfernt.

Die Kirche von Garz
Die Garzer Kirche ist ein turmloser Bau aus Feld- und Backstein, dessen Ursprünge ins Mittelalter zurückreichen. Schon 1231 ist ein Pfarrer in Garz belegt. Weil ein Turm fehlt, hängen die Glocken in einem freistehenden hölzernen Glockenstuhl neben der Kirche. Er stammt von 1854 und wurde inzwischen erneuert. Der Friedhof liegt rund um die Kirche. Drinnen gibt es eine Ausstellung zur Geschichte des Golm.

Gut zu wissen
- Du überquerst zweimal die Grenze. Nimm Personalausweis oder Reisepass mit.
- Die Runde ist leicht wellig. Schön sind der Wiesenweg am Grenzgraben und die Strecke zwischen Kamminke und Garz. Längere Abschnitte führen an Straßen entlang, vor allem an der B 110 zwischen Garz und Korswandt und auf der Swinemünder Chaussee.
- Einkehr gibt es in Kamminke und in Korswandt am Wolgastsee. Öffnungszeiten vorher prüfen.
- In Świnoujście zahlst du in Złoty.
- Wer nicht die ganze Runde gehen will, kann in Ahlbeck aufhören und dort in die Bäderbahn steigen. Nach Kamminke fährt außerdem die Buslinie 286 aus den Kaiserbädern, den Fahrplan prüfst du am besten vorher.
- Für den Abstecher zur Kriegsgräberstätte auf dem Golm solltest du zusätzliche Zeit einplanen.
- Kamminke hat einen kleinen Strand am Haff, am Wolgastsee gibt es eine Badestelle.
Fazit
Diese Runde zeigt ein Usedom, das mit Strandkörben wenig zu tun hat. Der schönste Teil ist für mich der Süden: der Weg am Grenzgraben, der Hafen von Kamminke und das Stück hinüber nach Garz. Der Norden mit der Bundesstraße ist eher Verbindung als Vergnügen. Was die Tour zusammenhält, ist die Grenze. Man überquert sie zweimal fast beiläufig und merkt dazwischen an vielen Stellen, wie viel Geschichte an dieser Linie hängt.
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