Unterwegs zu Fuß

Prora auf Rügen: KdF-Seebad, Kaserne und Bausoldaten

Unsanierter Block in Prora mit verwitterter Fassade und Buchstaben in den Fenstern

Prora ist ein Ortsteil von Binz auf Rügen und vor allem ein einziger Bau: 4,7 Kilometer lang, sechs Geschosse hoch, immer an der Prorer Wiek entlang. Die Nationalsozialisten ließen ihn ab 1936 als Seebad für 20.000 Urlauber*innen bauen. Eröffnet wurde das Seebad nie, danach war Prora gut 40 Jahre lang Kaserne. Heute sind die meisten Blöcke saniert, im Norden stehen Ruinen.

Ich bin auf meiner Tour Von Binz über Prora nach Sassnitz an der ganzen Anlage entlanggelaufen. Als Kind habe ich ein, zwei Mal in der Nähe Urlaub gemacht.

Länge

4,7 km

Grundstein

1936

Kaserne

1949 bis 1990

Denkmal seit

1994

Ein Seebad für 20.000

Hinter Prora stand die NS-Organisation „Kraft durch Freude“, kurz KdF. Sie gehörte zur Deutschen Arbeitsfront und bot Arbeiter*innen günstige Reisen an. Der Chef der Arbeitsfront, Robert Ley, stellte das Seebad im September 1935 auf dem Reichsparteitag in Nürnberg vor.

An der Prorer Wiek sollten 20.000 Menschen gleichzeitig Urlaub machen können, acht Monate im Jahr, jeweils für sieben oder zehn Tage. Prora sollte das erste von fünf solchen Seebädern werden, die anderen wurden nie gebaut. Hitler begründete die Urlaube damit, dass nur ein Volk mit gesunden Nerven „große Politik“ machen könne. Für den Fall eines Krieges war das Seebad als Lazarett vorgesehen.

Das Land gehörte dem Fürsten zu Putbus. Er musste 1935 rund 560 Hektar abgeben, wegen einer angeblichen Steuerschuld. Bezahlt hat die KdF dafür nichts.

Der Entwurf

Den Entwurf machte der Kölner Architekt Clemens Klotz. Anfang 1936 gab es noch einen Wettbewerb mit elf Architekten, Hitler soll sich danach für Klotz entschieden haben. Viel geändert hat der Wettbewerb nicht, in die Mitte kam nun eine große Festhalle.

Geplant waren acht gleiche Bettenhäuser in einer Reihe, jedes fast 500 Meter lang. Alle Zimmer sollten zum Meer zeigen. Ein Zimmer war etwa 2,5 mal 4,75 Meter groß, mit zwei Betten, Tisch, Schrank und Waschbecken. Zur Landseite gingen von jedem Block Querflügel ab, die Kämme, mit Treppenhäusern und Sanitärräumen. Zwischen den Bettenhäusern sollten zehn Gemeinschaftshäuser mit Speisesälen, Restaurants und Terrassen stehen.

In der Mitte war ein großer Festplatz vorgesehen, mit einer Festhalle für 20.000 Menschen. Dazu kamen zwei Schwimmhallen mit Wellenbad, Kino, Theater und Restaurants, außerdem ein Kraftwerk, eine Schule, Geschäfte und eine Post. Vor dem Festplatz sollte eine Kaimauer in die Ostsee hinausragen, an der Schiffe anlegen konnten.

1937 wurde das Seebad auf der Weltausstellung in Paris gezeigt. Klotz bekam dafür eine Auszeichnung der internationalen Jury.

Der Bau

Der Grundstein wurde am 2. Mai 1936 gelegt, auf den Tag drei Jahre nach der Zerschlagung der Gewerkschaften. Zur Feier kamen mit Sonderzügen Tausende Gäste.

Die Hochbauarbeiten begannen im April 1938. Gebaut haben große Firmen wie Hochtief, Philipp Holzmann und Siemens, teils gleichzeitig an verschiedenen Abschnitten. Auf der Baustelle arbeiteten mehrere Tausend Menschen, die Propaganda sprach von bis zu 15.000.

Bis zum Sommer 1939 standen die Rohbauten aller Bettenhäuser. Mit Kriegsbeginn wurden die Arbeiten eingestellt, die Arbeiter wurden für Rüstungsbauten gebraucht. Danach ging es nur noch wenig weiter, im Winter 1942/43 hörte der Bau ganz auf. Was noch ausgebaut wurde, mussten Zwangsarbeiter*innen machen, vor allem aus Polen, der Ukraine und Russland. Sie wohnten in den Rohbauten oder in Baracken daneben.

Als Seebad wurde Prora nie eröffnet. Urlauber*innen kamen keine, nur ein paar Lager des Bunds Deutscher Mädel.

Im Krieg

Stattdessen nutzten Polizei und Militär die halbfertigen Gebäude. 1940 und 1941 wurden hier Polizeibataillone ausgebildet. Eines davon war das Reserve-Polizeibataillon 105 aus Bremen. Es wurde 1941 in die Sowjetunion verlegt und beging dort Verbrechen, vor allem an Jüdinnen und Juden.

Ab 1942 wurden in Prora junge Frauen zu Nachrichtenhelferinnen der Kriegsmarine ausgebildet. 1943 kamen Familien aus Hamburg, die im Bombenkrieg ihre Wohnungen verloren hatten, in Teilen des südlichen Blocks unter. 1944 wurde ein Lazarett eingerichtet, gegen Kriegsende fanden Flüchtlinge aus dem Osten hier Unterkunft.

Nach dem Krieg

Anfang Mai 1945 besetzten sowjetische Truppen Prora. Im August zogen rund 2.000 Geflüchtete in den Süden der Anlage, im November mussten sie in Hotels und Pensionen in Binz umziehen. Ende 1945 wurden hier Großgrundbesitzer interniert, die in der Bodenreform enteignet worden waren.

Bis 1947 wurden Heizungen und Sanitäranlagen abgebaut und als Reparationen in die Sowjetunion gebracht. Danach holten sich Leute aus der Umgebung Baumaterial, in Bergen sollen Häuser aus Steinen aus Prora stehen.

Ende der 1940er-Jahre sprengte die sowjetische Armee den südlichsten und die beiden nördlichsten Blöcke. Dann verschärfte sich der Ost-West-Konflikt, und statt die Anlage abzureißen, wurde ein Militärstandort daraus.

Die Kaserne

1949 zogen Polizeibereitschaften ein und begannen, die Blöcke zur Kaserne umzubauen. Ab 1952 war es die Kasernierte Volkspolizei. Etwa 17.000 Mann wohnten zuerst in Zelten und bauten die Rohbauten aus. Weil Material fehlte, wurden Fliesen in verschiedenen Farben verlegt. Statt des hellen, elfenbeinfarbenen Anstrichs, den die Planer vorgesehen hatten, bekamen die Blöcke einen steingrauen Putz.

Im Januar 1956 wurde aus der Kasernierten Volkspolizei die Nationale Volksarmee. Mit im Schnitt etwa 13.000 Mann war Prora einer der größten Militärstandorte der DDR. Das Gelände war Sperrgebiet, für die Öffentlichkeit war es nicht zugänglich.

In Block II lag ein motorisiertes Schützenregiment, in Block V ein Fallschirmjägerbataillon, das einzige der DDR. Ab Ende der 1960er-Jahre zogen die Kampfeinheiten nach und nach ab, dafür kamen Schulen. Eine war die Militärtechnische Schule „Erich Habersaath“, die andere ab 1981 in Block IV die Offiziershochschule „Otto Winzer“. Dort wurden Soldaten aus anderen Ländern ausgebildet, unter anderem aus Afghanistan, Kuba, dem Kongo, dem Jemen und Vietnam, dazu Angehörige der PLO.

Der heutige Block I wurde ein Ferienheim für Familien von Militärangehörigen, das Walter-Ulbricht-Heim.

Die Bausoldaten

Einen Zivildienst gab es in der DDR nicht. Wer den Dienst an der Waffe verweigerte, konnte ab 1964 Bausoldat werden, in Uniform, aber ohne Waffe. Ihr Zeichen war ein kleiner Spaten auf den Schulterstücken. Viele hatten danach Nachteile, ein Studium war meist nur noch in Theologie möglich.

Ab 1982 war Block V der größte Bausoldaten-Standort der DDR, bis 1989 waren hier etwa 3.300 Bausoldaten. Sie arbeiteten vor allem auf der Großbaustelle des Fährhafens Mukran, an dem ich auf meiner Tour ein paar Kilometer weiter auch vorbeigekommen bin. In Prora gab es für sie mehr Einschränkungen und mehr Disziplinarstrafen als an anderen Standorten.

Seit 2010 erinnert eine Gedenktafel gegenüber der Jugendherberge an die Bausoldaten. Im Dokumentationszentrum gibt es seit 2025 eine Ausstellung über sie.

Nach 1990

1990 übernahm die Bundeswehr das Gelände, 1991 zog sie ab. Danach war Prora zum ersten Mal frei zugänglich. In Block III entstand in den 1990er-Jahren eine kleine Kulturmeile mit Laienmuseen, darunter ein NVA-Museum aus einer Privatsammlung, dazu ein Café und Ateliers. 1994 wurde die ganze Anlage unter Denkmalschutz gestellt, im Jahr 2000 wurde das Dokumentationszentrum Prora gegründet.

Lange wurde gestritten, was aus dem Bau werden soll: abreißen, als Mahnmal erhalten oder nutzen. 2004 begann der Bund, die Blöcke zu verkaufen. Block III ging 2005 für 340.000 Euro an einen Unternehmer, der dort schon das NVA-Museum betrieb. 2006 wurden zwei weitere Blöcke für zusammen 455.000 Euro verkauft. Block I wurde 2012 noch einmal versteigert, für 2,75 Millionen Euro. Jürgen Rostock vom Dokumentationszentrum nannte ihn damals ein „Spekulationsobjekt“.

Seit 2014 wohnen wieder Menschen in Prora. 2024 waren die Blöcke I, II und IV saniert und bezogen, Block III zu vier Fünfteln. Entstanden sind Ferien- und Eigentumswohnungen, Hotels, Wellness- und Sportanlagen.

In Block V eröffnete 2011 eine Jugendherberge, heute mit 424 Betten und eigenem Zeltplatz. Der südliche Teil von Block V wurde 2019 verkauft und wird seit 2023 saniert. Einen weiteren Teil hat das Land 2021 gekauft. Dort soll ein Bildungs- und Dokumentationszentrum entstehen, wann es öffnet, steht noch nicht fest.

Unterwegs durch Prora

Ich bin von Binz aus nach Norden gelaufen und habe Prora vom Südende bis zu den Ruinen durchquert, mal am Strand, mal zwischen den Blöcken. Das sind rund fünf Kilometer.

Im Süden

Am Südende führte ein Holzsteg durch die Kiefern zum Strand. Die Blöcke hier waren im Mai 2022 schon saniert, weiß gestrichen und mit neuen Fenstern. Nur an Block I wurde vor dem Krieg die Promenade auf der Seeseite überhaupt angefangen.

Auf der Landseite gehen von jedem Block die Kämme ab, dazwischen liegen große Höfe.

Block III und das Dokumentationszentrum

Weiter nördlich, kurz vor dem Festplatz, waren die Fassaden noch grau. Viele Scheiben waren zerbrochen, über einem Durchgang hing ein Schild „Zum Strand“. In diesem Block liegt auch das Dokumentationszentrum mit seiner Dauerausstellung „MACHTUrlaub“.

Die Kaimauer

Am Strand vor dem Festplatz steht eine lange Mauer aus Klinker, besprüht mit Graffiti. Sie ist ein Rest der Kaianlage, an der einmal Schiffe anlegen sollten. Die Anlage ist 550 Meter lang, aus Stahlbeton mit einer Verkleidung aus Klinker, und ragt über den Strand hinaus in die Prorer Wiek. Auf der Landseite wurde sie mit Bauschutt und Sand verfüllt. In einer KdF-Werbung von 1939 wurden Kai und Landungsbrücke noch groß herausgestellt.

Hinter der Mauer liegt der Festplatz. Gebaut wurde dort nie etwas, heute ist er mit Bäumen und Büschen zugewachsen und als Biotop geschützt. Von der Bebauung am Rand des Platzes gibt es nur Ansätze, am auffälligsten ist die Säulenhalle des Empfangsgebäudes.

Auf der Landseite von Block IV steht noch ein Denkmal für Otto Winzer, den Namensgeber der Offiziershochschule. Daneben ist der frühere Kontrolldurchlass mit Arrestzellen erhalten, vor Block III und IV stehen zwei Tribünen aus der Kasernenzeit. Alles das steht unter Denkmalschutz. Das liegt gut hundert Meter abseits der Strecke.

Block V und die Jugendherberge

Der südliche Teil von Block V war im Mai 2022 noch nicht saniert, seit 2023 wird an ihm gebaut. Dahinter liegt die Jugendherberge. In Block V waren zu DDR-Zeiten die Bausoldaten untergebracht. Ihr Speisesaal, ihr Duschsaal und ein Gemeinschaftsraum mit Wandbild stehen unter Denkmalschutz.

Neben der Jugendherberge liegt auf dem früheren Schießplatz eine Aussichtsplattform. Dort steht die Bronzeplastik „Sportler“ von Jürgen Raue. Sie war 1976 auf der VIII. Kunstausstellung der DDR zu sehen und stand danach am Südende von Prora, beim Erholungsheim der NVA. Um das Jahr 2000 wurde sie hierher versetzt.

Die Ruinen im Norden

Hinter der Jugendherberge hören die Blöcke auf. Von den beiden nördlichsten Blöcken sind nur Reste übrig, vom vorletzten ein einzelnes Stück, vom letzten etwa die Hälfte, schwer beschädigt. Zwischen den Kiefern stehen offene Betongeschosse, an manchen Stellen sind die Wände aus Ziegeln noch da.

Bis 1990 übte die NVA hier den Häuserkampf, auch Polizei, Feuerwehr und Rotes Kreuz nutzten die Ruinen für Übungen. Die Ruinen wurden 2004 verkauft und 2020 noch einmal. Bauen darf dort nach dem Bebauungsplan niemand.

Gut zu wissen

  • Anreise: mit dem RE 9 bis Prora oder Prora Ost. Von Binz aus kannst du auch am Strand entlang nach Prora laufen, so wie auf meiner Tour.
  • Das Dokumentationszentrum liegt in der Dritten Straße 4 in Block III. Von März bis Oktober ist es täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, im Februar und November bis 16 Uhr, vom 1. bis 25. Dezember ist es geschlossen. Von März bis November gibt es täglich Führungen, Einzelheiten auf der Seite des Dokumentationszentrums.
  • Teile der Kaianlage sind gesperrt.

Ort

Prora, Ortsteil von Ostseebad Binz, Rügen

Gebaut

1936 bis 1939 als Rohbau, Ausbau zur Kaserne ab 1949

Zustand

Blöcke I bis IV saniert, Block V Jugendherberge und Baustelle, im Norden Ruinen

Dokumentationszentrum

Dritte Straße 4 (Block III), März bis Oktober 10 bis 18 Uhr

Nächste Haltestelle

Prora oder Prora Ost (RE 9)

Gelaufen am

26. Mai 2022

Unterwegs war Sebastian. Mehr über mich