Unterwegs zu Fuß

Müther-Turm in Binz: Vom Rettungsturm zum Standesamt

Müther-Rettungsturm in Form einer Muschel am Strand von Binz auf Rügen

Am Strandabgang 6 in Binz steht ein weißer Turm aus zwei Betonschalen. Viele denken bei ihm an ein Ufo. Gebaut wurde er 1981/82 als Rettungsturm, seit 2006 ist er eine Außenstelle des Standesamts. Ich bin auf meiner Tour Von Binz nach Göhren und zurück auf den letzten Metern hier vorbeigekommen.

Gebaut

1981/82

Schale

3 bis 5 cm

Innenraum

25 m²

Standesamt

seit 2006

Zwei Türme aus einer Form

Der Turm hatte einen Vorgänger. 1975 baute Müthers Betrieb, der VEB Spezialbetonbau Binz, einen ersten Rettungsturm an der Stelle, wo früher die Seebrücke gestanden hatte. Den Entwurf machte Dietrich Otto, Architekt in Müthers Betrieb. Die beiden Schalen wurden über einer Form aus Sand im Spritzbetonverfahren gegossen. Von dort oben hatten die Rettungsschwimmer*innen des Roten Kreuzes den Strand im Blick.

An dieser Stelle war 1912 die Anlegestelle der alten Seebrücke zusammengebrochen, 17 Menschen ertranken. Im Winter 1942 zerstörte das Eis die Brücke.

1977 gab der Rat der Gemeinde Binz einen zweiten Turm in Auftrag. Geplant wurde ab 1979, gebaut 1981 am Strandabgang 6. Er ist etwas schlichter als sein Vorbild, mit kürzerer Mittelstütze und ohne die vorstehende Betonplatte. Der jüngere Turm heißt übrigens Rettungsturm 1, der ältere hieß Rettungsturm 2.

Für die Schalen verwendete Müther dieselbe Gussform, probierte aber ein anderes Material aus. Statt normalem Stahlbeton spritzte er Ferrozement auf wenige Lagen eines feinen Drahtgeflechts, ein Material, das sonst vor allem im Schiffbau verwendet wird. So sind die Schalen fast überall nur drei Zentimeter dick, an einigen Stellen fünf. Beim älteren Turm waren es mindestens sieben Zentimeter.

Der ältere Turm stand nur 18 Jahre. 1993 wurde er abgerissen, weil an seiner Stelle die neue Seebrücke gebaut wurde. Er hätte sich auch versetzen lassen.

Vom Rettungsturm zum Standesamt

Seit 1997 steht der Turm am Strandabgang 6 unter Denkmalschutz. Die Rettungsschwimmer*innen, inzwischen von der DLRG, zogen nach 2003 aus. Seit 2006 nutzt die Gemeinde den Turm für Trauungen.

Gebaut für den Sommer

Der Turm war als Unterstand für die Sommermonate gedacht, gedämmt war die dünne Schale nie. Innen schlug sich Feuchtigkeit nieder, es bildete sich Schimmel, und Sand und Wind setzten der Oberfläche zu. Der Turm musste fast jedes Jahr ausgebessert werden.

2016 suchte die Wüstenrot Stiftung ein besonders gefährdetes Bauwerk von Müther für ihr Denkmalprogramm. Ein Berliner Restaurierungsplaner sah sich dafür alle zwölf erhaltenen Schalenbauten auf Rügen an, die Wahl fiel auf den Rettungsturm.

2017 und 2018 wurde er instand gesetzt. Seitdem wärmt eine elektrische Flächenheizung die Schale, sobald es draußen fünf Grad oder kälter ist. So schlägt sich die Feuchtigkeit nicht mehr innen nieder. Außen bekam die Schale einen sehr dünnen Dämmputz und wurde wieder weiß gestrichen wie beim Bau. Frische Luft kommt durch einen Kanal im Boden und den Fuß des Turms nach oben.

Auch sonst sollte der Turm wieder aussehen wie zur Bauzeit. Fenster und Türen haben wieder die alte Aufteilung, der Boden ist einem PVC-Boden aus der DDR nachempfunden, und am Fuß der Treppe liegen wieder originale DDR-Platten. Im Frühjahr 2018 wurde der Turm wieder eröffnet.

Am Strandabgang 6

Die letzten Kilometer meiner Tour führen durch den Küstenwald zurück nach Binz, kurz vor dem Ziel steht der Turm in den Dünen an der Promenade. Er sitzt auf einer Mittelstütze, hinauf geht es über eine schmale Stahltreppe. Oben ist ein einziger Raum von 25 Quadratmetern, rundum verglast. Von dort reicht der Blick über die Ostsee bis zur Kreideküste.

Ulrich Müther und Binz

Ulrich Müther kam 1934 in Binz zur Welt und starb 2007 auch hier. Sich selbst nannte er Landbaumeister. Mehr als 70 Schalenbauten tragen seine Handschrift, darunter der Teepott in Warnemünde und das Ahornblatt in Berlin, das 2000 abgerissen wurde.

Seine erste Schale überhaupt baute er 1964 in Binz, über dem Saal des Ferienheims Haus der Stahlwerker. Das Haus wurde 2002 abgerissen. Erhalten ist die Müther-Schale an der Proraer Chaussee von 1967. Sie war eine Versuchsschale für eine Halle in Rostock-Lütten Klein, stand direkt vor Müthers Bürofenster und diente später lange als Bushaltestelle. Einen weiteren Bau von ihm, das Inselparadies, siehst du auf der Tour in Baabe.

Gut zu wissen

  • Von außen kannst du dir den Turm jederzeit ansehen. Hinein kommst du bei Trauungen oder während der Müther-Woche, die jedes Jahr im Herbst stattfindet. Dann ist der Turm zu festen Zeiten für kleine Gruppen offen.
  • Getraut wird im Turm von April bis Oktober, mit bis zu 15 Gästen. Haustiere sind nicht erlaubt, Termine vergibt das Standesamt Binz.
  • Mehr über Müther zeigt die Ausstellung „Müther – Grenzgänger der Ostmoderne“ im Haus des Gastes in der Heinrich-Heine-Straße 7. Der Eintritt ist frei.
  • Anreise: mit dem RE 9 bis Ostseebad Binz. Der Bahnhof liegt nicht am Wasser, bis zum Strand gehst du ein Stück.

Ort

Strandpromenade, Strandabgang 6, 18609 Ostseebad Binz, Rügen

Gebaut

1981/82, Vorgänger von 1975 (1993 abgerissen)

Entwurf

Ulrich Müther mit dem Architekten Dietrich Otto

Zustand

erhalten, Denkmal, 2017/18 saniert

Zugang

von außen jederzeit, innen bei Trauungen und in der Müther-Woche

Nächste Haltestelle

Ostseebad Binz (RE 9)

Gelaufen am

23. Mai 2022

Unterwegs war Sebastian. Mehr über mich