Berliner Ortsteile / Marzahn-Hellersdorf / Kaulsdorf
Kaulsdorf
Ortsteil im Bezirk Marzahn-Hellersdorf · Runde 18 von 74
Kaulsdorf ist ein Ortsteil im Bezirk Marzahn-Hellersdorf mit einem alten Angerdorf, Einfamilienhausgebieten und einer Plattenbausiedlung im Norden. Am 22. August 2021 bin ich hier 15,0 Kilometer gelaufen, durch das Rote Viertel, über den Dorfanger und an den Kaulsdorfer Seen vorbei.
Kurz gesagt
- Kaulsdorf wird 1347 als „Caulstorp“ zum ersten Mal erwähnt. Die Dorfkirche steht am Anger und ist im Kern mittelalterlich.
- In der Nazizeit wohnten hier der Zeichner Erich Ohser und Pfarrer Heinrich Grüber, der 1938 im Pfarrhaus das „Büro Grüber“ gründete.
- Der Norden ist eine Großsiedlung aus der DDR, im Süden stehen vor allem Ein- und Zweifamilienhäuser.
- Die Kaulsdorfer Seen sind keine natürlichen Seen, sie entstanden als Restlöcher des Kiesabbaus.
Geschichte
Urkundlich taucht Kaulsdorf 1347 als „Caulstorp“ auf, im Zusammenhang mit einer Schenkung an die Kalandsbrüder in Bernau. Das Landbuch Karls IV. führt das Dorf 1375 mit 40 Hufen. Die Kirchengemeinde vermutet, dass das Dorf in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstanden ist, wer es gründete, ist ungeklärt. Im Dreißigjährigen Krieg waren 1638 alle Höfe verwüstet, 1652 waren fast alle wieder besetzt.
Von 1782 bis 1785 gehörte das Freigut dem Berliner Chemiker Franz Carl Achard, der hier mit den Versuchen begann, Zucker aus Rüben zu gewinnen. 1869 bekam Kaulsdorf einen Haltepunkt an der Ostbahn, 1892 wurde Ackerland nördlich der Bahn parzelliert. 1920 kam das Dorf zu Berlin, in den Bezirk Lichtenberg.
Die Kaulsdorfer NSDAP-Sektion, 1926 gegründet, war laut Bezirksamt die erste in den östlichen Berliner Ortsteilen. Ab 1939 gab es ein Krankenhaus für Zwangs- und Fremdarbeiter, aus dem das heutige Krankenhaus Hellersdorf hervorging. Pfarrer Heinrich Grüber war ab 1934 in Kaulsdorf, 1943 zogen Erich Ohser und Erich Knauf in den Ort. Am 22. April 1945 erreichte die Rote Armee Kaulsdorf, am selben Tag wurde die Turmspitze der Dorfkirche abgeschossen.
Nach dem Krieg lag Kaulsdorf im Ostteil der Stadt. 1979 wurde es dem Stadtbezirk Marzahn zugeordnet, 1986 dem neuen Stadtbezirk Hellersdorf. Seit 2001 gehört es zum fusionierten Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Die Turmspitze der Dorfkirche wurde 1999 aus Spenden wieder aufgesetzt.
Was Kaulsdorf ausmacht
Der Kern ist das Angerdorf Alt-Kaulsdorf, das als Ensemble unter Denkmalschutz steht. Der Anger liegt auf einer Anhöhe, mit Kopfsteinpflaster, und die B1 ist dort kaum zu hören. Im Süden schließen sich überwiegend Ein- und Zweifamilienhäuser an, mit Kopfsteinpflasterstraßen und großen Grundstücken. Der Norden ist dagegen eine Großsiedlung in Plattenbauweise, meist mit elf oder fünf bis sechs Geschossen.
Im Westen liegen die Wuhle und das Wuhletal. Der Fluss wurde von 2006 bis 2008 oberhalb der B 1/5 renaturiert, nachdem das Klärwerk Falkenberg im Februar 2003 stillgelegt worden war. Im Süden liegen die Kaulsdorfer Seen im Landschaftsschutzgebiet.
Orte, die sich lohnen
Das Rote Viertel in Kaulsdorf-Nord
Der Norden von Kaulsdorf heißt auch Rotes Viertel. In der Lion-Feuchtwanger-Straße 52 steht ein Terrassenhaus vom Typ Rostock, gebaut um 1984. Seit der Runde ist neu gebaut worden: In der Lion-Feuchtwanger-Straße 61 wurde im Mai 2025 eine Wohnanlage mit 124 Wohnungen fertig, zwei sechsgeschossige Riegel um ein erhöhtes Gartenplateau. An der Bodo-Uhse-Straße begann im Oktober 2024 die Vermietung von 153 Wohnungen der Stadt und Land.
Zum Viertel gehört Kunst am Bau. Am Cecilienplatz verläuft ein 40 Meter langer Wasserlauf mit sechs Meter hohen Granitstelen, die „Sprühtürme“. An der Cecilienstraße steht ein neun Meter hoher Sandsteinturm mit kupfernem Hahn. Am Eingang der Grundschule an der Wuhle hängt ein Wandmosaik von 1981/82 mit der Fabel vom Fuchs und den Trauben, der Fuchs ist blau.
Dorfanger
Am Anger und in der Dorfstraße stehen viele Häuser aus dem 19. Jahrhundert. Der Dorfkrug „Zur Waage“ in Alt-Kaulsdorf 13 stammt von etwa 1835, das frühere Kino „Volkslichtspiele“ in Alt-Kaulsdorf 15 aus der Zeit um 1870. Die Büdnerhäuser in der Dorfstraße 10 und 11 sind ebenfalls von etwa 1870, das Wohnhaus Dorfstraße 5 mit Remise von etwa 1749.
Jesuskirche
Der Kernbau ist ein mittelalterlicher Feldsteinsaal mit halbrunder Apsis. Die Kirchengemeinde datiert ihn auf das 13. Jahrhundert, die Denkmalliste nennt dagegen 1350/1400. 1716 wurde die Kirche im Stil des Barock umgebaut und um etwa sieben Meter nach Osten verlängert. Den 33 Meter hohen Backsteinturm im neugotischen Stil bekam sie 1875/76, die Hochzeitspforte 1880. Nach dem Umbau wurde sie am 8. Dezember 1912 eingeweiht und Jesuskirche genannt.


Im Turm gibt es ein kleines Turmmuseum mit vier Totenkronenbrettern aus dem 18. Jahrhundert, drei sehr alten Glocken und einer Einbaumtruhe aus dem 15. Jahrhundert.
Büro Grüber im Pfarrhaus
Im Herbst 1938 gründete Pfarrer Heinrich Grüber im Auftrag der Bekennenden Kirche das „Büro Grüber“ für evangelische Christen jüdischer Herkunft. Bis Dezember 1938 war es im Kaulsdorfer Pfarrhaus an der Dorfstraße 12 untergebracht. Das Büro half über 2.000 Menschen bei der Emigration. An der Jesuskirche hängt eine Gedenktafel, angebracht 1997. 2012 wurde sie stark beschädigt, 2013 kam eine neue Tafel.
Sowjetisches Ehrenmal
Das Ehrenmal steht an der Brodauer Straße 10, Ecke Waplitzer Straße. Es wurde 1946 errichtet und nach einer Restaurierung 1975 offiziell eingeweiht.
Gutshof Alt-Kaulsdorf
Auf dem Gutshof in Alt-Kaulsdorf 1 bis 11 besaß Franz Carl Achard von 1782 bis 1785 das Freigut. Eine Gedenktafel für ihn wurde 1997 angebracht. Die Gesamtanlage stammt von etwa 1850 und wurde bis um 1900 und um 1935 umgebaut. Heute sitzt hier die Spirituosenfabrik Schilkin, bekannt für den Pfefferminzlikör „Berliner Luft“. Die Kaulsdorfer Fabrik wurde 1932 gegründet, 1958 halbstaatlich, 1972 volkseigen und 1990 an die Familie zurückgegeben.
Johannische und Neuapostolische Kirche
In der Dorfstraße 2 steht die Johannische Kirche, um 1879 gebaut und 1888 umgebaut. Zum Komplex gehören außerdem Wohnhaus, Scheune und Stall. 1990 wurde hier das Gemeindezentrum der Johannischen Kirche in der DDR genehmigt. Die Neuapostolische Kirche in Alt-Kaulsdorf 21 wurde 1888 fertig, 1960 wurde sie umgebaut.
Kaulsdorfer Seen
Die Seen sind nicht natürlich entstanden. Sie sind Restlöcher des Kiesabbaus für die S-Bahn-Strecke nach Strausberg in den 1930er Jahren. In der DDR war das Baden offiziell verboten, wurde aber geduldet. An einem Novemberwochenende in den 1980er Jahren pflanzten über 100 Freiwillige Sanddorn, Weiden, Bocksdorn und Wildrosen. Zu den Seen gehören der Butzer See, der Habermannsee mit 15,25 Hektar und der private Elsensee. Das Gebiet ist Landschafts- und Trinkwasserschutzgebiet.

Am Berliner Balkon, einem Hang zwischen Kaulsdorf und Mahlsdorf, geht es rund 15 Meter hinab vom Barnim ins Urstromtal. Er wurde nach 1989 von der Bezirksverordneten Maria Hartwig geschützt.
Gleichrichterwerk und Köpenicker Bank
Am Wilhelmsmühlenweg steht das Gleichrichterwerk, 1927 für die Deutsche Reichsbahn nach einem Entwurf von Richard Brademann gebaut. Die Köpenicker Bank an der Planitzstraße 1 entstand 1927/28 nach Plänen von Friedrich Brinkmann, als Bankhaus mit Wohnhaus.
Katholische Kirche St. Martinius
Die Kirche in der Giesestraße wurde 1929/30 nach einem Entwurf von Josef Bachem gebaut. Zur Gesamtanlage gehört ein Gemeindehaus, Umbauten gab es 1932 und 1986.

Heinrich-Grüber-Platz
Am Bahnhof Kaulsdorf steht eine Büste von Heinrich Grüber. Straße und Platz sind nach dem Pfarrer benannt, der 1970 Ehrenbürger von Berlin wurde.
Abstecher: Am Feldberg 3
Erich Ohser, der als e. o. plauen die Bildgeschichten „Vater und Sohn“ zeichnete, zog nach der Bombardierung seines Ateliers im November 1943 mit seinem Freund Erich Knauf nach Kaulsdorf. Beide wurden von einem Mitbewohner im Haus denunziert. Die Gestapo nahm sie am 27. März 1944 fest. Ohser nahm sich am 6. April 1944 das Leben, in der Nacht vor der Verhandlung vor dem Volksgerichtshof. Knauf wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet. Seit 1999 hängt Am Feldberg 3 eine Gedenktafel.
Abstecher: Lager Kaulsdorfer Straße 90
Das Lager war das größte der mindestens 30 Zwangsarbeiterlager im heutigen Bezirk und entstand auf zwangsenteignetem jüdischem Grund. Es wurde zunächst für Arbeiter der Reichsbahn gebaut, war dann Durchgangslager für Wolhyniendeutsche und ab 1940 Kriegsgefangenenlager für Franzosen. Ab 1942 waren hier „Ostarbeiter“ untergebracht, bis zu 1.400 Menschen aus Russland und der Ukraine, darunter viele Frauen und Kinder. Acht Tafeln am Wuhlewanderweg auf Höhe der Bismarcksfelder Straße erinnern seit 2013 daran.
Abstecher: Wasserwerk
Das Wasserwerk Kaulsdorf an der Mieltschiner Straße ging 1916 in Betrieb, gebaut für die Städtischen Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke Lichtenberg. 1917/18 und 1926 bis 1928 wurde es umgebaut.
Meine Runde
Meine Runde ist 15,0 Kilometer lang, ich war knapp drei Stunden unterwegs. Sie führt durch das Rote Viertel in Kaulsdorf-Nord und durch das Wuhletal zum Dorfanger, dann am Gutshof und an den Kirchen von Alt-Kaulsdorf vorbei. Danach geht es ein Stück durch Biesdorf an der Wuhle entlang, an den Kaulsdorfer Seen vorbei und über den Kressenweg am Ostrand des Ortsteils nach Mahlsdorf. Von dort führt sie über den Wilhelmsmühlenweg und die Giesestraße Richtung Bahnhof und durch einen Teil von Hellersdorf. Der S-Bahnhof Kaulsdorf liegt an der Runde.
Am Wegesrand
Ein Eichensarg an der Jesuskirche. Beim Ausschachten für die Heizung wurde 1935 ein Eichensarg entdeckt. Nach Berichten von Zeitzeug*innen lag darin eine mumifizierte Frau von etwa 40 Jahren, mit rotem Haar und im schwarzen Kleid, die nach dem Kontakt mit der Luft zerfiel. Vermutlich wurde sie vor 1866 bestattet, als der Kirchhof noch Begräbnisplatz war.
Eine Windskulptur, die abgebaut werden musste. Die Edelstahlskulptur „2,43° vorwärts geneigt“ steht an der Hellersdorfer Straße am Südeingang des Roten Viertels. Sie hatte statische Probleme und wurde 2010 wegen Wetterschäden abgebaut. Seit dem 24. Oktober 2012 steht sie wieder, mit geklebten statt geschweißten Verbindungen.
Das Wandbild aus Folie. An der Gülzower Straße 102 ist ein 15 mal 10 Meter großes Giebelbild von Gunda Förster von 1996. Es macht das Raster der Plattenbauweise WBS 70 sichtbar und reflektiert nachts die Scheinwerfer der Autos.
Kaffeemaschinen aus Kaulsdorf. Aus der Produktionsgenossenschaft „Elektromechanik Kaulsdorf“ entstand 1972 der VEB Elektromechanik, einer der wichtigsten Kaffeemaschinen-Hersteller der DDR.
Beinahe Bezirk Wuhletal. Bei der Fusion der Bezirke 2001 wollte die örtliche CDU den neuen Bezirk „Wuhletal“ nennen. Sie unterlag mit einer Stimme.
Gut zu wissen
Mit der Bahn: Der S-Bahnhof Kaulsdorf (S5) liegt im Ortsteil und an der Runde. In der Nähe liegen außerdem der Bahnhof Wuhletal (S5, U5) und der U-Bahnhof Kaulsdorf-Nord (U5).
Jesuskirche: Das Turmmuseum ist nur bei einer Führung nach Anmeldung zugänglich.
Mehr auf dieser Seite: Der Wuhletalweg folgt der Wuhle, die Kaulsdorf im Westen begrenzt. Die Runde führt auch durch Mahlsdorf, Hellersdorf und Biesdorf.
Von Kaulsdorf aus weiter
4 Ortsteile grenzen an, mit Richtung und Entfernung von Mitte zu Mitte.