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Biesdorf
Ortsteil im Bezirk Marzahn-Hellersdorf · Runde 23 von 74
Biesdorf liegt im Bezirk Marzahn-Hellersdorf, und hier drehte sich ab 1909 eine Luftschiffhalle in den Wind. Von ihr ist nichts geblieben, dafür gibt es ein Schloss mit Park, einen Dorfanger und die frühere Anstalt Wuhlgarten. Am 9. Oktober 2021 bin ich eine Runde von 11,4 Kilometern gelaufen: am Wuhletal entlang durch den Wuhlgarten, dann durch das Getreideviertel zum Schloss und zum alten Dorfkern.
Kurz gesagt
- Biesdorf wurde 1375 erstmals erwähnt, war lange ein kleines Angerdorf und gehört seit 1920 zu Berlin.
- Siemens & Schuckert baute 1909 in Biesdorf-Süd eine Luftschiffhalle, 135 Meter lang und auf einer Kreisbahn drehbar. Vor Ort erinnert nichts mehr daran.
- Das Schloss Biesdorf von 1868 brannte 1945 aus, das Obergeschoss wurde 2015 und 2016 wieder aufgebaut. Heute ist es eine Galerie im Landschaftspark.
- Die Anstalt Wuhlgarten von 1893 steht unter Denkmalschutz. 1941 wurde der größte Teil der Patient*innen im Rahmen der NS-„Euthanasie“ in Tötungsanstalten gebracht. Ein Gedenkweg führt über das Gelände.
Geschichte
Biesdorf wurde 1375 erstmals erwähnt. Der alte Kern ist ein Angerdorf, die Dorfkirche stammt aus der Zeit um 1250 bis 1300. Nach Bränden und Kriegen hatte der Ort lange weniger als 300 Einwohner*innen. Auch die Kirche brannte 1754 bis auf die Außenmauern ab, 1756 war sie wieder aufgebaut.
1868 ließ Hans Herrmann Freiherr von Rüxleben gegenüber dem Rittergut eine Turmvilla mit Landschaftspark anlegen, das spätere Schloss. 1885 machte ein Haltepunkt der Ostbahn Biesdorf für die Stadtentwicklung interessant. Werner von Siemens kaufte 1887 das Gut mit der Villa, 1889 übernahm es sein Sohn Wilhelm. Auf verkauftem Bauernland entstanden 1899 und 1900 die Kolonie Biesdorf-Süd und 1901 Biesdorf-Nord. Um 1910 lebten rund 2.250 Menschen im Ort, der den Beinamen „Werder des Ostens“ trug. 1920 kam Biesdorf zu Groß-Berlin und zum Bezirk Lichtenberg.
Siemens & Schuckert forschte damals an unstarren Luftschiffen, die Ingenieure waren Otto Krell und Karl Janisch. Die Halle in Biesdorf-Süd war 1909 fertig: 135 Meter lang, 25 Meter breit und hoch, rund 1.200 Tonnen schwer. Sie lief auf einer Kreisbahn und ließ sich motorisch in jede Windrichtung drehen. Am 23. Januar 1911 flog das Luftschiff SSL 2 zum ersten Mal. Das Militär setzte dann auf Zeppeline. Die Halle diente bis zum Ende des Ersten Weltkriegs und wurde nach dem Versailler Vertrag abgerissen. Ihr Fundament verschwand beim Bau des Rangierbahnhofs Wuhlheide.
Im November 1893 eröffnete die Anstalt für Epileptische Wuhlgarten, geplant von Hermann Blankenstein. 1927 kaufte die Stadt Berlin das Schloss mit dem Park, der danach öffentlich zugänglich war. Ab 1933 entstanden im Norden rund 100 Doppelhäuser, das Getreideviertel. 1941 wurde der größte Teil der Patient*innen des Wuhlgartens in Tötungsanstalten gebracht, nach Hadamar, Obrawalde und Brandenburg.
Im April 1945 brannte das Schloss, das Obergeschoss wurde zerstört. Von 1946 bis 1958 lag im südlichen Park ein sowjetischer Militärfriedhof, die Toten wurden dann auf den Parkfriedhof Marzahn umgebettet. Biesdorf lag in Ost-Berlin und gehörte ab 1979 zum neu gebildeten Bezirk Marzahn, seit 2001 zu Marzahn-Hellersdorf. Schloss und Park stehen seit 1979 unter Denkmalschutz, die Rekonstruktion des Parks begann 1984.
Was Biesdorf ausmacht
Der Kern Alt-Biesdorf ist als Ensemble geschützt: Dorfanger, Kirche und Kirchhof, das Schulhaus von 1842, Bauern- und Landarbeiterhäuser, das Gut mit Pferdestall und Kuhstall sowie Schloss und Park. Das Kossätenhaus Alt-Biesdorf 71a von 1750 bis 1760 ist das älteste datierte Wohnhaus auf der Denkmalliste.
Rundherum liegen verschiedene Siedlungen. Die Villenkolonie Biesdorf-Süd um den Schwabenplatz entstand um 1900. Im Norden stehen die Häuser des Getreideviertels, dazu kommen die Kolonie Daheim von 1932, die Paradiessiedlung und der Wohnpark Erntedankweg von 2002. Die Cecilienstraße wurde Anfang der 1980er Jahre als Teil der Großsiedlung Marzahn gebaut, an der Nummer 81 steht ein Denkmal für Martha Arendsee.
Das Wuhletal begrenzt den Ortsteil im Süden und Osten. Der Ortschronist Karl-Heinz Gärtner nennt den Wanderweg an der Wuhle seinen Lieblingsweg. Gebaut wird weiter: Auf dem früheren Frostkauf-Gelände zwischen B5 und Weißenhöher Straße entstehen vier Gebäude mit 88 Wohnungen.
Orte, die sich lohnen
Anstalt Wuhlgarten
Hermann Blankenstein hat die Anlage für die Stadt Berlin entworfen, sie wurde 1893 fertig. Die Bauten reihen sich an einer Hauptallee parallel zur Wuhle: Verwaltung, Ärztehäuser, Landhäuser der Männer- und Frauenkolonie, Bettenhaus, Kesselhaus, Gutshof, Kirche und Friedhof. Die Gesamtanlage steht unter Denkmalschutz. Heute gehört sie zum Unfallkrankenhaus Berlin, zu Vivantes und zu freien Trägern.
Ein Gedenkweg des Vereins Wuhlgarten führt vom Historischen Kesselhaus zum Gedenkstein am Haus 41 und zur Gedenkstätte am Wuhlehang mit dem Sammelgrab. Der Verein nennt das Kesselhaus den Ausgangspunkt der Transporte, der Stein am Haus 41 heißt „Gleis in den Tod“. Daneben gibt es einen Gedenkstein mit Tafel für die Opfer der „Euthanasie“-Aktion von 1940 und 1941 und Stelen zu „Wuhlgarten 1933 bis 1945“.
Krankenhauskirche im Wuhlgarten
Die Kirche ist eine dreischiffige Basilika aus Klinker mit 500 Plätzen. Nach 1945 nutzte die Rote Armee sie als Kinosaal, danach verfiel sie zur Ruine, und Gottesdienste fanden im Klinikkeller statt. Am 18. November 1997 wurde sie wieder eingeweiht, der Turm kam 2011, die Glocke 2018. Wandmalereien in Apsis und Schiff sind im Original erhalten.

Anstaltsfriedhof am Buckower Ring
Der Friedhof gehört zur Anstalt und ist ein Gartendenkmal. Er ist seit 1990 wiederhergestellt. Seit 2017 steht dort eine Informationsstele.
Getreideviertel
Die Straßen heißen Hafersteig, Gerstenweg und Roggensteig. Die rund 100 Doppelhäuser aus den 1930er Jahren haben jeweils etwa 75 Quadratmeter Wohnfläche und 600 Quadratmeter Garten. Sie stehen auf Land, das der Bund der Kinderreichen in den 1920er Jahren erworben hatte. Das Viertel blieb im Krieg weitgehend unzerstört.
Gedenkorte für Arno Philippsthal
Arno Philippsthal war ab 1919 Arzt in Biesdorf und behandelte Arme und Obdachlose kostenlos. Im März 1933 verschleppte ihn ein SA-Kommando in die Papestraße, dort wurde er misshandelt und starb Anfang April 1933. An der Oberfeldstraße 10, wo sein Praxis- und Wohnhaus stand, hängt seit 1952 eine Gedenktafel. Am Grabensprung 29 steht ein Gedenkstein von 1988, das Pflegewohnheim dort trägt seit 2000 seinen Namen.
Schlosspark Biesdorf
Der englische Landschaftspark ist ein Gartendenkmal, gestaltet hat ihn der Gartenarchitekt Albert Brodersen. Zum Park gehören ein Teich, ein historischer Eiskeller mit doppelläufiger Freitreppe, ein Teepavillon und ein Lesegarten auf dem früheren Tennisplatz. Im Park stehen eine Büste von Werner von Siemens und die Skulptur „Die Sinnende“ von Ingeborg Hunzinger von 1980. Ein Gedenkstein von 2021 und Reste der Friedhofsmauer erinnern an den sowjetischen Soldatenfriedhof im südlichen Park.
Schloss Biesdorf
Die Turmvilla im italienischen Stil entwarfen Heino Schmieden und Theodor Astfalck. Nach dem Brand 1945 setzte die Rote Armee ein Notdach auf, später war das Haus ein Kulturhaus. Wie das Feuer entstand, ist nicht eindeutig geklärt. Die Fassade hat wieder den altrosa Originalputz, freigelegt bei der Instandsetzung von 2002 bis 2006. Heute ist das Schloss die kommunale Galerie des Bezirks, mit wechselnden Ausstellungen zeitgenössischer Kunst und einer Dauerausstellung zur Hausgeschichte.

Anger mit Gnadenkirche
Die Dorfkirche wurde 1897 und 1898 von Ludwig von Tiedemann im neugotischen Backsteinstil umgebaut und heißt seit 1951 Gnadenkirche. Durch die Verbreiterung der B1/B5 liegt sie auf einer Art Insel zwischen den Fahrbahnen. Im Juni 2026 stand ein Gerüst am Turm, weil Schieferziegel herabfielen. Die Gemeinde hat seit September 2025 ein neues Gemeindezentrum.
Zwischen Kirche und Schulhaus steht ein Obelisk von 1922 für 86 gefallene Dorfbewohner des Ersten Weltkriegs. Am Anger liegt auch der frühere Gasthof Alt-Biesdorf 64 von etwa 1900, den das Bezirksamt als Gasthof mit Paradiesgarten führt.

Gut Biesdorf
Das Gutshaus entstand um 1880, der Pferdestall und der Speicher folgten ab 1888. Alles gehört zur denkmalgeschützten Gesamtanlage. Der Pferdestall wurde saniert und ist seit April 2025 das Stadtteilzentrum Biesdorf. Kuhstall und Speicher sollen folgen. Daneben steht ein Wohnquartier mit 518 Wohnungen, das 2021 fertig wurde.
Biesdorf-Süd
Um den Schwabenplatz stehen überwiegend Einfamilienhäuser, nur wenige echte Villen, und Alleen mit altem Baumbestand. Die Luftschiffhalle stand auf der offenen Fläche Biesenhorst in Biesdorf-Süd. In der Gleiwitzer Straße 4 wohnte ab 1934 die Familie von Rudolf Ledetsch, der nach 1933 als staatenlos galt und seine Stelle verloren hatte, in zwei ausgemusterten Eisenbahnwaggons. Er wurde im Februar 1943 bei der Fabrikaktion verhaftet, sein Schicksal ist unbekannt. Ein Stolperstein liegt seit 2014 vor dem Haus.
Otto-Nagel-Straße
Hier lebte der Maler Otto Nagel von 1951 bis 1967 in den Häusern 5 und 6. Bis 1968 hieß die Straße Königstraße. In der Nummer 38 führte die Familie Feibusch ein Eisenwarengeschäft. Im Juni 1938 wurde „JUDEN RAUS“ an die Ladenfront geschmiert, die Familie wurde in einem Fackelzug durch die Straße getrieben. Sie reiste 1939 nach England aus. Jenny Cohn, die an der Nummer 19 ein Grundstück besaß, wurde am 17. November 1941 nach Kaunas deportiert und dort am 25. November ermordet. Für beide Häuser liegen Stolpersteine.
Meine Runde
Meine Runde ist 11,4 Kilometer lang, ich war gut zwei Stunden unterwegs. Sie führt am Wuhletal und am Wuhlgarten entlang, dann über die Cecilienstraße zum Anstaltsfriedhof und durch das Getreideviertel. Danach folgen die Oberfeldstraße, Schlosspark und Anger, am Grabensprung vorbei zum Gut.
Am Wegesrand
Ein kleines Wandlitz. Im Mai 1945 requirierte die sowjetische Stadtkommandantur Häuser im Getreideviertel als Dienstwohnungen, unter anderem für Martha Arendsee, Franz Dahlem und Anton Ackermann. Die Bewohner*innen mussten Gerstenweg und Hafersteig binnen Stunden räumen. Der Schauspieler Gustav von Wangenheim schrieb seiner Frau nach Moskau, sie hätten nie so schön gewohnt. Der Heimatverein nennt seine Tour dazu „Als Biesdorf ein kleines Wandlitz war“.
Die Anstalt als kleine Stadt. Der Wuhlgarten hatte eine eigene Strom- und Wasserversorgung, einen Gutshof, eine Gärtnerei und einen Friedhof. Dazu kamen Werkstätten von Stellmachern, Korbflechtern, Sattlern und Schlossern. Therapie, Wohnen und Arbeiten fanden an einem Ort statt, der Kirchgang war Pflicht.
Funken vom Schlossturm. Wilhelm von Siemens soll vom Turm aus mit drahtloser Telegrafie experimentiert haben. Bei der Sanierung des Turms in den 1990er Jahren wurden falsche Materialien verwendet, die Säulen litten darunter.
Streit um den Adler. Auf dem Obelisk am Anger fehlt der Adler auf der Weltkugel. 2014 wollte ein Verein ihn originalgetreu zurück. Gemeindekirchenrat, Bezirksbürgermeister und Heimatverein lehnten das als militaristisch ab, das Denkmal wurde nur gereinigt und gesichert.
Derselbe Ingenieur, ein Kuhstall. Karl Janisch, der Statiker der drehbaren Luftschiffhalle, entwarf 1902 auch den Kuhstall des Guts. Bauherr war Wilhelm von Siemens.
Gut zu wissen
Mit der Bahn: S Biesdorf (S5), U Biesdorf-Süd und U Elsterwerdaer Platz (U5) liegen im Ortsteil an der Runde. S Wuhletal liegt am Rand.
Krankenhauskirche und Schloss: Die Krankenhauskirche im Wuhlgarten ist täglich geöffnet, im Januar geschlossen. Das Schloss hat dienstags zu.
Mehr auf dieser Seite: Der Wuhletalweg führt durch das Wuhletal, das Biesdorf im Süden und Osten begrenzt. Der Biesenhorster Sand liegt zum kleineren Teil in Biesdorf, der größere gehört zu Karlshorst. Im Bezirk grenzen Kaulsdorf, Marzahn und Hellersdorf an Biesdorf.
Von Biesdorf aus weiter
6 Ortsteile grenzen an, mit Richtung und Entfernung von Mitte zu Mitte.