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Friedrichshagen
Ortsteil im Bezirk Treptow-Köpenick · Runde 19 von 74
Die Bölschestraße führt vom S-Bahnhof Friedrichshagen über einen Kilometer weit bis zum Müggelseedamm am See. Sie war die Dorfstraße der Kolonie, die Friedrich II. 1753 gründen ließ. Am 4. September 2021 bin ich hier 17,8 Kilometer gelaufen: erst nach Norden ins Erpetal und ein Stück über die Landesgrenze, dann durch die Bölschestraße an den See und zum Schluss nach Hirschgarten.
Kurz gesagt
- Friedrichshagen wurde 1753 als Kolonistendorf gegründet. Die Familien sollten Baumwolle spinnen und Seidenraupen züchten.
- Um 1890 zogen Schriftsteller wie Wilhelm Bölsche und Bruno Wille hierher. Sie bildeten den Friedrichshagener Dichterkreis.
- 1893 ging am Müggelsee das Wasserwerk in Betrieb, damals das dritte städtische Wasserwerk Berlins.
- Heute wohnen in Friedrichshagen knapp 19.000 Menschen.
Geschichte
Am 29. Mai 1753 gründete Friedrich II. Friedrichshagen als Kolonistendorf. Etwa 100 Familien kamen, vor allem aus Böhmen, Sachsen, Württemberg und Hessen. Bis 1802 lebten sie davon, Rohbaumwolle zu spinnen, dann kam die Maschinenspinnerei. Entlang der Dorfstraße, der heutigen Bölschestraße, ließ der König rund 1.200 Maulbeerbäume pflanzen, an denen Seidenraupen fressen sollten. Das ging schief: Nur wenige machten mit, die Bäume verwahrlosten, und es kamen Schädlinge.
Mit der Bahn von Berlin nach Frankfurt ging es für den Ort wirtschaftlich aufwärts. Friedrichshagen wurde ein Kur- und Ausflugsort, daher haben viele Häuser aus dieser Zeit Balkone und Veranden. 1869 wurde das Berliner Bürgerbräu gegründet, 1870 begann Albert Hirte an der Spree die Villenkolonie Hirschgarten. 1893 ging am Müggelsee das dritte städtische Wasserwerk Berlins in Betrieb. 1898/99 bekam die Gemeinde unter Bürgermeister Wilhelm Klut ein Rathaus an der Bölschestraße.
Um 1890 zogen Wilhelm Bölsche und Bruno Wille aus Berlin hierher, andere Schriftsteller folgten. Gerhart Hauptmann, der in Erkner lebte, soll ihnen gesagt haben, dass arme Dichter im Umland viel billiger wohnen. Peter Hille soll bei reichen Freunden auf dem Sofa geschlafen haben. In der Lindenallee 20 lebten ab 1891 der Schwede Ola Hansson und Laura Marholm, bei ihnen trafen sich der Dichterkreis, Edvard Munch und Richard Strauss.
1920 kam Friedrichshagen zu Groß-Berlin und verlor seine Selbständigkeit. Es gehörte nun zum Bezirk Köpenick. In der Köpenicker Blutwoche verschleppte die SA am 21. Juni 1933 den Reichsbanner-Mann Richard Aßmann, seine Leiche wurde am 11. Juli im Oder-Spree-Kanal gefunden. Nach ihm heißt heute die Aßmannstraße. Seit 1991 wurden mit Mitteln aus dem Programm Städtebaulicher Denkmalschutz rund 140 Häuser saniert.
Was Friedrichshagen ausmacht
Die Bölschestraße steht als Ensemble unter Denkmalschutz, mit über hundert Hausnummern. Sie ist nach Wilhelm Bölsche benannt, früher hieß sie Friedrichstraße. Neben vielen Häusern aus der Kaiserzeit stehen an ihr auch ältere, etwa das Wohnhaus Nummer 115 aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In der Mitte liegt der Marktplatz mit der Kirche. Die zweite Siedlung im Ortsteil ist die Villenkolonie Hirschgarten an der Müggelspree.
Im Süden liegt der Müggelsee. Am Spreetunnel ist die Müggelspree über 120 Meter breit. Im Norden, hinter dem Kurpark, fließt die Erpe durch Wiesen und Wald bis zur Landesgrenze.
Orte, die sich lohnen
Kurpark
Start und Ziel meiner Runde ist der S-Bahnhof Friedrichshagen. Gleich dahinter liegt der Kurpark mit Freilichtbühne und Senkgarten, ein Gartendenkmal aus den Jahren 1880 und 1930. Am Eingang steht seit 1958 ein Gedenkstein für den Arzt Max Jacoby. Er kam 1877 nach Friedrichshagen und setzte sich für das Freibaden am Müggelsee ein. 1913 bekam er eine Büste, die die Nationalsozialisten 1935 zerstörten.
Hinter dem Kurpark entstand um 1930 ein Naturtheater mit rund 1.500 Plätzen. 1948 wurde es zum Tennisstadion umgebaut, 1998 wurde das Naturtheater wiederbelebt.
Erpetal
Vom Kurpark führt die Runde nach Norden ins Erpetal und ein Stück darüber hinaus nach Brandenburg. Das Erpetal reicht vom Fürstenwalder Damm bis an die Landesgrenze. Es ist eines der wenigen Fließtäler in Berlin, die noch erhalten sind, und seit 1995 Landschaftsschutzgebiet, rund 45 Hektar groß. Seit Juni 2015 weiden auf den nassen Wiesen nördlich der Straße Hinter dem Kurpark Wasserbüffel und kleine Rinder. Sie gehören einem Landwirt. Der Oberlauf der Erpe in Brandenburg heißt Neuenhagener Mühlenfließ, kurz vor der Spree bei Hirschgarten teilt sie sich in eine neue und eine alte Erpe.

Bölschestraße
Nach gut zehn Kilometern ist die Runde zurück am S-Bahnhof. Hier beginnt die Bölschestraße. Das Union Filmtheater in der Nummer 69 wurde 1872/73 als Bürgerhaus mit Ballsaal gebaut, seit 1914 ist es ein Kino. 1995 kaufte es der Entertainer Wolfgang Lippert von der Treuhand. 1998 war erst einmal Schluss, nach einer Bürgerinitiative laufen seit Dezember 2003 wieder Filme. Daneben steht das Postamt von 1928/29.
In der Bölschestraße liegen mehrere Stolpersteine. Einer erinnert vor der Nummer 105 an Felix Danziger, geboren 1880 in Berlin. Er wurde am 9. Dezember 1942 nach Auschwitz deportiert.
Am Müggelseedamm
Über die Bruno-Wille-Straße bin ich zum Müggelseedamm gelaufen. Das Haus Müggelseedamm 226 entwarf der Zimmermeister August Röhr 1895/96 für sich selbst. Ein Stück weiter liegt das Seebad Friedrichshagen. Hier wurde 1892 im Gartenrestaurant Wilhelmsbad der Schwimmverein „Wildenten“ gegründet, 1929 ging das Bad an die Stadt Berlin.
Weiter östlich, abseits der Runde, liegt am Müggelseedamm 307 das alte Wasserwerk. Henry Gill und Richard Schultze haben es 1889 bis 1893 gebaut, aus Backstein und in gotischen Formen. Laut Museum im Wasserwerk war es damals das größte und modernste Wasserwerk Europas. In der alten Maschinenhalle stehen noch drei Dampfmaschinen von 1893.
Müggelpark und Spreetunnel
Am Müggelseedamm entlang geht es weiter zum Müggelpark, wo der Spreetunnel beginnt. Ab 1895 fuhr hier eine Kettenfähre über die Spree. Zu Spitzenzeiten brachte sie bis zu 40.000 Menschen am Tag ans andere Ufer. Eine Fußgängerbrücke lehnte das Wasserstraßenbauamt ab, also wurde ein Tunnel gebaut. Die Bürgerbräu-Brauerei gab 100.000 Reichsmark dazu, weil ihr drüben das Ausflugslokal „Müggelschlößchen“ gehörte. Die beiden Tunnelhälften, jede 52,9 Meter lang, wurden an Land gebaut und dann mit Druckluft nacheinander abgesenkt. Am 25. Mai 1927 wurde der Tunnel eröffnet. Am anderen Ende beginnt Köpenick.

Im Müggelpark am Tunneleingang stehen zwei Skulpturen aus der DDR, die „Geschwister“ von Theo Balden aus dem Jahr 1974 und „Vater und Kind“ von Ingeborg Hunzinger, die in Rahnsdorf lebte und arbeitete.
Josef-Nawrocki-Straße
Vom Tunnel geht es in die Josef-Nawrocki-Straße. Sie heißt seit 1958 nach Josef Nawrocki. Der Former wurde 1919 in den Gemeinderat von Friedrichshagen gewählt, ab 1920 war er in der KPD. Er starb in der NS-Zeit im Zuchthaus Sonnenburg. In der Nummer 11 steht das Depot der Dampfstraßenbahn von 1891. Die Villa in der Nummer 10 heißt Klut-Villa. Gebaut wurde sie in den 1870er Jahren für den Kaufmann Carl Jonas.

Das Haus Nummer 12 war das Klubhaus des jüdischen Ruderclubs „Jüdische Wassersportgesellschaft 1898“. Ab 1935 wohnte hier der Klubwart Kurt Rosenthal mit seiner Frau Blanka und den Töchtern Eva und Ursel. 1940 musste die Familie in ein „Judenhaus“ in Pankow ziehen. Kurt Rosenthal starb am 14. Dezember 1941 an den Folgen von Misshandlungen durch die Gestapo. Blanka und Ursel wurden am 26. Oktober 1942 nach Riga deportiert und dort ermordet. Eva wurde am 6. März 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Die vier Stolpersteine liegen seit dem 28. August 2021, eine Woche vor meiner Runde.
Bürgerbräu und Gründungsstein
An der Ecke zum Müggelseedamm steht das Berliner Bürgerbräu, eine Brauerei aus der Zeit um 1900. Ihre Geschichte reicht bis 1753 zurück, als der Lehnschulze Pfeiffer das Schankrecht bekam. In der DDR war sie ein Volkseigener Betrieb, 2010 wurde die Produktion eingestellt. Im September 2021 stand sie leer. Inzwischen sollen in den alten Gebäuden Wohnungen und Gewerbe entstehen.
Neben der Brauerei, an der Pfeiffergasse, liegt ein Findling mit einer Bronzetafel: „Zur Erinnerung an die Gründung von Friedrichshagen 1753“. Die Brauerei steht auf dem früheren Lehnschulzengut, dem Stammgrundstück des Dorfes.
Marktplatz und Christophoruskirche
Von der Brauerei führt die Bölschestraße zurück nach Norden zum Marktplatz. Dort steht die Christophoruskirche, die Jürgen Kröger 1901 bis 1903 gebaut hat. Auf dem Platz steht seit 2003, zum 250. Jubiläum, wieder ein Standbild Friedrichs II. Das alte war in der Gießerei Gladenbeck gegossen worden, die seit 1887 in Friedrichshagen arbeitete. Es wurde 1945 entfernt und ist seitdem verschwunden.

Der Reiherbrunnen mit einer Reihergruppe von Hans Detlev Hennig aus dem Jahr 1971 steht seit 1997 trocken. Im September 2021 wurde der Umbau des Platzes noch geplant. Seit 2023 ist er neu gestaltet, mit sechs Maulbeerbäumen, die keine Früchte tragen, und weißen Seidenkokons aus Beton, aus denen an warmen Tagen Sprühnebel kommt.
Aßmannstraße und Friedhof
Vom Marktplatz geht es in die Aßmannstraße. In der Nummer 11 steht das frühere Realgymnasium, gebaut 1904 bis 1905 für die Gemeinde.

Gegenüber liegt der Friedhof der evangelischen Gemeinde, angelegt 1831/32. Hier ist Johannes Bobrowski begraben, der Autor von „Levins Mühle“, in einem Ehrengrab. Bobrowski arbeitete als Verlagslektor und wohnte in Friedrichshagen, an seinem früheren Wohnhaus hängt eine Gedenktafel. Ein Buch über ihn von 1978 heißt „Ahornallee 26 oder Epitaph für Johannes Bobrowski“. Auf dem Friedhof erinnern Tafeln auch an den Flugpionier Robert Thelen, der in Johannisthal Melli Beese das Fliegen beibrachte und später bei den Albatros-Werken Jagdflugzeuge entwickelte, und an die Gießerfamilie Gladenbeck.
Hirschgarten
Zum Schluss führt die Runde nach Westen bis an den Rand von Hirschgarten. Ein Stück abseits, zwischen dem S-Bahnhof Hirschgarten und der Spree, liegt die Villenkolonie Hirschgarten. Am 19. Juni 1870 fuhr Albert Hirte mit einem Freund im Fischerboot von Köpenick zum „Hirschacker“, um das Land zu vermessen und aufzuteilen. So begann die Kolonie. Ihre Mitte ist der sternförmige Hirteplatz mit einem Obelisk von 1895. Seine Spitze ging im Krieg verloren und wurde 2001 mit Spenden nach alten Aufnahmen nachgebildet.

1889 stieß eine Bohrfirma am Platz in 318 Metern Tiefe auf Sole. Am 23. Juli 1890 eröffnete das Solbad Hirschgarten. Um 1910 sprudelte die Quelle schon viel schwächer, und die Einnahmen gingen zurück. Das Badehaus ist heute ein Wohnhaus. Von Hirschgarten geht es zurück zum S-Bahnhof Friedrichshagen.
Meine Runde
Meine Runde ist 17,8 Kilometer lang, ich war gut drei Stunden unterwegs. Start und Ziel ist der S-Bahnhof Friedrichshagen, auch der S-Bahnhof Hirschgarten liegt an der Runde. Ein Teil führt durch Brandenburg, auf Wegen durch Wiesen und Wald.
Am Wegesrand
Streit ums Wegerecht. Bruno Wille und Wilhelm Bölsche waren rund 30 Jahre eng befreundet und gingen oft zusammen in der Umgebung spazieren. Am Ende haben sie sich über ein Wegerecht zerstritten.
Sechs Wochen Strindberg. Am 30. September 1892 kam August Strindberg nach Friedrichshagen und wohnte bei den Hanssons in der Lindenallee 20. Nach rund sechs Wochen zerstritt er sich mit seinen Gastgebern und zog nach Berlin.
Die Leber als Zentralorgan. 1962 gründete Johannes Bobrowski einen „Neuen Friedrichshagener Dichterkreis“. In Paragraf 8 seiner Statuten steht: „Zentralorgan des Friedrichshagener Dichterkreises ist die Leber.“
Wasser abgedreht. Friedrichshagen lieferte schon seit 1893 Wasser nach Berlin. Nach dem Mauerbau kappten die Wasserwerker die Leitungen an der Grenze, und im Norden Berlins und in Neukölln gab es Probleme mit der Versorgung.
Maut nach Zugtieren. Wer ab 1882 auf der Chaussee durch Hirschgarten fuhr, musste am Chausseehaus bezahlen, je nach Zahl der Zugtiere, Fahrgäste und Fracht. Auch Tiere, die nicht angespannt waren, kosteten. 1908 war damit Schluss. Das Haus steht noch, am Fürstenwalder Damm 259.
Gut zu wissen
Mit der Bahn: Die S-Bahnhöfe Friedrichshagen und Hirschgarten (S3) liegen an der Runde.
Museum im Wasserwerk: Müggelseedamm 307, nur mit Führung nach Anmeldung.
Mehr auf dieser Seite: Durch den Spreetunnel kommst du nach Köpenick und in die Müggelberge. Weiter östlich am Müggelsee liegt Rahnsdorf mit dem Strandbad Müggelsee.
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