Unterwegs zu Fuß

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MüggelheimKöpenickFriedrichshagen

Rahns­dorf

Ortsteil im Bezirk Treptow-Köpenick · Runde 14 von 74

Rahnsdorf besteht aus einem alten Fischerdorf an der Müggelspree und mehreren Siedlungen, die ab den 1890er Jahren an der Bahn und am Wasser entstanden: Wilhelmshagen, Hessenwinkel und später Neu-Venedig. Der Ortsteil liegt am Müggelsee und an der Grenze zu Brandenburg. Am 7. August 2021 bin ich hier 20,6 Kilometer gelaufen, durch Wald und Villenkolonien, an den Kanälen von Neu-Venedig entlang, ins Dorf und am See zurück.

Länge der Runde20,6 km
Gehzeit3:59 h
Gelaufen am7. August 2021
Einwohner*innen11.237
Fläche21,44 km²
BahnhöfeS Rahnsdorf, S Wilhelmshagen

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Kurz gesagt

  • Rahnsdorf wird 1375 als „Radenstorff“ zum ersten Mal erwähnt. Die Bewohner*innen lebten vom Fischfang.
  • Nach den Bränden von 1860 und 1872 wurde das Dorf auf den alten Fundamenten neu aufgebaut. So sieht es bis heute aus.
  • Am 6. April 1945 stürmten rund 200 Menschen zwei Bäckereien. Zwei Menschen wurden dafür hingerichtet.
  • Heute wohnen in Rahnsdorf rund 11.200 Menschen.

Geschichte

Im Landbuch Karls IV. von 1375 heißt der Ort „Radenstorff“, seit 1805 Rahnsdorf. Schon damals zahlte das Dorf laut Theodor Fontane eine Abgabe an das Schloss Köpenick, für das Recht, auf dem See zu fischen. Um dieses Recht gab es Streit: 1487 trat ein Fischereiaufseher in Köpenick dem „zu weit gehenden“ Anspruch der Rahnsdorfer entgegen. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts lebten die Leute vom Fischfang und von ein wenig Vieh.

1860 und 1872 zerstörten zwei Brände die Kirche und fast das ganze Dorf. Die Häuser wurden gleich danach auf den alten Fundamenten wieder aufgebaut. 1890 kaufte die Stadt Köpenick das Rittergut Rahnsdorf, das Gut Hessenwinkel und die nassen Spreewiesen. An der Bahn entstanden in den 1890er Jahren zwei Villenkolonien, Neu-Rahnsdorf, das seit 1902 Wilhelmshagen heißt, und Hessenwinkel, das ein Luftkurort wurde. 1920 kam Rahnsdorf mit beiden Kolonien zu Berlin, in den Bezirk Köpenick.

Im Zweiten Weltkrieg gab es in Wilhelmshagen ein Durchgangslager. Hier wurden Zwangsarbeiter*innen registriert, die neu ankamen, und auf Betriebe verteilt. Im Dezember 1942 fotografierte Gerhard Gronefeld dort sowjetische Frauen, die als „Ostarbeiterinnen“ nach Deutschland gebracht worden waren.

Am 6. April 1945 stürmten in Rahnsdorf etwa 200 Frauen und Männer zwei Bäckereien. Der Ortsgruppenleiter der NSDAP hatte Sondermarken für Brot nur an Mitglieder von NS-Organisationen ausgegeben. Zwei Anwohnerinnen zeigten Beteiligte an, 15 Menschen wurden verhaftet. Auf Befehl von Goebbels verurteilte ein Standgericht am nächsten Tag den Tischler Max Hilliges, Margarete Elchlepp und Gertrud Kleindienst zum Tode. Kleindienst, Mutter dreier kleiner Kinder, wurde zu acht Jahren Zuchthaus begnadigt. Hilliges und Elchlepp wurden in der Nacht zum 8. April in Plötzensee hingerichtet. Goebbels ließ die Hinrichtungen in Rahnsdorf auf Plakaten bekannt machen. Am 21. April erreichten sowjetische Truppen den Ort. Vor dem Haus Fürstenwalder Allee 27 steht seit 2022 wieder eine Gedenktafel.

In der DDR wurden in einer Kaserne in Hessenwinkel Grenzsoldaten ausgebildet. Nach 1990 wohnten dort zeitweise Asylsuchende, seit 2000 stehen die Gebäude leer. Seit 2001 gehört Rahnsdorf zum Bezirk Treptow-Köpenick.

Was Rahnsdorf ausmacht

Alt-Rahnsdorf ist ein Rundplatzdorf mit einer einzigen Zufahrt. Die Höfe liegen rund um den Anger, die Häuser sind meist eingeschossig. Kirche, Schule und Häuser stehen als Ensemble unter Denkmalschutz. Fontane nannte Rahnsdorf und Friedrichshagen die beiden einzigen Dörfer rund um den Müggelsee, schränkte aber ein: Sie lägen „am Ufer der Spree, nicht am Ufer der Müggel“.

Der größte Teil des Ortsteils sind Siedlungen im Wald. Nördlich der Fürstenwalder Allee stehen vor allem Ein- und Mehrfamilienhäuser, dazu Kleingärten und Wochenendhäuser. In Wilhelmshagen und Hessenwinkel gibt es noch viele Villen aus der Kaiserzeit. Im Norden liegt der Wilhelmshagen-Woltersdorfer Dünenzug, ein geschütztes Stück Landschaft.

Die Bildhauerin Ingeborg Hunzinger lebte und arbeitete ab 1952 in Rahnsdorf. Am S-Bahnhof Rahnsdorf liegt die Ingeborg-Hunzinger-Straße, und von ihr stammt eine der Skulpturen am Dorfanger. Ihre Gruppe „Vater und Kind“ steht am Spreetunnel in Friedrichshagen.

Orte, die sich lohnen

Woltersdorfer Straßenbahn

Start und Ziel meiner Runde ist der S-Bahnhof Rahnsdorf. Gleich dort fährt die Straßenbahn nach Woltersdorf ab. Die Strecke ist 5,6 Kilometer lang und führt zum Teil auf eigenem Gleis durch den Wald bis zur Woltersdorfer Schleuse. Eröffnet wurde sie am 17. Mai 1913. Die Bahnen haben keine Wendeschleifen und deshalb vorn und hinten einen Fahrerstand. Auf dem 66-Seen-Weg kannst du an der Woltersdorfer Schleuse in diese Straßenbahn steigen und nach Rahnsdorf abkürzen. Meine Runde begleitet ihre Gleise ein Stück nach Norden in den Wald.

Neu-Venedig

Nach einer großen Schleife durch den Wald und ein Stück durch Erkner in Brandenburg kommt die Runde über Hessenwinkel nach gut elf Kilometern nach Neu-Venedig. Ab 1926 wurden in den sumpfigen Spreewiesen Kanäle gegraben. Daraus wurde Neu-Venedig, mit fünf Kanälen, 13 Brücken und rund fünf Kilometern künstlicher Wasserwege. 1928 wurde das Gelände in 374 Grundstücke am Wasser aufgeteilt, heute sind es etwa 450. Am Rand stehen kleine Villen, im Inneren Sommerhäuser. Im Volksmund hieß die Siedlung zuerst „Neu-Kamerun“, den Vergleich mit Venedig gab es erst später. Ab 1961 pachteten ausgewählte DDR-Bürger*innen die Grundstücke von Eigentümer*innen in West-Berlin. Viele Funktionär*innen hatten hier ein Wochenendhaus.

Am Lagunenweg, an der Fürstenwalder Allee, steht seit 2003 ein 3,14 Meter hoher Kopf aus Beton mit einem großen Herz aus Stahl, an dem Ohren wie Flügel sitzen. Er heißt „Kopf mit Herz“ und ist von Jan Skuin und Rüdiger Roehl.

Wilhelmshagen und Taborkirche

Von den Kanälen geht es nach Norden in die Villenkolonie Wilhelmshagen. Sie hat einen eigenen S-Bahnhof. Waldemar Suadicani und Karl Cornelius haben ihn 1899 bis 1902 gebaut. In derselben Straße, der Schönblicker Straße, steht die Taborkirche von 1910/11. Entworfen haben sie der Maler Albert Klingner und die Architekten Jürgensen und Bachmann. Die Grünfläche um die Kirche ist ein Gartendenkmal.

Ehrenmal am Schonungsberg

Gut einen Kilometer weiter, am Kolpiner Weg, baute der Militärverein Rahnsdorf 1927 bis 1929 ein Denkmal für die Gefallenen, eine kleine Burg aus Kalkstein mit einer Rolandfigur. Eingeweiht wurde es am 7. Oktober 1928. Nach 1939 kam eine Bronzetafel mit Adler und den Namen der Gefallenen dazu, sie ist verloren. 1955 bis 1959 wurde aus dem Kriegerdenkmal ein Ehrenmal für die Opfer von Faschismus und Krieg. Seitdem stehen dort Verse von Max Zimmering: „Ihr Menschen, ihr habt selbst die Wahl, ihr selbst wählt Tod und Leben.“

Friedhof Rahnsdorf

Ein Stück weiter liegt an der Fürstenwalder Allee der Friedhof. Nach dem Brand von 1872 war auf dem alten Kirchhof kein Platz mehr. Rahnsdorfer Fischer schenkten der Gemeinde Land an der Fürstenwalder Allee. Dafür sollten sie und ihre Familien kostenlos begraben werden, solange Platz ist. Im Dezember 1877 war die erste Beerdigung. Nahe der Kapelle liegt ein Gemeinschaftsgrab: 1916 erfasste ein Zug 19 schlesische Frauen, die als Zwangsarbeiterinnen an den Gleisen arbeiteten.

Die Friedhofskapelle wurde 1911/12 gebaut. Eine Bürgerinitiative hat sie über Jahre mit Spenden wiederhergestellt, bis hin zum alten Harmonium.

Alt-Rahnsdorf

Vom Friedhof geht es hinunter ins alte Dorf. Über die Dorfstraße kommst du auf den Anger. Vor dem vierten Haus steht die alte Dorf-Ulme, eine Flatterulme, die Ende des 15. Jahrhunderts gepflanzt wurde. Sie hat beide Dorfbrände und das Ulmensterben überstanden. Der Stamm ist hohl und hat einen Umfang von 5,20 Metern, seit 2013 hält ihn ein Korsett aus Metall. Aus Stecklingen werden junge Ulmen gezogen.

Auf dem höchsten Punkt des Angers steht die Dorfkirche aus gelbem Backstein. Friedrich Adler hat sie 1886/87 gebaut. Die Fachwerkkirche davor war beim Brand verloren gegangen, und es dauerte rund 13 Jahre, bis Geld für den Neubau da war. Gleich daneben steht die Dorfschule, gebaut direkt nach dem Brand von 1872.

Die Wasserretter

Hinter der Kirche stehen drei Gedenksteine im Viertelkreis. Sie erinnern an die Rahnsdorfer Fischer, die Menschen aus dem Müggelsee gerettet haben. In der Mitte steht die Stele für den Fischermeister August Herrmann, 1842 bis 1915. Er soll rund 150 Menschen vor dem Ertrinken gerettet haben, die Geretteten nahm er mit zu sich nach Hause. 1894 bekam er die Rettungsmedaille, 1930 stiftete ihm die Stadt Berlin die Stele.

Rechts daneben steht die „Böse Wolke“ von Ingeborg Hunzinger aus dem Jahr 1999. Das Relief stellt Ertrinkende und ihre Retter dar. Die Idee hatte Hunzinger schon Mitte der 1980er Jahre, als sie den alten Grabstein des Fischers Karl Lupe sah. Auf der Bronzetafel darunter steht: „Die Arbeitsgemeinschaft Wasserrettungsdienst Berlin erinnert in Dankbarkeit an die Fischer von Rahnsdorf.“

Mit Andreas Thamm fährt noch ein Berufsfischer von hier auf den Müggelsee hinaus. Von der Kruggasse am Anger setzt im Sommer ein Ruderboot über die Müggelspree zu den Wiesen in Müggelheim. Das Bezirksamt nennt sie „Berlins kleinste Fähre“, sie fährt zum normalen BVG-Tarif.

Strandbad Müggelsee

Vom Dorf führt die Runde am Müggelsee entlang zurück. Auf diesem Rückweg komme ich am Strandbad Müggelsee vorbei. Stadtbaurat Martin Wagner hat es 1929/30 entworfen, eröffnet wurde es 1930 als „Riviera des Berliner Ostens“. Am Fürstenwalder Damm liegt das flache Eingangsgebäude, dahinter umfassen zwei Flügel mit Arkaden einen ovalen Platz, und eine Treppe führt hinunter zum Strand. Wagner wollte, dass Arbeiter*innen am Wasser ein wenig Urlaub haben. Zur Anlage gehört die Bronzefigur „Maja“ von Fritz Klimsch.

Ab 1936 drangen Feuchtigkeit und Salz in die Mauern. Das Bad verfiel über Jahrzehnte und blieb trotzdem immer geöffnet. 1976 wurden die Arkaden verglast, 2006 wollten die Bäderbetriebe schließen, und der Bezirk übernahm. Am 21. Juli 2021, gut zwei Wochen vor meiner Runde, war der feierliche Baustart für die Sanierung. Unter dem Putz fanden Restaurator*innen Reste der alten gelben Farbe. Inzwischen hat das Bad wieder seine Farben nach historischem Vorbild.

Meine Runde

Meine Runde ist 20,6 Kilometer lang, ich war knapp vier Stunden unterwegs. Start und Ziel ist der S-Bahnhof Rahnsdorf, auch der S-Bahnhof Wilhelmshagen liegt an der Runde. Im Osten führt sie ein Stück durch Brandenburg.

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Am Wegesrand

Gegen den Wind gerudert. Fontane erzählt von einem blonden Jungen namens Alexander Anderssen, der Ende der 1850er Jahre mit seiner Familie die Sommer in Rahnsdorf verbrachte. Er schwamm über den See und ruderte bei Sturm gegen den Wind. Als die Familie es verbieten wollte, meinte ein Hausfreund, das Schicksal finde uns „zu bestimmter Zeit und an bestimmter Stelle“. Anderssen ertrank nicht. Im Krieg von 1870 wurde er in Zivil in Thionville festgenommen und am 29. Oktober 1870 als Spion erschossen. Eine Augenbinde lehnte er ab.

Müggelhexen. Fontane erzählt auch die Sagen vom See: Abends komme eine Prinzessin mit vier goldfarbenen Pferden von den Müggelbergen herunter, und ein Heuwagen, gezogen von vier weißen Mäusen, solle ihr den Weg versperren. Beides ist ihm nicht begegnet. Bei ihm steht aber auch der Satz: „Die Müggel ist bös.“

Der schönste Ort auf der Welt. Peter Meyer von den Puhdys zog 1978 nach Rahnsdorf, als die Band längst in den Westen reisen durfte. Wenn ihn jemand fragte, warum er nicht drüben bleibe, sagte er, weil es in Rahnsdorf so schön ist. Sein Boot hat keinen Rückwärtsgang.

Ein Stück Ostalgie für die Bundesgelder. Oberhalb des Strandbads stand ein Betonwürfel aus der DDR, früher Gaststätte und Diskothek. 2017 ließ der Bezirk ihn abreißen, das war die Bedingung für das Geld vom Bund. Viele Rahnsdorfer*innen ärgerten sich darüber.

Gut zu wissen

Mit der Bahn: Die S-Bahnhöfe Rahnsdorf und Wilhelmshagen (S3) liegen an der Runde. Am S-Bahnhof Rahnsdorf fährt die Straßenbahn 87 nach Woltersdorf ab.

Mehr auf dieser Seite: Mit der Ruderfähre kommst du über die Müggelspree nach Müggelheim. Am Nordwestufer des Müggelsees liegt Friedrichshagen.

Von Rahnsdorf aus weiter

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